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Und wenn das alles wahr ist ?

1945 1960 1980 2000 2020

Nimmt die Kirche zuwenig Anteil an der Erforschung paranormaler Phänomene? Was bedeutet es, wenn diese Phänomene echt sind? Heikle Fragen, aber eine Diskussion wert.

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Nimmt die Kirche zuwenig Anteil an der Erforschung paranormaler Phänomene? Was bedeutet es, wenn diese Phänomene echt sind? Heikle Fragen, aber eine Diskussion wert.

Vor hundert und einem Jahr wurde in London die „Society for Psychical Research“, die Gesellschaft für (para)psych(olog)i- sche Forschung, gegründet. Spätestens seit jener Zeit gibt es also eine wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiet. Seither beschäftigt sich eine schier unübersehbare Zahl von Wissenschaftlern mit der Erforschung para-normaler Phänomene, wurden in allen Teilen der Welt Institute, Laboratorien und Universitätslehrstühle in den Dienst dieser Forschung gestellt.

Daneben gibt es einen seit antiken und Vorzeiten ungebrochenen Strom von paranormalen Phänomenen, gibt es immer wieder Sensitive, Medien, Spoeken- kieker, Hellsichtige, Seher, Visionäre, Heiler, Schamanen und wie immer sie heißen mögen. Noch gibt es auch Naturvölker, bei denen das Außer- und Übersinnliche ganz selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens und ihrer Welt ist, und wir legen erst langsam die Überheblichkeit ab, über diese „Primitiven“ zu lächeln.

Mit quantitativ-statistischen, also durchaus naturwissenschaftlichen Methoden wurde mit einer jeden Zweifel abschließenden Sicherheit die Existenz von Ge-dankenübertragung, Hellsehen und Prophetie sowie Telekinese ( = gedankliche Einwirkung auf materielle Systeme) auf physikalischer Seite erwiesen.

Das allein würde schon ausreichen, dem Materialismus den Garaus zu machen, denn die außersinnliche Wahrnehmung durchbricht die Schranken von Raum und Zeit, und die Telekinese stellt die Gesetze physikalischer Kausalität auf den Kopf. All das ist geeignet, unser Weltbild grundlegend zu revolutionieren. Erstaunlicherweise ist davon aber noch kaum etwas in das allgemeine Bewußtsein gedrungen.

Nun gibt es aber neben diesen sozusagen basalen Phänomenen, die für den Laien zwar noch immer unverständlich und unglaub- lich sind, über welche in Expertenkreisen die Diskussion aber so ziemlich als abgeschlossen gelten kann, auch noch gewissermaßen paranormale Phänomene höherer Ordnung. Als solche möchte ich in erster Linie mediale Phänomene OOBEs (Out Of Body Experiences = außerkörperliche Erlebnisse) und (quasi)mystische Erfahrungen bezeichnen.

Hier wird die Materie freilich sehr komplex und entzieht sich naturwissenschaftlicher Forschung im herkömmlichen Sinn; was allerdings nicht heißen darf, daß die Beobachtung, Beschreibung, Interpretation und der Vergleich solcher Erlebnis- und Erfahrungskategorien nicht wissenschaftlich zu nennen wäre.

Beim Mediumismus geht es im allgemeinen um die angenommene Verbindung mit exkarnierten (leibfreien) Persönlichkeiten. Die Vielfalt der Techniken und der Phänomene ist beeindruckend, und die Beobachtung der Vorgänge geschah auch schon in der Vergangenheit unter Kontrollbedin- gungen, die viel sorgfältiger waren, als man sich heute vorzustellen bereit ist.

Die große Zeit der Trancemedien begann um die Mitte des vorigen Jahrhunderts und reicht bis in die erste Hälfte unseres Jahrhunderts herein. Sie dürfte vorläufig vorüber sein — möglicherweise gedeiht diese Begabung in unserer Lebensform nicht.

Die großen Leistungen der wenigen überragenden Medien, denen nie ein Betrug nachgewiesen werden konnte, auf dem Gebiet des automatischen Schreibens, des Tranceredens und der Xeno- glossie (Reden in fremden Sprachen), der direkten Stimme und der Materialisation von Teil- und Vollphantomen sind jedenfalls so beschaffen, daß sie sehr massive Indizien zugunsten der spiritistischen Hypothese liefern.

Diese geht davon aus, daß für eine angemessene Interpretation paranormaler, insbesondere medialer, Phänomene in etlichen Fällen auf die Annahme des Hereinwirkens Jenseitiger nicht verzichtet werden kann, will man nicht in völlig willkürlicher Weise die Erklärungsmöglichkeiten durch außer sinnliche Wahrnehmung überstrapazieren und der Lebendigkeit und jeweils spezifischen Charakteristik der Phänomene Gewalt antun.

