6764967-1968_30_16.jpg
Digital In Arbeit

VOR DEM ASTRONAUTEN-ENDSPURT

19451960198020002020

Josef Pointner, Autor des Erfolgsbuches „Das 1x1 der Weltraumfahrt“, berichtet exklusiv für „Die Furche“ Aktuelles über das Wettrennen im All.

19451960198020002020

Josef Pointner, Autor des Erfolgsbuches „Das 1x1 der Weltraumfahrt“, berichtet exklusiv für „Die Furche“ Aktuelles über das Wettrennen im All.

A 1s die USA im November 1966 ZX ihre Weltraumflugserie mit dem zehnten Geminiflug ohne größere Pannen erfolgreich abschlossen, bemächtigte sich der Amerikaner eine Art Weltraumeuphorie. Sie rechneten Rekorde aus, stellten statistische Vergleiche mit der anderen Raumfahrtsupernation, der UdSSR, ato und gaben ihre frühere Unterlegenheit auf diesem Gebiet jetzt freimütig zu. Die Reaktion der Russen ließ nicht lange auf sich warten. Der sowjetische Kosmonaut Jurij Gagarin sagte in einer Rede: „Das Weltall ist kein Sportplatz!“ und erklärte, die beschriebenen Erscheinungen in den USA seien unwissenschaftlich und kindisch.

Im Grunde hatte Gagarin natürlich recht. Zumindest sollte ein Wesensunterschied zwischen einem Fußballkampf und dem kühnen Streben des Menschen bestehen, in den Weltraum vorzustoßeto. Allerdings gab es für die Verärgerung Gagarins auch noch einen anderen Grund — mit der Auffassung der Weltraumfahrt als Wettrennen hatte der Osten begonnen. Vom damaligen Premier Chruschtschow stammte das Wort, die USA würden von den russischen Raumfliegern „… immer nur die Fersen sehen“. In ähnlicher Art pflegten dann alle Kommentare des Kremls zu klingen, bis solche Stimmen mit den häufiger werdenden amerikanischen Raumerfolgen allmählich verstummten.

Heute köntote Gagarin, ein sympathischer Mann von geringer Körpergröße, weder so noch so zu uns sprechen. Er kam am 27. März 1968

beim Absturz eines Testflugzeuges ums Leben. Dieser Vorfall ist typisch für die Entwicklung des Raumwettrennens der beiden Großmächte. Es wird nach wie vor mit ungeheurem finanziellem, technischem und wissenschaftlichem Aufwand und in hektischer Eile fortgesetzt, auch wenn man darüber in den Zeitungen augenblicklich wenig liest Um das zu verstehen, sei uns ein kleiner Rückblick gestattet.

Die Epoche der Weltraumfahrt wurde am 4. Oktober 1957 von der Sowjetunion mit dem Start des ersten künstlichem Erdsatelliten Sputnik 1 eröffnet. Amerika und der ganze Westen war damals schok- kiert. Dabei hatten die Russen vordem mehrmals angekündigt, sie würden anläßlich des damals laufenden geophysikalischen Jahres einen künstlichen Erdmond starten. Im Westen hatte man nur nicht hingehört oder diese Prophezeiung als russische Prahlerei abgetan. Es fielen die Worte vom „Sputnikschock" und der „Raketenlücke“, und nachdem auch noch ein überraschend schwerer Sputnik 2 gestartet worden war, warf sich Amerika ungestüm auf diese Entwicklung. Unter der Leitung des Deutschamerikaners Wernher von Braun gelangte drei Monate später auch ein erster amerikanischer Erdsatellit in Umlauf.

Hinter all dem steckte, wie man heute weiß, das Bestreben der Sowjetunion, Großraketen als Transportfahrzeuge für Atombomben über interkontinentale Entfernungen zu erstellen, die man dann auch gleich für den propagandistisch so wichtigen Sputnikstart benützte.

Am 4. April 1961 demonstrierte der Osten erneut seine Führung, indem er einem Menschen ins Weltall schickte und damit auch das bemannte Weltraumrennen eröffnete. Ein Mensch im Weltall… Dieser Mensch war während seines Fluges schwerelos, war bei Start und Landung ungeheuren mechanischen Kräften ausgesetzt. Lautlos und unsichtbar umschwebte er zu unseren Köpfen die Erdkugel, schneller als die kühnsten Utopienschreiber einst angenommen hatten. In jenen Höhen ist der Himmel schwarz, die Sterne funkeln nicht mehr uhd strahlen dafür weit heller als auf der Erde. Mangels Luft gibt es dort weder Schall noch Geräusche. In jenen Höhen herrschen weder Tages- noch Jahreszeiten, noch Strahlungen der Sonne, und aus den Tiefen des Weltalls prallen Partikel mit kosmischer Wucht auf das zerbrechliche Gebilde aus Menschenhand. Das war interessant, sensationell, für jedermann verständlich.

