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Gesellschaft

Wieviele Menschen verträgt die Erde?

1945 1960 1980 2000 2020

In atemberaubendem Tempo wird das Raumschiff Erde weiter mit Menschen beladen. Die Steigerung des Lebensalters erhöht allerdings ebenfalls beträchtlich die Anzahl der bereits Anwesenden.

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In atemberaubendem Tempo wird das Raumschiff Erde weiter mit Menschen beladen. Die Steigerung des Lebensalters erhöht allerdings ebenfalls beträchtlich die Anzahl der bereits Anwesenden.

Vor einer Woche ging das Bild eines Neugeborenen um die Welt, das viele Menschen gerührt und bewegt hat. Es war ein Kind muslimischer Bosniaken in Sarajewo; UN-Generalsekretär Kofi Annan präsentierte den Kleinen medienwirksam als den sechsmilliardsten Erdenbürger.

Es liegt auf der Hand, daß dieses Kind rein willkürlich auserkoren wurde, denn pausenlos werden irgendwo auf der Welt Babies geboren. Im Durchschnitt fünf pro Sekunde, das wären 442.000 an einem Tag, 160 Millionen in einem Jahr. Das heißt: an diesem Tag hätte es auch noch eine Menge andere Neugeborene gegeben, die außer dem Licht der Welt auch gleich das Blitzlicht von Reportern hätten erblicken können.

Kann sein, daß Mensch Nummer 6.000.000.000 tatsächlich just an diesem Tag und in dieser Region geboren wurde. Vielleicht aber auch ganz woanders. In Indien beispielsweise, wo die Zunahme der Bevölkerung mit 16 Millionen jährlich weltweit am stärksten ist. Bald wird der einmilliardste kleine Inder das Licht der Welt erblicken. Vermutet wird, daß dies ohnehin schon im Sommer dieses Jahres geschehen ist.

Kein Verschnaufen In atemberaubendem Tempo wird das Raumschiff Erde also weiterhin mit Menschen beladen. Es gibt keine Verschnaufpause. Seit 1960 hat sich die Menschheit von drei auf sechs Milliarden verdoppelt. Vor zwölf Jahren waren wir erst fünf Milliarden ... Die Hälfte der Erdbewohner ist noch keine 25 Jahre alt, in den kommenden Jahren erreichen mehr Frauen das gebärfähige Alter als je zuvor. Wenn das Wachstum anhält - derzeit vermehrt sich die Weltbevölkerung um 78 Millionen Menschen pro Jahr -, haben wird alle zwölf bis 14 Jahre um eine Milliarde Menschen mehr auf unserem Planeten, sagt Nafis Sadik, Exekutivdirektor des UN-Bevölkerungsfonds.

Wieviele Menschen vermag die Erde noch zu tragen? Zu ernähren? Ihnen einen wohnlichen Lebensraum zu geben?

Das rasante Wachstum vollzieht sich zu 98 Prozent in den Entwicklungsländern. Neben Indien sind das China mit elf Millionen, Pakistan mit vier Millionen, Indonesien mit drei, Nigerien mit 2,5 Millionen jährlich. (In manchen afrikanischen Ländern, wie beispielsweise im Tschad, hat sich die Bevölkerung innerhalb von nur zwei Jahrzehnten verdoppelt.)

Unendlich viele Familien auf dieser Welt führen offensichtlich ihr Leben, ohne den Nachwuchs zu planen oder sich zu überlegen, ob sie ihn nach der Geburt halbwegs ernähren und die Hoffnung haben können, daß er irgendwann ein menschenwürdiges Leben führen kann.

