7214919-1992_45_19.jpg
Digital In Arbeit

GEDICHTE SCHREIBEN WIE EIN MEDICI

1945 1960 1980 2000 2020

Warum trauen wir Manager uns so wenig aus unserem selbstgewählten technokratisch-isolierten Ghetto heraus? Warum fühlen wir uns den Profis im künstlerischen Leben, in Philosophie und Literatur so wenig gewachsen? Wir sollten das ändern!

1945 1960 1980 2000 2020

Warum trauen wir Manager uns so wenig aus unserem selbstgewählten technokratisch-isolierten Ghetto heraus? Warum fühlen wir uns den Profis im künstlerischen Leben, in Philosophie und Literatur so wenig gewachsen? Wir sollten das ändern!

Zu allen Zeiten waren Kunst und Kultur, war das Geistesleben eingebettet in ein ökonomisches Umfeld -und sie waren Gegenstand und auch Manipulator von Macht. Wie alle Faktoren im großen Netzwerk der Welt sind sie gleichzeitig Ursache und Wirkung, Subjekt und Objekt, Gutes und Böses, Auslöser und zugleich Folge geistiger und wirtschaftlicher Geschehnisse, sie sind in höchstem Maße rückbezüglich, selbstrefe-rent. Alle Strömungen in Philosophie, darstellender Kunst und Literatur sind letztendlich zutiefst politisch. Wer gesehen hat, wie die Machthaber im sogenannten Dritten Reich Philosophie und Kunst vollkommen in den Dienst ihrer Ziele stellten, wer das gleiche im versinkenden Reiche des Kollektivismus beobachten konnte, der weiß, wie bemüht Macht und Politik zu allen Zeiten um das subtile Netzwerk der Emotionen und Gedanken war, das sich durch Kultur-und Geistesleben beeinflussen läßt.

Wir in der Wirtschaft und jene in der Politik werden, ob sie es wollen oder nicht, ob sie es wissen oder nicht, ob sie damit umgehen können oder nicht, in hohem Maße durch die geistigen Strömungen unserer Zeit, durch die Stile in Literatur und bildender Kunst in unserem Sein und Arbeiten, in Erfolg und Mißerfolg, bestimmt und gefordert. Man nennt es in seiner embryonalen Form Werte wandel und beschäftigt sich in den Managementakademien damit - allein, es ist alles Geist und Kunst, Baustein und Kompost kultureller und künstlerischer Phänomene. Wir können uns daher nicht - wie viele das so gerne tun - in die sterilen Kammern unserer Disziplinen, die wir recht und schlecht beherrschen, absentieren, uns entschuldigen mit Nicht-Verstehen und mangelnder Kompetenz.

Die Verantwortung für unsere Gesellschaft an den Zwischenflächen von deren Schichten ist größer als jene im Inneren. Entdecker und Schatzsucher sind fast immer Grenzgänger, nicht behagliche Bewohner längst errichteter Gebäude. Ich kann wahrscheinlich mit einer mutigen Meinungsäußerung an der Universität mehr latenten gesellschaftlichen Sprengstoff zünden als mit einer wirt- . schaftlich-technischen Handlung in meiner Firma. Dieser Artikel - der von vielen kritischen Geistern gelesen werden wird und manche Meinung ein wenig beeinflussen mag - ist letztendlich relevanter als ein Prozentpunkt mehr oder weniger in der Profitabilität meiner Firma, so schwer jene wichtige Kategorie meines Berufes auch zu beherrschen sein mag. Die Zeiten, in denen ein Mann wie Lorenzo de Medici einen Stadtstaat regieren, Gedichte schreiben und Leute wie Michelangelo und Botti-celli um sich versammeln konnte, scheinen vorbei zu sein. Sind sie es aber wirklich?

Wenn wir einen Blick über die Grenzen, in unsere von Geburts- und Pubertätsschmerzen drangsalierten jungen Nachbarstaaten tun, finden wir Schriftsteller, Dramatiker und Künstler unter den politischen Protagonisten der Zeit. Das ist beileibe kein Zufall. In Umbruchzeiten, wenn Phantasie, neue Wege und Idealismus gefragt sind, wenn Technokratie, Verwaltung und Routine versagen und zusammenbrechen, kommen Geist und Phantasie zu neuen Ehren.

