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Zwischen Erde und Weltall

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RAKETEN UND ERDSATELLITEN. Von Carei B e k e. Benziger-Jugendtaschen- bücher, Band 12. — ERSTE FAHRT ZUM MOND. Von Wernher von Braun. Fischer-Bücherei. — SIEG ÜBER DEN RAUM. Erdsatelliten und Monderoberung. Von Albert Duc t o cq. Rowohlts Deutsche Enzyklopädie.

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RAKETEN UND ERDSATELLITEN. Von Carei B e k e. Benziger-Jugendtaschen- bücher, Band 12. — ERSTE FAHRT ZUM MOND. Von Wernher von Braun. Fischer-Bücherei. — SIEG ÜBER DEN RAUM. Erdsatelliten und Monderoberung. Von Albert Duc t o cq. Rowohlts Deutsche Enzyklopädie.

Als der Referent gleichzeitig drei Raketenbücher zur Besprechung erhielt, war sein erster Gedanke in Erinnerung an verschiedene ähnliche: offenbar erwarten die Verlage mit diesem aktuellen Thema auch entsprechenden Absatz. Dann, beim ersten Durchblättern: wie schnell veralten doch solche Bücher bei der rasanten Entwicklung der Technik. Später, nach der genauen Lektüre: selten habe ich so verschiedenartige und verschieden zu bewertende Darstellungen vom gleichen Thema gelesen. Im einzelnen:

Der Verlag Benziger hat so sehr ansprechende Jugendtaschenbücher gebracht, ich denke etwa an „Zirkusdoktor“, „Mädchen für alles", „Nichts hat mich die Welt gekostet“. Hier ist dem Verlag aber ein Mißgeschick passiert. Das Buch von Beke ist eine oberflächliche Zusammenfassung von Berichten aus Zeitungen und Zeitschriften, wobei die physikalischen Gesetze des Raketenfluges dem Verfasser offenbar selbst nicht ganz klar waren. So sind zum Beispiel die Figuren auf den Seiten 10, 13 und vor allem 15 grundfalsch. Die Rahmenerzählung — Gespräche zwischen einem Astronautikforscher und einem 17jährigen Mittel schüler — ist überflüssig und gequält. Armer Junge, der zwar Raketentechniker werden will, aber ein Jahr vor der Matura so wenig von Physik weiß. Ja, wenn er erst 13 Jahre alt wäre! Und welcher Forscher legt sich zum „Studium“ ein großes Planetarium, zu? Der letzte Abschnitt ist der beste. Seinen Inhalt las ich schon in einer deutschen Zeitung, mit dem Ergebnis, daß es gewissennaßen naturnotwendig ist, wegen der ungeheuren Komplikation der Apparate, daß etwa die Hälfte aller Raketenversuche Fehlschläge werden müssen.

Ganz anders das zweite Buch. Die 20 Seiten der Einleitung zeigen Wernher von Braun als den technischen Idealisten, der alles, aber auch alles daransetzt, sein Ziel, den Weltraumflug des Menschen, zu verwirklichen, und selbst den Bund mit dem Teufel nicht scheut, das heißt erst die Entwicklung der deutschen V-Ge- schosse, dann die amerikanischen Raketenwaffen, die ja, genau wie bei den Russen, nur als Träger von Atombomben „sinnvoll“ erscheinen. Um für die Idee des Weltraumfluges zu werben, stellte er sich bekanntlich dem Film zur Verfügung oder schreibt, wie im vorliegenden Buch, einen Phantasieroman. Alle Anerkennung dem Ethos der Einleitung. Aber im Hauptteil, der „Ersten Fahrt zum Mond“, wird man immer wieder (bis zu der Meteoriten- begegnung) an Jules Vernes „Schuß zum Monde“ von 1865 erinnert. Raketentechnisch entspricht die Darstellung etwa 1958, nicht 1961. Das beste sind die letzten Zeilen der Erzählung. Als die beiden Piloten nach einer mustergültigen Landung auf einer Pazifikinsel Hunderte von Zeitungs-, Rundfunk- und Bildreporter auf ihre Maschine zustürmen sehen, sagt der eine zum anderen: „Die Leute auf diesem Planeten scheinen verrückt zu Sein. Laß uns ausreißen und zum Mond zurückfliegen!"

Der dritte Teil des Buches bringt raketentechnische Erläuterungen, unterstützt durch viele, sehr oft phantasievolle Zeichnungen.