Hinter dem rapiden Wachstum in den Entwicklungsländern stecken aber weder pure Ignoranz noch Blindheit. Beziehung, Familienleben wird nicht spontan und frei gestaltet, sondern ist immer von bestimmten kulturellen Vorstellungen, Traditionen, Sitten und Bräuchen, Sicht- und Verhaltensweisen geprägt. Die muß man sehen, um zu verstehen, was in diesen Ländern vor sich geht: Es bringt beispielsweise soziales Prestige, möglichst viele Kinder zu haben und Potenz zu zeigen. In vielen Teilen Afrikas, Lateinamerikas oder Asiens ist ein Mann nur ein Mann, wenn er viele Kinder zeugt. Nach allem, was wir wissen, werden die Frauen gezwungen, häufiger zu gebären, als sie das eigentlich wollen. Könnten sie frei entscheiden, fiele die Zahl der Kinder schon heute wesentlich niedriger aus.

Hinter dem männlichen Verhalten steckt aber nicht einfach immer nur Potenzprotzerei. Es gibt zum Beispiel auch den massiven Wunsch nach Kontinuität der Sippe oder des Clans. Der Mann will sich durch Kinder und Kindeskinder in der Zukunft verewigen ("Die Tür meines Hauses soll sich nie schließen"). Eine große Kinderschar weist nicht nur die biologische Potenz aus, sondern auch die Potenz, für die Zukunft der Sippe zu sorgen.

Wer überlebt?

Daß sich viele Frauen aber durch die vielen Schwangerschaften wie erdrückt und gesundheitlich ausgelaugt fühlen, spielt im herrschenden männlichen Bewußtsein allerdings keine Rolle. Hinzu kommt noch etwas: Immer noch ist die Kindersterblichkeit sehr hoch, und viele Frauen in den Ländern der Dritten Welt hüten sich vor einer zu starken emotionalen Bindung an ihr Kind. Sie wissen nicht, ob sie es früher oder später nicht ohnehin wieder verlieren werden ...

Die ungeheure Dramatik der Geburtenentwicklung hat allerdings etwas anderes völlig aus dem Blickfeld gedrängt: in den Industrienationen wird die demografische Entwicklung ebenfalls das Gesicht der Menschheit ganz entscheidend verändern. Die Staaten der industrialisierten Welt haben zwar ein rasantes Wachstum durch Geburten fast eingestellt - aber es sind nicht nur die Kinder, die zur Zunahme der Weltbevölkerung führen. Die kontinuierliche Steigerung des Lebensalters erhöht ebenfalls ganz beträchtlich die Zahl derer, die den Planeten bevölkern. Die Last des Schiffes Erde wird immer schwerer, weil die Menschen immer länger auf ihm verweilen. Das heißt, mit diesem Bild des sechsmilliardsten Babies wird im Grund ein völlig verzerrtes Bild präsentiert - es müßte eigentlich auch bereits das Bild vom sechsmilliardsten alten Menschen dazukommen ...

Trotzdem bleibt die Frage: Wieviele Menschen sollte es vernünftigerweise auf der Erde geben? Immer wieder wird hier aneinander vorbeidiskutiert. Die einen argumentieren wie Techniker und Ingenieure, reden von "Einbremsung", "Senkung der Geburtenzahlen", "Steuerung der Selbstreproduktion" usw. Geradeso, als ob der Ausstoß einer Produktionsmaschine vergrößert oder verkleinert werden soll. Die anderen hingegen fragen sich, wie kann man die Menschen dazu bringen, daß sie - ohne kulturell vergewaltigt zu werden - ihr Bewußtsein ändern und begreifen, daß weniger Kinder mehr (Über-)Lebenschancen haben?

Wer ausschließlich mit der Steuerung und Kalkulation von Zahlen argumentiert, kann im Grunde eigentlich nur eines sagen: die Bevölkerungsstatistik kann nur stabilisiert werden, indem entweder die Geburtenzahl vermindert oder die Sterbezahl der älteren Menschen erhöht wird. Allein diese makaber klingende Aussage zeigt, daß sich das ganze Problem aber nicht einfach nur nach Maßgabe von Zahlen sehen und beurteilen läßt. Es wäre Hybris, sich einzureden, wir wären eine Art Generaldirektoren der Schöpfung, die genau wissen, wieviele Menschen auf der Erde sein dürfen. Nach den Humanitätsvorstellungen unserer Zivilisation ist es immer noch menschlicher, die Kinderzahl verantwortungsvoll zu reduzieren, als die Lebenszeit älterer Menschen zu verkürzen.

