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Mann ohne Eigenschaften?

Ein Mann wurde auf die Zentrifuge geschnallt und im Kreis herumgewirbelt, bis ihm das Blut durch die Haut aus dem Körper drang. Ein anderer wurde auf einen Raketenschlitten gesetzt, in fünf Sekunden auf tausend Stundenkilometer beschleunigt und in eineinhalb Sekunden bis zum Stillstand abgebremst, so daß er Sekundenbruchteile lang soviel wog wie seine eigene Statue aus Metall. Er lebte mit gebrochenen Knochen, mit blutenden Verletzungen, minutenlang blind und unfähig zu sprechen — aber er lebte.

Tauglich. Der Mensch ist körperlich tauglich, ins All zu fliegen.

Er stieg in der Gondel unter einem Ballon auf eineinhalb Tage in die Stratosphäre und schilderte durch das Mikrophon, wie ihn langsam die Angst überkam. Er wurde in schalldichte Dunkelzellen gesperrt und sah in seinen Halluzinationen Disney-Zwerge und lächelnde Nilpferde. Die Panik packte ihn, aber er konnte die vorgeschriebenen Handgriffe ausführen und wurde nicht verrückt.

Tauglich. Der Mensch ist auch seelisch tauglich, ins All zu fliegen.

„Wenn diese Airforce-Ärzte und -Professoren", schrieb ein amerikanischer Journalist nach einem Besuch in einer Versuchsanstalt für Raumfahrtmedizin, „in den Himmel über den Ebenen von Texas blicken, so erinnern sie an Fische aus dem Paläozoikum, die — wenn Fische sprechen könnten — über die Gefahren sprechen, die äuf sie lauern, wenn sie sich aus dem Meer hervorwagen."

Tatsächlich gleichen die Untersuchungen der Raumfahrtmediziner einem Versuch, festzustellen, wie man den Fisch für ein Leben auf dem Land tauglich machen könnte, und wie man aus der großen Zahl aller Fische am besten diejenigen heraussucht, die man als Vortrupp an Land schicken kann. Wie das Disaster mit dem abgesprengten Notausgang und der verlorenen 120-Millionen-Schilling- Kapsel (reine Baukosten, der Wert der versunkenen Meßergebnisse war natürlich viel höher!) gezeigt hat, ist dies eine außerordentlich wichtige Frage, die man über den Anstrengungen um stärkere Trägerraketen und sicherere Raumkapseln keinesfalls vernachlässigen darf.

Die Qualität der amerikanischen und russischen Raketen und Kapseln gegeneinander abzuwägen, wäre im Augenblick ein recht müßiges Beginnen. Auch die Frage, ob Sowjetrußland bei der Entwicklung der gleichen Flüssigkeitsraketen mit den gleichen Treibstoffen, an denen auch die Amerikaner arbeiten, einfach weiter vorangekommen ist oder ob man dort technisch einen anderen Weg eingeschlagen hat, kann vorläufig niemand mit Sicherheit beantworten. Dafür ist mit dem Flug Major Titows eine andere Tatsache, die man schon im April nach Gagarins Landung ahnen konnte, offensichtlichgeworden: Bei der Auswahl ihrer Raumfahrer gehen die Russen nach einem völlig anderen Prinzip vor als die Amerikaner.

Natürlich wollten tausende Amerikaner gerne Weltraumfahrer werden. Aber auf Anraten der Wissenschaftler beschränkte man sich bei der Auswahl der ersten Kosmonauten von Anfang an auf versierte Testpiloten. Deren gab es nicht einmal 500. Nach der ersten Siebung waren noch 69, nach der zweiten Siebung 32 „Taugliche“ übrig, und die sieben, die schließlich auf den ersten Raumflug vorbereitet wurden, mußten nicht nur in die Folterkammer der Zentrifugen und Schweigezellen, sondern man setzte sie auch an einen Tisch mit den Konstrukteuren und ließ sie beim Entwurf der Raumkapsel mitarbeiten. Einer ihrer tatsächlich durchgeführten Vorschläge war der Schnellausstieg mit den verhängnisvollen Sprengbolzen.

Die amerikanischen Kosmonauten sind nämlich durch die Bank nicht nur alte Piloten, sondern auch absolvierte Ingenieure, denen die Schnittzeichnungen ihrer Flugzeuge ebenso vertraut sind wie die Instrumente in der Kanzel. Und da man bei der Auswahl der ersten amerikanischen Kosmonauten Wert auf reiche fliegerische Erfahrung, das heißt auf tausende Flugstunden, legte, ist es klar, daß auch die Altersgrenze entsprechend hoch angesetzt werden mußte: Alan Shepard ist 37, Virgil Grissom 35 Jähre alt.

