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Hoffnung aus dem Sinn der Welt

1945 1960 1980 2000 2020

Naturwissenschafter entdecken Sinn im Universum. Kann aber Geschichte dann sinnlos sein? Das „Wunder“ besteht in der nur erahnbaren Synthese von Freiheit und Sinn.

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Naturwissenschafter entdecken Sinn im Universum. Kann aber Geschichte dann sinnlos sein? Das „Wunder“ besteht in der nur erahnbaren Synthese von Freiheit und Sinn.

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt! Antwortet aber bescheiden und ehrfürchtig!“

So will’s der erste Petrusbrief in Kapitel 3, 15 f. Welche Hoffnung aber erfüllt Christen? Doch allenfalls nur die, daß das Leben jedes einzelnen in Gott einen Sinn, ein Ziel hat. Aber auch die Geschichte? Das ganze Universum gar?

Wir wissen, wie stark heute die Zweifel überwiegen. Mit Zahlenungeheuern erschlägt die Wirklichkeit unser Vorstellungsver-

mögen: In unserem Milchstraßensystem dürfte es an die 80 Milliarden sonnenähnlicher Sterne geben. Aber in der Gegend unseres Planeten Erde ist die Sternen- dichte relativ so gering, daß man fast von einem sternenleeren Raum sprechen kann. Vom Mittelpunkt unserer Galaxis (Milchstraße) sind wir 30.000 Lichtjahre entfernt.

Jenseits unserer eigenen Galaxis existieren ungezählte weitere „Welteninseln“ im All mit Milliarden weiteren Planeten. Alle gehören sie zu dem, was wir „Universum“ nennen. Aber schon ist für die Wissenschaft die Möglichkeit mehrerer Universen denkbar geworden.

Drei Milliarden Jahre lang gibt es Leben auf unserer Erde, ein paar Millionen Jahre erst den Menschen. Ist dieser Mensch nicht ein hoffnungslos uninteressantes, irrelevantes Zufallsprodukt der kosmischen Entwicklung, ein „Irrläufer der Evolution“ (Arthur Köestler), ein „Zigeuner am Rand des Universums“ (Jacques Mo- nod), das ohne Anfang, Ende und Sinn erscheint?

Halt! Hier beginnt bereits der Irrtum. Die Wissenschaft weiß heute: Unser Universum hat einen Anfang gehabt — vor 17,18,19 Milliarden Jahren vielleicht. Und es wird daher auch ein Ende haben.

Anfang und Ende der Welt: So steht es auch in der Bibel. Das ist eine sehr „menschliche“ Aussage, denn „Zeit wird Irrsinn, wenn sie sich nicht vollenden kann“ (Karl Rahner, FURCHE Nr. 5), und „ein ewiges Weitermachenkönnen wäre die Hölle (der leeren Sinnlosigkeit.“

Also keine Hölle für alle. Also Sinn?

Die Naturwissenschaft ist dabei, zu entdecken, woran gläubige Menschen eigentlich nie zweifeln konnten: daß es in all dieser scheinbaren Unendlichkeit der Welt Gesetzmäßigkeiten gibt, Ordnungsprinzipien, eine „Zielgerichtetheit“ der gesamten kosmischen Entwicklung.

Seit dem „Urknall“ vor 17 oder 19 Milliarden Jahren hat es eine beständige, konsequente Entfaltung und Entwicklung aller Bausteine dieses Universums gegeben: von einfachen zu komplexen Gebilden, von niedriger zu höher organisierter Materie, von unbe

lebter Stofflichkeit über eine noch geheimnisvolle Schwelle hinweg zum Leben, von unvorstellbarer Primitivität bis zu unvorstellbarer Komplexität — vom Chaos zur Ordnung, vom Wirrsal zum Sinn.

Ein 1981 erschienenes Buch mit dem Untertitel „Umrisse einer modernen Anthropologie“ trägt den Haupttitel: „Der Mensch ist kein Zufall“ (von Paul Lüth, DVA, 1981).

Das ist das Werk eines Naturwissenschafters. Ein anderer, der Wiener Zoologe Rupert Riedl,

schrieb in seiner „Strategie der Genesis“ (Piper, 1976): Es „schafft die Evolution eine schier unfaßbare Ordnung, wahrscheinlich und scheinbar aus dem Nichts“ (S. 89).

Aber eben nur scheinbar! Denn „eine Welt ohne Zufall enthielte … keine Freiheit, eine Welt ohne Notwendigkeit gewänne keinen Sinn. Das Wunderbare am Konzept dieser Genesis ist…, daß ihre Strategie beides vorsieht: Sinn und Freiheit.“

Riedl, wiewohl führender Anwalt des Dialogs zwischen Naturwissenschaften und Theologie, ist kein gläubiger Christ. Aber gerade deshalb ist er ein unverdächtiger Zeuge dafür, daß Kardinal Opilio Rossi nicht als frommer Schwärmer fungierte, als er kürzlich bei der Vollversammlung des österreichischen Laienrates in Wien zu einem „christlichen Opti

mismus“, einer „positiven, konstruktiven Weitsicht“ aufrief.

Wenn der Schöpfer Sinn in seine Welt gelegt hat, wenn der Kosmos, kein Zufallsprodukt, nicht Resultat einer göttlichen Laune ist, wenn ohne Wissen Gottes kein Spatz vom Dach und kein Stern in die Schwarzen Löcher des Alls fällt: Dann kann doch auch die Geschichte der Menschheit nicht sinnlos sein!

Ob es nun eine oder — von vielen Wissenschaftern heute angenommen, von keinem anders als denktheoretisch bewiesen — Millionen von Menschheiten gibt: Das eine wäre so faszinierend wie das andere. Keines von beidem erschüttert die Gewißheit des Glaubens, daß jeder Mensch von Gott gewollt, von Christus erlöst und für die Ewigkeit nicht verloren ist.

Daß die kosmische Evolution ihre Milliarden Irrwege, Umwege Und Abwege kennt, ist unbestritten. Trotzdem schreitet sie zielgerichtet voran. Darf man dann nicht auch hoffen, daß die Geschichte der Menschheit, ungeachtet aller Irr-, Um- und Abwege, insgesamt zielgerichtet voranschreitet — „so wie jede Woge der steigenden Flut weiter als die vorangegangene den Strand überspült“?

Das Zitat stammt nicht von einem blinden Fortschrittsanbeter, sondern von Papst Paul VI., der in seiner Enzyklika „Populorum progressio“ (Nr. 79) allen „realistischen“ Zweiflern an solcher Geschichtsschau eine Absage erteilte:

„Es könnte sein, daß sich ihr .Realismus als irrig erweist; daß sie die Dynamik einer Welt nicht erkannt haben, die brüderlicher leben will und die trotz ihrer Unwissenheit, ihrer Rückfälle in die Barbarei und ihrer weiten Abwege vom Weg des Heils sich lang

sam, ohne sich darüber im klaren zu sein, ihrem Schöpfer nähert.“

Rückfälle in die Barbarei sind überall dort zu befürchten, wo Menschen glauben, mittels innerweltlicher Ideologien irdische Paradiese errichten zu können, notfalls (und daher immer) auch mit Gewalt.

Sie verkennen, „daß alles Endliche als letzter Horizont vergehen muß“, wie es Johann Reikers- torfer heute auf Seite 1 der FURCHE formuliert. Aber ebenso würden die Christen ihren Sendungsauftrag in der Welt verkennen,-wenn sie glaubten, daß die Vollendung jenseits der Zeit nichts mit dem Streben nach Vollendung in dieser Zeit zu tun hat.

Der Mensch ist als Abbild Gottes zur Mitarbeit an der Vollendung seines Schöpfungswerkes berufen. Das hat in aller Deutlichkeit Johannes Paul II. in „Labo- rem exercens“ bekräftigt.

Auch die bildhaften Aussagen der Schöpfungsgeschichte, so wissen wir heute, bezeichnen Vorgänge, nicht Einzelereignisse. An-

maßung ist immer. Neid ist immer. Haß ist immer. Brudermord ist immer. Sprachenverwirrung ist immer.

Immer ist aber auch: Gottes Nachsicht den Einsichtigen gegenüber, Barmherzigkeit und Verzeihen, die Möglichkeit zu neuem Anfang, die Chance zur Korrektur.

Das ist das unverlierbare Erbe der judäo-christlichen Kultur:

daß es nie zu spät für eine neue Anstrengung ist. Das darf man heute auch jenen unserer jungen Mitbürger ins Gedächtnis rufen, deren (im Grunde sympathische) Ungeduld doch ein wenig stärker das Maß an der Geschichte der Menschheit und nicht nur an dem, was in wenigen Jahren erreichbar ist, nehmen sollte.

Für das wandernde Volk Israel, das immer und immer wieder zweifelte und murrte, sprangen Quellen in der Wüste empor, wichen Meere zurück, quoll Wasser aus dem Felsen und fiel vom Himmel das Brot. Und wie sie auch drohten und wortbrüchig wurden: Die Langmut des Herrn übertraf ihre Sünde.

„Israels Geschichte ist voll von einer großartigen Ahnung, daß man hinschreitet auf einen Tag hin“, lesen wir im Holländischen Katechismus. Aus dem Glauben an die Sinnhaftigkeit von Geschichte haben Hunderte Judengenerationen gelebt, gelitten und gesiegt.

Israels Geschichte ist unsere Geschichte. Israels Sünde ist un-

sere Sünde. Warum kann nicht auch Israels Hoffnung unsere Hoffnung sein?

Wenn der Krieg noch immer nicht von der Erde getilgt ist — warum sollten wir nicht glauben, daß er eines Tages tilgbar sein wird? Hat es je zuvor in der Geschichte der Menschheit größere Anstrengungen als heute gegeben, den Krieg zu vernichten?

Wenn dem Grundsatz der Gleichwertigkeit der Frau noch immer nicht genug zum Durchbruch verholten ist — gibt es eine bessere Begründung dafür als die Lehre von der Erschaffung von Mann und Frau „nach dem Bild Gottes“ (Gen. 1, 27)? Und gibt es irgendwo heute einen nichtchristlichen Kulturkreis, in der die Würde der Frau höher als (oder auch nur annähernd so hoch wie) im christlichen geachtet würde?

Wenn der Abgrund zwischen Reichtum und Elend im Weltmaßstab noch immer ein Skandal ohne Beispiel ist — wer schreit das Unrecht lauter zum Himmel als jene, die darin auf Grund ihres Glaubens auch eine Beleidigung des Schöpfers sehen?

„Antwortet bescheiden!“ hat Petrus hinzugefügt, als er das Eingehen der Christen auf die Frage nach ihrer Hoffnung einmahnte.

Die Bescheidenheit gebietet, auch von den vielen Unterlassungen der Christen zu sprechen, durch die sie ihren Weltauftrag immer wieder torpedieren, verraten, unglaubwürdig machen; und von den vielen, die ohne Berufung auf Gott mehr tun als die Kirchge- her, um die Welt friedlicher, gerechter, humaner zu machen.

Aber niemand hat solche Gewißheit wie ein Christ, daß auch hundert Fehlschläge reparabel sind; daß auch nur der kleinste Erfolg beim tausendsten Anlauf den 999 gescheiterten davor einen Sinn verleiht.

Seit Christus den Tod bezwang, wissen wir (und mögen die Wogen eines ausufernden Kulturpessimismus haushoch über unseren Köpfen zusammenschlagen): Das Jenseits nimmt im Diesseits seinen Anfang. Inmitten des Unheils wächst Heil.

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