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Von der Akupunktur zum „Astralleib“

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„Es ist unbeschreiblich. Elektrische Flammen leuchten auf, und dann Fackeln, oder blaue oder orangefarbene Kronen. Flammendes Violett und wilde Blitze. Einige Lichter glitzern beständig, andere kommen und gehen wie Wandelsterne. Es ist phantastisch, ein geheimnisvolles Spiel — eine Feuerwelt.“ Diese Sätze beschreiben das Aussehen eines Menschen, der mittels der Kirlian-Photographie aufgenommen wurde. Die Kir-lian-Photographie, die Ende der dreißiger Jahre von 'Semjon Davidowitsch und Valentina Kirlian in Krasnodar in Südrußland entdeckt wurde, bringt Menschen und andere Versuchsgegenstände in ein Feld elektrischer Hochfrequenzströme. Dabei wird ein lumineszierender Energiekörper sichtbar gemacht, der offenbar unseren Körper durchdringt, jedoch normalerweise völlig durch den physischen Körper verborgen ist.

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„Es ist unbeschreiblich. Elektrische Flammen leuchten auf, und dann Fackeln, oder blaue oder orangefarbene Kronen. Flammendes Violett und wilde Blitze. Einige Lichter glitzern beständig, andere kommen und gehen wie Wandelsterne. Es ist phantastisch, ein geheimnisvolles Spiel — eine Feuerwelt.“ Diese Sätze beschreiben das Aussehen eines Menschen, der mittels der Kirlian-Photographie aufgenommen wurde. Die Kir-lian-Photographie, die Ende der dreißiger Jahre von 'Semjon Davidowitsch und Valentina Kirlian in Krasnodar in Südrußland entdeckt wurde, bringt Menschen und andere Versuchsgegenstände in ein Feld elektrischer Hochfrequenzströme. Dabei wird ein lumineszierender Energiekörper sichtbar gemacht, der offenbar unseren Körper durchdringt, jedoch normalerweise völlig durch den physischen Körper verborgen ist.

Die Photographie mit elektrischen Hochfrequenzfeldern erfordert zunächst einmal einen speziell konstruierten Hochfrequenzfunkengene-rator oder Oszillator, der 75.000 bis 200.000 Schwingungen pro Sekunde erzeugt. Der Generator kann mit verschiedenen Klemmen, Platten, optischen Instrumenten, Mikroskopen oder Elektronenmiskroskopen verbunden werden. Der zu untersuchende Gegenstand (eine Hand, das Blatt einer Pflanze) wird zusammen mit dem Photopapier zwischen die Klemmen eingeführt. Wenn der Generator eingeschaltet wird, entsteht zwischen den Klemmen ein Hochfrequenzfeld, das das Objekt veranlaßt, eine Art Biolumineszenz auf das Photopapier auszustrahlen. Eine Kamera ist für diese Art des Photographierens nicht nötig.

Was bedeuten diese Flammen? Und was beleuchten sie? Die pulsierenden Funken trieben kein zufälliges Spiel. Die Kirlians legten ein frisches Blatt unter die Linse eines Mikroskops, das mit dem Hochfrequenzgenerator verbunden war. Sie sahen ein Bild, das dem der menschlichen Hand ähnelte. Dann versuchten sie es mit einem halbverwelkten Blatt. Es sah wie eine nächtliche Großstadt aus, in der die Lichter nach und nach verlöschen. Dann nahmen sie ein fast völlig verwelktes Blatt. Es gab fast keine Flammen, und die Funken und „Wolken“ bewegten sich kaum. Während sie es beobachteten, schien es vor ihren Augen zu sterben und sein Tod spiegelte sich im Bild der Energieimpulse. „Wir schienen die Lebensaktivität des Blattes zu sehen“, sagten die Kirlians, „intensive, dynamische Energie in dem gesunden Blatt, weniger in dem welken und nichts in dem toten Blatt.“

Nach und nach wurde jede denkbare Substanz untersucht — Leder, Metall, Holz, Laub, Papier, Münzen, Gummi. Dabei zeigte sich, daß ihre Lumineszenzmuster verschieden waren, vor allem aber, daß lebende Dinge ganz andere Strukturdetails aufwiesen als nicht lebende. Erkrankte Pflanzen wiesen einen gestörten Energiekörper auf — auch wenn die Krankheit dem freien Auge nicht feststellbar war. Auch menschliche Störungen emotioneller und physischer Art manifestieren sich in einer veränderten Lumineszenz.

