7064501-1991_49_18.jpg
Digital In Arbeit

Bitte um, nein, Aufruf zur Wahrnehmung!

1945 1960 1980 2000 2020

Der neue Roman des 74jährigen Ernst Vasovec ist ein Opus mag-num - nicht nur was den Umfang betrifft, Matthias Mander, selbst bekannter Romancier, versucht sich diesem Werk auf ungewöhnliche Weise anzunähern.

1945 1960 1980 2000 2020

Der neue Roman des 74jährigen Ernst Vasovec ist ein Opus mag-num - nicht nur was den Umfang betrifft, Matthias Mander, selbst bekannter Romancier, versucht sich diesem Werk auf ungewöhnliche Weise anzunähern.

Dies ist keine Buchkritik - derer wäre ich als schaffender Autor nicht fähig -sondern eine Bitte um Wahrnehmung, wie ich sie noch nie verfaßt habe. Bitte um Wahrnehmung bedeutet hier auch Bitte um Aufnahme, Anverwandlung der in diesem singulären Prosadokument kreierten Wahrheit.

Der Autor, ein hochgebildeter, in Wien als Slawist tätig gewesener Pädagoge, Jahrgang 1917, als Tscheche und Deutscher von den Nazis als Dolmetsch dienstverpflichtet, in den Widerstand gedrängt, hat bei Verhören die Übersetzungen zugunsten der Opfer verfälscht, wurde schließlich selbst eingekerkert und durfte deshalb 1945 während der großen Deutschenaustreibung in der Tschechoslowakei bleiben. Dieser Mann ist seit vielen Jahren an den Rollstuhl gefesselt, gänzlich vereinsamt, lebt ohne Ansprache, Zerstreuung unter zermürbenden leiblichen und seelischen Lei-densschüben in seiner tschecho-slo-wakischen Wohnung - und erinnert sich, denkt, gliedert, gestaltet, sucht, fragt, schreibt und schreibt... Zitat: „Ich lebe nur noch, um zu schreiben, ich schreibe, um Leben zu verstehen."

Pandämonium der Gegenwart Was er in dieser Riesenschrift erarbeitet, erkundet, errungen, erzählt hat, ist die Implosion unseres entsetzlichen Jahrhunderts in die Seele, in den Kopf, in die Schreibhand dieses Märtyrers! Aberhunderte Namen, Lebensläufe, Bewährungen und Schäbigkeiten, herzzerreißende Schicksale von Tschechen, Deutschen, Juden, Zigeunern, Heiligen, Satanen, Irren, Künstlern, Eremiten, Politisierem, Bauern, Kindern, Jugendlichen: eine ganze unverkürzte Welt - Menschenwelt, Pflanzen- und Tierwelt, Bilderwelt, brisante Gedankenwelt - ersteht aus den Wörtern dieses Zeugen vor unseren Augen, in unserem Bewußtsein -und bleibt von der Stunde der Lektüre an unauslöschlich ein Teil unseres eigenen Seins.

Der Lesestoff, das Denk- und Leidgebirge eines Jahrhundertaufschreis: Weltmasse, Lebensfülle, Kriegsgreuel, Schicksalsdramen, Todeskämpfe, Irrwege, Sackgassen, das Pandämonium der von der Wahnsinnsepoche Gegenwart geschändeten Menschheit, der Daseinsfluß in genauesten Längsschnitten, Durchblicken, in zuinnerst treffenden, aufwühlenden, authentischen - nein, nicht Beschreibungen, sondern Beschwörungen! Dieser Autor hat für die uns von ihm genannte, geschenkte Wahrheit bezahlt, er hat sie für uns faßbar geschaffen.

