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Ratlosigkeit aber auch Hoffnung

1945 1960 1980 2000 2020

Die Sozialenzyklika „Centesimus annus" sagt es mit Eindringlichkeit: Es muß alles getan werden, daß die katholische Soziallehre „in jenen Ländern bekannt gemacht und in die Tat umgesetzt werde, wo sich nach dem Zusammenbruch desVealen Sozialismus eine ernste Desorientierung beim Werk des Neuaufbaues zeigt".

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Die Sozialenzyklika „Centesimus annus" sagt es mit Eindringlichkeit: Es muß alles getan werden, daß die katholische Soziallehre „in jenen Ländern bekannt gemacht und in die Tat umgesetzt werde, wo sich nach dem Zusammenbruch desVealen Sozialismus eine ernste Desorientierung beim Werk des Neuaufbaues zeigt".

Daß Österreich in dieser Begegnung eine entscheidende Rolle zukommt, zeigte zuletzt ein Treffen in Wien vom 23. bis 25. September mit 40 Vertretern aus Mittel- und Osteuropa, veranstaltet von der Europäischen Föderation für Erwachsenenbildung, der Katholischen Sozialakademie Österreichs und der Sozialschule Frankfurt, Wiesbaden-Naurod.

Es war gut, daß es gleich am Beginn der Gespräche zu der Konfrontation von Theorie und Wirklichkeit kam. Die katholische Soziallehre baut auf vier Säulen auf: auf einem Menschen, der um Rechte und Pflichten weiß; auf ein Zusammenleben, das Solidarität empfängt, aber auch gibt; auf einem Gesellschaftsbild, das Eigenverantwortung der Gruppen fordert, aber auch praktiziert; auf einem Staat, der von allen Opfern verlangt, aber auch von allen kontrolliert wird.

Ein Teilnehmer formulierte die Wirklichkeit in einer Reihe von Ost-ländem so: Die vier Säulen der katholischen Soziallehre sind bei uns angebrochen und tragen nicht mehr. Das Menschenbild ist verstümmelt, die Solidarität mißbraucht, die Subsidiarität zerstört und das Wort Gemeinwohl verdächtig. Natürlich ist die Lage in den einzelnen Ostländem verschieden, aber es gibt viel Gemeinsames.

Der verstümmelte Mensch

Das Beispiel, das ein Teilnehmer aus dem Osten anführte, sagt mehr als große Theorien: Beim Dreschen des Kornes zog früher das Pferd den Goppel den ganzen Tag im Kreis. Als man es dann auf die freie Weide schickte, fraß es weiterhin im Kreis. Mit dem Zusammenbruch des realen Sozialismus entstand noch lange nicht der neue Mensch. Der Kollektivismus demontierte Eigenverantwortung, Kreativität, persönliche Leistung. Ein Zitat: „Wir haben so getan, als ob wir arbeiten würden und die oben haben so getan, als ob sie uns dafür bezahlten."

Die mißbrauchte Solidarität

Wenn heute in einer Reihe von Oststaaten von einer neuen Solidarität im Wiederaufbau gesprochen wird, reagieren die Menschen mit Skepsis und Abwehr. Im realen Sozialismus wurden „große Worte" zu Phrasen und zu Mitteln der Ausbeutung: Würde der Arbeit, Gerechtigkeit, Gemeinwohl, Demokratie, Solidarität. Diese Begriffe verloren ihren Inhalt und wurden zu Masken, hinter denen sich eine brutale Wirklichkeit verbarg. Es kam zu einer Erschöpfung der Sprache und zur Deformierung ethischer Begriffe. Wie werden sie vieder glaubwürdig?

Wenn die katholische Soziallehre und insbesondere „Centesimus annus" vom „Subjektcharakter der Gesellschaft" und Subsidiarität spricht, dann sind das für die meisten Ostländer noch geradezu Fremdwörter. Wirtschaftliche Unternehmen, Gewerkschaften, politische und kulturelle Vereinigungen, waren Kreaturen des Kollektivstaates und Ausführungsorgane zentraler Bürokratien. „Die jahrelang aufgezwungene Passivität ist gleichsam zur zweiten Natur dieser Gesellschaft geworden", formulierte es ein Teilnehmer.

Die geschrumpfte Gesellschaft

Natürlich sind Ansätze einer selbstverantwortlichen Gesellschaft da, sowohl von innen als auch durch Hilfe von außen. Aber die ersten Erfahrungen sind keineswegs immer positiv. Die alten Eliten haben zwar die politische Macht verloren, aber keineswegs die wirtschaftliche. Sie sind oft die einzigen, die über das nötige Organisationswissen verfügen und haben sich rechtzeitig an Schlüsselstellungen angesiedelt. Sie kennen die Lücken im Gesetz und nützen sie zu ihrem Vorteil aus.

