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Scheinheilige und Tyrannen

Über das Eintreten für den Frieden, die Kritik an den Vereinigten Staaten und den Mangel an europäischem Geist.

Authentisches, vielleicht prophetisches, jedenfalls passioniertes Eintreten und Auftreten für Frieden und gegen Gewalt ist bewundernswert. Mahatma Gandhi, Franz Jägerstätter, Maximilian Kolbe sind - beispielhaft - Namen von Persönlichkeiten, die nicht nur durch ihr Verhalten viel bewirken konnten, sondern auch Vorbildfunktion haben.

Aber - und gerade Vergleiche mit solchen Persönlichkeiten machen da sicher: Es bedarf keines Mutes, auch keiner redlichen Auseinandersetzung mit der Sache, keiner überlegten Konzepte, schon gar keiner Seelenqual und keiner Liebe, um vom geschützten Mitteleuropa aus mit großer Geste den Angriff auf den Irak zu verurteilen und für einen - nicht näher definierten - "Frieden" einzutreten.

Ursprung und Triebfeder jeder physischen Gewalt ist jene, die sich in Worten ausdrückt. Beim Einsatz verbaler Gewalt aber waren viele vermeintlich gewaltlose Friedensdemonstranten zuletzt nicht zimperlich: "Präsident Bush und seine Schergen" wurden da etwa bei einer Kundgebung Mitte März in der Wiener Innenstadt von einem aus Funk und Fernsehen bekannten Redner auf der Bühne gebrandmarkt - während das Urteil über das verbrecherische Hussein-Regime vergleichsweise mild ausfiel ("unhaltbarer Zustand"). Leicht geht im Zorn jede Verhältnismäßigkeit verloren - oder bleibt um des billigen Effekts willen unberücksichtigt.

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich gibt es unter den Demonstranten friedensbewegt Inspirierte. Angeführt werden sie im Geiste vom Heiligen Vater, dessen Friedensappelle von genauer Kenntnis der realen Umstände geprägt und daher authentisch waren und sind; schließlich hat Papst Johannes Paul II. unter Gefährdung seines eigenen Lebens an der Befreiung der Völker im Osten Europas ausschlaggebend mitgewirkt. So sehr jedoch die Motive dieser Friedensbewegten hehr sind, ihre Überzeugungen bewundernswert, ihre Anliegen richtig, so sind jene Selbstgerechten und Scheinheiligen zu kritisieren, die das Eintreten für den Frieden anderer instrumentalisieren: Der Schauspieler steigert seinen Marktwert, die politische Partei maßt sich einen moralischen Anspruch an, für den sie gar nichts tut - und den sie selbst hintanstellt, wenn es opportun scheint.

Diese Tatsachen dürfen freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass George W. Bush von der amerikanischen Intelligenz nicht zu unrecht teils belächelt, teils gemieden wird. Er und seine Administration sind ängstlich, unsicher, wählen - prinzipiell! - statt der Freiheit die Ordnung, statt des Risikos die Sicherheit. Eine solche politische Haltung führt nicht zu Dialog und einer Bereitschaft zum Miteinander, sondern - gepaart mit dem amerikanischen Paradigma, dass die eigenen Normen und Werte in allen anderen Gesellschaften zu implementieren seien - geradewegs zur Anwendung militärischer Gewalt. Dagegen ist und bleibt der Weg des Dialogs mit den islamischen Gesellschaften die einzige Perspektive für dauerhaften Frieden! Der Irak war im übrigen keineswegs ein pseudoreligiös-fundamentalistischer Staat, sondern eine säkulare und technologisch hoch entwickelte Militärdiktatur. Es waren nicht so genannte "Islamisten", die die Bevölkerung im Irak unterdrückten, es waren ganz gewöhnliche Verbrecher in Militäruniformen.