Warum trauen wir uns, die wir verhältnismäßig gute Zeiten haben, so wenig aus unserem selbstgewählten technokratisch-isolierten Ghetto heraus? Warum gibt es sowenig kulturelle und künstlerische Artikulation unter den Entscheidungsträgern? Warum müssen wir die Pseudobühne der großen Festspiele benutzen, wo man so viele müde, desinteressierte, ja sogar eingeschlafene Gesichter in den Rängen beobachten kann, um unser schlechtes kulturelles Gewissen zu beruhigen?

Natürlich sind wir gehemmt. Selbstverständlich haben wir Minderwertigkeitsgefühle. Nur wenige von uns fühlen sich den Profis im künstlerischen Leben, in Philosophie und Literatur wirklich gewachsen und ebenbürtig. Wir fürchten uns vor dem Ausgelachtwerden. Österreich ist auch ein sehr guter Nährboden für lautloses, tödliches Gelächter, das sich mit der Maske der Freundlichkeit tarnt. Grenzgänger sind nicht erwünscht, da könnte ja jeder kommen. Wir ignorieren die Abhängigkeit der Kreativität vom gegenseitigen Kontakt gesellschaftlicher Schichten. Wir betrachten die vereinzelten Pioniere als bunte Hunde/Innen, im besten Falle mit freundlicher Nachsicht, im schlimmsten mit eisiger Verachtung und mit Totschweigen. Und so überlassen wir die Förderung, die Finanzierung und Orientierung des Geisteslebens, der schönen Künste weitestgehend „dem Staat", was immer das heute auch sei. Eine Bürokratie, direktes politisch-manipulatives Interesse, Ambition einzelner wirklich Gutwilliger aus dem einen oder anderen Ministerium?

Wir tun damit das gleiche, das wir mit den ganz Jungen und den ganz Alten getan haben, mit den Schulpflichtigen, mit dem Wissenstransferapparat - wir destillieren eine ganze Schicht gesellschaftlicher Relevanz heraus und übertragen sie an eine völlig überfordertes, zunehmend ohnmächtiges, fachlich und organisatorisch inkompetent werdendes Gebilde - die staatliche Administration. Wir machen es ganz falsch.

Man kann - natürlich im übertragenen Sinne - das Leben „sprechen", bewußt Schritt um Schritt setzen und in einer Reihe von sinnvoll bedachten Taten und Werken hindurchgehen. Bedenkt man alles vom Anfang her immer neu und besonders bemüht, so läuft man Gefahr, es zu „stottern" und zögernd zu erfahren. Ganz wenige Begnadete und wir „Normalen" in besonderen Momenten „singen" das Leben, oder „tanzen" es. Beruf und Freizeit werden dann eins, Pflicht und Vergnügen, Leidenschaft und Frömmigkeit, Denken und Fühlen gehen ineinander über.

Eine ganz wichtige Voraussetzung für die Annäherung an dieses Ideal des „Gesungenen Lebens" ist die Ganzheitlichkeit. Wenn man nicht die Voraussetzungen dafür schafft, daß alle Saiten, die man in sich trägt, ir-gendeinmal angeschlagen werden und zum Klingen kommen, lebt man sein Leben einseitig, unerfüllt und arm. Und es steht außer Zweifel, daß buchstäblich jeder Mensch Hunger nach Sinn, Schönheit, Idealen und einem Ganzen, Runden, Harmonischen in sich trägt - der eine stärker, der andere weniger stark.

Wie kann ich meinen manchmal aufreibenden Beruf wirklich so gut wie möglich ausfüllen, wenn nicht mein Bedürfnis nach Schönheit, Klarheit gestillt wird? Wie soll mein manchmal armes, gemartertes Hirn, das sich tage- und nächtelang mit trockenen betriebswirtschaft-lichen Fragen befassen muß, dessen Gedanken oft um mögliche Ris-ken und versäumte

Chancen tanzen, frisch und offen bleiben ohne die Nahrung, den Nektar der sinnlichen Erfahrung und der Freude an geistiger Auseinandersetzung?