Von da an beobachtet die gesamte Weltöffentlichkeit das Hin und Her der bemannten Raumfahrtunterneh- mutogen der beiden Supermächte mit großer Spannung. „Astronauten und Herzverpflanzer — das sind die Helden unserer Zeit“, wie ein Kommentator treffend ausdrückte.

Der zeitliche Vorsprung Rußlands in diesem Wettrennen war allerdings von Anfang nicht sehr groß. Schon wenige Wochen nach Gagarin brachte Amerika die beiden Astronauten Sheppard und Grissom ebenfalls ins Weltall — allerdings nicht in Erdumlauf, sondern auf ballistischer, also freifliegender Bahn. Es folgte als zweiter Russe Titow und im Februar 1962 der erste Mölsch des Westens, der die Erde im Innern eines Kunstmondes umlief, John H. Glenn. Bald nahm unser Wettlauf den Charakter eines Kopf-an-Kopf- Rennens an. Einmal startete eine russische Wostok-Kapsel, dann wieder eine amerikanische Mercury. Die russischen Fahrzeuge waren immer größer und schwerer. Zweimal weilten zwei Russen gleichzeitig im Weltraum, und es befand sich damals auch die erste Frau im All, Valentina Tereschkowa, ein Kunststück, das der Westen erst gar nicht versuchte. Juni 1963 wurden beide Flugserien abgeschlossen. Sie waren ohme größeren Unfall verlaufen und hatten insgesamt sechs Russen und sechs Amerikaner ins Weltall gebracht. Den Dauerrekord hielt der Osten mit großer Überlegenheit: 82 Umläufe von Bykowskij gegen 22 des besten Amerikaners Cooper.

Damit war beiden Ländern ein historischer Durchbruch gelungen. Sie hatten bewiesen, daß der Mensch den Start, einen längeren Aufenthalt im All und auch den besonders schwierigen Abstieg durch die Hitzebarriere der Luftreibung übersteht.

Es folgte eine Pause von mehr als einem Jahr. Beide Staaten mußten die Erfahrungen des Vollbrachten auswerten iftid neue Geräte und Methoden entwickeln.

Am 12. Oktober 1964 kam wieder eine Sensation aus dem Osten. Das Dreimannraumschiff Wos’chod war gestartet worden. Es enthielt einen Offizier, einen Arzt und einen Ingenieur. Allerdings wurde der Flug rasch abgebrochen, ein Teil der Besatzung war raumkrank geworden.

Man versteht darunter eine Fülle unangenehmer Erscheinungen: Übelkeit, Schwindelgefühl, Denk- und Bewegungsstörungen, die unter der Einwirkung von längerdauernder Schwerelosigkeit entstehen können.

März 1965 gab es neuerlich einen russischen Weltraumeklat, und er übertraf womöglich alles Bisherige. Das neue Fahrzeug Wos’chod 2 startete, und erstmals stieg ein Mensch aus der sicheren Kapsel ins freie Weltall aus. Man sah den Kosmonauten Leonow, wie er schwerelos im All dahintrieb und gespenstig kopfüber kreiste.

Mit diesem Höhepunkt war die Glücks- und Erfolgsserie des Ostens im Weltraum vorbei. Mehr als zwei Jahre lang unternahmen die Russen keinen bemannten Raumflug mehr. Warum, wird man erst in ferner Zukunft wisseto, wenn der Kreml vielleicht seine Archive einmal öffnet. Erst am 27. April 1967 schoß man neuerlich einen Russen ins All. Es war Oberst Komarow, der schon einmal im Universum gewesen war.

Sein Flug stand von Beginn an unter keinem glücklichen Stern. Aus verschiedenen Umständen und Funkmeldungen schloß der Westen auf Schwierigkeiten des neuen Raumfahrzeuges Sojus 1, das mit einer ebenfalls neuen „mächtigen Rakete“ gestartet worden war. Rückkehr und Durchstoßung der Hitzebarriere gelangen noch, anschließend öffnete sich jedoch Komarows Fallschirm nicht. Die Raumkugel raste wie ein Geschoß zu Boden und wurde völlig zerstört. Komarows Asche ist an der Kremlmauer neben der Sowjetprominenz bestattet.

