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Frei! Sicher?

Narval Klima - <strong>Apokalypse Klima</strong><br />
Die Klimakrise und mit ihr ein mögliches Szenario der aussterbenden Menschheit wird immer bedrohlicher.<br />
Wie können wir uns mit den Tatsachen auseinandersetzen, ohne in Panik zu verfallen? - © Getty Images / Victor Moriyama
Politik

Mit der Angst leben lernen

1945 1960 1980 2000 2020

Wie kann Unsicherheit, ja Angst zum Handeln motivieren? Persönliche Gedanken zur Klimakrise.

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Wie kann Unsicherheit, ja Angst zum Handeln motivieren? Persönliche Gedanken zur Klimakrise.

Keine Angst! Dieses Motto wählte die österreichische Filmemacherin Ruth Beckermann für den diesjährigen Tag der „Begegnungen“ im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach. Aber können wir wirklich frei von Angst sein, wenn wir auf eine Apokalypse zusteuern? Das Aussterben der Menschheit ist ein Szenario, das angesehene Erd- und Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in naher Zukunft für wahrscheinlich halten, wenn wir keine radikalen Maßnahmen ergreifen und die Klimakrise bekämpfen. Wäre es also angesichts der Lage nicht sinnvoll, diese Angst anzunehmen und sie als Kraft für die notwendigen und einschneidenden Veränderungen zu nutzen? Könnte es sein, dass die Angst das Einzige ist, was uns noch retten kann, so wie David Wallace-Wells in seinem viel diskutierten New York Times-Kommentar „Time to Panic“ und anschließend in seinem Buch „The Uninhabitable Earth: Life After Warming“ argumentiert?

Über die letzten Jahre hatte ich die Gelegenheit, viele Gespräche mit herausragenden Klimaforscherinnen und -forschern in Alpbach zu führen. Deren größtes Problem ist immer noch, mit ihren Forschungsergebnissen und Handlungsempfehlungen außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft ernst genommen zu werden. Unsere Gesellschaften verändern sich eben nur ungern. Es fällt uns schwer, die Tatsache zu akzeptieren, dass die Menschheit vor einer echten Katastrophe steht. Wie können wir uns selbst mit dieser unangenehmen Wahrheit auseinandersetzen, ohne in Panik, Apathie oder Niedergeschlagenheit zu verfallen?

Es braucht Lösungen „von unten“

Wie können wir mit der Angst umgehen lernen und tatsächlich tun, was getan werden muss? Wie könnte eine neue Kultur des achtsamen Umgangs mit uns selbst und unserem Planeten aussehen? Welche kulturellen Gewohnheiten müssen wir ablegen und welche neuen Erzählungen und Zukunftsbilder braucht es? Wir stehen erst am Anfang unserer Reise. Wir brauchen die gro­ßen Visionäre, die Landkarten der Zukunft lesen können, die noch nicht gezeichnet sind.

Aber große Visionen alleine helfen uns nicht weiter. Wenn wir von der Klimakrise sprechen, müssen wir konkrete Lösungen entwickeln, wie Menschen ihren Lebensunterhalt in einem ressourcenschonenden, klimaneutralen Wirtschaftssystem verdienen können. Wir brauchen dafür alle verfügbaren Talente in unserer Gesellschaft und neue Allianzen zwischen Menschen und Netzwerken, die vielleicht in der Vergangenheit nicht gewohnt waren, miteinander zu kooperieren. Die Lösungen müssen aber vor allem „von unten“ kommen und im Geiste der Selbstorganisation, der Eigenverantwortung und des Entrepre­neurships entstehen. Eine Ökodiktatur (ganz egal welcher Couleur) ist das Letzte, was wir brauchen – und würde nur als Brandbeschleuniger für die Katastrophe wirken.

Wir müssen konkrete Lösungen entwickeln, wie Menschen ihren Lebensunterhalt in einem ressourcenschonenden, klimaneutralen Wirtschaftssystem verdienen können.

Wie gehe ich selbst mit meiner Angst um? Wie kann ich auf meine Worte Taten folgen lassen? Angesichts dieser Fragen hat bei mir in den letzten Wochen und Monaten ein tiefgehender Nachdenkprozess eingesetzt. Ich habe dabei erkannt, dass ich nur so viel tun kann, wie es meine Verfassung zulässt. Es hat keinen Sinn, mich im Kampf gegen die Klimakrise geistig oder körperlich zu erschöpfen. In Harmonie zu leben, heißt für mich auch, meine Familie zu achten. Wie kann ich in dieser Zeit meinen Söhnen und meiner Tochter ein wahrer Mentor und meiner Frau ein helfender Partner sein? Wir – und hier spreche ich insbesondere von Männern – können nicht weiterhin als Retter unseres Planeten oder Kreuzritter für einen großen Zweck auftreten, während unsere Familien vor die Hunde gehen. Und was bedeutet nun die Klimakrise für meine Familie und für mich?

