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Frei! Sicher?

Pepe der Frosch - Der Cartoonfrosch Pepe ist eine rechte Ikone. Das Meme fungiert als modernes Aushängeschild für den Kampf der scheinbaren Gegensätze Sicherheit und Freiheit. Wie viel Gequake von Pepe und seinen Anhängern muss ausgehalten werden? - © Illustration: „Pepe The Frog“ by Matt Furie  (Screenshot: Imgur.com)
Politik

Die Freiheit der Frösche

1945 1960 1980 2000 2020

Die Ungewissheit der modernen Welt lässt manche auf eine Zeitmaschine in die Vergangenheit hoffen. Ein Frosch dient der neuen Rechten dabei als Sprachrohr. Ein Essay.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Ungewissheit der modernen Welt lässt manche auf eine Zeitmaschine in die Vergangenheit hoffen. Ein Frosch dient der neuen Rechten dabei als Sprachrohr. Ein Essay.

Ein sattgrün ausgemaltes Cartoongesicht, die hervortretenden Augen zu hämischen Schlitzen verengt, mal in Donald Trumps Perücke, mal als Hitler, mal als ganz unpolitischer Emo: Das ist Pepe der Frosch. Pepe hatte ein bewegtes Leben, schon bevor er mehr oder weniger freiwillig zu einer Ikone der Neuen Rechten aufstieg. Mitte der 2000er von einem Comiczeichner online gestellt, war Pepes wichtigste Aussage, während er gezeichneterweise mit heruntergelassenen Hosen ins Internet pinkelte: „Feels good man“. Diese anheimelnde Wurschtigkeit bewog über die Jahre zahllose User dazu, Pepe in allen möglichen Lebenssituationen darzustellen. Er blieb dabei witzig und harmlos. Ein Freizeit-Frosch, sozusagen. Während Donald Trump seine Präsidentschaftskandidatur vorbereitete, entdeckte Pepe seine politische Seite: Hässliches kam zutage, Pepe mit Maschinengewehr, Rassistenpepe, White-Supremacy-Pepe. Pepe war gekapert worden. Er war nun ein widerwärtiger Frosch, ein Frosch des dunkelbraunen Untergrundes. Es gab von dort für Pepe kein Entkommen: Er war und blieb das Grün der Hoffnung für die dunkle Seite. Von nun an galt die Freiheit der Frösche.

Es war in Alpbach von Freiheit die Rede und von Sicherheit. Das eine werde durch das andere bedroht, ein Kompromiss liege im Vagen, er müsse, wenn dann, im je Einzelnen ausgehandelt werden. Prinzipiell zufriedenstellen könne er nicht. Ist aber Freiheit und Sicherheit ein natürliches Gegensatzpaar? Steckt nicht der Widerspruch in den Polen selbst, sodass man eigentlich Freiheit und zu viel oder zu wenig Freiheit, dementsprechend Sicherheit und zu viel oder zu wenig davon, als Gegensätze denken muss?

Perversion ins fratzenhafte Gegenteil

Was zum Beispiel ist eine Freiheit, die ausschließlich darin besteht, die Freiheit der anderen einzuschränken? Anmaßung wäre wohl das Wort – oder Willkür. Kann es Freiheit geben, die von Gegenständen ausgeht wie die viel besprochene Freiheit des Marktes? Kann ein Auto freier sein als ein Fußgänger in seinen Bewegungen? Oder steckt hinter der Freiheit der Dinge und Konzerne letztlich doch immer eine Ansammlung von Menschen, die sich hinter der dinglich gedeckten Freiheit verschanzen?

Und was ist absolute Sicherheit, wenn nicht eine seltsame Fantasie? Ist sie nicht noch schwerer vorzustellen als absolute Freiheit? Man denkt Anarchie, man denkt „Thelma & Louise“, Rock ’n’ Roll, die windumbrauste Einsamkeit auf Bergeshöhen – wie aber sieht vollkommene Sicherheit aus, als Bild? Ein Kokon, der Mutterleib, ein Haus mit gepolsterten Türen? Mir fehlen die Bilder dafür, man kann sie in dieser Welt nicht einmal denken. In einer Zeit, die nur das absolute Risiko, die vollumfängliche Flexibilität, die Unverbundenheit schlechthin gelten lässt, kann ein Denken an Sicherheit nur in eine Groteske ausarten: Polizisten, die auf Straßen patrouillieren, auf denen sich ohnehin keine Kriminellen befunden hätten, Überwachungskameras ohne überwachenswerte Vorfälle, eine Welt ohne das Antlitz des anderen, den man mitsamt dem lästigen Hinweis auf unsere Versäumnisse, die er sprichwörtlich verkörpert, in Rückreiselagern zur gnädigen Entfernung seiner selbst aus unserem Blickfeld anhält.