Indes, bevor wir Europäer auf den Splitter im Auge der Amerikaner hinweisen, sollten wir uns mit dem - zuletzt wieder schmerzlich bewusst gewordenen - Balken im eigenen Auge befassen! Europa könnte als starker Wirtschafts- und selbstbewusster Kulturraum mehr als bisher und auch mehr als die USA leisten. Allerdings nur dann, wenn Europa sich dazu durchringt, mit einer Stimme zu sprechen. Das betrifft Bereiche, die bisher Angelegenheiten der Nationalstaaten - überdies mit allerlei Irrationalitäten befrachtet - waren. Es ginge beispielsweise um die Schaffung einer Verteidigungsunion, die diesen Namen verdient, also aufgrund ihres Status und ihrer Infrastruktur ernst genommen wird.

"Amerikaner diskutieren forsch und offen über potenzielle Konfliktszenarien und die Streitkräfte, die zu deren Bewältigung eingesetzt werden sollen. Die Europäer empfinden das als undiplomatisch. In Europa haben wir gute Erfahrungen mit auf langfristigen Wandel ausgerichteter Politik, die an Ausgleich orientiert ist" (Bernhard Moser, Politische Akademie): Aus diesem wesentlichen Unterschied erwächst eine spezifische Rolle, die Europa in der Welt spielen muss, weil ausschließlich Europa sie spielen kann.

Die Tendenz der europäischen Innenpolitik (sic!) weist leider in eine andere Richtung: Großbritannien hat sich, beinahe wie ein Unmündiger, an die Vereinigten Staaten geklammert und das window of opportunity zum Ausstieg aus dem Kriegskurs des "großen Bruders" verpasst. Die Niederlande haben beim Krieg zwar mitgemacht, möchten aber nicht darüber sprechen. Polen hat geglaubt, sich in der "westlichen" Europäischen Union einen guten Namen zu machen, hat dabei aber übers Ziel hinaus geschossen und sich an der Seite der USA wieder gefunden - jetzt gibt's Rüffel von den so genannten "Großen": Deutschland und Frankreich werden von Leuten geführt, die den schrankenlosen Opportunismus zum Leitmotiv erkoren haben! In Spanien wurde ein Keil zwischen Bevölkerung und Regierung getrieben, wie ihn derzeit kein anderes demokratisch regiertes Land kennt.

Wir brauchen europäisch gesinnte Persönlichkeiten an den Staatsspitzen und europäischen Geist! Stattdessen greift Trivialisierung um sich: Diese führt auch dazu, dass die Bürger dazu tendieren, die Politiker machen zu lassen, was sie wollen, weil - wie es scheint - richtig von falsch ohnehin nicht mehr zu unterscheiden ist.

Wenn Europa die Stärke haben soll, in Zukunft eine konstruktive, Brücken bauende, Frieden stiftende Rolle zu spielen, muss es sich um die Heilung seiner "spirituellen Magersucht" (Dorothee Sölle, evangelische Theologin) kümmern. Ein solcher Heilungsprozess wird die derzeitigen Partikularinteressen in den Hintergrund treten lassen und für mehr Gemeinsamkeit in Europa Platz machen. Ein Nebeneinander gibt es nicht - und ein Gegeneinander wird nur verhindert durch ein immer wieder neu gelebtes Miteinander.

Der Dichter, Priester und katholische Studentenseelsorger Martin Gutl (gest. 1994) spricht in einem Gedicht von einer Zeit, zu der "die Scheinheiligen nach Werken der Liebe gefragt werden" und "die Tyrannen große Augen machen". Fragen wir die Scheinheiligen und öffnen wir den Tyrannen die Augen!

Der Autor, Jahrgang 1979, Student in Wien, Mitbegründer der Initiative Christdemokratie (ICD) im Rahmen der ÖVP, ist Mitarbeiter der Industriellenvereinigung in den Bereichen Kommunikation und Gesellschaftspolitik.

Ein ähnlicher, ausführlicherer Beitrag des Autors, der sich ebenfalls mit dem Verhältnis Europa-USA befasst, ist in dem Mitte Mai erscheinenden Band Stromaufwärts Christdemokratie in der Postmoderne des 21. Jahrhunderts, herausgegeben von Thomas Köhler, Christian Mertens und Michael Spindelegger (Böhlau Verlag), enthalten.

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