Nochmals ganz anders ist das dritte Buch. Von all den vielen Raketenbüchern ist es mit Abstand das beste. Gerade darum ist es für den Nichtphysiker nicht immer leicht zu lesen, so glänzend es ge- f «fRV E ? r zu Wott,.raeįdet (per Vet-. fassen -einer der hervorragendsten Wissenschaftler Frankreichs, vertritt vor allem die Automation, Kernphysik usw. Der Observator der Hamburger Sternwarte, Dr. Wilhelm Dieckvoß. hat eine fachlich korrekte und stilistisch ausgezeichnete Übersetzung gegeben.) Da gibt es keine Phantastereien von Photonenraketen, der Errichtung einer von Menschen besetzten Außenstation, die um die Erde als Absprungbasis für Raumreisen dienen soll, nichts über Leben auf anderen Gestirnen und dergleichen mehr. In einer Art ist das Buch von Ducrocq eine Geschichte der Erdsatelliten und Raumlaboratorien seit dem Abschuß des ersten Sputniks (4. Oktober 1957) bis etwa Mitte 1960. Der Leser erfährt, was sich so an neuen und unerwarteten Erkenntnissen für die Physik der Außenhülle der Erde und des uns näheren interplanetaren Raumes ergeben hat, die Strahlungsgürtel um die Erde, die Elektronenwolken, ausgestoßen von der Sonne usw. Er erfährt von den Schwierigkeiten, die vor jeder neuen Entwicklung zu überwinden sind. So war es im Jänner 1959 noch physikalisch sinnlos, zu fragen: Wollten die Russen mit dem Lunik I den Mond treffen oder nicht? Dann der immense Fortschritt zum Lunik II im Herbst des gleichen Jahres: Bei welchem Flugzeug oder Schiff im Überseeverkehr läßt sich die Reisezeit von mehreren Tagen vorher so genau berechnen, wie bei dieser zweiten Mondrakete, wo der Zeitpunkt des Aufschlages auf der Mondmitte nur einen Fehler von zweieinhalb Minuten hatte? A. Ducrocq betont auch die wirklichen Aufgaben, die jede dieser Raketen hatte, unter Ablehnung alles dessen, was in Propagandaartikeln so gerne geschrieben wird. Das war bei Lunik I und II einmal die Physik des Raumes zwischen Erde und Mond, sodann die Fragen: Hat dieser ein Magnetfeld? Ist seine Oberfläche radioaktiv? Mit Zukunftsausblicken ist der französische Gelehrte vorbildlich zurückhaltend, bespricht die Möglichkeit zu Versuchsstarts in Richtung Mars und Venus, gibt Termine, wann diese etwa stattfinden könnten, geht aber nicht weiter. Solche Zeitpunkte sind zum Bei spiel für die Venus der 12. bis 18. Jänner 1961 (bekanntlich von den Russen ausgenutzt, Ducrocqs Buch wurde bereits vorher abgeschlossen), der 10. bis 16. August 1962 usw. Die Aufgaben eines solchen Flugkörpers sind nicht etwa, auf der Venus zu landen oder sie vorher und nachher zu photographieren oder ein dortiger Satellit zu werden, sondern wieder: die Physik des interplanetarischen Raumes und vor allem die genaue Messung der mittleren Entfernung der Erde von der Sonne. Das hatten für Mitte 1959 die Russen wie die Amerikaner vor, damals war aber noch nicht die Entwicklung der erforderlichen Bahngenauigkeit gegeben, wohl heuer für die Russen. Die nüchterne, objektive Darstellung des französischen Gelehrten zeigt — wenn man will, leider —, Wie sehr immer noch die östlichen Wissenschaftler und Techniker ihren westlichen Kollegen überlegen sind. Wenn sie jüngst einen großen Flugkörper mit Hunden mehrfach die Erde umkreisen ließen und dann auf die Sekunde genau am geplanten Ort die Tiere wieder herunterholten, so beweist dies zugleich, daß die Russen heutzutage in der Lage sind, zur gewollten Zeit und am gewollten Ort eine Atombombe zu entzünden. Darum kann man aller dieser Triumphe der Raketentechnik und der vielen, vielen neuen Erkenntnisse für die Wissenschaft im Grunde des Herzens nicht froh werden. — Das Buch von Ducrocq kann aber jedem, der sich für Raketenprobleme interessiert, nur empfohlen werden, sei es zur Begeisterung oder, was noch .wichtiger wäre, zur Ernüchterung.

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