Die Hervorbringungen der Medien sind aber sozusagen nur das eine Bein, auf dem die spiritistische Hypothese steht. Sie wird ergänzend gestützt von Erlebnissen der Leibfreiheit der eigenen Seele beziehungsweise eines behaupteten feinstofflichen Körpers, welcher in Analogie zu den zeitlich begrenzten Austrittserlebnissen beim Tod (des Körpers) in eine Existenz dauernder Leibfreiheit eintreten soll.

Diese Erlebnisse sind verbreiteter als man annimmt und werden von den Betroffenen sehr oft aus Furcht, nicht verstanden zu werden, verschwiegen. Sie treten im übrigen nicht nur in Todesnähe bei schwerer Krankheit oder Unfällen auf, sondern durchaus auch spontan, in einigen Fällen nach entsprechendem Training sogar gewollt.

Die Schilderungen im Rahmen dieser Erlebnisse haben sehr viel gemeinsam mit einer weiteren Gruppe, die man als mystisch oder quasimystisch bezeichnen könnte. Auch hier wird eine Entgrenzung der eigenen Existenz erlebt und damit der Eintritt in eine Seinsverfassung, die den Beschränkungen durch Raum, Zeit, Stofflichkeit und Kausalität, aber auch dem Tod nicht mehr unterliegt. Der Dichter Tennyson schildert sie als einen Zustand, in dem „der Tod zu einer lächerlichen Unmöglichkeit“ geworden war.

Man mag das als subjektiv und daher nicht verifizierbar abtun — überaus beeindruckend bleibt die unerschütterliche persönliche Überzeugung dieser Menschengruppe von der Realität des von ihnen Erlebten, gegen welche ihren Aussagen zufolge unsere Alltagsrealität zu traumartiger Schemenhaftigkeit verblaßt. Weiters sollte einem die Tatsache sehr zu denken geben, daß die Betroffenen durch solche Erlebnisse durchwegs dazu veranlaßt werden, ihr Leben grundlegend zu ändern und in Richtung auf mehr Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe zu orientieren.

Das alles entzieht sich, wie gesagt, der Verifizierbarkeit im herkömmlichen naturwissenschaftlichen Sinn, ist aber sicher so eindrucksvoll und hinsichtlich der möglichen Konsequenzen so bedeutungsvoll, daß es lohnt, sich die Frage zu stellen: Was wäre, wenn es wahr ist?

Es ist schade, daß diese immens wichtige Diskussion weitgehend ohne Beteiligung der Kirche(n) geführt wird. Diese beschränkt sich zur Zeit wohl zu sehr auf das Engagement im irdisch-sozialen (so anerkennenswert das ist). Sie nimmt damit aber in Kauf, daß Gott auf einmal gewissermaßen im luftleeren Raum steht. Die stärkere Beschäftigung mit der Welt des Geistes würde damit auch den Begriff „Reich Gottes“ wieder mit mehr Leben erfüllen und insofern dem Gottesglauben selbst zugute kommen.

Abgesehen davon, daß es der Kirche nur guttun könnte, die lebendige (und Wahrscheinlich überwältigende) Realität geistiger Wesen wiederzuentdecken, die bei ihr zu bloßen Symbolen, wenn nicht gar zur Dekoration verkümmert sind. Die Rede ist von der Engelwelt, mit der die Kirche im Augenblick überhaupt nichts anzufangen weiß. Jeder zweite aus dem Körper Ausgetretene begegnet aber engelhaften, Wesen und ist von deren Schönheit, Macht und Liebe überwältigt. Hier liegt möglicherweise eignes der schwersten Versäumnisse vor, dessen sich die Kirche in unseren Tagen schuldig macht.

Wiederum ergeben sich aus diesen Ansätzen eminent praktische Folgerungen. Denn von daher könnte unter Umständen die ganze schöne Autonomie des Menschen, von der wir ja ziemlich diskussionslos auszugehen gewohnt sind, gehörig relativiert werden. Wenn es Engel, ja (durchaus biblisch) Hierarchien von Engeln, vielleicht gar auch noch Gegen-mächte der Finsternis gibt, dann ist auch mit der Möglichkeit ihrer Einflußnahme zu rechnen.

Wenn es darüber hinaus noch möglich sein sollte, daß auch leibfreie („verstorbene“) Menschen Einfluß auf unsere Gedanken und unser Tun nehmen können — wofür es in der Literatur durchaus glaubwürdige Anhaltspunkte gibt —, dann müßte die Psychologie wohl neu geschrieben werden.

Das sind nur einige Fragen, die sich in unmittelbarem oder mittelbarem Zusammenhang mit der Beschäftigung mit paranormalen Phänomenen stellen. Es sind Fragen von unabsehbarer geistiger Sprengkraft, wohl wert, daß sich die Besten ihnen stellen. Es ist zu hoffen, daß die Aufgeschlossenheit ihnen gegenüber noch zunimmt, daß das Gespräch noch interdisziplinärer geführt wird und daß sich endlich auch die Kirche vernehmbar an ihm beteiligt.

Der Autor ist Direktionsassistent im Oö Landesverlag und befaßt sich seit längerer Zeit mit dieser Thematik.

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