Wie können, andererseits, die Menschen jenseits der Grenzen meines Berufs um unsere Hoffnungen und Nöte wissen, wenn ich* nicht meine Bringschuld erfülle und ihnen einen Einblick in meine Welt vermittle? Wie kann ich Verständnis von kritischen Literaten, Künstlern und Schriftstellern erwarten, wenn sie nicht hautnah und körperlich erfahren, was in unserer diesseitigen Welt der Ökonomie und Technik passiert? Wie sollen wir miteinander die Kraft haben, unsere großen gemeinsamen Probleme zu lösen und die Chancen zu identifizieren, die uns die Zukunft bietet?

Das ist nur möglich, wenn wir die Hand über die selbstgebauten Gräben zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Schichten strecken und, vor allem, unsere Gedanken darüberflie-gen lassen. Mit dem Finanzieren, mit Sponsoring, mit Mäzenatentum allein ist es nicht getan, obwohl es schon recht gut ist, das zu tun. Viel wichtiger ist die aktive Teilnahme, das Hereinlassen von Schönem und Nachdenklichem in die Organisationen, die Einführung neuer menschengerechter Kategorien in Bauten und Design, die Sorge um sensible künstlerische Naturen in den Unternehmungen und deren interdisziplinäre Förderung.

Das alles und viel mehr, was ich hier nicht anführen kann, wegen der Kürze der Spalten, verlangt einen ganzheitlichen Sinn in den Führungsetagen. Es ruft nach Entscheidungsträgern, die sich ein bißchen an Marc Aurel orientieren und Gemeinwohl über Eigennutz stellen. Die um die geistigen Strömungen der Zeit wissen, sie mitgestalten und sich nicht feig und pseudovornehm davonmachen, mit der Entschuldigung mangelnder Zeit und Kompetenz.

Verhalten wir uns weiter so, wie es sich abzeichnet - aus dem geistigen Leben herausdestilliert - so werden wir zu Maschinisten und Versorgern der Gesellschaft, ohne Anspruch darauf, ihre Zukunft mitzubestimmen, oder nur mit den dann verbleibenden elend einseitigen Mitteln - mit Geld und ökonomischer Macht. Hiebei allerdings kann nicht viel Gutes entstehen. Werden Macht und Einfluß nicht geziert durch Verantwortungsbewußtsein, Sinnspendungsvermögen und einen Sinn für das Schöne - wenn man will, Ideale - verkommen sie im besten Falle zu einer unpersönlichen Technokratie, im schlimmsten zu erstarrtem, kaltem, unmenschlichem Materialismus.

Dort sehe ich die wirkliche Herausforderung an uns alle, die sogenannten Verantwortungsträger oder, besser, Verantwortungsgetriebenen. Wir haben die Pflicht, über unsere unmittelbare berufliche Sphäre hinauszudenken und zu horchen. Wir haben die Pflicht - und hoffentlich auch das Bedürfnis - uns herumzutreiben an den Hohen Schulen, hineinzuhorchen in den Zeitgeist, wie fremd er uns auch manchmal vorkommen mag.

Wir müssen uns umsehen in den flimmernden Kulissen von Theater und Literatur, nicht nur in der altvertrauten gestrigen, nostalgisch und ein bißchen wehmütig. Wir müssen ein bißchen mehr die Zusammenhänge kennenlernen, so mühsam und aufreibend das auch manchmal ist. Es muß ganz einfach sein. Wer das nicht tut, kann nicht richtig entscheiden. Er kann nie sicher sein. Und er wird alt und trocken in der Wüste der Einseitigkeit und geistigen Ein-falt, wie jung an Jahren er auch immer sein mag.

Der Autor ist Generaldirektorder AESA Brown Boveri AG.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau