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Roboterfrau - © Foto: pixabay

Endlichkeit neu lernen

1945 1960 1980 2000 2020

Wir wissen zwar, dass wir sterben müssen, aber wir versuchen vor dem Sterben noch, möglichst viel zu erleben. Über Endlichkeit und dem Streben nach dem ewigen Leben.

1945 1960 1980 2000 2020

Wir wissen zwar, dass wir sterben müssen, aber wir versuchen vor dem Sterben noch, möglichst viel zu erleben. Über Endlichkeit und dem Streben nach dem ewigen Leben.

Einen Leib zu haben, gehört zu den Basisdaten unserer Existenz. Weil wir aber trivialer Weise den Leib nicht so haben, wie man beliebiges Anderes hat, z. B. ein Fahrrad oder einen Mantel, drückt man dieses Spezifische unseres Verhältnisses zum Leib dadurch aus, dass man sagt: Wir haben eigentlich keinen Leib, sondern wir sind Leib. Diese Wendung gilt gemeinhin als differenzierte Bestimmung. Und erst recht wird das unterstellt, indem man den Leib als etwas Natürliches bestimmt.

Der manipulierte Leib

Davon aber kann - sieht man genauer zu - nicht die Rede sein. Zunächst wäre ja schon zu fragen, woran wir denn überhaupt bemessen, was "natürlich" ist und was nicht. Ist uns Natur "pur" überhaupt zugänglich? Begegnet uns das, was wir für natürlich halten, nicht immer schon gerastert, kategorisiert, perspektiviert durch die Hinblicknahme und den Zugriff unserer jeweiligen Interessen und Zwecke? Naturschutzparks etwa sind hochkünstliche Gebilde, von uns angelegt zum Zweck unverfälschten Genusses dessen, was wir eben für Natur halten.

Einen Leib zu haben, gehört zu den Basisdaten unserer Existenz. Weil wir aber trivialer Weise den Leib nicht so haben, wie man beliebiges Anderes hat, z. B. ein Fahrrad oder einen Mantel, drückt man dieses Spezifische unseres Verhältnisses zum Leib dadurch aus, dass man sagt: Wir haben eigentlich keinen Leib, sondern wir sind Leib. Diese Wendung gilt gemeinhin als differenzierte Bestimmung. Und erst recht wird das unterstellt, indem man den Leib als etwas Natürliches bestimmt.

Der manipulierte Leib

Davon aber kann - sieht man genauer zu - nicht die Rede sein. Zunächst wäre ja schon zu fragen, woran wir denn überhaupt bemessen, was "natürlich" ist und was nicht. Ist uns Natur "pur" überhaupt zugänglich? Begegnet uns das, was wir für natürlich halten, nicht immer schon gerastert, kategorisiert, perspektiviert durch die Hinblicknahme und den Zugriff unserer jeweiligen Interessen und Zwecke? Naturschutzparks etwa sind hochkünstliche Gebilde, von uns angelegt zum Zweck unverfälschten Genusses dessen, was wir eben für Natur halten.

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Ganz ähnlich verhält es sich im Fall unseres eigenen Leibes: Gerade weil er in vielfältiger Weise und konstitutiv der Erhaltung (mittelbar oder unmittelbar) seitens seines "Bewohners" bedarf, kann er uns gar nicht als natürlicher begegnen. Von Anfang seines Auftretens an wird der Leib manipuliert - durch Art und Menge der Nahrungszufuhr etwa. In diesen Zusammenhang gehört auch das phasenweise Auftreten extremer Schlankheitsideale, das unter dem Namen Anorexie als potenziell lebensgefährliche Erkrankung eingestuft wird. Genauso handelt es sich bei Körpertraining, sei es aus sportlichen, sei es aus überlebenstaktischen, sei es aus phänotypischen Gründen, um Manipulation und Künstlichkeit. Einschlägige Beispiele: Militär und Body-Building-Szene. Auch Mode wirkt diesbezüglich normstiftend.

Auf einer zweiten Ebene ist Körpermanipulation möglich durch chemische Stimulantia. Es gibt keine Kultur, die nicht den Gebrauch von Vergorenem - also von Alkohol -, von tierischen und pflanzlichen Nervengiften einschließlich Nikotin und Koffein und eine ganze Palette von Drogen kennen würde.

Alles dient dazu, den Körper durchhaltefähiger zu machen oder unempfindlicher oder wohlbefindlicher für seinen "Bewohner".

Die jüngste Variante dieser Selbstmodellierung begegnet unter dem Titel des "Neuro-Enhancement". Und alles dient dazu, den Körper durchhaltefähiger zu machen oder unempfindlicher oder wohlbefindlicher für seinen "Bewohner" (so bei Trinkern in der ersten Phase) oder weil mit Bewusstseinserweiterungen und Trancezuständen Erlebnisse einhergehen - etwa Begegnung mit Göttern und Geistern -, die der eigenen Daseinsvergewisserung dienen.

Schon Nietzsche brachte genau das - in seiner Weise - auf den Punkt, wenn er in seinem Spätwerk "Ecce Homo" fragt: Ganz anders interessiert mich eine Frage, an der mehr das 'Heil der Menschheit hängt', als an irgend einer Theologen-Curiosität: die Frage der Ernährung. Man kann sie sich, zum Handgebrauch, so formulieren: "Wie hast gerade du dich zu ernähren, um zu deinem Maximum von Kraft, von Virtù im Renaissance-Stile, von moralinfreier Tugend zu kommen?" (Nietzsche: Ecce homo)

Mittlerweile hat die Manipulation des Leibes aber auch noch eine dritte Ebene erobert. Von der Sache her ist sie uns längst vertraut: die Möglichkeit, Teile des Leibes zu ersetzen. Prothesen gibt es seit Jahrhunderten, Organtransplantationen kamen in unserer Epoche hinzu. Das Neue aber, das sich hier anbahnt und möglicherweise eine regelrechte Revolution auslösen wird, eröffnet der heute im Ansatz bereits mögliche Verbund von Medizin und Nanotechnik, also dem Einsatz winzigster technischer Geräte zu Reparatur, Austausch oder Ersetzung von selbst zentralsten Teilen des menschlichen Körpers.

Der am 10. September verstorbene Paul Virilio, ein sensibler kulturkritischer Zeitdiagnostiker, meint, nach der mehr oder weniger vollständigen Unterwerfung der Biosphäre stünde uns eine regelrechte Kolonialisierung des Körpers nach innen bevor. In der Kombination von Technik und Genetik scheine denkbar, dass Biorhythmen beschleunigt, Abhängigkeiten von bestimmten Lebensbedingungen gelockert oder gelöst werden. Der menschliche Körper werde zu einer Frage des Designs.

Der Zug in Richtung solcher Selbsterhaltung der dritten Dimension ist schon längst abgefahren. Wirtschafts- und Finanzkartelle tun das ihre, um diese Form digital gestützter Selbsterhaltung attraktiv und marktreif zu machen, denn die Nachfrage wird gewaltig sein -eben weil es unmittelbar um Selbsterhaltung geht, die erstmals auch die Basis-Parameter biologischen Daseins relativieren könnte.

Vor neuer Eugenik-Diskussion?

Aber wer wird unter den Bedingungen knapper werdender Ressourcen für die ökonomischen Voraussetzungen der Lifestyle-Medizin aufkommen? Bekommen wir global und regional neue Klassengesellschaften mit unüberbrückbaren Klüften zwischen denen, die sich solche Selbsterhaltung leisten, und solchen, die sie sich nicht leisten können? Werden die geschichtlichen Erfahrungen ausreichen, um uns dann aber auch vor einer brutalen Eugenik-Diskussion zu schützen, die sich angesichts des Bevölkerungsproblems unschwer den Mantel schierer Vernünftigkeit - wohlgemerkt instrumenteller Vernünftigkeit im Sinne Adorno-Horkheimers - wird umhängen können? Fragen fundamentalen Charakters. Wer kann sie beantworten? Deswegen haben vorerst Fluchtwege Konjunktur.

Die Zeit titelte vor ein paar Jahren in Fettdruck: "Die Sterblichkeit, das ist wirklich das Allerletzte, weg damit". Bloße Ironie? Weit gefehlt! Dahinter verbirgt sich der Skandal der Spätmoderne, die sich immer sicherer wird, dass der Mensch bald als sein eigener Schöpfer agieren könne.

Am gleichen Tag stand auf Spiegel-Online ein Beitrag über den "Traum vom ewigen Leben" zu lesen: "Wie wir den Tod austricksen können". Der Autor spekuliert - mit durchaus realistischem Hintergrund - über eine Verlängerung der menschlichen Lebensspanne auf etwa 125 Jahre (was freilich auch versicherungstechnisch eine Erhöhung des Renteneintritts auf den 100. Geburtstag mit sich brächte), und er fragt sich, ob nicht aus einer Kombination von Cyber-Technologie und Neurowissenschaft die Möglichkeit hervorgehen könnte, eine geklonte Kopie von uns selbst zu ziehen - der Traum des postbiologischen Humanismus seit gut drei Jahrzehnten, an dem mit ungeheurem intellektuellen und finanziellen Aufwand gearbeitet wird.

Wir wissen zwar, dass wir sterben müssen, aber wir versuchen vor dem Sterben noch, möglichst viel zu erleben.

Hartmut Rosa

Noch freilich ist es nicht so weit. Deshalb versuchen nicht wenige, in die nach wie vor endliche Lebensspanne so viel wie irgend möglich an Aktivität und Erlebnis hinein zu stopfen. Der Zeit-Soziologe Hartmut Rosa sagte in einem Interview: "Wir wissen zwar, dass wir sterben müssen, aber wir versuchen vor dem Sterben noch, möglichst viel zu erleben. Die Logik lautet: Wer doppelt so schnell handelt, kann praktisch zwei Lebenspensen in einem unterbringen." (Hartmut Rosa).

