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All-Macht

DISKURS
All - © Foto: Pixabay

An der Schwelle des Alls

1945 1960 1980 2000 2020

Der Schriftsteller Reinhold Schneider über das Weltbild, das sich ins Ungeheuerliche mit wachsender Schnelle verändert.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Schriftsteller Reinhold Schneider über das Weltbild, das sich ins Ungeheuerliche mit wachsender Schnelle verändert.

Das ausklingende Jahr wird für absehbare Zeit denkwürdig bleiben als Geburtsjahr der ersten Satelliten, einer Sensation, wie es scheint, mit stark politischem Akzent; in Wahrheit geht es um ein politisch-überpolitisches Ereignis, eine Sache der Menschheit, die ernsthafter innerer Verarbeitung bedarf. Was es für die Wissenschaft bedeutet, daß in Bereichen, die bisher nur für wenige Minuten von Raketen gestreift wurden, unter Umständen auf Jahre ausdehnbare Beobachtungen möglich sind, ist wohl noch kaum zu ermessen. Allein für die Radioastronomie, die Erforschung kurzwelliger kosmischer Strahlung, der Sonnenaktivität, welche Forschungen sich atmosphärischen Einflüssen zu entziehen streben, wurden hohe Erwartungen ausgesprochen; auch ernst zu nehmende Forscher scheinen es für möglich zu halten, daß in wenigen Jahrzehnten die Bodenschätze des Mondes erreichbar werden.

Spekulationen dieser Art verweisen auf Rechtsprobleme, die bisher wohl kaum durchgedacht wurden und in den Gesetzgebungen der Völker noch keine Stelle gefunden haben. Selbst wenn es sich um Phantasien handeln sollte – aber Forschung ist wohl immer eine Synthese von beobachtender Nüchternheit und Phantasie –, selbst dann müßten neue, die Welt umschließende Rechtskonventionen getroffen werden. Die Freiheit der Staaten, Trabanten aufzuschleudern, kann ja nicht unbegrenzt sein; schon wird mit einigen hundert gerechnet, die etwa in fünfzig Jahren die Erde umschwirren werden. Die Klage um das erste, arme, der Weltleere zugeworfene Leben ist wenig überzeugend: wir alle ahnen doch, welche Opfer die Kreatur Tag und Nacht, qualvolle Stunde um Stunde, in Laboratorien und Forschungszentren bringt. Wie im Erleiden der Krankheit und problematischer Heilmethoden, zu einem Teile aber gewiß unabweisbarer Versuche, geht sie uns auch im kosmischen Tode voraus. Denn der Kosmos ist nun als Feld der Geschichte geöffnet, ich möchte sagen: gerade angebrochen worden, ein handschmaler Küstenstreifen des endlich-unendlichen Raumes, dessen im höchsten Falle mögliche Erweiterung dem Ganzen gegenüber fast belanglos ist.

Das Geschichtsfeld als Todesfeld

Geschichtsfeld also ist ein Todesfeld; insofern war der verlassene Passagier des zweiten Satelliten eine prophetische Existenz, sollte er uns ein Zeichen bleiben: eine Todeschance ohnegleichen, vielleicht die grausigste aller Möglichkeiten des Verlassenseins und der Angst, ist von der Menschheit aufgenommen worden. Sie sollte sie nicht leugnen: etwas Großes ist in diesem Beginnen, in dem Aufbruch menschlicher Macht in den Raum, die als Unmacht zurücksinken wird; in dem versprühenden Funken, den wir in den Raum werfen wie ein Streichholz in einen Brunnenschacht – oder in die lichtlosen Schluchten, in denen mittelalterliche Burgherren Verbrecher oder Gegner bestraften. Ein Flämmchen meldet, daß es angekommen ist – und dann ist wieder Nacht über Knochen und Staub.

Die politische Pragmatik, die sich an den ersten Satelliten hängt, ist ebenso unwürdig, wie banal. Es ist aber ausgeschlossen, daß sie hätte vermieden werden können, und kaum anzunehmen, daß sie weiterhin vermieden wird. Das gesamte Forschungsgebiet, dem die Satelliten entstammen, liegt im Magnetfeld der Geschichte. Die bewundernswerte Forschung, um die es sich handelt, ist zugleich Wegbereiterin und Gestalt der Macht. Ein bedeutender Teil ihrer Fragestellungen, ihrer Lösungen ist der Rüstung zur Verteidigung oder zum Angriff zu verdanken – denken wir an die Entwicklung der Radiotechnik im Kriege –, wenn auch die eigentlichen genialen Entdeckungen von einer kindhaften Absichtslosigkeit und Experimentierlust geadelt sind – was sie natürlich aus dem Zusammenhang mit den Folgen nicht losketten kann. Aber für die technische Verwertung regiert Mars die Stunde. Und die Grenze zwischen Technik und Forschung ist zur „verbotenen Linie“ geworden, um einen der geheimnisvollen Ausdrücke anzuführen, mit denen die Forscher Unverständliches zu bezeichnen pflegen: eine Linie im Spektrum planetarischer Nebel, die unter normalen, im Laboratorium herstellbaren Bedingungen nicht auftreten dürfte. Unddas hat auch seine Richtigkeit: im Laboratorium der Geschichte, in der Welt, die wir kennen, ist keine Grenzezwischen Wissen und Macht, zwischen Erkenntnis und Größe und Tod.

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