Die gemachten „Nigger“

1945 1960 1980 2000 2020

Der Rassismus in den USA wird seit Generationen von der Mehrheit der Bevölkerung toleriert. Donald Trumps Reaktion auf den Fall George Floyd ist nur ein Ausdruck dessen.

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Der Rassismus in den USA wird seit Generationen von der Mehrheit der Bevölkerung toleriert. Donald Trumps Reaktion auf den Fall George Floyd ist nur ein Ausdruck dessen.

Ein einziges Mal in den vergangenen 20 Jahren musste ein US-Präsident in einen Bunker in Sicherheit gebracht werden: George W. Bush 2001, nach den Anschlägen vom 11. September. Die Gegner waren global operierende Terroristen der al-Kaida. Vor einer Woche landete nun wieder ein Präsident in einem Bunker, auch er aus Gründen der Gefahr für sein Leben. Nur sind Donald Trumps Feinde ganz anderer Natur, sie sind keine verirrten Selbstmordkommandos, sondern aufständische Bürger.

Ein einziges Mal in den vergangenen 20 Jahren musste ein US-Präsident in einen Bunker in Sicherheit gebracht werden: George W. Bush 2001, nach den Anschlägen vom 11. September. Die Gegner waren global operierende Terroristen der al-Kaida. Vor einer Woche landete nun wieder ein Präsident in einem Bunker, auch er aus Gründen der Gefahr für sein Leben. Nur sind Donald Trumps Feinde ganz anderer Natur, sie sind keine verirrten Selbstmordkommandos, sondern aufständische Bürger.

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Sie wollen nicht den Fall einer Weltmacht, sondern schlicht ein Ende des Rassismus, der die Schwarzen in Amerika zu prädestinierten Opfern polizeilicher Gewalt macht. Einige der Demonstranten, da hat der Präsident schon recht, wollen ein Ende der strukturellen Gewalt mit den Mitteln der Gewalt. Aber Trump macht es diesen Gruppen leicht, mit seinen verhetzenden Tweets und seinen Drohgebärden. Und das war erwartbar. Dieser Präsident ist kein Staatsmann. Er ist ein Aufwiegler, der all das noch viel schlimmer macht, was schon schlimm war und ist. Das war schon bei Corona so („böse WHO, Chinesen“ etc.), und nun ist es nach der Ermordung von George Floyd ebenso. Trump ist ein Katalysator für die Eskalation.

Lincoln meinte: ,Könnte ich die Union retten, ohne Sklaven zu retten, würde ich es tun.‘ Das sagt viel – bis heute.

Oliver Tanzer

Trotz all dieser vollkommen berechtigten Vorwürfe gegen das Weiße Haus und seinen Chef muss gesagt werden: Donald Trump hat diese Probleme nicht gemacht, er hat sie übernommen: die Gewalt und den strukturellen Rassismus gegen Schwarze allen vor an. Daran lässt schon allein die äußerst lange Liste ähnlicher Vorfälle in den vergangenen 50 Jahren keinen Zweifel. Und auch nicht die Benachteiligung Schwarzer: Sie verdienen weniger für gleiche Arbeit, bilden überproportionell die Schicht der Armen und der Gefängnisinsassen. Sie sind „Nigger“, weil man sie dazu macht.

Gut und Böse

Diese Geschichten führen über Trump hinaus. Sie führen uns zu einer Nation, die sich in ihrem Pathos von Gerechtigkeit und Freiheit eingelullt hat. Die Gary Coopers gegen die High-Noon-Verbrecher der Prärie, die schlimmen Al Capones gegen durch und durch gute Untouchables. Jedenfalls gibt es aber gute Gewalt, die letztlich gegen die böse Gewalt obsiegt, und so das Mittel zur Lösung aller Probleme ist. Und nun hat dieses Land einen Präsidenten, der diesen Zirkus der Mythen nicht nur vorspielt, sondern ihn tatsächlich umsetzen will: Du böse, ich gut, ich gewinne – Art of the Deal. Die Realität besteht jedoch im politischen Rahmen zu guter Letzt aus Grauzonen. Nichts könnte das treffender ausdrücken als ein Zitat des größten Sklavenbefreiers der US-Geschichte, Abraham Lincoln. Der sagte zu Beginn des Bürgerkrieges, an den dieser Tage so oft erinnert wird: „Könnte ich die Union retten, ohne auch nur einen Sklaven zu befreien, würde ich es tun.“

Darin ist nicht der Unwillen Lincolns zu erkennen, Gleichstellung herzustellen, vielmehr zeigt es eine Rangordnung: Zwar gibt es moralische Gründe, das schwarze Amerika von seinen weißen Fesseln zu befreien, aber dieses ethische Ziel ist ein nachgeordnetes Ziel gegenüber anderen politischen Vorstellungen, die zu Wohlstand und Reichtum beitragen. So ist jeder Präsident, der versuchte, die Gleichstellung herzustellen, sei es Roosevelt, Kennedy, Clinton oder Obama, von diesem Ziel abgekommen. Nicht weil sie es nicht wollten. Sondern weil es nicht das vorrangige Ziel einer Nation war, in der die Schwarzen „nur“ zwölf Prozent der Bevölkerung ausmachen. Und aufgrund dieses mangelnden allgemeinen Willens muss die Bürgerrechtsbewegung – so gut man sie finden mag – als gescheitert betrachtet werden. Und dass sie gescheitert ist, liegt nicht an Donald Trump. Es liegt an der Mehrheit der Amerikaner. Diese Mehrheit selbst ist seit Generationen Amerikas größter Feind der Freiheit aller. Es ist ihre historische Schande – und George Floyds Schicksal.

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