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Sozial-Bilanz der Kirche nicht unansehnlich

1945 1960 1980 2000 2020

„Das soziale Engagement der Kirche - gestern, heute, morgen" lautete das Motto des diesjährigen „Forum Ostarrichi", der Bildungswoche des Katholischen Laienrates Österreichs, die vom 21. bis 26. August in Neuhofen/ Ybbs in Niederösterreich abgehalten wurde. Insgesamt rund 150 Teilnehmer debattierten anhand von Vorträgen, in Gruppen- und Podiumsdiskussionen ein Thema, das uferlos ist wie die Nöte der Menschen selbst.

1945 1960 1980 2000 2020

„Das soziale Engagement der Kirche - gestern, heute, morgen" lautete das Motto des diesjährigen „Forum Ostarrichi", der Bildungswoche des Katholischen Laienrates Österreichs, die vom 21. bis 26. August in Neuhofen/ Ybbs in Niederösterreich abgehalten wurde. Insgesamt rund 150 Teilnehmer debattierten anhand von Vorträgen, in Gruppen- und Podiumsdiskussionen ein Thema, das uferlos ist wie die Nöte der Menschen selbst.

Die Christen und die Kirche müssen sich jener annehmen, die in irgendeiner Form in Not sind, zu Neudeutsch: „sich sozial engagieren". Diese Forderung ist, bei Gott, nichts Neues. Die Bibel strotzt vor solchen Appellen, im Religionsunterricht ist es hunderte Male zu hören gewesen, seit hundert Jahren legen auch die Päpste in eigenen Sozialrundschreiben die Prinzipien des gesellschaftlichen Einsatzes der Christen dar. Und im vergangenen Jahr haben die österreichischen Bischöfe den Gläubigen des Landes deutlich zu machen versucht, wo sie sozial gefordert sind.

Die Sozial-Bilanz der katholischen Kirche in Österreich ist auch nicht unansehnlich, angefangen von den klassischen sozialen Einrichtungen wie die Caritas, Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten über Projekte für Jugendliche, Arbeitslose, Randgruppen bis hin zur Entwicklungshilfe, von der die Kirche im Bereich der privaten Organisationen immerhin 80 Prozent leistet.

Dennoch gibt es gerade unter Engagierten offensichtlich eine Unruhe: hinsichtlich Art und Umfang der geleisteten Arbeit, hinsichtlich ihres Stellenwertes im gesamten Leben der Kirche, angesichts der „neuen sozialen Fragen", die hereinbrechen. Es sei hier nur das Stichwort Flüchtlinge genannt.

Was ist „soziale Not"? Der Wiener Theologe und Sozialwissenschaftler Andreas Heller stellte die Frage mit den Worten jenes Fallenstellers in der Bibel, der Jesus fragte: „Wer ist mein Nächster?". Das Evangelium läßt -wie Heller betont - Jesus nicht mit der Auflistung jener Personengruppen reagieren, die „der Nächste" sein könnten. Stattdessen schildert dieser die heute allseits bekannte Parabel vom barmherzigen Samariter.

Für Heller lassen sich aus der Erzählung wichtige Aspekte für das soziale Handeln der Kirche ableiten. Beispielsweise: Der einzelne Christ muß sich selbst der Mühe unterziehen, eine Antwort zu finden, wer seiner Unterstützung bedarf. Die „soziale Frage" kann kein anderer für ihn erledigen, sie obliegt ihm als nicht geringe Verantwortung.

Die Realität der gegenwärtigen Gesellschaftsentwicklung kümmert sich aber, wenn es nach den Feststellungen Hellers geht, wenig um die schönen Worte der Theologie. Die moderne plurale Gesellschaft ermögliche dem Individuum, sich aus den traditionellen sozialen Bereichen wie Familie, Clan und auch Kirche zu lösen und auch als einzelner ein relativ gesichertes Leben zu führen - als „Single".