Ich habe ein eigentümliches Gespür und eine tiefe Zuneigung für Kunst von „Nichtkünstlem" - Vincent van Gogh, Anton Bruckner, Alexander Solschenizyn zähle ich zu solchen Schaffenden. Und nun auch Emst Vasovec: Man spürt an diesen Genies, daß die Artistik keineswegs ihr tiefster Beweggrund ist. Diese Art von Kunstwerken der „Nichtkünstler" sind eigentlich Zeugnisse von Heiligen, die sich in nichtkonfessionellen Kategorien entfalten! Sie brennen, schreien und flammen als Selbstopferungen weit außerhalb und hoch überdem gewöhnlichen Getriebe ihrer Zeit. Ich sage hoch über - und darin liegt eine Wertung - wenn man die Kriterien existentieller Evidenz und Totalität anlegt, und nicht jene upterhaltender, verblüffender, verzaubernder Ästhetik und Artistik (was selbstverständlich berechtigt wäre).

Dennoch, das fortwürgende, freche Überherrschen so erst recht unerklärlich bleibender, unlösbarer Abläufe -etwa des Wegsterbens vertrauter Menschen, des Einbruchs schmerzhafter tödlicher Krankheit oder die blutgischtenden Wellen generationenmordender Massen wahnzustände, von denen unsere Geschichte erfüllt ist -ohne daß diesen Zeichen, dieser Mahnung mit überzeugender, durchdringender humaner Kapazität und Qualität geantwortet und entsprochen würde, sind das Defizit unserer Gattung, vor allem aber der geistigen Eliten. Aufmerksamkeit und Kraft gelten sogleich nach dem Herausbrechen eines Mitmenschen. So vergehen die Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte für die Hinterbliebenen, Nachfolgenden, mit erschöpft vereinbartem Überspielen, Überschweigen, in Lärm maskiert. (Bekanntlich provoziert irrationalistische Kunst faschistoide Politik.)

Nicht so Emst Vasovec' geistiges Ringen! Dieses Durchwalten, Bannen, Erkennen ist sein Lebenswerk. Das Niederschreiben als letzte Ausbringung... Ich fürchte nichts und niemanden in dereindeutigen Bekundung meines Maßstabs für diese Romangattung: Das ist „Vor dem Fenster die Nacht" von Emst Vasovec. Solche Authentizität ist ihre eigene Ästhetik, kostet den Preis der geballten, konzi-sen Gestalt; aber das hat der Autor selbst einbekannt, indem er von einer Zumutung spricht (S. 715). Dieser Roman hat den Unterhaltungswert einer Gehirnoperation - aber auch deren lebensrettende, existenzprägende Bedeutung und Gewichtung!

Man ist an die Parabel Franz Kafkas „Der Hungerkünstler" erinnert, dessen Leistung die Urteilskraft der Jahrmarktzuschauer so weit überstieg, daß er in seiner allergrößten Entsagung und Vollendung - ignoriert wurde! Die leicht als eigennützig durchschaubaren Motive, die nach Kontroverse, Polemik, haßvoller Pseudo- und Er-satzw ichtigkeit gieren lassen, verschulden auf eine nicht schwer durchschaubare Weise die inhumane Bedrohung, die diese Welt immer noch ist.

Eine solche große Dichtung hat die laufende Literaturindustrie nicht vorzuweisen und daher vorbauend abgetan. Nein, nicht übertroffen oder gar widerlegt, sondern abgetan, beiseite geschoben mangels Nachschubs solcher sprachlich-kristallenen Materialgebirge und vorsichtshalber rasch denunziert als angeblich überholten Universalitäts- und Qualitätsanspruch. Emst Vasovec, bar jeder Artistik, jedes Narzißmus - von Eitelkeit, Manierismus, tückischer, bübischer Aufsässigkeit gar nicht zu reden- bezeugte mit seinem Werk einen Welt- und Kunstverstand für beispielhafte Leid-und Stoffmeisterung!

