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Über eine von Menschen gemachte Apokalypse

In einer mehr als nur anspruchslosen Sendung des ORF über Prophetie und Wahrsagerei brachte der Sprecher (und Autor) dieser Sendung jenes althergebrachte und billige Argument „gegen alle Unglückspropheten, speziell jene, die einen Weltuntergang prophezeiten”, vor: nämlich wiederholt sei ein solcher vorausgesagt worden, jedoch noch nie eingetreten.

Ein alter Offizier erklärte mir im übrigen, daß es sogar schon eine Enzyklika gegen das Massenvernichtungsmittel „Armbrust” gegeben hätte, und deshalb sei auch die Atombombe nicht so schlimm, die ja auch, wegen der Vernunft der Menschen, ohnehin nicht eingesetzt würde.

Die Simplizität dieser Argumentation gründet sich also auf die historischen Analogien. Sie stellt sich blind und taub gegen neue Qualitäten im historischen Ablauf. Denn neben den analogen Elementen gibt es völlig neue, noch nie dagewesene. Und es fragt sich, ob mehr den neuen oder mehr den analogen das entscheidende Argumenta-tionsgewicht zukommt.

Sicherlich, es gab schon wiederholt Endzeiterwartungen. doch stützten sich diese auf Irrationalitäten die Einfachheit des lateinischen M (arabisch 1000) zum Beispiel als Jahreszahl oder auf die denkbar unwahrscheinliche Möglichkeit eines Zusammenstoßes der Erde mit einem anderen festen und angemessen großen Himmelskörper.

Es gab auch zweifellos Waffen, die imstande waren, Massen von Menschen zu töten. Aber die Möglichkeit, ganze Länder zu vernichten, die dann zu radioaktiven Wüsten werden und gar nicht mehr besetzt werden müssen, hat es nicht gegeben.

„Die neue apokalyptische Dimension besteht in der Möglichkeit für den Menschen selbst, die gesamte Menschheit zu vernichten.”

Die neue apokalyptische Dimension besteht in der Möglichkeit für den Menschen selbst, die gesamte Menschheit zu vernichten. Dies ist eine völlig neue Situation. Die „overkill capacity” existiert schon seit Jahren. Jetzt, heißt es, hat sie 50fache Größe, und ihre Mobilisierung hängt vom Menschen ab, und nur von ihm allein. Der Mensch von sich aus kann nunmehr die Menschheit als Ganzes vernichten. Und das ist eben eine völlig neue Dimension.

Eine solche Möglichkeit bestand noch nie in der Geschichte, wenn auch die Möglichkeiten ständig und sprunghaft zunahmen, Menschen in Massen zu töten. Maschinengewehre, Bomben mit Dynamitfüllung etc. ermöglichten es, immer mehr Menschen gleichzeitig zu liquitieren, wobei viele Menschen von diesen Möglichkeiten auch ohne allzu große Hemmungen Gebrauch machten. Aber die Menschheit als Ganzes zu töten, diese Fähigkeit bestand bislang zweifelsfrei noch nie.

Damit erhebt sich die Frage nach dem Menschheitssuizid, dem Menschheitsselbstmord, der nunmehr zur Debatte steht, wobei jedoch diese Möglichkeit nie mehr verschwinden wird. Im Gegenteil, sie wird ständig einfacher, wird zunehmend leichter, und das Geschäft könnte auch immer gründlicher durchgeführt werden.

Damit bleibt die Frage: Wird der Mensch jemals von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, die ihm nunmehr geboten ist? Und mit dieser Frage wird das Problem an die Psychologie verwiesen, denn wer soll über mögliche Verhaltensweisen des Menschen entscheiden, wenn nicht die Psychologie?

Allerdings sollte man meinen, daß der sogenannte Hausverstand bereits genügen müßte, um sich der Problematik schlüssig zu nähern. Denn man mache folgendes Gedankenexperiment: Hätte Hitler im Keller seiner Reichskanzlei 1945 eine H-Bombe mit der Ka-1 pazität gehabt, den Erdball zu zerstören, hätte er also die Möglichkeit gehabt, nicht nur sich selbst, sondern zugleich die ganze Menschheit zu töten, so hätte er doch wohl von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht.

„Erstaunlich ist Marx These, daß eventuell Bürgertum und Proletariat miteinander untergehen könnten.”

Friedrich Nietzsche, dessen psychologische Einsichten außerordentlich hoch zu veranschlagen sind, schrieb am Beginn seines Buches „Der Wille zur Macht”:

„Unsere ganze europäische Kultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam überstürzt: einem Strom ähnlich, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Angst davor hat, sich zu besinnen.”