Und das alles noch dazu unter dem Diktat der Wettbewerbslogik, dass nur zählt, was mehr hermacht und gut läuft -sonst wird etwas Besseres gesucht. Darum lassen sich nicht nur ältere Damen die Lippen mit Botox aufspritzen und den Busen vergrößern und schlucken alte Herren mit Hängebauch Viagra, um Zeugungsgebaren zu simulieren. Weil sich die Sterblichkeit nicht abschütteln lässt, wird beschleunigt. Das wäre im Übrigen auch der genuine Hintergrund einer Theorie der Süchte - egal ob Arbeit, Alkohol, Medikamente, Sex oder Macht betreffend. Immer geht es dabei um ein "zu viel". Kann gut sein, dass wir durch den Beschleunigungszwang insgesamt schon längst in einer pathologisch zu nennenden Suchtkultur leben.

Wenn es jemanden von Ihnen derzeit nicht gut geht, obwohl Sie arriviert sind, einigermaßen gesund, keinen Skandal am Hals haben und nicht an verspätetem Liebeskummer leiden, dann haben Sie hier die Ursache Ihres Leidens: durch Geschwindigkeit das Endlichsein überspringen zu wollen.

Ein Zug von Entschleunigung

Es war Goethe, der in einem Brief von 1825 an seinen Großneffen Nicolovius das Prädikat "veloziferisch" (aus velocitas und Luzifer) prägte für das, was er für das größte Unheil schon seiner Zeit hielt, "die nichts reif werden lässt, und wo man schon im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist". In dem Dr. Faustus, der sich dem die Geduld verfluchenden Mephisto verschrieben hat und durch Irrtum als übereiltes Denken und Gewalt als übereiltes Handeln untergeht, hat er dem Veloziferischen sein Denkmal gesetzt.

So hat er versucht, dem bestimmenden Trend der Epoche einen Zug von Entschleunigung einzustiften. Geholfen hat es nichts. Längst wird das Leben digital beschleunigt nach vorne gelebt und immer weniger nach rückwärts verstanden - besonders in den Medien und durch die Medien. So entsteht heute auch die Aufgabe, erst einmal durch das Eröffnen und Freihalten von Zeiträumen die Voraussetzung für eine Kultur des Gedächtnisses, der Erinnerung, der Aneignung und Vergegenwärtigung zu schaffen.

Längst wird das Leben digital beschleunigt nach vorne gelebt und immer weniger nach rückwärts verstanden.

Keine Frage, gerade die christliche Verkündigung wäre von ihrer Eigenstruktur her für diese Aufgabe besonders qualifiziert. Aber natürlich muss sie das in ihrer eigenen Praxis durch ein sich Zeit Nehmen für ihre Sache und ein Zeit Haben für ihre Adressaten zur Geltung bringen. In einer medialen Ästhetik entschleunigter Rhythmen vergegenwärtigte sie dann ihre eigene Wurzel, die darin besteht, dass -menschlich gesprochen -Gott sich Zeit nimmt für seine Geschöpfe.

Freilich ist so etwas derzeit für die meisten Zeitgenossen äonenweit entfernt von der Alltagserfahrung und dem Deutehorizont ihres Lebens. Verblüffend ist, dass so gut wie alle, die sich derzeit mit dem Thema "Endlichkeit" befassen, auf Pascal zu sprechen kommen. Aber auffälliger Weise zitieren sie ihn immer nur halb: Bloß die Sache mit dem Horror vor dem Nichts. Einer macht es anders - der bereits erwähnte Paul Virilio: Er nimmt zur Kenntnis, dass Pascal ja auch das Therapeutikum gegen diesen Horror Vacui genannt hat: "Unsere Sinne nehmen nichts Extremes wahr. Zuviel Lärm macht uns taub. Zuviel Licht blendet uns. Die extremen Mengen sind unsere Feinde. Wir empfinden nichts mehr, wir leiden." (Blaise Pascal)

Diese Warnung vor dem "zu viel" tut nichts anderes, als an die dem Menschen wesentliche Endlichkeit zu gemahnen -und dass das Gelingen oder Scheitern eines Daseins daran hängt, ob eine und einer zu diesem Konstitutivum bewusst geführten Lebens ein affirmatives Verhältnis findet oder nicht.

Konkret gewendet: Christliche Theologie wird den Lifestyle-Sciences eine zeitgemäße "Ars moriendi" gegenüberstellen, die die Befristung von Zeit und Ressourcen als Grund der Kostbarkeit des Lebens auslegt. Sie muss dazu auch davon zu sprechen wagen, dass gerade die wegen ihren Endlichkeit und Kontingenz einmaligen Momente gelebten Lebens von besonderer Bedeutung sind: Sie sind ja unwiderruflich dem Gesamt des Universums eingeschrieben. Schon im Augenblick ihres Geschehens kann man von ihnen sagen, dass sie für immer unrevidierbar gewesen sein werden -sogar dann noch, wenn es dieses Universum nicht mehr geben wird, gilt, dass sie gewesen waren. So zeugt das Endliche kraft seiner selbst von einer Innenseite, die ans Unvergängliche rührt -und dass deswegen die Jagd nach dem Fürimmer-Bleiben vollkommen überflüssig ist.

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