Gefangen in Zahlen?

Man muß auch aufpassen, sich nicht zum Gefangenen von zahlenmäßigen Einengungen zu machen: Vielleicht gibt es schon übermorgen einen Durchbruch in der Ernährungsforschung, in der Wasserbewirtschaftung? Auch bisher ist immer wieder etwas erfunden worden, das ein Wachstum der Erdbevölkerung erlaubt hat, zum Beispiel die Erfindung des künstlichen Düngers. Vielleicht sind sogar irgendwann zwölf Milliarden Menschen kein Problem. Aber darauf kann man sich natürlich nicht verlassen. Eine eindeutige Antwort auf die Frage, wieviele Menschen verträgt die Erde, gibt es nicht. Vielleicht wird es sie auch nie geben. Es kann in der menschlichen Entwicklung immer auch Überraschungen geben. Auch unerquickliche. Vielleicht kommt wirklich die große Klimakatastrophe, vielleicht werden auch bahnbrechende Erfindungen gemacht.

Das ist die Schwierigkeit jeder Gesellschaftspolitik - daß es anders kommt oder kommen kann, als es die "Berechnung" vorgibt. Dennoch entbindet uns das nicht zu sagen: Vielleicht passieren Wunder, aber eben nur vielleicht ... Aus dieser Verantwortung kommt man nicht heraus. Wir müssen immer wieder Situationen neu einschätzen, neu abwägen, einen Anlauf nehmen, dazulernen.

Natürlich gibt es auch Widerstände und Bedenken gegen die laufenden Programme und Maßnahmen zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums, wie zum Beispiel den freien Zugang zu Verhütungsmitteln. Der gängige, meist im Vordergrund stehende Einwand ist: Der Mensch darf die gottgeschaffene Natur nicht manipulieren wollen.

Leben verlängern Das führt allerdings zu der Frage: Wann ist menschliches Leben eigentlich "gottgefällig" und "sinnvoll"?

"Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral." Dieser Satz von Brecht stammt eigentlich von Thomas von Aquin. In seinem "Fürstenspiegel", Buch I, Kap. 15, heißt es: ein gewisses Maß an materiellen Gütern ist die Voraussetzung dafür, daß sich menschliche Tugenden entwickeln können. Wenn der heiliggesprochene, größte christliche Theologe unserer Kultur recht hat, dann folgt daraus: Es ist nur dann verantwortbar, einen Menschen in die Welt zu setzen, wenn man annehmen kann, daß dieser Mensch von seinen materiellen Lebensumständen her in die Lage kommt, ein "anständiges" Leben zu führen und nicht nur zu vegetieren. Denn nur so wird er seiner Berufung als Ebenbild Gottes gerecht. Auch darüber muß man also nachdenken, wenn man fragt, wieviele Kinder auf der Welt verantwortbar sind.

Natürlich könnte man sagen: Die Entwicklung der Geburten muß man der "Natur" überlassen. Aber wieso eigentlich? Wir haben das Leben insgesamt auch nicht nur der Natur überlassen. Krankheiten wurden zurückgedrängt. Dort, wo die Medizin eingesetzt werden kann, werden ältere und alte Menschen immer häufiger am Leben erhalten ... Kann es vertretbar sein, in Spitälern mit allen Mitteln um das Leben eines Menschen zu kämpfen, aber gleichzeitig zuzulassen, daß Kinder auf die Welt kommen, die keine Chancen haben, ein Leben in Würde zu führen???

Es geht um die Verantwortung dafür, was Menschen tun auf dieser Welt. Wie schaffen wir Leben? Wie verlängern wir Leben?

Wir verwenden jede Menge Medikamente, um das Leben zu verlängern und unsere Schmerzen zu bekämpfen. Warum nicht auch mit Pharmaka so das Leben gestalten, daß für gewisse Phasen im Leben die Fruchtbarkeit aufgehoben ist?