Ein sattgrün ausgemaltes Cartoongesicht, die hervortretenden Augen zu hämischen Schlitzen verengt, mal in Donald Trumps Perücke, mal als Hitler, mal als ganz unpolitischer Emo: Das ist Pepe der Frosch. Pepe hatte ein bewegtes Leben, schon bevor er mehr oder weniger freiwillig zu einer Ikone der Neuen Rechten aufstieg. Mitte der 2000er von einem Comiczeichner online gestellt, war Pepes wichtigste Aussage, während er gezeichneterweise mit heruntergelassenen Hosen ins Internet pinkelte: „Feels good man“. Diese anheimelnde Wurschtigkeit bewog über die Jahre zahllose User dazu, Pepe in allen möglichen Lebenssituationen darzustellen. Er blieb dabei witzig und harmlos. Ein Freizeit-Frosch, sozusagen. Während Donald Trump seine Präsidentschaftskandidatur vorbereitete, entdeckte Pepe seine politische Seite: Hässliches kam zutage, Pepe mit Maschinengewehr, Rassistenpepe, White-Supremacy-Pepe. Pepe war gekapert worden. Er war nun ein widerwärtiger Frosch, ein Frosch des dunkelbraunen Untergrundes. Es gab von dort für Pepe kein Entkommen: Er war und blieb das Grün der Hoffnung für die dunkle Seite. Von nun an galt die Freiheit der Frösche.

Es war in Alpbach von Freiheit die Rede und von Sicherheit. Das eine werde durch das andere bedroht, ein Kompromiss liege im Vagen, er müsse, wenn dann, im je Einzelnen ausgehandelt werden. Prinzipiell zufriedenstellen könne er nicht. Ist aber Freiheit und Sicherheit ein natürliches Gegensatzpaar? Steckt nicht der Widerspruch in den Polen selbst, sodass man eigentlich Freiheit und zu viel oder zu wenig Freiheit, dementsprechend Sicherheit und zu viel oder zu wenig davon, als Gegensätze denken muss?

Perversion ins fratzenhafte Gegenteil

Was zum Beispiel ist eine Freiheit, die ausschließlich darin besteht, die Freiheit der anderen einzuschränken? Anmaßung wäre wohl das Wort – oder Willkür. Kann es Freiheit geben, die von Gegenständen ausgeht wie die viel besprochene Freiheit des Marktes? Kann ein Auto freier sein als ein Fußgänger in seinen Bewegungen? Oder steckt hinter der Freiheit der Dinge und Konzerne letztlich doch immer eine Ansammlung von Menschen, die sich hinter der dinglich gedeckten Freiheit verschanzen?

Und was ist absolute Sicherheit, wenn nicht eine seltsame Fantasie? Ist sie nicht noch schwerer vorzustellen als absolute Freiheit? Man denkt Anarchie, man denkt „Thelma & Louise“, Rock ’n’ Roll, die windumbrauste Einsamkeit auf Bergeshöhen – wie aber sieht vollkommene Sicherheit aus, als Bild? Ein Kokon, der Mutterleib, ein Haus mit gepolsterten Türen? Mir fehlen die Bilder dafür, man kann sie in dieser Welt nicht einmal denken. In einer Zeit, die nur das absolute Risiko, die vollumfängliche Flexibilität, die Unverbundenheit schlechthin gelten lässt, kann ein Denken an Sicherheit nur in eine Groteske ausarten: Polizisten, die auf Straßen patrouillieren, auf denen sich ohnehin keine Kriminellen befunden hätten, Überwachungskameras ohne überwachenswerte Vorfälle, eine Welt ohne das Antlitz des anderen, den man mitsamt dem lästigen Hinweis auf unsere Versäumnisse, die er sprichwörtlich verkörpert, in Rückreiselagern zur gnädigen Entfernung seiner selbst aus unserem Blickfeld anhält.

Die Welt, quaken sie, sei einer maßlosen Verwirrung anheimgefallen, bedingt durch Feminis­tinnen, Linke und Ausländer.

