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Krieg gegen den Krieg

Wir erleben derzeit historische Tage, die auf Jahre und Jahrzehnte hinaus Weichen stellen könnten.

Wir erleben derzeit Weltgeschichte. Die modernen Medien machen es möglich, dass wir heutzutage das Gefühl haben, ganz dicht am Puls der politischen Entwicklung zu sein. Ob mit dem 11. September 2001 einmal ein sehr langes Kapitel in den Geschichtsbüchern verbunden sein wird, ist zur Stunde noch unklar, doch zumindest im Gedächtnis der Amerikaner wird dieses Datum sicher Wurzeln schlagen.

Wir erleben eine neue grausige Dimension - "Qualität" wäre dafür ein viel zu positiver Begriff - des Terrors. Die Selbstmordpiloten, die entführte Passagierflugzeuge in die beiden Türme des World Trade Centers in New York und in das Pentagon in Washington steuerten, waren - so steht zu befürchten - nur eine Vorhut. Die Sorge, Terroristen könnten demnächst auch mit biologischen, chemischen oder atomaren Waffen vorgehen, ist leider nicht unbegründet.

Wir erleben nebeneinander Verblendung und Heldentum. Da werfen junge, gut ausgebildete Menschen ihr Leben weg, um damit möglichst viele andere in den Tod zu reißen, und wähnen sich damit auf dem schnellsten Weg ins Paradies. T. S. Eliot stellt in seinem "Mord im Dom" Thomas Becket vier Versucher gegenüber und brandmarkt jenen als den Schlimmsten von allen, der den späteren Heiligen mit der Märtyrerkrone locken will. Nach heutigem christlichen Verständnis darf man sich zum Martyrium nicht drängen. Wahre Helden sind jene, die ihr Leben nicht zur Vernichtung, sondern zur Rettung anderer einsetzen: Einige Passagiere der vierten, abgestürzten, Maschine dürften das getan haben, jene, die in den einstürzenden Bauten und Schuttbergen von New York nach Opfern such(t)en, gehören dazu.

Wir erleben heute Terrorakte, zu denen sich keine Organisation mehr offen bekennt. Es werden auch keine konkreten Forderungen seitens der Urheber erhoben, und das spricht Bände. Sie wissen um die Ungeheuerlichkeit ihres Handelns, das durch absolut nichts zu rechtfertigen ist. Alle Indizien deuten auf arabische Täter und auf ein Terrornetz mit islamistischen Hintermännern hin. Aber auch wenn sich der Hauptverdächtige, Osama bin Laden, auf den Islam beruft, ist das kein Kampf Islam gegen Christentum. Solche Taten stehen in eklatantem Widerspruch zum Wesen beider Religionen. Es handelt sich auch nicht um einen Kampf Ausgebeutete gegen Ausbeuter, wobei es gut ist, wenn nun vermehrt Armut und Flüchtlingselend in der Welt thematisiert werden, zumal sie einen Nährboden der Gewaltbereitschaft bilden.

Wir erleben vielmehr einen Kampf von Fanatikern gegen die USA als Symbol der modernen Welt. Letztere mag einem in vielen ihrer Erscheinungsformen nicht gefallen, doch das gibt niemandem das Recht zu solchem Terror. Dass die nach letztem Stand rund 7.000 Terroropfer aus etwa 60 Nationen stammen, zeigt den Wahnwitz des Vorgehens.

Wir erleben wieder einmal, wie Menschen von Jugend an mit Hass und Neid erfüllt werden, bis sie wie die Kamikazepiloten vom 11. September agieren. Die Drahtzieher - Fanatiker oder Machtmenschen, oft beides - arbeiten nach dem gleichen Rezept wie Adolf Hitler: Man nehme soziale Verlierer, stelle ihnen einen Sündenbock vor Augen, der an ihrem Los schuld sei, und verspreche ihnen das Heil, welches sie durch bestimmte Aktionen, die natürlich im Interesse des Anstifters liegen, erlangen können. Die Juden waren schon für Hitlers Anhänger das willkommene Feindbild, für die Armen in den arabischen Ländern sind es neben Israel noch dessen westlichen Freunde, insbesondere die USA.

Wir erleben, dass die Supermacht USA verwundbar ist. Das häufig zu Recht kritisierte Vorgehen der USA in manchen Regionen, ist eine Erklärung für die Unbeliebtheit der Amerikaner, aber keine Rechtfertigung für den Terror vom 11. September. Natürlich begingen die USA den Fehler, sich zwar als Hort von Freiheit und Demokratie zu gerieren, aber oft zum eigenen Vorteil mit feudalen, korrupten Regimen zu arrangieren.

Wir erleben die Angst vor einem Krieg. Die Sorge, die Amerikaner könnten einen die Spirale der Gewalt überdrehenden Vergeltungsschlag setzen, ist groß. "Wir führen Krieg gegen den Krieg", so lautete vor wenigen Jahren ein Werbeslogan der furche. Beide Bedeutungen des Wortes Krieg waren darin - wie auch im arabischen "djihad" oder im englischen "war" - enthalten: die große, einem Kampf gleichende Anstrengung für eine Sache, aber auch die große bewaffnete Auseinandersetzung, die es zu vermeiden gilt.

Wir erleben einen eher vorsichtigen, doch schon in Kriegsrhetorik verfallenden US-Präsidenten George W. Bush. Wenn er erklärt, man könne nur auf Seite der Terroristen oder der USA sein, kann man dem erst zustimmen, sobald man die Vorgangsweise der USA kennt. In der Anstrengung gegen den Terrorismus muss die zivilisierte Welt an der Seite der Amerikaner stehen: Aufspüren und Bestrafen der Terroristen (natürlich ohne zum Polizeistaat zu werden), Fördern von Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie in den Krisengebieten dieser Erde. Die übrige Welt muss aber keineswegs mit in einen Krieg ziehen, der vielleicht ein Vielfaches der Opfer vom 11. September fordert.

Wir erleben ein Aufflammen der Diskussion über Österreichs Neutralität, die seltsam anmutet. Solange es um die Verfolgung von Verbrechern und um Terrorbekämpfung geht, kann Österreich mittun. Wenn ein Krieg zwischen souveränen Staaten ausbricht, bedarf es eines UN-Mandates wie seinerzeit im Golfkrieg. Andererseits hat Neutralität auch ihren Preis. Wenn die Grünen strikt gegen Nato-Überflüge sind, müssten sie auch vehement für Abfangjäger eintreten, der drohende Zeigefinger des Alexander Van der Bellen wird nicht reichen.

Wir erleben gegenwärtig spannende Tage - und überleben hoffentlich noch viele weniger spannende Jahre.

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