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„Der Mensch darf nicht alles, was er kann

1945 1960 1980 2000 2020

Auf ihrer Herbstkonferenz in Fulda haben die deutschen Bischöfe eine„ Erklärung zu Fragen der Umwelt und Energieversorgung" veröffentlicht, die durch Gründlichkeit, fachkundige Analyse und Konsequenzbereitschaft besticht. Wir veröffentlichen im folgenden einen Großteil des Dokuments, das laut Bischof Hemmerle auf Gesprächen mit Fachleuten aus Technik, Wissenschaft und Wirtschaft aufbaut und das auch für unser Land höchst aussagekräftig ist.

1945 1960 1980 2000 2020

Auf ihrer Herbstkonferenz in Fulda haben die deutschen Bischöfe eine„ Erklärung zu Fragen der Umwelt und Energieversorgung" veröffentlicht, die durch Gründlichkeit, fachkundige Analyse und Konsequenzbereitschaft besticht. Wir veröffentlichen im folgenden einen Großteil des Dokuments, das laut Bischof Hemmerle auf Gesprächen mit Fachleuten aus Technik, Wissenschaft und Wirtschaft aufbaut und das auch für unser Land höchst aussagekräftig ist.

Der Mensch darf nicht alles, was er kann. Je mehr er kann, desto größer wird seine Verantwortung. Mit den Möglichkeiten, Leben zu mehren, zu fördern, wachsen die Möglichkeiten, Leben zu schädigen und zu zerstören. Wachstum von Produktion und Konsum bedeutet nicht fraglos Wachstum der Menschlichkeit.

Wo der Vorrang der geistigen Güter vor den materiellen, der Vorrang der Person vor den Sachen, nicht gewahrt wird, da ist das Gleichgewicht des inneren und äußeren Friedens und auch das Gleichgewicht einer gerechten sozialen Ordnung auf Weltebene bedroht. ..

Die Erkenntnis, daß wir nicht alles dürfen, was wir können, wird nunmehr unausweichlich durch eine zweite Erkenntnis. Sie heißt: Wir können gar nicht alles, was wir können. Wieso?

Die wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten, die sich dem menschlichen Planen und Forschen auftun, scheinen schier unbegrenzt. Aber das Ende unserer realen Möglichkeiten kommt bedrängend in Sicht. Versuchten wir, alles zu machen, was wir können, so würden dadurch die Mittel verbraucht, die nötig sind, um auch morgen noch weitermachen, ja weiterleben zu können . . .

Der Mensch besetzt seinen Lebensraum und den Lebensraum kommender Generationen mit dem Abfall dessen, was er produziert und konsumiert. Er verdirbt Elemente, aus denen sein Leben und seine Zukunft wachsen: Um-weltkrise.

Der Mensch lebt so, daß er auf mehr Energie angewiesen ist, als er ohne Schädigung seines Lebensraumes zur Verfügung hat. Wieviel Energie er verbraucht und wie er sie gewinnt, wird zur Lebensfrage: Energiekrise.

Der Mensch schöpft für die Befriedigung seiner Ansprüche aus Quellen, die - wenn er weiter so schöpft - morgen nicht mehr fließen: Rohstoffkrise.

Der Mensch versteht sich als die Spitze der irdischen Schöpfung und die Welt als sein Haus, das er sich zu seinem Nutzen und Gewinn einrichtet. Aber in vermeintlich berechtigtem Eigeninteresse läuft er Gefahr, mit diesem Haus so umzugehen, daß es über ihm zusammenbricht und er hilflos und wehrlos alleinsteht.

Nur in der Solidarität mit der anderen Schöpfung, nur im verantwortli-

„Ein romantischer Traum von einer heilen Welt und einer unberührbaren Natürlichkeit ignoriert die Geschichte..."

chen Umgang mit Tier-, Pflanzen- und Sachwelt kann er sich auf Dauer als Herr der Schöpfung erfahren, wird er nicht zum aus der Schöpfung ausgetriebenen Sklaven seines Herrenwahns. Man könnte über diese Situation das Wort schreiben: Schöpfungskrise.

Diese Situation hat sich schon lange angebahnt, und doch ist sie erstmalig und einzigartig. Immer wußte der Mensch: Mein Umgang mit den Dingen hat Folgen Tür die Natur, Tür die Mitmenschen, ja Folgen für die kommenden Generationen.

Die abgeholzten Wälder der Iberischen Halbinsel und des Apennin haben weittragende Auswirkungen für das Klima in Spanien und Italien. Heute aber plant der Mensch die Zukunft seines ganzen Planeten und er kann in einem nie dagewesenen Ausmaß Folgen seiner Eingriffe ermessen.

Die Frage, ob kommende Generationen überhaupt noch eine bewohnbare Erde vorfinden werden oder nicht, hat

sich früheren Generationen so umfassend nicht gestellt. Und sie stellt sich im Blick nicht bloß auf einen möglichen Atomkrieg, sondern auch auf unseren Umgang mit dem Lebendigen, dem Lebensraum, den Dingen.

Wie ist es zu dieser Situation gekommen? Sie erwächst aus der kühnsten und erfolgreichsten Anstrengung der Menschheitsgeschichte, die Kräfte des Kosmos zu erforschen und dem Menschen dienstbar zu machen.

Die moderne Wissenschaft hat Hand in Hand mit der neuzeitlichen Philosophie die Natur zum Objekt des menschlichen Forschens gemacht. Die Dinge haben dabei mehr und mehr ihr Geheimnis verloren und sind zum bloßen Material für unser Planen und Produzieren geworden. Doch der Mensch, der die Welt aufgearbeitet und sich dienstbar gemacht hat, steht nun mit den Produkten seines Planens und Herstellens allein.

Er wollte Weltherrscher sein, wird dabei aber auf eine merkwürdige Weise „weltlos". Er entdeckt bei allem Gewinn eine doppelte Not: Zum einen stößt er eben an die Grenze seiner Möglichkeiten: verbrauchte Welt, verbrauchte Quellen seines Weiterlebens. Zum anderen stößt er auf unabsehbare Nebenwirkungen seiner gezielten Eingriffe: Was er beherrscht, droht ihn zu verschlingen . . .

Ein neues Verhältnis zur Welt - das kann kein Zurück hinter die Errungenschaften der Neuzeit bedeuten, nachdem wir einmal den wissenschaftlichtechnischen Umgang mit den Naturkräften erschlossen haben. Es kann aber auch nicht die geradlinige Verlängerung des Strebens nach einer immer umfassenderen Ausnutzung aller Möglichkeiten unserer technischen Zivilisation bedeuten.

Wo öffnet sich ein Weg an der Grenze, an die wir gestoßen sind? Es ist leichter und vielleicht auch hilfreich, zunächst einmal zu sagen, was kein Weg ist.

Ein romantischer Traum von einer heilen Welt und einer unberührbaren Natürlichkeit ignoriert die Geschichte und unterschätzt die Anforderungen, welche das Lebensrecht der heutigen Weltbevölkerung uns stellt. Und doch muß das Lebenkönnen aller, zumal derer, die ärmer sind als wir, unsere vordringliche Sorge sein.

Die Augen davor zu verschließen, daß wir nicht endlos weiter produzieren und weiter konsumieren können wie bisher, führt zum selben Effekt: Wir stehlen unseren Mitmenschen, wir stehlen den Generationen nach uns Lebenschancen.

Panik vor der fälligen Umstellung unseres Lebensstils und Verweigerung gegenüber einer aktiven Gestaltung der Zukunft beschwören jene Katastrophe herauf, die ein nüchterner Blick auf das Nötige und Mögliche verhindern könnte.

Achselzucken angesichts einer angeblich undurchschaubaren Lage vertagt die fällige Entscheidung, ohne ihre Folgen vertagen zu können; das Abschieben der Verantwortung auf die Zuständigkeit des anderen läßt letztlich den Zufall regieren.

Schließlich geht es nicht an, eine sichere Zukunft für nur einen Teil der Menschheit zu planen und zu dekretieren, wer morgen leben darf und wer nicht, damit wir unsere eigenen Ansprüche nicht zurückstecken müssen.

So ernst die Probleme des explosiven Wachstums der Menschheit sind, so wenig lassen sich die Fragen von Umwelt und Energie abgelten durch das Postulat einer weltweit regulierten Ge-

burtenplanung. Die Menschheit hat nur Zukunft, wenn die Schöpfung Zukunft hat...

Die Bibel beginnt mit zwei Schöpfungsberichten. Beide bringen das Verhältnis zwischen den Menschen und der übrigen Schöpfung zur Sprache. Im ersten Schöpfungsbericht sagt Gott zu den ersten Menschen: „Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen" (Gen 1, 28).

Die herrscherliche Erhabenheit Gottes spiegelt sich im Menschen, der als Ebenbild und Statthalter Gottes die Schöpfung beherrschen und sich dienstbar machen soll. Im zweiten Schöpfungsbericht ist der ursprüngliche Lebensraum des Menschen der Garten, „damit er ihn bebaue und hüte" (Gen 2, 15).

Beherrschen und behüten sind die zwei unterschiedlichen Grundworte der beiden Berichte . . .

Der Mensch geht nicht auf in seiner Funktion, die Erde zu bearbeiten und die Welt zu gestalten; ebenso geht die Welt nicht darin auf, Material und Rohstoff für den Menschen zu sein. Beherrschen und Behüten sind also keine Gegensätze, sondern ergänzen einander.

Die Geschöpfe haben ihren Eigenwert, sie sind voneinander abhängig, füreinander wichtig (vgl. Ps 104). Nichtsdestoweniger könnte man ihre Bedeutung für den Menschen in die Formel fassen: Die anderen Geschöpfe sind für den Menschen da, aber der Mensch ist nur mit ihnen da.

Die Welt ist eine Gabe Gottes an den Menschen, und sie ist ihm gegeben zum Weitergeben. Der Mensch hat darum auch Verantwortung für die Generationen der Menschheit, die nach ihm kommen ...

Dies ist der kritische Punkt unserer heutigen Situation: Ausgeraubte und verbrauchte Schöpfung regeneriert sich

„Die Welt ist eine Gabe Gottes an den Menschen, und sie ist ihm gegeben zum Weitergeben. "

nur teilweise, Ressourcen sind nicht unerschöpflich, Entwicklung geht nicht grenzenlos weiter, Nebenwirkungen heutigen Handelns sind oftmals Nachwirkungen für kommende Jahrhunderte. Verantwortung des Menschen für die Schöpfung ist Verantwortung dafür, das Erbe zu hüten und nicht anstelle eines Gartens eine Wüste zu hinterlassen . . .

Wir haben uns scheinbar weit weg bewegt von den konkreten Aufgaben, die Rohstoffkrise, Umweltkrise, Energiekrise uns stellen. Oder kann die Besinnung auf die frohe Botschaft von der Schöpfung und auf Jesus Christus, in dem Schöpfer und Schöpfung sich begegnen, uns doch einen Weg weisen?

Sicher können wir nicht Einzelantworten auf Einzelfragen geradewegs aus Gottes Offenbarung herausholen. Aber vielleicht ist etwas anderes, zunächst Unscheinbareres, noch dringlicher: eine Spiritualität unseres Verhaltens zur Welt.

Für sie können wir Wegweisung aus unserer Besinnung auf die Quellen des Glaubens erwarten. Auf dem Boden einer solchen Spiritualität ergeben sich freilich auch einige Eckdaten für ein sittlich verantwortliches Verhalten in Sachen Rohstoffe, Umwelt, Energie.. .

Machen wir uns an einigen Beispielen anschaulich, was das heißt:

• Es gilt, die Grundverhältnisse der Schöpfungsordnung anzunehmen. Dazu gehört der Vorrang des Menschen vor den Sachen, aber auch die Unentbehrlichkeit der Sachen für den Menschen. Dazu gehört die Übernahme der liebenden Verantwortung für Pflanzen- und Tierwelt; Tiere sind Tiere und nicht bloß Nahrungsmittel, Ausbeutungsobjekt oder Ware, Landschaft ist Landschaft und nicht bloß Terrain für unsere Planung.

• Es gilt, anzunehmen, daß wir auf eigene Ansprüche und Möglichkeiten verzichten und mit anderen teilen müssen, damit alle menschenwürdig leben und sich entfalten können.

• Es gilt, anzunehmen, daß wir den Grundbestand der Welt nicht so verplanen und verändern dürfen, daß wir dadurch die Startbedingungen für das Le-

ben und die Freiheit kommender Generationen im vorhinein wesentlich einengen.

• Es gilt, anzunehmen, daß der Verzicht nicht nur etwas Negatives ist, sondern der Preis für die Verwirklichung unserer Freiheit. Wer alles zugleich sein, haben und vollbringen wollte, was er könnte, der stünde am Ende unzufrieden und mit leeren Händen da. Unsere Freiheit ist die Freiheit, verantwortlich zwischen verschiedenen Möglichkeiten auszuwählen - und das schließt den Verzicht mit ein.

• Es gilt, anzunehmen, daß - bei allem berechtigten Angehen gegen Schmerzen und Grenzen - Schmerz und Grenze wesenhaft zu unserem Leben gehören; Schmerz ist nicht nur Minderung, er kann auch läutern, vertiefen, verwandeln.

• Es gilt, anzunehmen, daß alles geschichtliche Handeln vorläufig ist und Risken nicht ausschließen kann. Auch und gerade nicht jene Risken, die aus Gebrauch und Mißbrauch der Freiheit des Menschen erwachsen. Ja zur Freiheit heißt auch Ja zur Freiheit der anderen, die mit uns und nach uns leben und an der Gestaltung dieser Welt mitwirken.

• Es gilt, anzunehmen, daß die Menschen anderer Kulturen und Traditionen das Recht haben, eigene Wege der Weltgestaltung in die Zukunft zu gehen, ohne daß wir sie mit den Erfahrungen und Maßstäben unserer technischen Zivilisation bevormunden dürften. Umgekehrt heißt dies aber auch, uns selbst die Chance zu geben, von den Erfahrungen und Maßstäben anderer Kulturen und Traditionen zu lernen . ..

Wir sind verpflichtet, den Grundbestand der Schöpfung in seinem ganzen Reichtum zu wahren. Sicher ist der Mensch darauf angewiesen und dazu berechtigt, von den Vorräten dieser Erde, auch von den Pflanzen und Tieren, zu leben. Im Unterschied zum Menschen als Personenwesen haben Pflanzen und Tiere kein unantastbares individuelles Lebensrecht.

Wohl aber gehört die Vielfalt der Arten in Pflanzen- und Tierwelt zu jenem Grundbestand der Schöpfung, den der Mensch als Beherrscher und Gestalter dieser Welt zu hüten hat.

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