Im Gegensatz dazu scheint, man in der Sowjetunion mehr von jugendlichem Schwung zu halten: Gagarin ist 27, Titow 26 Jahre alt. Sie können nicht viel über zwanzig Jahre alt gewesen sein, als man begann, sie auf ihre Aufgabe vorzubereiten. Sie sind Flieger, und zwar fliegerischer Nachwuchs: Keiner von ihnen ist Ingenieur, keiner von ihnen war Testpilot, keiner kann auf tausende Flugstunden hinweisen.

Es wäre interessant, zu wissen, wie weit sie den gleichen Tests unterworfen wurden, wie ihre amerikanischen Kollegen. Es gibt nämlich Fachleute, die einen Großteil dessen, was amerikanische Raumkandidaten über sich ergehen lassen, zur sinnlosen Marterei und so manches Experiment zur Menschenschinderei in ideeller Verkleidung erklären.

Ist der Raumfahrt damit gedient, wenn uns die Adepten der „Leistungsgrenze“ auf Grund entsprechender Tierversuche detailliert beschreiben, in welchen Phasen und mit welchen Schwellungen welcher Körperteile der Tod eintritt, wenn der Raumanzug leck geworden ist? Ist der Raumfahrt gedient, wenn man feststellt, wie lange es der Mensch in der Schweigekammer aushält? Sehen wir einmal von den individuellen Verschiedenheiten ab, die sich dabei ergeben — es ist äußerst naiv, zu glauben, der Mensch würde im Raumschiff zwischen Erde und Mond im gleichen Seelenzustand sein und das gleiche Verhalten an den Tag legen wie in der Schweigekammer. Es ist naiv, das Wissen des Raumfahrers, wo er sich wirklich befindet, und das Bewußtsein, einer Aufgabe gerecht werden zu müssen, als seelischen Faktor zu vernachlässigen und in der Schweigekammer allen Ernstes feststellen zu wollen, „wie sich der Mensch im Weltraum verhalten wird“.

„Der Mensch ist eine Fehlkonstruktion“, sagte ein amerikanischer Raumfahrtmediziner. Man muß diese Fehlkonstruktion ändern. Man muß sie stützen, einhüllen, verbessern, ertüchtigen. Man muß sie raumtauglich machen. Der Raumfahrer — ein Mann ohne Eigenschaften, ein Ding ohne Ängste, ohne Emotionen, nur mit einigen schwachen Stellen .. .

Zurück zur Vorbereitung des einzelnen Raumfahrers — es scheint manchmal so, als gedächten die Amerikaner ihre Leute zu ruinieren, bevorsie sie in den Weltraum schießen. Und da die Kapsel, in der Grissom durch den Weltraum flog, anscheinend durch einen nervlichen Versager in Verlust geriet, geben auch die Ereignisse denen recht, die solches vermuten.

Die mehrmals abgebrochenen Vorbereitungen zum Start, die zermürbende Prozedur des „Countdown", des Herunterzählens, und was die amerikanischen Kosmonauten in Cape Canaveral an Fehlstarts und sonstigen Zwischenfällen bereits mit ansehen durften, während die „Konkurrenz“ den Globus umrundete, all dies genügt allerdings, um auch einen starken Marin fertigzumachen. Ob er es nach den vorangegangenen Äbhär- tungskuren leichter erträgt, bleibe dahingestellt.

Gewiß, die Zentrifuge muß sein. Und auch Gagarin und Titow wurden ganz bestimmt im Kreis herumgewirbelt. Gründliche ärztliche Untersuchungen müssen sein, un J hartes Konditionstraining ist notwendig.

Auf die kombinierte geistig-seelischkörperliche Geisterbahn scheinen die Russen, soweit man es heute beurteilen kann, vorläufig zu verzichten. Und auch auf die Mitwirkung der künftigen Raumfahrer an der Konstruktion der Kapsel, in der sie durch den Weltraum fliegen sollen. Ferner verzichten die Russen bei der Auswahl ihrer Kosmonauten mit Sicherheit auf Ingenieurdiplome und auf Flugbücher mit tausenden eingetragenen Stunden.

Dafür setzen sie jugendlichen Schwung, Begeisterung für das technische Abenteuer und die Verachtung der Gefahr in ihre Rechnung ein.

Wobei es sich freilich um eine Gefahr handelt, die nicht recht ernst genommen wird, denn nach wie vor gilt die Formel von der ,,99prozenti- gen Sicherheit“. Sie besagt, daß der Mensch zwar seine Knochen riskiert, wenn er den Mount Everest besteigt, wenn er an Motorradrennen teilnimmt und da und dort auch, wenn er den Mund zu weit aufmacht, aus dem Weltraum jedoch heil an Leib und Seele heimzukehren hat.

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