Und Karl Marx erklärte 1848 in seinem „Kommunistischen Manifest”, also an prominentester Stelle, entweder es würde das Proletariat die Bourgeoisie besiegen (und damit ewiger Friede sein! Anm. des Verf.) oder „beide Klassen werden miteinander untergehen”.

Seine naive Annahme, daß das Proletariat zum Unterschied von allen Klassen vor ihm an sich friedlich wäre, ist sicherlich eine Naivität und wurde, so man der Meinung ist, daß China, Vietnam und Kambodscha „proletarisch” regiert werden, durch die Kriege dieser Länder gegeneinander empirisch widerlegt.

Aber erstaunlich ist Marx' These,-daß eventuell Bürgertum und Proletariat „miteinander untergehen” könnten. Hat er den „Ost-West-Konflikt” vorhergesehen? Einen Konflikt, der in seiner merkwürdigen Logik der „Abschreckung” jederzeit die Möglichkeit eines Menschheitssuizides und eines totalen Unterganges in sich birgt?!

Die Logik nämlich der „Abschrek-kung” beinhaltet unausgesprochene Thesen, die außerordentlich intensiv mit unserer Thematik verknüpft sind. Nämlich:

„Besser, es ist die gesamte Menschheit tot, als daß sie a) kommunistisch (West-These) b) kapitalistisch (sowjetische These) wird.”

Ohne diese unausgesprochene Voraussetzung ist eine „Abschreckung” sinnlos. Denn für den Fall, daß man irgendeine bestimmte Grenzüberschreitung der Einflußsphären nicht als „casus belli”, also Kriegsfall, betrachtet und auch bereit ist, schließlich Atombomben, ja das ganze Arsenal einzusetzen, gibt es keine Abschreckung.

Nur wer - glaubhaft! - dartut, daß er bei Überschreitung einer bestimmten Linie bereit ist, lieber den Tod der Menschheit herbeizuführen, als die Grenzüberschreitung zu akzeptieren, schreckt wirklich ab.

Nun kann kaum ein Zweifel darüber bestehen, daß die Sowjetunion es ernst meint und daß sie lieber die Tötung der Gesamtmenschheit in Kauf nimmt als „kapitalistisch” zu werden.

Aber die „kapitalistische”, nach Autostereotyp die „liberale”, „freie” Welt denkt nicht unähnlich. Denn auch sie ist der Meinung wenn sie nicht schwindelt und dabei mit den Augen blinzelt -, daß es besser ist, die Menschheit zu töten, als Moskau die entscheidende Expansion zu gestatten. Ja, auch kirchliche Würdenträger sind offenbar einer ähnlichen Meinung.

Immerhin hat auch Kardinal König einmal im Sinne der österreichischen Landesverteidigung erklärt, es sei außerordentlich übel, „wenn jemand seinen Bruder dazu zwingt, sich zu verteidigen”.

Ein Land, das angegriffen wird, ist also christlich-moralisch „gezwungen, sich zu verteidigen”. Konsequent gedacht, heißt dies, daß auch die „freie Welt” christlich-moralisch gezwungen ist, sich zu verteidigen, das heißt: es ist besser, eine vom Menschen gemachte Apokalypse herbeizuführen, als daß man die Sowjets siegen läßt.

Hier folgt man natürlich reziprok der kommunistischen Logik, nach der es besser ist, die Welt geht unter, als sie wird wieder „kapitalistisch”.

„Die zaghafte, wahrscheinlich chancenlose These von einer gewaltlosen Verteidigung wage ich hier nicht vorzutragen.”

Weitgehend sicher ist allerdings, daß natürlich ein Sieg der Sowjets keinerlei Frieden brächte, da dann der Krieg zwischen den verschiedenen Kommunismen über kurz oder lang ausbräche. Es mag also besser sein, schon vorher die Apokalypse auszulösen, so daß die Unzahl menschlicher Leiden auf einen Schlag liquidiert würde.

Nun sollte man, Andre Gides These „Die Katholiken lieben nicht die Wahrheit” zum Trotz, sich entweder klar zur Auffassung bekennen, daß eine Apokalypse besser wäre als eine kommunistische Welt (womit wir mit den Kommunisten gleichzögen) - oder wir müßten auf die ganze Abschreckungsideologie verzichten.

Die zaghafte, wahrscheinlich chancenlose These von einer gewaltlosen Verteidigung wage ich hier nicht vorzutragen. Sie ist 17 Jahrhunderte Kirchengeschichte „unchristlich” und die Wahrscheinlichkeit ihrer Verwirklichung minimal.

Deshalb glaube ich an eine baldige Apokalypse. Ich weiß keineswegs „den Tag und die Stunde” - aber lange dauern dürfte es wohl nicht mehr.

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