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Siehe, das ist der MENSCH

1945 1960 1980 2000 2020

Der Mensch ist dem Menschen eine Bestie, zeigte Francisco Goya. Und Farideh Lashai zeigte, dass es immer noch nötig ist hinzusehen.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Mensch ist dem Menschen eine Bestie, zeigte Francisco Goya. Und Farideh Lashai zeigte, dass es immer noch nötig ist hinzusehen.

Spanien vor 200 Jahren: ein Desaster, das kaum in wenigen Sätzen zu skizzieren ist. Koalitionskrieg gegen Napoleon, dann verlängerter Arm der französischen Politik, dann Kriegserklärung an England. Napoleon und die Abschaffung der Inquisition hier, Adel und Kirche und das Festhalten an feudalen Strukturen dort; liberale Verfassung durch die Engländer, Wiedereinführung der Inquisition und Vorgehen gegen die Liberalen durch Ferdinand VII. und so weiter und so fort. Mit dem Aufstand vom 2. Mai 1808 in Madrid beginnt ein jahrelanger Bürgerkrieg, dessen Ungeheuerlichkeiten und Grausamkeiten Francisco Goya in seinen "Desastres de la guerra", die erst 1863 veröffentlicht wurden, auch für die Nachwelt festgehalten hat.

In diesen berühmten 82 Radierungen blickt der Künstler, der zur selben Zeit auch Hofmaler war, schonungslos auf die Handlungen von Soldaten und Bevölkerung. Mehr als ein Jahrzehnt, von 1810 an, hat er daran gearbeitet. Jede Szene kann für sich gelesen werden, doch die einzelnen Radierungen wirken wie Stills, die hintereinander gesehen einen schrecklichen Film ergeben. "Der knappe Augenblick schlägt in die Allgegenwart der Gewalt um, aus der es kein Entrinnen gibt", schreibt Werner Hofmann in seiner Goya-Monografie.

Sadistische Gewalt

Gewalt ist in Goyas "Desastres" nicht die Gewalt von Soldaten gegen Soldaten an der Front eines Krieges. Hier ist der Krieg mitten in der Zivilbevölkerung angekommen, die Gewalt betrifft Männer, Frauen und Kinder. Und sie ist auf eine ungeheure Art zynisch, sadistisch, bodenlos. Denn die Gewalttäter begutachten hier zufrieden ihr grausames Werk. Und dieses Werk ist: hauen und stechen, aufknüpfen und vergewaltigen, Körper zerstückeln und Leichen fleddern, Massengräber und Mütter und Kinder auf der Flucht. Neben Leichenbergen, Resultate des Hungerjahres 1811/12, in dem mehr als 20.000 Menschen verhungerten, stehen arrogante Beobachter. Das alles wird mit einer Detailgenauigkeit gezeigt, die auch heute noch vor der Bestie Mensch erschrecken lässt.