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Warum wird so wenig gegen die Not getan?

1945 1960 1980 2000 2020

„Gedanken ..." lautete der Titel dieses Beitrages in der Schülerzeitung „Oink", die von Olaf Lingenhöle (Wien-Südstadt) herausgegeben wird. Ein Artikel, der in ungewöhnlicher Dichte alle Fragen und Probleme angeht, mit denen sich die Schülerzeitungen der letzten Zeit befassen. Man mag manche Lösungsvorschläge des Verfassers als naiv ansehen, aber man sollte nicht übersehen, daß hier nicht eine Meinung von vielen steht, sondern eine, die man in vielen anderen Schülerzeitungen geteilt findet, um sich daher ernsthaft damit auseinandersetzen.

1945 1960 1980 2000 2020

„Gedanken ..." lautete der Titel dieses Beitrages in der Schülerzeitung „Oink", die von Olaf Lingenhöle (Wien-Südstadt) herausgegeben wird. Ein Artikel, der in ungewöhnlicher Dichte alle Fragen und Probleme angeht, mit denen sich die Schülerzeitungen der letzten Zeit befassen. Man mag manche Lösungsvorschläge des Verfassers als naiv ansehen, aber man sollte nicht übersehen, daß hier nicht eine Meinung von vielen steht, sondern eine, die man in vielen anderen Schülerzeitungen geteilt findet, um sich daher ernsthaft damit auseinandersetzen.

Da ist die Welt, in der wir leben: Die Landschaft, unsere Umwelt, wird zerstört. Die Unterschiede zwischen Armen und Reichen werden größer. Wir wissen kaum, was wir uns zu Weihnachten schenken sollen. Anderswo haben die Menschen nichts zu essen.

Man baut Atomkraftwerke, um den wachsenden Wohlstand zu sichern. Wohlstand für wen? Wieso hat man noch nicht bewiesen, daß Atomkraftwerke nicht gefährlich sind? Kann man es nicht? Sind die Menschen zu wenig dumm dazu?

Wir können besser und schneller töten als früher (wöchentlich werden über vier Milliarden Dollar für Militärzwecke ausgegeben). Wozu gibt es die Produktion von Waffen? Weil es Arbeitsplätze sichert? Weil einige damit Millionen verdienen? Weil die einen nicht das Regime der anderen wollen? Böse Menschen gibt es in Ost und West! Böse sind die, die oben sind, die über andere bestimmen. Der Arbeiter, der den Panzerteil herstellt, ist nicht böse; er ist nur arm, gezwungen zu dieser Arbeit! Was wäre, wenn alle aufhören würden, Waffen herzustellen? Dann müßten die wenigen, die den Krieg wollen, das selbst tun.

Im Krieg töten Menschen Menschen, weil es ihnen befohlen wird. Im Krieg ist Töten erlaubt, da sind die Gesetze anders. Wozu gibt es Gesetze? Was ist von Gesetzen zu halten, die uns befehlen zu töten? Was ist von Institutionen zu halten, die uns trainieren, andere zu töten? Im Ernstfall. Die anderen, sind das unsere Feinde? Ich sage: Der Krieg ist unser gemeinsamer Feind. Und dieser Feind ist chancenlos, wenn niemand mehr zu' Waffen greift. Auch nicht zu Übungszwecken. Dann können die, die den

Krieg wollen, sich selbst gegenseitig umbringen.

Menschen warten in Altersheimen irgendwie auf den Tod. Sie haben ihre gemütlichen Wohnungen verloren, weil Banken und Versicherungen an ihrer Stelle Büros errichten, überall in den Zentren der Städte. Weil es sich dort lohnt.

Wir haben Vergnügungszentren, Ballungsräume für Belustigung und Zerstreuung; Automaten, durch die wir Ersatzbefriedigung finden; Maschinen, Apparate, aus denen wir Glück konsumieren können. Wir haben chemische Präparate, mit denen wir die Erscheinungen von Streß und ungesundem Leben unterdrücken können. Wir haben so viel Fortschritt, daß unsere Kinder keinen Platz mehr zum Spielen haben, daß eine Beschäftigung mit ihnen keinen Platz mehr in den Terminkalendern der Erwachsenen hat. Wir haben Kinder, die stundenlang vor dem Fernseher sitzen. Was verstehst du unter Fortschritt?

Warum wird so wenig gegen die Not unternommen?

Weil die Not der vielen den Reichtum der wenigen erhält? Warum gibt es Not? In China hungern sie nicht, in Amerika hungern sie. Warum? Was weißt du über China? Was weißt du über Amerika? Die Güter dieser Welt sind ungleich verteilt. Die Wenigen sind sehr viel reicher als die Vielen. Sind die Reichen tüchtiger als die Armen? Die Reichen hatten bessere Voraussetzungen, hatten die Chancen, reich zu werden, genützt. Ihre Lebensweise ist schuld, daß es Arme gibt, daß es die Umweltzerstörung gibt.

