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Weisheit liegt im Maßhalten

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Der Erzbischof von Wien und Vorsitzende der österreichischen Bischofskonferenz sprach am 31. Dezember 1973 in Hörfunk und Fernsehen zum Jahreswechsel.

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Der Erzbischof von Wien und Vorsitzende der österreichischen Bischofskonferenz sprach am 31. Dezember 1973 in Hörfunk und Fernsehen zum Jahreswechsel.

„Jedes Jahr ist eine Wende, aber bei diesem Jahreswechsel werden wir uns der Tatsache, vor einer Wende zu stehen, im besonderen Maße bewußt. Zum ersten Mal beschleicht uns eine gewisse Sorge. In den letzten Jahren sagten wir uns beim Jahreswechsel, es sollte uns im neuen Jahr nicht schlechter gehen als im alten. Und dahinter stand die Überzeugung, daß es uns eigentlich besser gehen würde. Und es ist uns tatsächlich immer besser gegangen. Manchmal beschlichen uns zwar Zweifel, ob es so weitergehen könne, immer so weiter, immer mehr produzieren, immer mehr konsumieren, aber wir

verscheuchten diese Zweifel. Warum sollte es nicht so sein. Es wird uns schon nicht schlechter gehen.

Nun wird es uns vielleicht — zum ersten Mal seit langer Zeit — im kommenden Jahr wirklich etwas schlechter gehen. Männer, die sich mit der Zukunft der Welt beschäftigen, haben es uns schon seit langem gesagt, daß wir Raubbau betreiben, daß die natürlichen Kräfte dieser Welt beschränkt sind, und nun sagen es uns auch andere: Wirtschaftsexperten, Wachstumsforscher, Politiker. Ihre Voraussagen stimmen zwar im einzelnen nicht immer überein, wohl aber darin, daß es im nächsten Jahr im allgemeinen schwieriger sein wird. Die Energie wird knapp werden, die Ölkrise ist vielleicht erst der Anfang. Das Wachstum unserer Wirtschaft wird sich verlangsamen. In manchen Ländern Europas rechnet man wieder mit größerer Arbeitslosigkeit. Das alles mag sich in Österreich vielleicht nicht so rasch und so direkt auswirken. Wir waren Nachzügler im Wirtschaftswunder, vielleicht sind wir auch Nachzügler in der Wirtschaftskrise. Aber einiges wird wohl auf uns zukommen.Vielleicht mag es manche geben, denen es gar nicht so schlecht vorkommt, wenn es uns weniger gut ginge. Mancher Schlendrian würde aufhören, eine aufsässige Jugend würde wieder Ordnung und Disziplin lernen und auch die Kirche sollte doch davon profitieren, denn nach einem alten Sprichwort soll ja bekanntlich Not beten lehren.

Ich glaube nicht, daß wir uns mit solchen vordergründigen Erwägungen trösten lassen sollten. Denn Not lehrt nicht nur beten, sie lehrt auch fluchen. Wir waren verträglich und friedlich, nicht zuletzt, weil es uns gutging. Was wird aus uns, wenn es uns schlechter geht? Wird dann wieder der Neid aufstehen und der Haß? Werden soziale und nationale Konflikte wieder aufbrechen, die der Wohlstand nur eingeschläfert hat? Was wird aus den Gastarbeitern, die wir in unser Land holten, weil wir sie brauchten und die wir, weiß Gott, nicht immer als Gäste behandelten? Sie werden die ersten sein, die wir wieder wegschicken, ohne zu fragen, was aus ihnen wird, ob sie nicht zu einem sozialen Sprengstoff in ihrer Heimat werden?

Wir wissen alle nicht, wie es kommen wird, aber wir sollten alle nachdenken, was wir dann tun, wenn ein Wirtschaftsrückschlag mit allen seinen Folgen auch uns trifft. Wir haben nur sehr begrenzte Möglichkeiten, ihn aufzuhalten oder zu mildern. Wir können kaum die materiellen wohl aber die sozialen, politischen und menschlichen Auswirkungen zu bewältigen versuchen. Wir werden alle ein wenig zusammenrücken und dabei mehr aufeinander Rücksicht nehmen müssen. — Leiben und leben lassen, diese österreichische Devise eines unbekümmerten Lebensgenusses wird bald einen neuen Sinn erhalten. Wenn ich leben will, muß ich auch die anderen leben lassen. Das Notwendige muß gesichert sein: Brot und Arbeit, das Dach über dem Kopf, die Sorge um die Kinder, um die Alten, um die Kranken, die Rücksicht auf die Schwachen, die sich nicht selbst helfen können. Was darüber hinaus geht, auf manches Angenehme, auf vieles Überflüssige werden wir vielleicht verzichten müssen. Wir alle und nicht nur jene, die immer gewohnt waren, zu verzichten und zu entbehren, und denen die anderen einredeten, es sei Gottes Wille, daß die einen weniger und die anderen mehr haben. Solange es uns gut ging, fanden wir nichts dabei, daß es anderen immer noch besser ging. Wenn es uns weniger gutgeht, soll sich die Kluft nicht vergrößern, sondern verkleinem. Wir haben in Österreich ein System des sozialen Ausgleiches gefunden, eine soziale Partnerschlaft, die Spannungen nie zu schweren Konflikten werden ließ. Dieses System wird seine schwerste Bewährungsprobe in den nächsten Jahren zu bestehen haben.

Wir werden auch politisch enger zusammenrücken müssen. Notwendige Auseinandersetzungen — und Politik bedeutet Auseinandersetzung — sollten sich in Formen vollziehen, die die gemeinsamen Grundlagen nicht gefährden. Die Opposition darf von der Regierung, die Regierung von der Opposition nichts Unzumutbares verlangen. Beide sollen auf die Durchsetzung von Maßnahmen verzichten, von denen sie wissen, daß sie breite Volksschichten zutiefst treffen, daß sie damit die gemeinsame Basis nicht stärken, sondern gefährden. Die Weisheit der Regierenden zeigt sich nicht zuletzt im Maßhalten, im Verzicht darauf, die Macht, die sie legalerweise besitzen, auch immer zu gebrauchen. Schon unter diesem Gesichtspunkt sollte die sogenannte Fristenlösung, die ein Großteil des österreichischen Volkes als einen schweren Schlag gegen ihre Uberzeugung empfunden hat, noch einmal überlegt werden. Das letzte Wort ist ja noch nicht gesprochen.

Wir sollten auch menschlich zusammenrücken, wir werden es brauchen. Wir können es uns nicht leisten zu sagen: „Was du willst, geht mich nichts an. Ich mache, was ich will.“ Mit der Freiheit ist es wie mit der Macht. Erst in der freiwilligen Aufgabe, im Verzicht um des anderen willen, zeigt sich menschliche Größe. Verständnis kann ich erst fordern, wenn ich selbst Verständnis zeige. Die Durchsetzung eigener Prinzipien, die Selbstverwirklichung ist nicht das letzte. Eine Selbstverwirklichung, die den anderen nicht mitnimmt, sondern ihn zurückstößt, verstört und zerstört, eine Selbstverwirklichung, die nicht Mitleid und Erbarmen kennt, ist Eitelkeit und Hochmut. Nicht was ich brauche, sondern was der andere braucht, darauf kommt es an. In einem alten Kirchenlied heißt es: „Wo die Liebe und die Güte wohnt, da wohnt auch der Herr.“ Wo die Liebe und die Güte wohnt, nur dort können aber auf die Dauer auch die Menschen wohnen. Wenn wir einmal Rechenschaft ablegen werden über unser Leben, dann wird die Frage nicht lauten: Hast du alles bekommen, was du gebraucht hast, hast du deine Prinzipien durchgesetzt, hast du dich selbst verwirklicht? Sondern: Was hast du für den anderen getan, deinen Bruder, deinen Nächsten? Hast du Liebe, Güte, Mitleid gegeben? Sind deine Hände voll mit dem, was du erreicht hast, oder sind sie leer, weil du gegeben hast von dir, dich selber? Der Mensch kann dem Menschen letztlich nur sich selber geben.

Vielleicht haben wir im kommenden Jahr mehr Zeit über all dies nachzudenken. Sich Zeit nehmen, sich Zeit lassen, auch das ist uns abhanden gekommen. Ein mit Arbeit und Vergnügen, mit Terminen und Verabredungen ausgefülltes Leben ist noch lange kein erfülltes Leben. Wir müssen uns Zeit lassen, zu uns selbst zu kommen. Das Gespräch, das Miteinandersein ist wichtig, das Alleinsein ist manchmal noch wichtiger. Vielleicht kommen wir darauf, daß vieles von dem, das für uns so wichtig war, das wir für so notwendig hielten, gar nicht so wichtig, gar nicht so notwendig ist.

Vielleicht kommen wir auch darauf, manche Parolen und Maximen in einem anderen Licht zu sehen. Istdie Lebensqualität, von der so viel geredet wird, wirklich nur gute Luft und gutes Wasser, gesunde Umwelt und gesundes Leben. Fitneß-Marsch und Landschaftsschutz, die Freude an der Leistung und die Freude sich etwas leisten zu können? Das ist alles sehr gut und richtig. Aber gehört nicht noch etwas dazu? Die Stille zum Beispiel, das Nachdenken, das Abwägen, die Grenzen erkennen, sich entscheiden können. Zeiten der Fülle, nicht nur der materiellen Fülle, verführen zu einem provisorischen Leben: Entscheidungen werden hinausgeschoben, ja ihre Notwendigkeit überhaupt geleugnet. Wozu sich entscheiden für eine Sache, für einen Menschen, wenn man alles haben kann? Aber Leben ist immer Entscheidung. Ohne Entscheidung gibt es keine Erfüllung. Man muß sich entscheiden zwischen mehreren Dingen, auch mehreren Menschen, die uns vielleicht gleich nahestehen. Manchmal müssen wir uns auch entscheiden zwischen dem, was für mich und dem was für den anderen gut ist: Zwischen Egoismus und Verzicht, zwischen Besitz und Liebe. Wir haben uns lange Zeit auf die eine Seite geschlagen. Wir wollten Gott ähnlich werden in der Macht, in der Leistung, in der Produktion, im Schaffen immer neuer Dinge. Das ging so weit, daß wir Ihn nicht mehr brauchten, nicht einmal als Lückenbüßer, denn was wir heute nicht vermögen, vermögen wir bestimmt morgen, so meinten wir.

Jetzt an der Schwelle dieses neuen Jahres verspüren wir wieder zum ersten Mal nach langer Zeit, daß wir nicht alles vermögen, daß der Mensch und seine Kräfte, die physischen und geistigen, daß die Natur und ihre Schätze nicht unbegrenzt sind. Jetzt wird uns langsam vor unserer angemaßten Gottähnlichkeit bange. Unsere Bäume wachsen nicht in den Himmel. Unsere Bäume nicht, aber unsere Liebe kann in den Himmel wachsen. Gott ist nicht ein Gott der Produktion und des Konsums, Gott ist ein Gott der Liebe, Gott ist die Liebe. Bei der Gottähnlichkeit in der Liebe gibt es keine Grenzen. Jesus hat uns durch sein Leben und durch seinen Tod gelehrt, was Liebe ist. Er ist gekommen, um von der Liebe Gottes zu den Menschen zu zeugen, er ist gekommen, zu versöhnen, die Menschen untereinander, die Menschen mit Gott, Gott mit der Welt. Liebe, Güte, Erbarmen und Versöhnung, das brauchte die Welt vor 2000 Jahren, das brauchen wir auch heute und in aller Zeit.

Meine lieben Freunde, vieles von dem, was ich Ihnen sagte, werden Sie in der einen oder anderen Form auch aus anderem Munde in diesen Tagen hören. Was ich sagen wollte, sollte keine düstere Zukunftsvision sein, keine Austerity-Predigt, kein Appell zum Verzicht und zur Einschränkung. Zum Zweifel an unserem bisherigen Leben ist wohl, zur Verzweiflung aber ist kein Anlaß. Was wirklich kommt, wissen wir nicht. Aber wir sollten uns vorsehen — nicht in Düsternis, nicht in Angst und Furcht, eher in Gelassenheit und Hoffnung. Das Herz des Menschen ist größer als Produktion und Konsum, und Gott ist größer als unser Herz, größer als unser Verstand, größer als unser Planen und unser Voraussehen. Mit dem materiellen Fortschritt werden wir Gott nicht erreichen. Wir können Ihm nur ähnlich werden in der Liebe, wir können Ihn nur erfahren in der Liebe: in der konkreten Liebe, in der Liebe zum Nächsten und Fernsten, in einer Liebe, die Entscheidung und Treue, Mitleid und Verzicht, Güte und Erbarmen mit einschließt.

Diese Liebe wünsche ich Ihnen und Ihren Familien, den Fröhlichen und Traurigen, den Geborgenen und Verlassenen, den Gläubigen und jenen, die nicht glauben können. Für alle ist Gott auf die Welt gekommen. Sie alle ruhen in Gottes Hand. Wenn wir diese Liebe haben, dann kann uns zwar viel passieren, im Grunde aber nichts geschehen. Dann wird das kommende Jahr für uns ein gesegnetes Jahr sein.“

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