Macht die Kirlian-Photographie etwa die „Aura“ sichtbar, von der Mystiker und Philosophen vergangener Jahrhunderte, wie etwa auch Paracelsus, berichten?

Auch der „Heiligenschein“, den christliche Heilige tragen, ist eine Aura. Auf jeden Fall scheinen die Bilder der Kirlians einige Partikel der Aura zu zeigen, Elemente, die bisher noch kein Instrument angezeigt oder aufgezeichnet hat, sieht man von Wärmestrahlung und elektromagnetischen Feldern ab. Heute wird die Kirlian-Photographie überall in der Sowjetunion erforscht. Besondere Anwendungsmöglichkeiten eröffnen sich für die Frühdiagnose von Krankheiten, vor allem für Krebs. Die Ergebnisse der Forschungen scheinen nahezulegen, daß es einen „Astralleib“, ein immaterielles Duplikat unseres physischen Körpers gibt.

Eine Forschergruppe der Universität von Kasachstan lieferte eine wissenschaftliche Studie über „Die biologische Essenz des Kirlian-Effekts“. Sie kamen zu dem Schluß, daß alle lebenden Wesen — Pflanzen, Tiere, Menschen — nicht nur einen physischen Körper haben, der aus Atomen und Molekülen besteht, sondern als Gegenstück auch einen Energiekörper besitzen, den sie „biologischen Plasmakörper“ nannten (Plasma ist der vierte Zustand der Materie, bestehend aus ionisierten Teilchenströmen). Die Lumineszenz wird durch das Bioplasma — dessen Natur allerdings nicht näher geklärt ist —, nicht aber durch irgendwelche bekannte elektrische Zustände des Organismus verursacht. Ferner stellten sie fest, daß der Energiekörper eine Gestalt hat, also eine spezifische räumliche Organisation. So ist das Bein eines

Beinamputierten oder der weggeschnittene Teil eines Blattes in der Strahlung sichtbar. Durch den biologischen Plasmakörper reagieren alle lebenden Wesen auf das gesamte kosmische Geschehen (Mondphasen, Sonnenflecken, Störungen im Magnetfeld der Erde). Auch alle Emo-tionen, Stimmungen und Gedanken — oder ein Gläschen Wodka — haben einen drastischen Einfluß auf die Energiefelder, die in der Kirlian-Photographie sichtbar werden.

Interessant ist, daß die besonders hellen Stellen in der Lumineszenz mit den 700 chinesischen Akupunkturpunkten korrespondieren. Nach dem Studium der Kirlian-Technik erfanden der Leningrader Chirurg Dr. Gaikin und der Ingenieur Wladislaw Mikalewskij ein elektronisches Gerät, das die Akapunktur-punkte auf einen Zehntelmillimeter genau festlegt. Dieses Gerät heißt Tobiskop und wurde auf der EXPO 67 in Montreal im sowjetischen Pavillon ausgestellt. Die Akupunkturmethode erhielt dadurch in Rußland gewaltigen Auftrieb: russische Akupunkturspezialisten benutzen heute nicht nur Nadeln, um die Haut zu stimulieren, sondern auch statische Elektrizität, Geräusche, Cortison und Adrenalincreme zur Massage.

Die durch Zufall entdeckte Kirlian-Photographie bot zum erstenmal die Möglichkeit, „übersinnliche“ Phänomene wissenschaftlich zu erforschen, die Versuche konnten jederzeit wiederholt und reproduziert werden, die Ergebnisse sind meßbar, die Bedingungen, unter denen sie erzielt werden, können beliebig variiert werden.