Wir haben entschieden, mehr Risiken einzugehen, müssen gegen den Strom schwimmen und unsere persönliche Komfortzone verlassen. Ich selbst habe entschieden, vollkommen auf Flugreisen zu verzichten. Meine Frau und ich haben zudem beschlossen, mit unseren Kindern in ein Haus aufs Land zu übersiedeln und auf einem kleinen Grundstück nachhaltigen Gartenbau zu betreiben. Das tun zu können, ist ein Privileg. Dennoch, wir haben keine Ahnung von ökologischer Bodenbewirtschaftung, werden vieles lernen müssen und uns vor allem die Hände schmutzig machen. In meinem beruflichen Wirken beim Forum Alpbach gilt es, alles daran zu setzen, Lösungen zu entwickeln, die an der Schnittstelle von Nachhaltigkeit und Digitalisierung echte Veränderung bringen. Mit unseren heurigen Learning Missions zur Klimakrise und einem Programm für Nachhaltigkeitspioniere in der Wirtschaft gehen wir genau in diese Richtung.

Alleine kämpfen ist fahrlässig

Mir selbst ist klar, dass ich in Bezug auf die Möglichkeiten, die die digitale Revolution im gesellschaftlichen Transformationsprozess bietet, noch viel lernen muss. Manchmal wird es einfach nötig sein, den Jüngeren die Führung zu überlassen. Wo ich kann, werde ich deshalb die Fridays-for-Future-Bewegung unterstützen. Wie der britische Autor George Monbiot bin auch ich der Meinung, dass in der aktuellen Lage „ziviler Ungehorsam unerlässlich ist, um eine politische Reaktion zu erzwingen“ und damit die drohende Katastrophe zu verhindern.

Ich werde mehr tun, um Mitstreiter zu finden, Netzwerke aufzubauen und Allianzen zu schmieden; allein zu kämpfen ist fahrlässig und sinnlos. Ebenso ist es notwendig, immer wieder mit kritischen Geis-tern, die einem widersprechen, das Gespräch zu suchen und von ihnen zu lernen. Die Gefahr des Gruppen- oder Silodenkens ist in Krisenzeiten besonders groß!

Die Angst reist mit

Ich habe vor langer Zeit meinen Glauben an Gott verloren, aber das Gefühl, dass das Universum einen tieferen Sinn hat und ein intelligenter Plan ihm inne wohnt, ist mir geblieben. In manchen, seltenen und unerwarteten Momenten meines Lebens meinte ich, diesen tieferen Sinn auch von der Ferne gespürt zu haben: bei einer Meditation, beim Schwimmen in einem Bergsee an einem regnerischen Sommertag, beim ehrfürchtigen Blicken auf den nächtlichen Sternenhimmel oder beim stillen Beobachten eines Ameisenhaufens bei einem Waldspaziergang. Ich weiß nicht, ob sich mir überhaupt je, auch nach meinem Tod, der volle Sinn des Universums offenbaren wird. Aber alles, was ich weiß, ist dass ich jedes Mal, wenn ich diese Momente erleben konnte, ein großes Gefühl der Kraft, Verbundenheit und Zugehörigkeit empfand.

Ich stehe also vor einer Reise, die mehr als je zuvor diejenigen einbeziehen muss, die mir am nächsten stehen, meine Familie, Freunde, Kolleginnen und Kollegen. Wenn die Apokalypse näher rückt, will ich ruhig und bedacht gehen. Im ursprünglichen griechischen Wortsinn bringt sie nämlich Enthüllung und Entschleierung. Vielleicht auch Klarheit für das, was zu tun ist, wenn das Alte stirbt und das Neue noch nicht geboren ist.
Und ja, die Angst wird mit mir reisen. Ich hoffe, weniger als dominierende Kraft und mehr als stechende Nadel in meinem faulen Fleisch und Geist. Mich antreibend mit anderen gemeinsam jeden Tag aufs Neue aufzustehen und das Mögliche und das Unmögliche zu versuchen. Denn erst, wenn wir uns in der Angst verlieren und den Glauben aufgeben, die Zukunft gestalten zu können, haben wir wirklich verloren.

Der Autor ist Generalsekretär des Europäischen Forums Alpbach und Mitinitiator des Innovationslabors „Re:think Austria".

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