Humanismus und Natur - © Privat
Religion

Der Mensch ist keine Maschine

1945 1960 1980 2000 2020

Peter Strasser öffnet in einem neuen Buch die Tür zur Ausein­andersetzung mit alten Begriffen wie „Seele“, die er eben nicht auf den Müllhaufen vor­moderner Denkungsart geworfen wissen will.

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Peter Strasser öffnet in einem neuen Buch die Tür zur Ausein­andersetzung mit alten Begriffen wie „Seele“, die er eben nicht auf den Müllhaufen vor­moderner Denkungsart geworfen wissen will.

Letzte Woche feierte Peter Strasser seinen Siebziger. Und auch wenn es die kleine, aber feine Buchreihe „Bibliothek der Unruhe und des Bewahrens“, die ab 2002 im Styria-Verlag her­ausgekommen war und zu deren Mitherausgebern er gehörte, längst nicht mehr gibt, so kann dieser Titel bis heute als Programm für Strassers Denken und Schreiben herhalten. Auch in der FURCHE gehört der Grazer Philosoph seit Langem zu den gefragten Autoren.

Dass zurzeit gleich drei Strasser-Neuerscheinungen auf dem Markt sind, unterstreicht die Rastlosigkeit gleichfalls: Dieser Tage ist „Umdrehen und Weg­gehen – ­Eine Ethik der Abwendung“ (Braumüller Verlag) erschienen: Das klingt, obwohl natürlich längst vor den ersten Ahnungen der Pandemie ins Verlagsprogramm aufgenommen, wie die passgenaue ethische Auseinandersetzung zur Corona-Zeit. Auch der im Mai aufgelegte Band „Kritik der Spiritualität – Warum uns die Welt nicht genug ist“ (Schwabe Verlag) scheint perfekt in die aktuelle Situation zu passen.

Nämliches gilt für das Buch „Die Sprengkraft des Humanismus“, in dem – zumindest dem Unter­titel nach – Strasser einen „Beitrag zur Politik der Seele“ wagt. Der Grazer Philosoph unternimmt dar­in einmal mehr den Versuch, den Menschen gegen alle Anstalten in Schutz zu nehmen, ihm technokratisch ans Leder zu gehen.

Vier Kränkungen der Neuzeit

Vieles in dem Buch hat Strasser auch schon anderswo gesagt bzw. überarbeitet und präzisiert er hier schon früher Gesagtes und Geschriebenes. FURCHE-Leser(innen) konnten Eckpunkte der Strasser-Thesen bereits im ­Oktober 2019 in einem kritischen Beitrag über den Transhumanismus lesen und finden im Buch das alles erweitert und ausführlicher argumentiert vor.

Auf den Punkt gebracht schreibt Strasser gegen die Behauptung an, der Mensch sei nichts anderes als eine – zugegeben hoch entwickelte – Maschine. Und wenn man eine nur perfekt genug entwickelte Maschine zumindest denkt, so würde sich der Mensch prinzipiell nicht davon unterscheiden.

Strasser nimmt zum Ausgangspunkt die Metapher des US-amerikanischen Wissenschaftshistorikers Bruce Mazlish (1923–2016) von der „vierten Kränkung“ des menschlichen Selbstbildes, dass nämlich der Mensch respektive sein Gehirn nichts anderes als eine Maschine seien. Die drei anderen Kränkungen der Neuzeit sind bekanntlich
erstens, dass die Menschen nicht im Mittelpunkt des Universums leben (Abschied vom geozentrischen Weltbild),
zweitens, dass seit Charles Darwin klar ist, dass der Mensch, der sich evolutionär aus dem Tier entwickelt hat, grundsätzlich nicht vom Tier verschieden ist,
drittens, dass mit den Forschungen von Sigmund Freud auch die Vernunft nicht autonom ist, sondern von Unterbewusstsein und Trieben mitgesteuert wird.

Peter Strasser wendet sich aber gegen dieses Erklärungsmus­ter: „Meine Gegenthese lautet: Die Großen Kränkungen sind ein weitreichendes Konstrukt, um die vom Humanismus festgehaltene Sonderstellung des Menschen zu leugnen – und damit die humanistische Utopie, die ‚Politik der Seele‘ im Kern zu diskreditieren.“ Es überrascht dann wenig, dass Strasser sich erst recht die vierte Kränkung, also die Behauptung, der Mensch sei eben auch nichts anderes als eine Maschine, aufs Korn nimmt.

Der Autor stellt sich somit gegen die Protagonisten der künstlichen Intelligenz (KI), die nachzuweisen suchten, dass das Gehirn sich durch einen Computer simulieren ließe. Er bemüht sich zu zeigen, dass derlei auch theoretisch nicht schlüssig ist, sondern setzt dem vielmehr „die Sprengkraft des Humanismus, der einzigen nicht-speziesistischen Sonderstellung des Menschen“, entgegen.

Strasser denunziert somit die durchaus mächtige und vor allem im aktuellen Wissenschafts- und Technologiebetrieb einflussreiche KI-Lobby, ohne dass er gleich mit einer theologischen oder glaubensunterstützten Argumentation auffährt, wiewohl er subkutan immer wieder zu verstehen gibt, dass er dem Christentum und seinen Begrifflichkeiten (etwa „Auferstehung“ oder „Erlösung“) etwas abzugewinnen vermag – ganz im Gegensatz etwa zu dem technokratisch-positivistischen Ansinnen, das er bei den via KI zu vermeintlichen Menschenmachern mutierten Naturwissenschaftlern ortet.

Augenfällig wird diese Wissen­schafts-, eigentlich: Technikkritik im Abschnitt über die „Unsterblichkeitsfantasie“. Diese durchdringe, so der Befund, durchaus die Diskurse: Strasser zitiert da Literatur wie populäre, auch via Film transportierte Mythen – von Mary Shelleys „Frankenstein“, dem frühromantischen Roman, bis zu Stanley Kubricks „2001 – A Space Odyssey“ (1969) oder der „Matrix“ -Trilogie, die zu Beginn der 2000er Jahre in den Kinos war. Oder er führt die auf einen Einzelnen bezogene Utopie aus, nach der man sich, wenn man etwa an Krebs erkrankt ist, via Klonen die genetische Information auf ein anderes Individuum übertragen könne, sodass man als sein eigener Replikant sozusagen aufersteht.

Für Strasser weisen derartige Utopien Züge einer Gottesanmaßung auf, er spricht gar von „Gen-Faschismus“ und nennt zwei Fantasien, in die das alles mündet: eine schrittweise Selbstvergottung und eben den Versuch, unsterblich zu werden.

Es gibt für Strasser aber eine, wie er es nennt, „KI-Schranke“, eine Grenze zum Menschen: „An irgendeinem Punkt wird sich im Gespräch mit dem Computer erweisen, dass das, was er über die Bedeutung des Lebenssinns aus seinem Informationenpool bezieht, nicht das ist, wonach wir streben.“

Im „Horizont der Verwandlung“

Solche Bestreitung des Primats technokratischer Sichtweise auch des Menschen wird Widerspruch hervorrufen. Aber gleich­zeitig öffnet sie die Tür zur Auseinandersetzung mit althergebrachten Begriffen wie etwa „Seele“, die Strasser eben nicht auf den Müllhaufen vormoderner Denkungsart geworfen wissen will. Er dekliniert ­dies dann an Schlagwörtern wie „Lebendigkeit“ und „Sehnsucht“ durch und beleuchtet es in einem „Horizont der Verwandlung“.