Es ist das Schicksal des Menschen, zugleich Natur-, Kultur- und Geistwesen zu sein. Da sind das Nachdenken und die produktive Vorstellungskraft immer wieder gefordert. Wahrscheinlich "ewig". Es ist fast sündhaft, davon nicht in genügendem Ausmaß Gebrauch zu machen.

Vor einer Woche ging das Bild eines Neugeborenen um die Welt, das viele Menschen gerührt und bewegt hat. Es war ein Kind muslimischer Bosniaken in Sarajewo; UN-Generalsekretär Kofi Annan präsentierte den Kleinen medienwirksam als den sechsmilliardsten Erdenbürger.

Es liegt auf der Hand, daß dieses Kind rein willkürlich auserkoren wurde, denn pausenlos werden irgendwo auf der Welt Babies geboren. Im Durchschnitt fünf pro Sekunde, das wären 442.000 an einem Tag, 160 Millionen in einem Jahr. Das heißt: an diesem Tag hätte es auch noch eine Menge andere Neugeborene gegeben, die außer dem Licht der Welt auch gleich das Blitzlicht von Reportern hätten erblicken können.

Kann sein, daß Mensch Nummer 6.000.000.000 tatsächlich just an diesem Tag und in dieser Region geboren wurde. Vielleicht aber auch ganz woanders. In Indien beispielsweise, wo die Zunahme der Bevölkerung mit 16 Millionen jährlich weltweit am stärksten ist. Bald wird der einmilliardste kleine Inder das Licht der Welt erblicken. Vermutet wird, daß dies ohnehin schon im Sommer dieses Jahres geschehen ist.

Kein Verschnaufen In atemberaubendem Tempo wird das Raumschiff Erde also weiterhin mit Menschen beladen. Es gibt keine Verschnaufpause. Seit 1960 hat sich die Menschheit von drei auf sechs Milliarden verdoppelt. Vor zwölf Jahren waren wir erst fünf Milliarden ... Die Hälfte der Erdbewohner ist noch keine 25 Jahre alt, in den kommenden Jahren erreichen mehr Frauen das gebärfähige Alter als je zuvor. Wenn das Wachstum anhält - derzeit vermehrt sich die Weltbevölkerung um 78 Millionen Menschen pro Jahr -, haben wird alle zwölf bis 14 Jahre um eine Milliarde Menschen mehr auf unserem Planeten, sagt Nafis Sadik, Exekutivdirektor des UN-Bevölkerungsfonds.

Wieviele Menschen vermag die Erde noch zu tragen? Zu ernähren? Ihnen einen wohnlichen Lebensraum zu geben?

Das rasante Wachstum vollzieht sich zu 98 Prozent in den Entwicklungsländern. Neben Indien sind das China mit elf Millionen, Pakistan mit vier Millionen, Indonesien mit drei, Nigerien mit 2,5 Millionen jährlich. (In manchen afrikanischen Ländern, wie beispielsweise im Tschad, hat sich die Bevölkerung innerhalb von nur zwei Jahrzehnten verdoppelt.)

Unendlich viele Familien auf dieser Welt führen offensichtlich ihr Leben, ohne den Nachwuchs zu planen oder sich zu überlegen, ob sie ihn nach der Geburt halbwegs ernähren und die Hoffnung haben können, daß er irgendwann ein menschenwürdiges Leben führen kann.

Hinter dem rapiden Wachstum in den Entwicklungsländern stecken aber weder pure Ignoranz noch Blindheit. Beziehung, Familienleben wird nicht spontan und frei gestaltet, sondern ist immer von bestimmten kulturellen Vorstellungen, Traditionen, Sitten und Bräuchen, Sicht- und Verhaltensweisen geprägt. Die muß man sehen, um zu verstehen, was in diesen Ländern vor sich geht: Es bringt beispielsweise soziales Prestige, möglichst viele Kinder zu haben und Potenz zu zeigen. In vielen Teilen Afrikas, Lateinamerikas oder Asiens ist ein Mann nur ein Mann, wenn er viele Kinder zeugt. Nach allem, was wir wissen, werden die Frauen gezwungen, häufiger zu gebären, als sie das eigentlich wollen. Könnten sie frei entscheiden, fiele die Zahl der Kinder schon heute wesentlich niedriger aus.