Der Fabriksbesitzer kann mehr verschmutzen, weil er über mehr Abfälle verfügt. Die Fische in unseren Seen und Flüssen lassen sich nicht so leicht schützen. Die mächtigen Leute mit den Fabriken sind nicht so sehr an Fischen interessiert. Außer, sie würden Fischmehl produzieren oder Fische verkaufen. Außer, sie machten das große Geschäft mit den Fischen. Sie sind in erster Linie an ihrem Profit interessiert. Und der ist für die meisten größer, wenn sie das Wasser vergiften.

Doch die Reichen allein sind nicht die Gesellschaft. Da gibt es viele, die weder arm noch reich sind. Doch alle beuten die Natur aus, nehmen, was sie nehmen können, ohne zu bedenken, was es für morgen bedeutet. Auch wir.

Wir alle unterwerfen alles unseren eigenen momentanen Bedürfnissen. Wir amüsieren uns in Zirkus und Zoo auf Kosten der Tiere. Wir kämpfen gegen unsere soziale Umgebung. In der Schule, am Arbeitsplatz, beim Sport. Wir müssen besser sein, mehr haben als die anderen. Nur wer über dem anderen steht, wird anerkannt, kann sich selbst anerkennen. Dann hat er auch mehr zu sagen, hat mehr Macht, kann über andere bestimmen. Warum? Wozu?

Die Wirtschaft hätte die Aufgabe, zu produzieren, was wir Menschen brauchen. Heutzutage aber brauchen wir das, was die Wirtschaft produziert. Das sind Dinge, die wir zu brauchen glauben, das sind künstlich erweckte Bedürfnisse, die wir befriedigen zu müssen glauben. Und wir kaufen, damit die Hersteller ihren Gewinn steigern können, denn die Wirtschaft muß wachsen und wachsen und wachsen und verschmutzen und verschmutzen und zerstören und zerstören.

Und wir haben den Opernball, denn irgendwie müssen die Reichen ihr Geld wieder loswerden (Swim-ming-pool und Rolls-Royce haben sie ja schon). Und wir, die Jugend, die wir auch weder arm noch reich sind, finden das gut; wir gehen in die Schule, um dann auch in den Produktionsprozeß einzusteigen, denn wir wollen ja einmal mehr haben, mehr sein als unsere Eltern.

Und wir suchen Ruhe, Ausgeglichenheit, Liebe, Zärtlichkeit, Anerkennung, Geborgenheit, Freiheit, Abenteuer mit Hilfe von Zigaretten, Parfüm, Mopeds und modischem Zeug-Illusionen . 1. Alles zugunsten derer, die schon reich sind. Auf Kosten der anderen. Auf Kosten der Umwelt. Auf Kosten derer, die nach uns kommen.

Es kommt nicht darauf an, irgendwelchen Normen zu entsprechen. Es kommt darauf an, etwas zu tun, damit wir eine gerechtere Welt haben (oder ist es recht, daß die einen an Hunger, die anderen an Ubersättigung sterben?). Etwas zu tun, heißt aber nicht nur Strukturen zu ändern, sondern auch unsere Wertvorstellung, unser Bewußtsein, unser Verhalten.

Es ist zum Beispiel denkbar, daß wir lernen, besser miteinander umzugehen, einander mehr Freiheit und Zuneigung zu schenken, miteinander statt gegeneinander zu leben.

Es ist auch denkbar, daß die Umweit geschützt und die Natur erhalten wird, daß dauerhaftere Kleider hergestellt werden, daß das Wirtschaftswachstum, die unsinnige Produktion materiellen Schnickschnacks eingeschränkt wird, daß die Menschen freier, offener, menschlicher werden, daß sie zusammenarbeiten, zusammenleben und zusammenhalten, daß Töpfern für genauso wichtig gehalten wird wie Rechnen.

Wir brauchten keine Werbung, die einem vorschreibt, was man noch kaufen muß, um glücklicher zu sein. Es könnte mehr öffentliche Verkehrsmittel geben als private. Wir hätten weniger Abgase, keine Kolonnen und mehr Zeit, miteinander zu sprechen. Wir könnten Siedlungen bauen, in denen der Arbeitsplatz näher bei der Wohnung hegt. Wir hätten dadurch weniger Verkehr, und die Kinder könnten ihre Eltern öfter sehen. Wir könnten Haushaltsgeräte, Fahrzeuge, Räume gemeinsam benützen und so Energie und Rohstoffe sparen. Die Menschen könnten mehr miteinander in Kontakt treten.

Warum ist das nicht alles so? Können wir die jetzige Situation gar nicht verändern? Doch, wir können! Wenn wir uns zusammentun!

In Gruppen können wir lernen, was uns in der Schule nicht beigebracht wird: miteinander zu reden, einander zu begegnen, Schwächen zu zeigen, zu vertrauen, beizustehen, gemeinsam für eine gute Sache zu kämpfen, solidarisch zu leben.

Wenn wir Menschen auch lernten, Freiheit, Zärtlichkeit und Geborgenheit zu schenken, dann könnten wir uns lieben statt Liebesfilme zu konsumieren, dann könnten wir miteinander „streiten" statt zu saufen, dann könnten wir miteinander leben!

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