Vielleicht liegt unser gegenwärtiges Problem darin, dass Freiheit und Sicherheit in ihr jeweiliges fratzenhaftes Gegenteil pervertiert werden: Die Freiheit der Märk­te ist der Zwang, sich marktkonform zu verhalten, sonst kann man seine gesamte verspielte Freiheit platzsparend zusammenpacken und sich zu den Obdachlosen unter die Brücke gesellen. Die hätten hinsichtlich ihrer Obdachlosigkeit ohnehin eine freie Entscheidung getroffen – das ist mir in Amerika tatsächlich wortwörtlich so zu Ohren gekommen. Gleichzeitig ist die Sicherheit einer vollendeten oder angehenden Diktatur – denn manche europäische Staaten scheinen eine solche in Haltung und Pose schon zu üben – letztlich nichts anderes als die absolute Ungewissheit darüber, ob man nicht schon morgen selbst bei der Obrigkeit in Ungnade fallen und dadurch alles, was man bereits im Leben erworben hat (und schlimmstenfalls: das Leben selbst) verlieren könnte. Aus dieser Situation erhebt also Pepe der Frosch sein garstiges Haupt.

Die Welt, so quaken Pepe und die Seinen, sei einer maßlosen Verwirrung anheimgefallen, bedingt durch Feministinnen, Linke und Ausländer; würde es diese Menschen nicht geben, gäbe es auch keine Verwirrung. Es stehe an, die Welt mit kräftigen Bewegungen wieder rückwärtszudrehen, wieder in ihre angestammte Bahn zu stoßen. Dann wäre alles ganz wie früher, dann wäre alles gut. Der Frosch erhofft sich im Übrigen keine Lösungen, er hofft auf eine Zeitmaschine. Wieder eine dieser begrifflichen Pervertierungen: In einer unerreichten Vergangenheit liegt unsere Zukunft. Nie war sie so schön und so vollkommen, wie sie jetzt für manche scheinen mag.

Solange Gunst und Ungunst auf der Welt so ungleich verteilt sind, lärmen die Frösche nicht ohne Grund. Ihr Radau entstammt einer gewissen opportunistischen Verwirrung, aber er würde wohl nicht auf so fruchtbaren Boden fallen, wenn nicht doch ein Körnchen Wahrheit darin enthalten wäre. Vermögen müsste gleich verteilt werden, es müsste jeder die Möglichkeit haben, von seiner Hände Arbeit zu leben und nicht in drei schlecht bezahlten Jobs gleichzeitig dahinzuvegetieren. Auch so schreien die Frösche; und hängen die Schuld den Falschen um.

Im Internet und im täglichen Leben

Während sich die Urheber dieser Misere hinter den Dingen – den Sachzwängen, den Marktgegebenheiten, den schöneren Häusern mit den dickeren Mauern, den stillgeschwiegenen Spenderlisten – verstecken, richten die Frösche ihr blindes Getöse dorthin, wo sie tatsächlich befriedigende Zerstörung erwirken können. Sie haben Handlungsmacht, endlich. Sie können Menschen in Grund und Boden giften. Im Internet, im täglichen Leben. Manche der Frösche treten aus hässlichen Comiczeichnungen heraus und nehmen verstörende Gestalt an: Sowohl der Attentäter von El Paso als auch derjenige von Christchurch verbreiteten auf einschlägigen Foren ihre Manifeste und finden dort nach wie vor begeisterte Anhänger.

Von welcher Freiheit sprechen wir also? Von einer Freiheit der Frösche, von der Sicherheit, in der sie sich mit ihren Reden wiegen können? Oder von einer Freiheit vor den Fröschen; wie viel muss ausgehalten werden, vor wie viel darf man sich in Sicherheit bringen? Solange so viele in einer bunteren Welt nur einen Verlust ausmachen – einen Verlust von Sicherheit, von der Freiheit, reglos im Alten zu verharren wie in einem zugefrorenen Teich – so lange wird das Lärmen der Frösche nicht versiegen. Wenn weniger von ihnen nichts zu verlieren hätten, könnte sich das vielleicht ändern.
Dass ein Frosch auch die Seiten wechseln kann, beweist Pepe gerade selbst: Sein Schöpfer ist gegen verschiedene rechte Online-Medien rechtlich vorgegangen, für sie gibt es nun keinen Pepe mehr. Unlängst hat Pepe stattdessen ein Comeback in ganz neuem Gewand gefeiert: als Symbol der Proteste in Hongkong, als froschgrünes Gesicht der Auflehnung gegen einen obrigkeitshörigen Staat.

Die Autorin ist Schriftstellerin und war heuer „Art Scholar“ am Europäischen Forum Alpbach.