Hinter dem männlichen Verhalten steckt aber nicht einfach immer nur Potenzprotzerei. Es gibt zum Beispiel auch den massiven Wunsch nach Kontinuität der Sippe oder des Clans. Der Mann will sich durch Kinder und Kindeskinder in der Zukunft verewigen ("Die Tür meines Hauses soll sich nie schließen"). Eine große Kinderschar weist nicht nur die biologische Potenz aus, sondern auch die Potenz, für die Zukunft der Sippe zu sorgen.

Wer überlebt?

Daß sich viele Frauen aber durch die vielen Schwangerschaften wie erdrückt und gesundheitlich ausgelaugt fühlen, spielt im herrschenden männlichen Bewußtsein allerdings keine Rolle. Hinzu kommt noch etwas: Immer noch ist die Kindersterblichkeit sehr hoch, und viele Frauen in den Ländern der Dritten Welt hüten sich vor einer zu starken emotionalen Bindung an ihr Kind. Sie wissen nicht, ob sie es früher oder später nicht ohnehin wieder verlieren werden ...

Die ungeheure Dramatik der Geburtenentwicklung hat allerdings etwas anderes völlig aus dem Blickfeld gedrängt: in den Industrienationen wird die demografische Entwicklung ebenfalls das Gesicht der Menschheit ganz entscheidend verändern. Die Staaten der industrialisierten Welt haben zwar ein rasantes Wachstum durch Geburten fast eingestellt - aber es sind nicht nur die Kinder, die zur Zunahme der Weltbevölkerung führen. Die kontinuierliche Steigerung des Lebensalters erhöht ebenfalls ganz beträchtlich die Zahl derer, die den Planeten bevölkern. Die Last des Schiffes Erde wird immer schwerer, weil die Menschen immer länger auf ihm verweilen. Das heißt, mit diesem Bild des sechsmilliardsten Babies wird im Grund ein völlig verzerrtes Bild präsentiert - es müßte eigentlich auch bereits das Bild vom sechsmilliardsten alten Menschen dazukommen ...

Trotzdem bleibt die Frage: Wieviele Menschen sollte es vernünftigerweise auf der Erde geben? Immer wieder wird hier aneinander vorbeidiskutiert. Die einen argumentieren wie Techniker und Ingenieure, reden von "Einbremsung", "Senkung der Geburtenzahlen", "Steuerung der Selbstreproduktion" usw. Geradeso, als ob der Ausstoß einer Produktionsmaschine vergrößert oder verkleinert werden soll. Die anderen hingegen fragen sich, wie kann man die Menschen dazu bringen, daß sie - ohne kulturell vergewaltigt zu werden - ihr Bewußtsein ändern und begreifen, daß weniger Kinder mehr (Über-)Lebenschancen haben?

Wer ausschließlich mit der Steuerung und Kalkulation von Zahlen argumentiert, kann im Grunde eigentlich nur eines sagen: die Bevölkerungsstatistik kann nur stabilisiert werden, indem entweder die Geburtenzahl vermindert oder die Sterbezahl der älteren Menschen erhöht wird. Allein diese makaber klingende Aussage zeigt, daß sich das ganze Problem aber nicht einfach nur nach Maßgabe von Zahlen sehen und beurteilen läßt. Es wäre Hybris, sich einzureden, wir wären eine Art Generaldirektoren der Schöpfung, die genau wissen, wieviele Menschen auf der Erde sein dürfen. Nach den Humanitätsvorstellungen unserer Zivilisation ist es immer noch menschlicher, die Kinderzahl verantwortungsvoll zu reduzieren, als die Lebenszeit älterer Menschen zu verkürzen.

Gefangen in Zahlen?