Wenn Literatur interpretatorischer Überbau, Superstruktur, Projektion, ästhetisches Spiel, kreativer Versuch ist, auch Überschwang, Übermut, stolze eitle Geste, Blendung, Maskerade -dann ist dieser Text nicht Literatur. Er ist so echt, so wahr, so Eintiefung in allereigenstes Innerstes, Persönliches, so bar jeder koketten Verstellung, daß gängige Kategorien der Benennung nicht dienen.

Die Verweisung an das weltliterarische Werk von Marcel Proust, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", erinnert neuerlich daran, daß die Erfassung, die Fassung des Daseins in solcher Vollendung erst den wahren und wirklichen Existenzbesitz gewährt, erkämpft - und zwar mehr als jede jetzt durcheilte, durchlaufene, durchstolperte Gegenwart!

Buchstäblich Tausende frappierende, grell aufblitzende, einmalig scharf gezeichnete Charaktere, Episoden, Szenen; in einem Nebensatz, Halbsatz abgründig aufgerissene, noch nie so packend zur Literatur gewordene Welt-und Menschenzeichnung dieses böhmisch-deutschen Zwischenreichs. Zitat: „Ich, der sich auf die Seite der Verlierer geschlagen... mußte aber dann als Dolmetsch dienen, hatte zugleich ein lebensgefährliches Spiel begonnen, wenn ich bei Verhören von Sabotage, des Widerstandes, der Verschwörung Angeklagten Aussagen und Geständnisse durch meine Übersetzung abschwächte, verfälschte, selbst in den Protokollen noch solche Korrekturen anbrachte. Immer kühner, frecher, unverfrorener... Das könnte die Härte erklären, der man mich auslieferte, als ich bei meiner Art von Sabotage erwischt wurde." (S. 538)

Fundierte Ungläubigkeit Ich kann mich des Vergleichs nicht enthalten, daß Emst Vasovec als Dichter mit diesem Roman als Protokoll menschlicher Prüfungen auch für uns alle vor den ewigen Richter tritt, dem er- wenn er es nötig hätte - unser Versagen auf solche uns rettende, Barmherzigkeit auslösende Dar- und Klarstellung dolmetscht! Kompetenter und impliziter kann Gläubigkeit nicht begründet und verteidigt werden als von dem explizit „ungläubigen" Autor. Vasovec' fundierte und pietätvoll reflektierte Ungläubigkeit ist überhaupt die einzige qualifizierte Gläubigkeit einer so durchglühtefi, zerstrahlten Existenz - ausgebreitet bis zur Seite 695, von der ab alles bisher noch nicht Ausgelotete zur Erkenntnis aufbricht und in den Schlußdialogen zwischen dem Dichter und seinem kommunistischatheistischen Psychiater: Der satanische Psychoscherge verdächtigt ihn nach Kontrolle des Manuskripts sogar der Religiosität - formalverfassungsrechtlich zwar „geschützt" - aber nur, solange sie nicht bekundet wird. Die Reden mit seinem von Psychopharmaka verstörten politischen Opfer, dessen dickes Manuskript Anlaß zu allerschärfster abgründiger Reflexion letzter humaner Existenzkonditionen wird: Supraliteratur, Kopfdichtung, Herzdichtung, fleischliche Stichflamme, Himgebet - was sonst?

Gott sei Dank gibt es einen Gott nicht, den es gibt, sondern nur den, der aus einem Zeugnis wie diesem immer neu aufersteht. Vor dem Fenster die Nacht - nein: Vor dem Fenster die ergriffenen Freunde, in deren nassen Augen sich die Sterne spiegeln, zu denen wieder aufzuschauen der Autor sie lehrte, in deren Händen Laternen winken für Sie, Vasovec, all Ihre Leser, auf geheimste, zugleich machtvolle Weise auch Ihre Geschöpfe, Dank und Liebe im brennenden Herzen!

VOR DEM FENSTER DIE NACHT. Von Emst Vasovec. Styria Verlag, Graz/Wien/Köln 1991. 743 Seiten, öS 490,-.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau