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Digital In Arbeit

Jetzt sehe ich vieles mit anderen Augen

1945 1960 1980 2000 2020

Er hatte sein Studiim für ein halbes Jahr unterbrochen, um als Entwicklungshelfer in einer österreichichen Missionsstation im ekuadorianischen Küstenland zu arbeiten: ein Leben in einer ihm gänzlich fremden Welt. Als er wieder nach Wien zurückkommt, sieht er vieles anders.

1945 1960 1980 2000 2020

Er hatte sein Studiim für ein halbes Jahr unterbrochen, um als Entwicklungshelfer in einer österreichichen Missionsstation im ekuadorianischen Küstenland zu arbeiten: ein Leben in einer ihm gänzlich fremden Welt. Als er wieder nach Wien zurückkommt, sieht er vieles anders.

Wie wenig sich doch in einem halben Jahr ändert! Und doch sehe ich vieles mit anderen Augen. Wenn ich durch die Straßen gehe, die eiligen Leute betrachte, wenn ich mein gewohntes Leben lebe. Das Leben in der Selbstverständlichkeit. Wie selbstverständlich ist es uns doch, daß alles funktioniert, wovon wir wollen, daß es funktioniert. Wie selbstverständlich ist es uns, stets alles bereit zu haben, was wir für unser Leben benötigen, wie selbstverständlich, daß alles nach unserem Willen geschieht.

Mit vollem Bauch denke ich zurück an Ecuador, wo nicht allzuviel so funktioniert, wie ich es gewohnt bin. Zwar scheint in diesem Teil Lateinamerikas niemand zu verhungern, weil sowohl die tropischen Tiefebenen als auch das gebirgige Hochland äußerst fruchtbare Gebiete sind, doch leben nur die allerwenigsten in jenem Überfluß, den wir genießen dürfen.

Nach objektiven, zähl- und meßbaren Kriterien geht es den Menschen in jenem Erdteil bedeutend schlechter als uns. Wenn wir vergleichen, so sehen wir: Wir verdienen mehr, kleiden uns teurer und sterben später als andere. Wir besitzen größere Autos, größere Häuser und größere Fabriken. Wir leben in der Ersten Welt, andere nur in der Dritten.

Aus diesem Grund scheint es zwingend, daß wir es sind, die anderen in ihrer Entwicklung helfen, um dieses große Wohlstandsgefälle ein wenig auszugleichen. Manche tun dies, weil sie die Gefahr sehen, die uns langfristig aus diesem Unterschied droht, andere, weil sie die geschichtliche Verantwortung sehen, die wir Europäer haben.

Warum auch immer, wir leiten andere, um sie auf den Weg zu bringen, an dessen Ende wir heute stehen. Das ist uns ebenso selbstverständlich wie die Erziehung des Kindes durch den Erwachsenen. Hier beginnen sich mir die ersten Zweifel an der Richtigkeit unseres Weges zu stellen. Unsere Länder haben eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung durchgemacht, die andere vielleicht noch vor sich haben. Allzu leicht wird jedoch übersehen, daß sie in vielen Punkten gar nicht nachvollzogen werden kann, da die klimatischen, kulturellen und menschlichen Voraussetzungen völlig andere sind.

Das langfristige Denken, in dem wir groß geworden sind, ist den Ekuadorianern gänzlich fremd. Oft scheint dies für uns völlig unverständlich und der Hauptgrund dafür zu sein, daß in Entwicklungsländern im Grunde nicht viel nach unseren Vorstellungen funktioniert. Technische Geräte haben eine äußerst kurze Lebensdauer, Kassettenrecorder, Brunnenpumpen und Autobusse gehen schnell kaputt, weil sie nachlässig benützt werden.

Traktoren werden nicht gewartet und verrosten in kürzester Zeit, Häuser werden möglichst schnell und billig errichtet, um im nächsten Regenguß weggeschwemmt zu werden. Es wird nicht geplant und nicht allzuviel Wert auf die Zukunft gelegt.

Für uns ist Planung lebensnotwendig, da wir sonst den nächsten Winter nicht überstünden. Anderen Erdteilen ist sie fremd, da sie nicht nur ein zusätzlicher unnotwendiger Aufwand wäre, sondern auch vieles zerstören würde. Ein Bauer in den Tropen wäre töricht, sich ein Lager für seine Ernte anlegen zu wollen, um auf höhere Preise zu warten, ebenso jener, der in größter Mittagshitze seinen Traktor warten würde, um dessen Lebensdauer zu verlängern. Die Ernte würde rasch verdorren, der Bauer mit seinen Kräften am Ende sein.

Daher sieht man ihn öfter ruhig im Schatten sitzen als man ihn bei der Arbeit antrifft. Ob seine Ernte und sein Verdienst ausreichen, um ihn auch morgen zu versorgen interessiert ihn weniger. Schließlich hat er noch nie einen strengen Winter erlebt und es bisher auch so irgendwie geschafft.

Wir haben gelernt, stets an morgen zu denken und schütteln den Kopf über jene, die das nicht tun. Allzu leicht vergessen wir aber, unter welchen Opfern wir diese Lebensart verfolgen. Wir können nicht nur bereits heute an morgen denken, oft müssen wir es sogar. In diesem Denken droht jede Handlung zum Mittel für einen höheren Zweck degradiert zu werden. Wir leben, um zu arbeiten. Wir schlafen, um danach ausgeruht arbeiten zu können, wir lernen und studieren, um danach ausgebildet arbeiten zu können, wir machen Urlaub, um danach erholt arbeiten zu können.

Wir leben, um zu arbeiten. Andere arbeiten, um zu leben. Dies ist ein Punkt, von dem ich glaube, viel von der Dritten Welt lernen zu können. Dort herrscht nicht jene Verbissenheit, mit der wir dem materiellen Erfolg nacheifern, dort wird nicht derart dem Mammon gedient, wie wir es gewohnt sind. Sicherlich haben wir mehr Geld, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen, jene dagegen viel mehr Zeit. Zeit zu feiern, Zeit zu singen, Zeit zu tanzen. Zeit zu leben.

Es macht mich glücklich zu sehen, daß die oft verheerende materielle Armut von den Betroffenen nicht immer so gesehen wird. Viele streben nicht nach mehr, sondern sind gück-lich über das, was sie haben und genießen es in einem für mich bisher unvorstellbaren Ausmaß.

Es ist schön zu sehen, wie subjektiv Armut und Reichtum im Grunde sind. Jede* Kleinigkeit, die von uns nicht eines Blickes gewürdigt würde, wird .mit viel Liebe bedacht, jede Mahlzeit zelebriert, jedes Fest mit einer ungeheuren Lebensfreude gefeiert.

Diese Lebensform scheint mir dem christlichen Gedanken oft mehr zu entsprechen als unsere. Im Streben nach materiellem Erfolg versuchen wir immer wieder, uns selbst in den Mittelpunkt zu stellen und unsere eigene Unvollkommenheit zu verleugnen. Wir streben stets nach mehr, nach der perfekten, machbaren Welt und übersehen dabei unsere eigenen Grenzen. Der Fortschritt vergißt, innezuhalten und sich selbst zu hinterfragen. Dem schnelleren Fortkommen wird vieles geopfert. Menschliche Beziehungen, Alte und Kranke und ungeborene Kinder.

In der kurzen Zeit, in der ich in Südamerika gelebt habe, konnte ich sehen, daß es auch andere Wege gibt als jene, die wir für die einzig richtigen halten. Sie mögen für unser Leben hier nicht immer passend sein, doch nehmen sie viel von der scheinbaren Allgemeingültigkeit unserer Wege und Werte. Wir sind bemüht, anderen zu helfen, können dabei viel Not lindern, vieles jedoch auch zerstören. Gerade wenn wir uns bewußt sind, daß nicht alles, was wir anderen beizubringen versuchen für sie positive Auswirkungen hat, wird unsere Hilfe insgesamt besser sein. Andere Kulturen können manches von uns lernen. Wir von ihnen ebenfalls.

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