Die vom Ausland importierte Marktwirtschaft ist alles eher als „sozial eingebunden". Es kommt sowohl durch die notwendigen Strukturveränderungen als auch durch das asoziale Verhalten der neuen Manager zu Mißtrauen gegenüber der freien Gesellschaft und zu gelegentlichem Liebäugeln mit der Vergangenheit.

Die Entfremdung

„Gemeinwohl" ist einer jener Begriffe, die be'i vielen heute noch Ärger und Ressentiments hervorrufen. Der reale Sozialismus hat mit pompösen Phrasen eine politische Fassade aufgebaut, hinter der Mißbrauch der Macht und Korruption stand. Die Verlogenheit zwischen dem, was gesagt, und dem, was getan wurde, hat bei den breiten Massen das Vertrauen in die politische Autorität zerstört. Den Bürgern blieb als Abwehr und Überlebenschance nichts anderes übrig, als im kleinen Bereich dasselbe zu tun: „Die Korruption wurde zur zweiten Natur", formulierte es ein Teilnehmer. Auf jeder politischen Tätigkeit lag ein Odium, das bei nicht wenigen bis heute anhält und sie von einem politischen Engagement abhält.

Die überforderte Kirche

Sehr zwiespältig zeigt sich die Situation der Kirche. Die Seelsorgsnot ist in einer Reihe von Ostländern derart, daß die Bischöfe ihre ganzen Kräfte und Aufmerksamkeit dem Aufbau der Pfarrgemeinden, dem Religionsunterricht und der innerkirchlichen Organisation widmen müssen. Durch Jahrzehnte wurden sowohl Priester wie Laien in den innerkirchlichen Raum verwiesen. Daß Kirche etwas mit Fragen der Arbeit, der Wirtschaft, der Gesellschaftsordnung und Politik zu tun hat, durfte nie ausgesprochen werden und ist aus dem Bewußtsein auch praktizierender

Christen weithin verschwunden. Ein breiter Bewußtseinswandel steht noch aus.

In einigen Ländern zeigt sich ein anderer Trend: Man gibt durchaus zu, daß Kirche und Religion im Widerstand gegen den realen Sozialismus Verdienste hatten und zum Sammelpunkt des Widerstandes wurden. Mit der wiedererlangten Freiheit aber haben sie ihre Aufgabe erfüllt und darum sollten sie sich auf den ihnen zukommenden Bereich zurückziehen: auf die rein Innerkirchliche Tätigkeit.

Die postmarxistische Gesellschaft und der postmarxistische Staat sind ähnlich wie in den westlichen Ländern nach den Grundsätzen einer liberalen, humanitären Demokratie aufzubauen und müssen jeder kirchlichen Bevormundung Widerstand leisten. Gegen Versuche kirchlicher Gesellschaftspolitik reagiert man scharf und Anzeichen eines Antiklerikalismus mehren sich.

Optimistischer Realismus

Es herrschte keine Hurrastimmung unter den Teilnehmern. Aber alles eher als Pessimismus. Auch in Ländern, wo die Kirche eine Minorität darstellt, sah man Chancen und Aufgaben. Sie wurden sehr konkret formuliert: Die katholische Soziallehre ist in Mittel- und Osteuropa weithin unbekannt. Sie muß in den bescheidenen Presseorganen bekanntgemacht werden; sie muß zum Thema von Predigten und Religionsunterricht werden; Vortragsreihen wurden beschlossen und Referenten benannt.

In einer Reihe von Ländern werden in den kommenden Jahren neue Verfassungen ausgearbeitet und Gesetzestexte verabschiedet. Es müssen katholische Laien ausgebildet und Laienbewegungen aufgebaut werden, die die Grundsätze und Anliegen der katholischen Soziallehre in die Diskussion einbringen und wirksam vertreten.

Und immer wieder wurde eines gesagt: große Worte haben durch den realen Sozialismus ihre ,Gläubwür-digkeit verloren. Die soziale Praxis wird in einem mühsamen aber notwendigen Prozeß dazu beitragen müssen, daß die Säulen der katholischen Soziallehre wieder zum Tragen kommen - das neue Menschenbild, die Solidarität, die Subsidiarität und die Erfahrung von Gemeinwohl. Die Kirche wird das nicht allein schaffen können. Aber sie wird dazu ihren Beitrag leisten, darüber waren sich alle einig.

Durch die Wüste

Eine Teilnehmerin aus Rumänien formulierte am Schluß der Tagung die Lage und Aufgabe mit einem Text aus der Bibel: Nachdem der Herr sein Volk aus der Knechtschaft Ägyptens befreit und die Wunder des Auszuges gewirkt hatte, schickte es sein Volk für weitere 40 Jahre in die Wüste in der Suche nach dem gelobten Land. Wir wollen den Bauplan des gelobten Landes nicht von den westlichen Ländern kopieren. Es wird von uns abhängen, ob wir es finden und wie wir es gestalten.

Der Autor ist emeritierter Professor für Sozialethik. Er hat an der päpstlichen Universität Gregoriana gelehrt.

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