Peter Turkson - © Foto: Foto Fischer

Kurienkardinal Peter Turkson: "Wir dürfen keine Wüste hinterlassen"

1945 1960 1980 2000 2020

"Green Europe. Deal or no deal?“ lautete das Thema des Pfingstdialogs 2022 auf Schloss Seggau. Doch reicht ein solcher „Deal“? Wie steht es um globale Solidarität? Und was tut die Kirche? Der aus Ghana stammende Kurienkardinal Peter Turkson im Interview.

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"Green Europe. Deal or no deal?“ lautete das Thema des Pfingstdialogs 2022 auf Schloss Seggau. Doch reicht ein solcher „Deal“? Wie steht es um globale Solidarität? Und was tut die Kirche? Der aus Ghana stammende Kurienkardinal Peter Turkson im Interview.

Nach Angaben des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF sind zehntausende Kinder am Horn von Afrika unmittelbar vom Hungertod bedroht. Die schlimmste Trockenheit seit 40 Jahren und der Krieg in der Ukraine – der weltweit zu einem Anstieg der Lebensmittelpreise führt – sind Ursachen dieser Katastrophe. Sie steht freilich nur beispielhaft für jene Verwerfungen, die noch mit der Klimakrise einhergehen werden. Mit seinem „Green Deal“ will Europa gegensteuern. Doch was bedeutet das konkret? Dieser Frage hat man sich beim zehnten Pfingstdialog „Geist & Gegenwart“ gewidmet. Einer der prominenten Keynote-Speaker war Peter Turkson, von 2016 bis 2021 Präsident des von Papst Franziskus eingerichteten Dikasteriums zur Förderung der ganzheitlichen Entwicklung der Menschheit (eine Art päpstliches Ministerium für Nachhaltigkeit) und seit Kurzem Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften.

DIE FURCHE: Herr Kardinal, Sie sagen, Europa sei im Kampf gegen die Klimakrise „nicht radikal“ genug. Wie meinen Sie das?
Peter Turkson: Nicht nur Europa, wir alle sind zu langsam. 2015 auf der Weltklimakonferenz in Paris sind 195 Länder zusammengekommen, um gegen die Klimakrise anzukämpfen. Europa hat das ernst genommen und im „Green Deal“ verkündet, bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent werden zu wollen. Hier ist Europa auf der Linie von Papst Franziskus und seiner 2015 veröffentlichten Enzyklika Laudato si’. Doch Paris ist auch schon wieder sieben Jahre her. Die Leute versprechen viel, aber halten wenig, weil immer wieder ökonomische Probleme auftauchen, die das Tempo bremsen. Nun eben der Ukraine-Krieg. Doch wir können nicht mehr warten.

DIE FURCHE: Sie kritisieren, dass auch der „Green Deal“ auf Wachstum aufbaue. Aber gibt es dazu eine Alternative?
Turkson: Wir kennen verschiedene Wachstumsmodelle. Und es gibt auch Kreislaufwirtschaft. Wir brauchen jedenfalls wieder eine Ökonomie, die den Menschen und seine Bedürfnisse ins Zentrum stellt. Was nutzt Wachstum in einer Welt, die nicht mehr bewohnbar ist?

DIE FURCHE: Tatsache ist, dass der Klimawandel die Menschen ungleich trifft: den globalen Norden, der ihn ausgelöst hat, weniger; den Süden stärker. Was wäre im Sinn globaler Gerechtigkeit zu tun?
Turkson: Wir brauchen vor allem eine gute Wasserpolitik. Wenn wir Gas aus Russland über tausende Kilometer durch eine Pipeline leiten können, warum können wir das nicht auch mit Wasser tun – etwa ausgehend vom Amazonas in entlegene Regionen? Das wurde bisher nicht gemacht – weil es daran kein ökonomisches Interesse gibt.

DIE FURCHE: Trockenheit ist das eine, Temperaturen von bis zu 50 Grad wie Ende ­April in Indien oder Pakistan das andere ...
Turkson: Wir können die Einstrahlung der Sonne nicht kontrollieren, aber wir können Bäume pflanzen – was aber wiederum Wasser benötigt. In Summe brauchen wir einen nachhaltigen Plan statt kurzfristiger Politik.

DIE FURCHE: Was halten Sie von der Idee eines „Marshall-Plans“ für den Süden?
Turkson: So etwas wäre nur sinnvoll, wenn wir nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Am Anfang der Klimakrise stand ja die Transformation von einer landwirtschaftlichen in eine industriell geprägte Wirtschaft – mit entsprechendem Energiebedarf. Wir brauchen heute von vornherein saubere Energiequellen. Und wir müssen uns bewusst sein, dass das Klimathema eng mit Boden, Biodiversität und Wasser verbunden ist. Es geht also um eine integrale Ökologie, wie sie Franziskus in Laudato si’ skizziert.

DIE FURCHE: Apropos: Was macht die Kirche selbst gegen den Klimawandel?
Turkson: Sehr viel! Zum einen ist die katholische Kirche die einzige Religionsgemeinschaft, die eine eigene wissenschaftliche Akademie betreibt. Zum anderen ist sie nicht nur im Vatikan zu Hause, sondern in jeder Diözese und jedem Dorf. Deshalb haben wir die „Laudato Si’ Action Platform“ gegründet, auf der unterschiedlichste Akteure – von den Familien über Schulen bis zu Wirtschaftsgruppen und Ordensleuten – konkrete Anregungen finden.

DIE FURCHE: Solche Aktionen könnte auch eine herkömmliche NGO starten. Was unterscheidet die katholische Kirche davon?
Turkson: Für die Kirche ist Ökologie kein vorübergehendes Interesse, sondern sie gehört zu ihrem Wesen: Unsere Liturgie ist ökologisch – wir benutzen bei der Messe Brot und Wein, bei der Taufe Wasser und bei der Firmung Öl. Auch der Mensch und das gesamte Leben auf der Erde ist ökologisch zu sehen. Ich sage immer: Wir können nicht Gott verehren und zugleich das zerstören, was er geschaffen hat. Biblisch gesprochen hat uns Gott einen Garten überlassen. Wir dürfen ihn unseren Nachfahren nicht als Wüste übergeben, hier braucht es intergenerationelle Solidarität.

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