Russische Wissenschaftler befassen sich seit einiger Zeit, genauer gesagt seit Stalins Tod, allerdings auch mit anderen parapsychologischen Phär-.omroen, dteTJ-iiwrissen^hait • iicher fexaktheit nicht so leicht zu unterwerfen sind. Psychologen, Geologen, Ingenieure, Physiker und Biologen studieren Telepathie, Präkognition (Vorausblicken in die Zukunft), Dermooptik (Hautsehen) und Psychokinese (Bewegen von Materie mit medialen Kräften). Heute gibt es in der Sowjetunion mehr als 20 Zentren zum Studium des Paranormalen, darunter ein Institut für Technische Parapsycho-logie der Akademie der Wissenschaften, mit einem Gesamtetat von 13 Millionen Rubel (1967).

Eine Hauptrichtung der sowjetischen parapsyohologischen Forschung ist die Entwicklung von Aggregaten, die in der Lage sind, die untersuchten Phänomene aufzuzeichnen, zu testen und zu analysieren. Ferner versuchen sie durch strengste Testbestimmungen die Ergebnisse möglichst objektiv zu gestalten. Bei Versuchen dieser Art sind die Wissenschaftler auf Medien angewiesen, auf Personen also, deren Bewußtsein für außersinnliche Phänomene besonders durchlässig ist, oder die Energien, welche bei normalen Menschen brachliegen (etwa 90 Prozent unseres Gehirns werden nicht benutzt!), zielbewußt einsetzen können. 1966 erbrachte Karl Nikolajew, ein berühmtes sowjetisches Medium, den ersten stichhaltigen Beweis für Langstrek-kentelepathie. Nikolajew, ein lebenslustiger Typ, von Beruf Schauspieler, wurde nach Nowosibirsk geflogen und fungierte als „Empfänger“, Jurij Kamenskij, ein ernster Physiker, saß als „Sender“ in Moskau. Nikolajew identifizierte sechs Gegenstände, deren Bild ihm telepathisch übermittelt wurde. Bei diesen wiederholt durchgeführten Langstreckentests stellte man fest, daß der Augenblick der Gedankenübertragung durch auffällige Änderungen auf den EEG-Streifen beider Versuchspersonen gekennzeichnet ist. Ein solches telepathisches Experiment erfordert einen Zustand völliger Entspannung, den man am besten durch Yoga erreicht; deshalb vereinbarte die sowjetische Regierung mit Indien, daß Yogis zur Verfügung gestellt wurden. Man stellte auch Versuche an, ein telepathisches Codesystem zur Verwendung im Weltraum zu entwickeln. Telepathie als Weltraumsprache? Die Telepathie könnte zum Beispiel als Funkersatz verwendet werden, wenn die Funkverbindung mit der Erde abgerissen ist. In dem Ausbildungsprogramm der sowjetischen Kosmonauten ist ein telepathisches Training inbegriffen, ebenso werden sie in Yoga und Hypnose ausgebildet und auch Vorkenntnisse in Präkognition werden ihnen vermittelt.

Ein Komplex von Erscheinungen, der unter der Bezeichnung „primäre Wahrnehmung“ bekannt ist, scheint die sowjetischen Militärspezialisten besonders zu interessieren. Es handelt sich dabei um Phänomene hellseherischen Charakters, bei denen im Bewußtsein eines Menschen Ereignisse registriert werden, die sich gleichzeitig in großer räumlicher Entfernung abspielen, etwa, wenn ein Sohn den Tod seines Vaters spürt oder die Mutter die Krankheit eines Kindes. Die Sowjets stellten in diesem Zusammenhang folgenden — veröffentlichten — Versuch an: sie brachten Kaninchenjunge in ein U-Boot, während die Kaninchenmutter an Land blieb. Dann töteten sie die Jungen eines nach dem anderen — die Gehirnströme der Mutter reagierten jedesmal präzis. Die „primäre Wahrnehmung“, wird sie erlernbar und praktizierbar, würde natürlich ein unschlagbares Kommunikationssystem abgeben.