Eintreten für die Opfer

Mehr denn je seien die Individuen herausgefordert, ihr eigenes Leben zu entwerfen und zu verwirklichen. Verbunden mit dem breiten Netz an sozialen Institutionen „kommen wir immer weniger in Kontakt mit jenen Menschen, die unter die Räder kommen", beklagte der Theologe. Dieser „Entsolidarisierung" entgegenzuwirken sei eine der wesentlichen Aufgaben der Zukunft für die Kirche. Das Eintreten für die Opfer stelle den Maßstab des Christlichen dar.

Helmut Krätzl

Das Volk hat über „die grauen Herren" gesiegt

Die Ereignisse der vergangenen Woche in Moskau haben, ähnlich wie 1989, fast alle Erwartungen übertroffen. Boris Jelzin, von vielen als Populist abgetan, hat seine Leitungsqualitäten bewiesen. Gorbatschow, heute im Kreuzfeuer der Kritik und von Jelzin abhängig, hat dies alles aber erst ermöglicht. Ohne ihn keine Perestrojka, ohne ihn keine freien Wahlen, die Jelzin an die Spitze Rußlands brachten.

Und da war das Volk, noch nicht die Mehrheit, aber eine stark motivierte, tapfere Schar, die schließlich den Putsch zum Scheitern brachte. Nach 70 Jahren haben sie erfahren, was Freiheit ist, nach bedrückender Diktatur die Anfänge einer Demokratie erlebt, nach Unterjochung langsam Selbstbewußtsein gewonnen. Ein 46-jähriger sagte „Für mich gibt es nur Demokratie oder Tod. Wir haben vor nichts mehr Angst!"

So eingestellt stoppten sie die Panzer mit ihren Leibern und mit Blumen und haben hartge-

sottene Politiker und Militärs aus dem Konzept gebracht. Eine Kommentatorin: „Die grauen Herren mit ihrer alten Mentalität haben offenbar unterschätzt, wie fest sich Gorbatschows Perestrojka in Köpfen und Herzen der Menschen eingenistet hat. Die Duldermentalität haben sie nun abgelegt." Gesiegt hat eigentlich das Volk.

Pessimisten meinen, die Menschheit lerne nie dazu. Moralisten beklagen nur den ständigen Verfall der Sitten. Ich bin fest überzeugt, daß vieles in der Menschheit sich zum Besseren entwickelt. Jahrhunderte hat man Leibeigenschaft und Ausbeutung für selbstverständlich erachtet.

Die Fähigkeit zu entscheiden, hat man nur wenigen zugestanden, vor Demokratie aber gewarnt. Der Ruf nach Freiheit wurde als beginnende Anarchie gedeutet. Sicherheit erwartete man nur von Waffen und hat Feinde sogar „in Gottes Namen" umgebracht.

Heute mehrt sich die Schar

derer, die das alles keineswegs für selbstverständlich erachten. Die unerbittlich aufdecken, wo Menschenrechte mißachtet werden. Die für weitgehende Mitbestimmung und Mitverantwortung eintreten. Die für echte Gleichberechtigung der Frau kämpfen. Die Zwiste gewaltlos lösen wollen. Die keine Angst vor Mächtigen zeigen, sondern sich ihnen mit der Schärfe ihres Geistes und dem Zeugnis ihres Lebens entgegenstellen. „Die grauen Herren mit ihrer alten Mentalität" da und dort werden von solchen noch manchen Schock erleiden!

Ich bin stolz, daß vieles von dem, was ständig menschenwürdiger wird, auch aus christlichen Wurzeln kommt. Noch überzeugender wäre es, wenn Christen bei solchen Entwicklungen mutig vorangingen, und nicht erst spät, oft allzu spät, betulich ihren Segen dazu gäben.

Es braucht Männer wie Gorbatschow und Jelzin. Etwas erreichen können sie aber nur, wenn sie das Volk auch akzeptiert.

Mit dem Präsidenten der Caritas, Kanonikus Helmut Schüller, teilt Heller die Kritik, daß in der Kirche der soziale Einsatz an Bedeutung nicht der Liturgie und der Verkündigung gleichgestellt wird. Soziale Arbeit gelte häufig noch immer als das Hobby einiger Engagierter. Für nicht weniger Diskussionen sorgten jene zwei Referenten, die die sozialen Aufgaben der Kirche in der Wirtschaftsund Arbeitswelt beleuchteten. Aus der Sicht des Managers schilderte der Präsident der Österreichischen Logistikgesellschaft, Friedrich Macher, den „Arbeitsplatz der Zukunft als Ort persönlicher Entfaltung".

Auf diesem Arbeitsplatz wird eines dominieren: der Computer und die mit ihm verbundenen umfassenden Kommunikationsgeräte. Information wird der Stoff sein, aus dem die Wirtschaft ist, und in naher Zukunft werden 60 Prozent der Beschäftigten mit Datenverarbeitung befaßt sein, umriß Macher die „Mega-Trends".

Die neue Informations- und Kom-munikatjpnsgesellschaft werde noch komplexer als die gegenwärtige Industriegesellschaft sein, in manchem aber auch verletzlicher und unsicherer. Dies erfordert nach Ansicht des Wirtschafters neue Formen des Managements und der betrieblichen Organisation, die auf den klassischen Prinzipien der katholischen Soziallehre - Personalität, Subsidiarität, Solidarität - beruhen. Nur: Die Kirche versäume es, bei diesem „Paradigmenwechsel" eine Vorreiterrolle zu übernehmen.

Der Erste Stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Privatangestellten, Walter Zwiauer, konnte sich den rosigen kommunikativen Aussichten seines Vorredners aus der Wirtschaft nicht unbedingt anschließen. Er versuchte den Forums-Teilnehmern vor Augen zu führen, welche Formen der umfassenden Kontrolle des einzelnen Beschäftigten möglich sein werden, wenn jederzeit in Sekundenschnelle eine ganze Reihe von Daten über ihn und seine Arbeitsgewohnheiten abgerufen werden können.

Reale soziale Bedrohung

Verknüpft mit verschiedensten Daten aus der öffentlichen Verwaltung, den Sozialinstitutionen und so weiter könne eine reale soziale Bedrohung für einen Menschen erwachsen, warnte der Zentralbetriebsratsobmann einer großen Versicherung.

Daß Zwiauer deutlich weniger Zeit für seinen Vortrag eingeräumt wurde als seinem Vorredner aus der Wirtschaft, goutierten nicht alle Forums-Teilnehmer.

Für die Gäste aus Osteuropa, die bei der Bildungswoche nicht nur zahlreich, sondern auch sehr aktiv vertreten waren, klang diese Suche nach den sozialen Verwerfungen der kommenden Ersten Welt, die noch dazu mit Fremdwörtern und Fachbegriffen gespickt war, reichlich fremd, wie sie gestanden. Die Nöte ihrer Mitbürger zu Hause sind die „klassischen", sprich: Sie kämpfen um ihr materielles Überleben.

Auch für sie könnte der Appell gelten, den der österreichische Außenminister Alois Mock am letzten Veranstaltungstag an die Katholiken seines Landes richtete. Sie sollten die politischen Parteien mehr dazu drängen, die zahlreichen Grundsätze der katholischen Soziallehre - in Österreich durch den allseits begrüßten Sozialhirtenbrief der Bischöfe konkretisiert - viel stärker als bisher in die politische Realität umzusetzen.

Bis zum 1.000-Jahr-Jubiläum Österreichs 1996 wird der Katholische Laienrat im Rahmen des jährlichen „Forum Ostarrichi" noch dem Verhältnis der Kirche zu anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens nachgehen: zu Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, Bildung.

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