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Digital In Arbeit

Kollege „Hochwürden“!

In einigen Tagen ist es so weit, daß ich in unserem Kohlenbergbau in Fohnsdorf zu arbeiten anfangen werde. Seit zwei Jahren bin ich hier Kaplan. Nun werde ich auf vier Wochen Bergmann sein. Dieser Tage habe dch mich mit meinen Kollegen eus Judenburg, Zeltweg und Thörl getroffen. Auch sie wollen als Kaplan« dieser Pfarren in die Betriebe ihrer Pfarren arbeiten gehen. Warum überhaupt? Wir haben versucht, uns ehrlich Rechenschaft zu geben: Wir sind keine Ferialpraktikanten, die sich irgendwo einen „Job“ suchen, um etwas zu verdienen. Wir sind auch keine ^Arbeiterpiuester“, wie es sie in Frankreich gab und wieder gibt, obwohl wir von ihnen viel gelernt haben. Wir sind Kapläne, die in der ordentlichen Seelsorge stehen. Wir gehen jetzt arbeiten, nicht weil wir jemanden bekehren wollen, auch nicht weil wir jemanden fangen wollen oder jemanden belehren wollen. Nein, wir wollen selbst lernen Wir wollen die Welt des Betriebes, der unsere Pfarren prägt, von innen kennen lernen. Wir wollen das Milieu kennen lernen, in dem die Menschen stehen, für die wir als Priester bestellt sind. Wir wollen darauf kommen, ob man als Industriearbeiter auf dlie Weise Christ sein kann, wie wir es den Menschen ständig vorreden. Und wir hoffen, daß das alles uns in den kommenden Monaten und Jahren für unsere seeisorgliche Arbeit helfen wird. Und als zweites wollen wir Zeugnis geben. Zeugnis für die Kirche unserer Zeit. Natürlich: Die Kirche, das sind alle Getauften. Aber je weiter die Menschen der Kirche entfernt sind, um so weniger ist Ihnen das bewußt. Wenn die Arbeiter es, glauben sollen, daß die Kirche zu ihnen kommt, dann genügt es nicht, wenn nur christliche Arbeiter bei ihnen sind. Dann müssen auch wir Priester zu ahnen kommen, und zwar nicht nur in ihre Wohnungen, nicht nur in die Gasthäuser, sondern auch dorthin, wo sich das eigentliche Leben abspielt, an den Arbeitsplatz, und dorthin nicht 'als Besucher, sondern als einer von ihnen.

Erstaunt und erfreut

Heute war die erste Schicht! Der Portier hatte bereits meine Kennmarke 'bereitgelegt. Überall im Betrieb bin ich nur freundlichen Gesichtern begegnet, erstaunt, aber erfreut. Ehrlich gesagt: Ich hatte damit gerechnet, daß inan mir von Anfang an mit einer gewissen abwartenden Reserve gegenübertreten würde: „Was will denn der da? Abwarten, wie er ist!“ Das wäre nur zu selbstverständlich gewesen! Aber nichts davon. Alle begegnen mir mit überwältigender Kameradschaftlichkeit. Wenn ich irgendetwas ungeschickt anpacke, sofort ist einer da, der mir hilft. Wenn ich mich nicht auSkenne, brauche ich gar nicht um Rat zu fragen Wenn jeder Priester, der in eine neue Pfarre versetzt wird, dort von seinen neuen Mitbrüdern mit derselben vorbehaltlosen Herzlichkeit aufgenommen würde, mit der mich die Arbeiter in ihrer Mitte aufgenommen halben — es wäre um manchen Pfarrihof besser bestellt. Was haben wir, die wir so viel von Brüderlichkeit, von Nächstenliebe reden, von 'diesen Männern, ihrer Kameradschaftlichkeit ihrer Hilfsbereitschaft, ihrer Sohdarttät zu lernen!

Anonyme Christen

(Einige Tag« später. Im Betrieb wundert sich mittlerweile niemand mehr, wenn ich zur Schicht komme. Ich gehöre längst dazu.) Morgen ist Sonntag. Als ich noch einmal die Predigt für morgen überdenke, erinnere Ich mich an einen meiner Kumpel. Er war heute ein wenig enttäuscht: Aus e&ner Familie von zwölf Kindern in der Umgebung, die bitter arm ist, hat er eines der Kinder für den Sommer au sich genommen Aber der Bub Ist vor Heimweh fast vergangen. Da hat er ihn wieder zurückgebracht. Das Wort von Dietrich Bonhoeffer vom „religionslosen Christentum“, die Überlegungen von Karl Rahner und seinen Schülern vom „anonymen Christentum“, das alles wird in dieser Umwelt plastisch! Wer daran glaubt, daß Christus uns in den Menschen begegnet, wenn wir menschlich miteinander umgehen, der geht wohlgemut in diese Arbeitswelt. Bevor ich zu arbeiten anfing, nahm ich mir vor, mich jeden Abend zu fra-

gen: In welchem Menschen, auf welche Weise ist mir heute Christus begegnet? Jetzt, nachdem ich erst einige Tage arbeite, kann ich antworten: In diesen wenigen Tagen ist mir Christus dutzendemale begegnet.