Glücklicher waren zunächst die Amerikaner. Sie begannen ihr Serienunternehmen mit dem neu konstruierten Zweimannraumfahrzeug Gemini im März 1965, interessanterweise nur vier Tage nach Wos’chod 2. Dann reihte sich ein amerikanischer Raumstart an den anderen, bis am 15. November 1966 das ganze Projekt mit Gemini 12 gekrönt und abgeschlossen wurde. Die Öffentlichkeit gewann den Eindruck, ein Raumstart wäre problemlose Routinesache, wie etwa der Fahrplan einer Straßenbahn. Dieser Eindruck ist irrig. Auch heute noch, allen technischen Errungenschaften und Kontrollen zum Trotz, ist jeder Start ins Weltall eine äußerst komplizierte, schwierige und gefährliche Sache. Das bewiesen die Pannen der Amerikaner mit Gemini, bei denen es einige Male haarscharf an der Katastrophe vorbeiging.

Doch das Positive überwog. Die Geminiflüge vermochten ihre jeweilige Bahn zu ändern, sie erreichten mehrere Rendezvous zwischen verschiedenen Fahrzeugen, Ankoppelung mit anderen Raumflugobjektfen, mehrere Ausstiege ins freie Weltall mit bis zu zwei Stunden und neun Minuten Dauer und einen Höhenflugrekord von 1367 Kilometern.

Der amerikanische Präsident Kennedy hatte seiner Nation die Aufgabe gestellt, „noch vor Ablauf dieser Dekade Amerikaner zum Mond und wieder zur Erde zurückzubringen“. Diesem großen Endziel dienten alle Mercuryflüge und die Geminiflüge. Der Mondflug soll mit der monströsen Saturn-5-Rakete erfolgen, und eine Weile lang sah es aus, als könne mato den knapp gehaltenen Termin sogar noch unterschreiten.

Der 28. Jänner 1967 ließ das zur

Illusion verblassen. Die amerikanischen Astronauten Grissom, White und Chaffee erstickten bei einem Bodentest. Sie hatten, an der Spitze der turmhohen Saturnrakete, im Innern der Apollokapsel liegend, verschiedene Routinetests durchzuführen. Plötzlich entstand aus unbekannter Ursache in der dicht verschraubten und mit Sauerstoff gefüllten Kapsel eine Stichflamme, und kurze Zeit später waren die drei Mäntoer erstickt. Sie hatten die Kapsel nicht mehr verlassen können.

Und wieder lasen wir, dieser tragische Vorfall würde das amerikanische Mondreiseprojekt nicht beeinträchtigen. Und wieder stimmte es nicht. Die Kapsel wurde umgebaut, vom brennbaren Material entrümpelt. Man baute eine neue Luke mit Schnellverschluß, der ein Öffnen nach wenigen Sekunden gestattet. Umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen an dem die Rakete stützenden Wartungsturm und dem ganzen Startgelände wurden getroffeto.

Ähnlich ging es mit der Mondrakete Saturn 5. Dieses technische Ungeheuer von 110 Meter Höhe und 2770 Tonnen Startgewicht hatte eine Serie erfolgreicher Flugtests absolviert. Ausgerechnet der letzte und wichtigste Flug am 4. April dieses Jahres führte zu mehreren schwerwiegenden Fehlern, und damit war der amerikanische Traum einer sogar noch verfrühten Mondlandung vorbei. Experten halten es jetzt wieder für sehr fraglich, ob jener von Kennedy genannte Termin zu halten sein werde.

Inzwischeto haben die riesigen Ausgaben für den Vietnamkrieg das amerikanische Raumfahrtbudget von Jahr zu Jahr zusammenschmelzen lassen. Am Apolloprojekt wurde jedoch kein Abstrich vorgenommen, dafür ist es schon zu weit gediehen, und auch das daranhängende nationale Prestige ist zu groß.

Über die russischen Pläne weiß man nichts. Der Kreml hat nie einen Termin für seine Mondreisepläne genannt. Die russischen Kosmonauten versicherten jedoch in Gesprächen und Reden immer wieder, der erste Mensch auf dem Erdmond werde ein Sowjetbürger sein.

Warten wir also ab. Bis zum Ende dieser Dekade sind es nur noch rund eineinhalb Jahre — der Endspurt des Rennens muß bald beginnen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau