Sozialer Fortschritt - © Foto: picturedesk.com / SZ Photo

130 Jahre "Rerum novarum": Glauben wir an den sozialen Fortschritt?

1945 1960 1980 2000 2020

Am 15. Mai 1891 wurde die Sozialenzyklika „Rerum novarum“ (von „neuen Sachen“) veröffentlicht. Erstmals nahm damit ein Papst die Soziale Frage in den Blick, die katholische Soziallehre wurde begründet. Welche Antworten sie auf die heutige Krise bietet – und was 2021 „Armut“ heißt. Ein Gastkommentar.

1945 1960 1980 2000 2020

Am 15. Mai 1891 wurde die Sozialenzyklika „Rerum novarum“ (von „neuen Sachen“) veröffentlicht. Erstmals nahm damit ein Papst die Soziale Frage in den Blick, die katholische Soziallehre wurde begründet. Welche Antworten sie auf die heutige Krise bietet – und was 2021 „Armut“ heißt. Ein Gastkommentar.

Vor 130 Jahren legte der „Arbeiterpapst“ Leo XIII. mit Rerum novarum einen kirchlichen Gegenentwurf zur jungen Industriegesellschaft mit ihren enormen sozialen Verwerfungen vor. Die Enzyklika stellte erstmals aus kirchlicher Sicht die „Soziale Frage“; sie tat dies mit Blick auf das menschengemachte Elend jener Millionen Menschen, auf deren Rücken die wirtschaftlichen Erfolge des goldenen Zeitalters eingefahren worden waren. Mit Rerum novarum beginnt die Ausformulierung der katholischen Soziallehre. Ihr sollten weitere Enzykliken zur Sozialen Frage folgen; zuletzt mit einer starken Fokussierung auch auf die Klima- und Umweltproblematik Laudato sí und Fratelli tutti.

Die Soziallehre der Kirche ist dabei kein akademisches Theoriegebäude, sondern will als „Lehre“ vor allem Anwendungswissen bieten, das Orientierung schafft auf dem Weg zur „Heilung sozialer Wunden“ in gesellschaftspolitischer und sozialer Praxis. Ihr wichtigster normativer Bezugspunkt ist dabei, gespeist aus dem Schöpfungsmythos und der jahrhundertelang gelebten Caritas, die Würde des einzelnen Menschen. Die Soziallehre ist damit von ihrem sozialen Wollen her wesentlich älter als 130 Jahre. Ihr Ziel ist es, jeder und jedem Einzelnen ein würdevolles Leben in Gemeinschaft zu ermöglichen.

Neue Sockelarbeitslosigkeit

Auf dem Feld staatlicher Politik wurde die Soziale Frage durch sozialpolitische Errungenschaften adressiert und damit immer wieder verändert. In einer gewissen Zuspitzung kann man die Zeit bis in die 1970er Jahre als eine sozialpolitische Entwicklungsgeschichte lesen, in der die Soziale Frage regelrecht aufgehoben wurde. Sie galt im politischen Diskurs durch das wohlfahrtsstaatliche Arrangement schon weitgehend beantwortet. Wesentlicher Eckstein dieser Konstellation war das wirtschaftliche Dauerwachstum bis zum Einbruch infolge der Ölkrise Anfang der 1970er Jahre.

Danach wuchs der „Verteilungskuchen“ nur noch wenig, neue soziale Problemlagen tauchten auf. Stichworte wie „Sockelarbeitslosigkeit“ oder „neue Armut“ deuten eine breitere gesellschaftliche Wahrnehmung darüber an. Dass die Armutsfrage wieder in den öffentlichen und politischen Fokus rückte, ist nicht zuletzt den Wohlfahrtsverbänden, unter anderem der Caritas, zu verdanken. Sie haben das Thema etwa in Deutschland gegen die Ignoranz der Politik durchgesetzt. Auf ihre hartnäckige Initiative hin entstanden die ersten bundesweiten Armutsberichte. Erst später bequemte sich die staatliche Politik dazu, Armut und soziale Ausgrenzung zum Thema der Sozialstatistik zu machen. Dieser Befund einer zähen Rückkehr der Armutsfrage ins Feld des Politischen kann grosso modo auch auf Österreich übertragen werden.

Vollwertiges Mitglied sein

Seither wird Armut als relative Armut verstanden: als ein Zuwenig an materiellen Ressourcen, um ein Leben nach allgemein akzeptiertem Standard führen und als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft gelten zu können. Dies geht weit über die krude Vorstellung von vermeintlich „echter Armut“ hinaus, die ein Zuwenig zum blanken Überleben annimmt – und damit das Verhungern zum Referenzpunkt eines Armutsverständnisses macht. Zwischen nacktem Überleben und einem Leben in Würde steht jedoch eine breite Palette sogenannter „Würdebedürfnisse“ (dignity needs), deren ein Mensch bedarf, um ein menschengerechtes Leben führen zu können. Um zwei kleine Beispiele zu nennen: die Möglichkeit, jemanden zum Essen einladen oder ein schönes Geschenk machen zu können.

In Österreich beobachten wir nun seit Ende der 1990er Jahre zwei fatale Tendenzen. Zunächst den aufkeimenden Rechtspopulismus, der die Soziale Frage mit aller Macht auf xenophobes Terrain verschob. Davon hat sich der Diskurs zu diesem Thema bis heute nicht erholt. In der Folge hat sich die strukturelle Gewalt, die in die Debatte eingezogen ist, unter dem neoliberal-konservativen Einfluss in einen Diffamierungsdiskurs der nunmehr sozial Abgehängten gewandelt. Die neue soziale Kälte lässt sich trefflich an der politischen Debatte um die Mindestsicherung beziehungsweise „Sozialhilfe neu“ studieren.

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