Man muß auch aufpassen, sich nicht zum Gefangenen von zahlenmäßigen Einengungen zu machen: Vielleicht gibt es schon übermorgen einen Durchbruch in der Ernährungsforschung, in der Wasserbewirtschaftung? Auch bisher ist immer wieder etwas erfunden worden, das ein Wachstum der Erdbevölkerung erlaubt hat, zum Beispiel die Erfindung des künstlichen Düngers. Vielleicht sind sogar irgendwann zwölf Milliarden Menschen kein Problem. Aber darauf kann man sich natürlich nicht verlassen. Eine eindeutige Antwort auf die Frage, wieviele Menschen verträgt die Erde, gibt es nicht. Vielleicht wird es sie auch nie geben. Es kann in der menschlichen Entwicklung immer auch Überraschungen geben. Auch unerquickliche. Vielleicht kommt wirklich die große Klimakatastrophe, vielleicht werden auch bahnbrechende Erfindungen gemacht.

Das ist die Schwierigkeit jeder Gesellschaftspolitik - daß es anders kommt oder kommen kann, als es die "Berechnung" vorgibt. Dennoch entbindet uns das nicht zu sagen: Vielleicht passieren Wunder, aber eben nur vielleicht ... Aus dieser Verantwortung kommt man nicht heraus. Wir müssen immer wieder Situationen neu einschätzen, neu abwägen, einen Anlauf nehmen, dazulernen.

Natürlich gibt es auch Widerstände und Bedenken gegen die laufenden Programme und Maßnahmen zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums, wie zum Beispiel den freien Zugang zu Verhütungsmitteln. Der gängige, meist im Vordergrund stehende Einwand ist: Der Mensch darf die gottgeschaffene Natur nicht manipulieren wollen.

Leben verlängern Das führt allerdings zu der Frage: Wann ist menschliches Leben eigentlich "gottgefällig" und "sinnvoll"?

"Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral." Dieser Satz von Brecht stammt eigentlich von Thomas von Aquin. In seinem "Fürstenspiegel", Buch I, Kap. 15, heißt es: ein gewisses Maß an materiellen Gütern ist die Voraussetzung dafür, daß sich menschliche Tugenden entwickeln können. Wenn der heiliggesprochene, größte christliche Theologe unserer Kultur recht hat, dann folgt daraus: Es ist nur dann verantwortbar, einen Menschen in die Welt zu setzen, wenn man annehmen kann, daß dieser Mensch von seinen materiellen Lebensumständen her in die Lage kommt, ein "anständiges" Leben zu führen und nicht nur zu vegetieren. Denn nur so wird er seiner Berufung als Ebenbild Gottes gerecht. Auch darüber muß man also nachdenken, wenn man fragt, wieviele Kinder auf der Welt verantwortbar sind.

Natürlich könnte man sagen: Die Entwicklung der Geburten muß man der "Natur" überlassen. Aber wieso eigentlich? Wir haben das Leben insgesamt auch nicht nur der Natur überlassen. Krankheiten wurden zurückgedrängt. Dort, wo die Medizin eingesetzt werden kann, werden ältere und alte Menschen immer häufiger am Leben erhalten ... Kann es vertretbar sein, in Spitälern mit allen Mitteln um das Leben eines Menschen zu kämpfen, aber gleichzeitig zuzulassen, daß Kinder auf die Welt kommen, die keine Chancen haben, ein Leben in Würde zu führen???

Es geht um die Verantwortung dafür, was Menschen tun auf dieser Welt. Wie schaffen wir Leben? Wie verlängern wir Leben?

Wir verwenden jede Menge Medikamente, um das Leben zu verlängern und unsere Schmerzen zu bekämpfen. Warum nicht auch mit Pharmaka so das Leben gestalten, daß für gewisse Phasen im Leben die Fruchtbarkeit aufgehoben ist?

Es ist das Schicksal des Menschen, zugleich Natur-, Kultur- und Geistwesen zu sein. Da sind das Nachdenken und die produktive Vorstellungskraft immer wieder gefordert. Wahrscheinlich "ewig". Es ist fast sündhaft, davon nicht in genügendem Ausmaß Gebrauch zu machen.