Freilich: Es tut auch weh, zu spüren, wie groß die Kluft zwischen der Kirche und der Welt der Arbeit ist. Obwohl diese Männer als Christen leben, wollen sie zumindest mit der Kirche nichts zu tun haben. Nicht weil sie gegen Gott sind, auch nicht, weil sie gegen Christus oder den Glauben sind, sondern weil ihnen die Kirche nicht glaubwürdig erscheint, nicht zuletzt noch immer aus politischen Gründen. Und sie wollen auch mit den „Christen“ nichts zu tun haben. Aber sind wir Kirchenchristen daran nicht selber schuld? Leben wir nicht einen so wenig anziehenden Glauben, ein so saft- und kraftloses Christentum, daß es zu diesen Männern in ihrer rauhen, zu-

packenden und dabei doch so herzlichen Art gar' nicht paßt? Müssen Sie nicht geradezu außerhalb unserer kirchlichen Welt bleiben, durch unsere Schuld dem Unglauben, dem Aberglauben und der Gleichgültigkeit preisgegeben?

Sie brauchen uns!

Wenn ich jetzt am Abend durch die Straßen unserer Pfarre gehe, dann bleiben viele bei mlitr stehen, unterhalten sich mit mir und fragen mich, wie es mir geht, die das früher nie getan hätten. Und wenn ich in ein Gasthaus kornme, dann heißt es an allen Tischen: „Servus, Hauer. Da, setz' Dich her zu uns.“ Es ist schön, zu diesen Männern zu gehören. Und sie freuen sich, daß ich zu ihnen gehören will: Sie freuen sich, daß ich genau so selbstverständlich zu ihnen „Du“ sage, wie sie zu mir, daß ich mich nicht ton Steigerbad umziehe, sondern im Maunschaftsfoad. Und es stört keinen, ganz gleich wie er sonst zur Kirche steht, wenn an ihm die Reihe ist, dem Kaplan dm Rücken zu waschen, denn einer allein kann sich von dem Köhlenstaufo und Schimutz gar nicht reinigen.

Heute ist Freitag. Ich zelebriere die Abendmesse: Weich eine Kluft der Welten! Am Vormittag die Welt der Männer, hart und rauh. Undl jetzt am Abend diese alten Frauen, die still und andächtig den Gottesdienst mitfeiern. Für mich selbst ist dieser Gottesdienst freilich ein Erlebnis, wie ich überhaupt in diesen Tagen „pti'esterlicher“ lebe, als mir das sonst möglich ist. Die Sorge, ob sich denn Handarbeit und Priestertum vereinbaren lassen — wie sie in der Polemik um die französischen Arfoei-terpriester eine so große Rolle gespielt hat — ist wirklich unbegründet: Mag es heute noch so schwierig sein, theoretisch-theologisch Sinn, Notwendigkeit und Speziflikum des Welitprdesters genau und sauber zu umschreiben, mir ist es in diesen Wochen klarer denn je geworden, daß die Menschen uns Priester brauchen Mir ist freilich auch klar geworden, daß sich die Farm unserer Existenz noch grundlegend wird ändern müssen, damit wir für die Menschen erst richtig brauchbar werden. Aber ich spüre in mir eine große Freude an meinem Beruf, einen großen Optimismus, den ich gerne allen denen weitergeben möchte, die da zur Zeit behaupten, daß der junge Merus keinen Elan, keine Einsatzfreude, keinen Geist hätte und sich in 'dumpfem Pessimismus erginge.

Freilich, es tauchen auch andere Fragen auf: Wenn ich als Arbeiter aufgewachsen wäre — ginge ich dann am Sonntag in die Kirche? Ich glaube kaum. Ich würde das gleiche empfinden, was sie fast alle empfinden: Daß der Gottesdienst eine Welt ist, in der nicht ihre Sache betrieben wird. Eine Veranstaltung, die ihnen nichts gibt, von der sie „nichts haben“. Nicht in materiellem Sinn, aber die ihnen nicht hilft, ihr Leben besser und erfüllter zu leben, die ihnen nicht hilft in ihrer Familie, bei der Erziehung ihrer Kinder. Und ich

würde meine eigenen Predigten als das empfinden als was sie ihnen vorkommen müssen — als ein weit hergeholtes Geschwätz, das 'die eigentlichen Fragen ihres Lebens gar nicht kennt und das ich mir auch nicht Sonntag für Sonntag anhören würde. Wie wird sich unsere Kirche noch ändern müssen in allen ihren Lebensäußerungen, damit sie wieder eine Kirche der Menschwerdung, eine Kirche für die Menschen wird. Es wird viele Menschen brauchen, die dlie Welt der Arbeiter tatsächlich von innen kennen, weitaus besser kennen als das nach vier Wochen möglich ist, und die gleichzeitig eine leidenschaftliche Sorge, sowohl für die Kirche als für die Menschen, ih Sich tragen.

Nicht mehr „Hochwürden“

Natürlich gibt es auch Menschen, die sich mit 'der Vorstellung, daß der Priester heute nicht am Postament stehen will, daß er nicht mehr der „Hochwürden“ sein will, nicht so recht anfreunden wollen. Natürlich gibt es auch Menschen, die fast das Gefühl haben', daß der Kaplan sie „verraten“ habe, weil er nicht mehr ausschließlich für die da sein will, die in den Pfarrhof kommen, sondern weü er zu denen geht, die nicht von selbsit kommen, die aber darauf warten, daß man zu ihnen kommt — die darauf warten, daß in einzelnen Menschen, Laien wie Priestern, die Kirche zu Ahnen komme. Es stimmt ja gar nicht, daß die Kirche die Arbeiterschaft verloren bat Man kann nur verlieren, was man besitzt. Als aber die Inctostriearfoeiterschaft entstand, da war dlie Kirche nicht dabei. Da war sie — von Ausnahmen, die die Regel bestätigen, abgesehen — auf jeden Fall nicht in den Elends-quartieren, in den FabrikShallen und Kwhlengrubeii. Nicht die Arbeiter müssen wir in die Kirche holen, nein, umgekehrt: Es geht darum, den Arbeitern' die Kirche zu bringen. Wenn doch alle dabei mithelfen wollten, die mithelfen können: Die Priester, die in Industriepfarren tätig sind, und die gläubigen Christen dieser Pfarren, die sich so gerne über die Arbeiter stellen und die sich dafür nicht wundern dürfen, daß ihnen die Art der Arbeiter unbekannt und daher unbequem, oft sogar unheimlich ist.

Lehrreiche Wochen

Und dann ist meine Arbeitszeit zu Ende. Geradezu wehmütig gehe ich zum letztenmal beim Portier vorbei. Zum letztenmal, für dieses Jahr zumindest, denn ich möchte wiederkommen! Ich habe viel gelernt in diesen vier Wochen, viel mehr, als ich zu hoffen wagte. Ich habe erkennen gelernt, wie groß die Chancen sind, die die Kirche heute hat. Wenn wir nur die Kraft und die Energie hätten, zumindest einen Teil dieser Chancen auszunützen! Selbst lernen und Zeuge sein — ich danke Gott, daß ich das vier Wochen lang durfte. Und ich danke allen Menschen, durch die mir Gott dabei geholfen hat Zuerst meinen Arbeitskameraden, meinen Kumpeln in der Grube, zu denen ich mich auch jetzt rechne, wenn ich wieder in der Schule ihre Kinder unternehme, anstatt an ihrer Seite in 1100 Meter Tiefe bei über 30 Grad Hitze mit dem Preßlufthammer die Kohle abzubauen. Ich danke meinen Kaplanskollegen, die in ihren Pfarren das gleiche getan haben wie ich. Und ich danke allen Menschen, hier in Fohnsdorf und anderswo, die mir durch ihr Mitdenken, ihr Mitsorgen, ihre Mithilfe bei dem Versuch geholfen haben, Arbeiter zu werden, weil ich Priester bin.

Als ich zu arbeiten begann, habe ich einen Brief bekommen: „Ich möchte Dir viel Kraft und Gesundheit wünschen, damit Du Deinem Vorhaben gemäß wirken und handeln darfst. Sicher wirst Du nun vieles erleben, unbeschreiblich Schönes, aber auch Qualvolles und traurige Härte. Ich wünsche Dir so viel Freude, Liebe, aber auch Härte, als die anderen Dir abverlangen werden.“ Heute, nach meiner letzten Schicht, kann ich diesen Brief beantworten und das niederschreiben, was ich kaum zu hoffen wagte: „Diese Wochen waren für mich in meiner bisherigen Kaplanszeit die schönsten und lehrreichsten und, ich glaube, für unsere Pfarre auch die fruchtbarsten!“

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