Eine bisher neue und unbekannte Form von Energie wird bei der Psychokinese entwickelt. Ein berühmtes sowjetisches Medium, Frau Nelja Michailowa, kann das Pendel einer Uhr in Bewegung setzen und wieder anhalten, Wassergläser, Äpfel und Zündhölzer bewegen, ja sie trennte sogar in einem Glasbehälter Eiweiß vom Dotter und vereinigte sie wieder. Alle Versuche wurden unter strengstenTestbestimmungen durchgeführt. Frau Michailowa wurde mit elektrodynamischen und -magnetischen Geräten untersucht, um herauszufinden, ob diese Erscheinungen nicht doch etwas mit Magnetismus zu tun haben. Dabei stellte sich heraus, daß ihr elektromagnetisches Feld etwa 50mal stärker ist als bei normalen Menschen und daß die Magnetfelder bei psychokinetischen Versuchen zu pulsieren begannen. Anderseits kann Magnetismus nicht durch Glas und unter Wasser wirken und Äpfel sind bekanntlich nicht magnetisch. Bei den Versuchen wurde festgestellt, daß es die günstigste Zeit für Psychokinese ist, wenn das Magnetfeld der Erde durch Sonnenflecken gestört ist. In nördlichen Regionen funktioniert sie besser als in Äquatornähe und im Winter (wenn die Erde mit Schnee bedeckt ist), besser als im Sommer. Durch Psychokinese können auch Moleküle bewegt werden, etwa auf Polaroid-Almen, wo Nelja Michailowa die Buchstaben A und O erscheinen ließ. Ursprung und Wirkungsweise dieser Energie sind völlig ungeklärt. In Frankreich wurden Versuche psycho-kinetischer Art angestellt, bei denen der Zerfall radioaktiver Materie beschleunigt oder verlangsamt wurde. Unerfreuliche Aussichten tun sich auf, wenn man bedenkt, daß die meisten dieser Versuche von Militärspezialisten durchgeführt werden.

Humanere Aspekte zeigt ein anderes parapsychologisches Phänomen, das Hautsehen oder die Dermooptik. Ein russisches Mädchen, Rosa Kuleschowa, das zwei blinde Geschwister hatte, stellte plötzlich fest, daß sie mit den Händen allein, bei geschlossenen Augen, Farben unterscheiden konnte. Umfangreiche Testreihen wurden angestellt, in deren Verlauf Rosa Kuleschowa ihre Fähigkeit verfeinerte und schließlich Farben auch in einiger Entfernung (40 bis 70 cm) erkennen konnte. Bei den Tests war die Wärmestrahlung abgefiltert (Schwarz, Weiß und die Farben des Spektrums reflektieren verschiedene Wärmemengen). Heute gilt Dermooptik in der Sowjetunion als erlernbar, weil zahlreiche Versuche mit Studenten und blind geborenen Kindern dies bewiesen haben sollen. Einige Wissenschaftler behaupten, daß unsere ganze Haut ein Sehpotential besitze, also daß Sehzellen über den ganzen Körper verteilt seien. Bewiesen ist das allerdings nicht, auch die Dermooptik zählt zu den unerklärlichen Phänomenen.

Der umfangreiche wissenschaftliche Apparat, mit dem die Sowjets an parapsychologische Phänomene herangehen, hat diese aus dem spiritistischen Dunkel und der Schwindelatmosphäre befreit, die solche Erscheinungen meist umgeben. Allerdings sollte diese „Wissenschaftlichkeit“ nicht darüber hinwegtäuschen, daß es keinerlei beweiskräftige Theorien, ja nicht einmal schlüssige Hypothesen über Ursachen und Funktionsweisen parapsychologischer Fakten gibt. Die Wissenschaftler sind auf Medien angewiesen, die zufällig da und dort auftreten. Meist sind es Frauen, deren Gehirn offenbar einen höheren Grad biologischer Selbständigkeit besitzt, oder auch Soldaten im Krieg, die sich in langdauernden Extremsituationen befinden.

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