Casino - © Foto: iStock / Erik Snyder

Bruce Alexander: "Sucht kann uns zerstören!"

1945 1960 1980 2000 2020

Mit der Globalisierung des Hyperkapitalismus wird Sucht zum universalen Problem. Das ist die beunruhigende These von Bruce Alexander. Ein Gespräch über soziale Verwerfungen, verführerische Angebote und die totalitäre Versuchung.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit der Globalisierung des Hyperkapitalismus wird Sucht zum universalen Problem. Das ist die beunruhigende These von Bruce Alexander. Ein Gespräch über soziale Verwerfungen, verführerische Angebote und die totalitäre Versuchung.

Wenn in einem Fachbuch über Sucht neben unzähligen wissenschaftlichen Quellen auch die Bibel sowie die Schriften von Platon, Jean Genet oder Mao Tse-tung zu finden sind, handelt es sich um ein außergewöhnliches Buch. 2009 hat Bruce Alexander sein monumentales Werk „The Globalization of Addiction“ (Oxford University Press) vorgelegt. Darin wirft der Psychologe und emeritierte Professor an der Simon Fraser Universität in British Columbia, Kanada, einen neuen Blick auf die Suchtproblematik.

Die zentrale These: Mit allen etablierten Ansätzen seien maßgebliche Erfolge bei der Bekämpfung dieses Problems bislang ausgeblieben. Das liege daran, dass die zentrale Ursache der Sucht verkannt wird: „Dislokation“, also Entwurzelung, Entfremdung und soziale Verwerfungen. Ein historischer Blick zeigt: Wenn diese schmerzvollen Erfahrungen stark ausgeprägt sind, ziehen sie massive Suchtprobleme nach sich, etwa wenn indigene Kulturen zerstört werden oder wenn hoch entwickelte Zivilisationen zusammenbrechen (z.B. das Römische Reich zur Zeit des Heiligen Augustinus, dessen Schriften der Autor als die ersten „Bekenntnisse“ eines Sexsüchtigen interpretiert).

Heute ist es der moderne Turbokapitalismus, der weltweit zu Entwurzelung führt – und Suchtdynamiken begünstigt. Die FURCHE führte mit Bruce Alexander, der auf Pender Island bei Vancouver lebt, ein Zoom-Interview mit neun Stunden Zeitverschiebung.

DIE FURCHE: Zwölf Jahre sind vergangen, seit Sie Ihr Buch über die „Globalisierung der Sucht“ veröffentlicht haben. Haben die aktuellen Entwicklungen Ihre Prognose von der zunehmenden Ausbreitung des Suchtproblems bestätigt?
Bruce Alexander:
Wenn ich jetzt ein Seminar über Sucht abhalten müsste, würde ich ein Buch von Hannah Arendt empfehlen, das mir topaktuell erscheint, nämlich „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft”. Arendt führt den Aufstieg des Nationalsozialismus und des Stalinismus auf das Phänomen der Entwurzelung zurück: Haltlose Menschen in einer zerrütteten Gesellschaft müssen nach etwas greifen, das größer ist als sie selbst, um ihrem Leben eine Bedeutung, einen Sinn zu verleihen. Manche freilich landen im Alkoholismus oder einer Drogenabhängigkeit, viele mehr aber in einer Sucht, die gar nichts mit Drogen zu tun hat – dazu zählt auch der politische Extremismus. Die Menschen damals hingen an der Nazi- oder Stalin-Doktrin auf eine verbissene Art, die in jeder Hinsicht „süchtig“ war. Selbst als die großen Kultführer Hitler und Stalin verstarben, zelebrierten manche ihrer Gefolgsleute weiterhin diese Sucht, weil sie eine Leere in ihrem Leben füllte. In Amerika haben wir diese Form der Sucht soeben mit Donald Trump erlebt.

Wenn in einem Fachbuch über Sucht neben unzähligen wissenschaftlichen Quellen auch die Bibel sowie die Schriften von Platon, Jean Genet oder Mao Tse-tung zu finden sind, handelt es sich um ein außergewöhnliches Buch. 2009 hat Bruce Alexander sein monumentales Werk „The Globalization of Addiction“ (Oxford University Press) vorgelegt. Darin wirft der Psychologe und emeritierte Professor an der Simon Fraser Universität in British Columbia, Kanada, einen neuen Blick auf die Suchtproblematik.

Die zentrale These: Mit allen etablierten Ansätzen seien maßgebliche Erfolge bei der Bekämpfung dieses Problems bislang ausgeblieben. Das liege daran, dass die zentrale Ursache der Sucht verkannt wird: „Dislokation“, also Entwurzelung, Entfremdung und soziale Verwerfungen. Ein historischer Blick zeigt: Wenn diese schmerzvollen Erfahrungen stark ausgeprägt sind, ziehen sie massive Suchtprobleme nach sich, etwa wenn indigene Kulturen zerstört werden oder wenn hoch entwickelte Zivilisationen zusammenbrechen (z.B. das Römische Reich zur Zeit des Heiligen Augustinus, dessen Schriften der Autor als die ersten „Bekenntnisse“ eines Sexsüchtigen interpretiert).

Heute ist es der moderne Turbokapitalismus, der weltweit zu Entwurzelung führt – und Suchtdynamiken begünstigt. Die FURCHE führte mit Bruce Alexander, der auf Pender Island bei Vancouver lebt, ein Zoom-Interview mit neun Stunden Zeitverschiebung.

DIE FURCHE: Zwölf Jahre sind vergangen, seit Sie Ihr Buch über die „Globalisierung der Sucht“ veröffentlicht haben. Haben die aktuellen Entwicklungen Ihre Prognose von der zunehmenden Ausbreitung des Suchtproblems bestätigt?
Bruce Alexander:
Wenn ich jetzt ein Seminar über Sucht abhalten müsste, würde ich ein Buch von Hannah Arendt empfehlen, das mir topaktuell erscheint, nämlich „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft”. Arendt führt den Aufstieg des Nationalsozialismus und des Stalinismus auf das Phänomen der Entwurzelung zurück: Haltlose Menschen in einer zerrütteten Gesellschaft müssen nach etwas greifen, das größer ist als sie selbst, um ihrem Leben eine Bedeutung, einen Sinn zu verleihen. Manche freilich landen im Alkoholismus oder einer Drogenabhängigkeit, viele mehr aber in einer Sucht, die gar nichts mit Drogen zu tun hat – dazu zählt auch der politische Extremismus. Die Menschen damals hingen an der Nazi- oder Stalin-Doktrin auf eine verbissene Art, die in jeder Hinsicht „süchtig“ war. Selbst als die großen Kultführer Hitler und Stalin verstarben, zelebrierten manche ihrer Gefolgsleute weiterhin diese Sucht, weil sie eine Leere in ihrem Leben füllte. In Amerika haben wir diese Form der Sucht soeben mit Donald Trump erlebt.

Navigator

Liebe Leserin, lieber Leser,

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

DIE FURCHE: War Trump süchtig nach der Macht, an die er sich zuletzt so verzweifelt geklammert hat?
Alexander:
Psychologen sollten sich nicht diagnostisch über jemanden äußern, den sie nicht persönlich gesehen haben. Aber es scheint, dass dieser Mann total süchtig ist, nach Ruhm, Erfolg, sogar nach Schönheit. Er kann nicht verlieren, eher würde er sterben. Aber seine Anhänger sind anders süchtig: Für sie ist er die Person, die sie retten wird – von ihrer eigenen Armut, Unsicherheit, Unzulänglichkeit, etc. In meiner Arbeit habe ich vor kurzem Trump- und QAnon-Anhänger interviewt (QAnon: Netzwerk von Verschwörungstheoretikern, die Donald Trump zur Schlüsselfigur erkoren haben; Anm.). Sie gleichen den drogensüchtigen Patienten, die ich als Therapeut behandelt habe. So wie eine Drogensucht geht auch ideologische Sucht mit einer Verleugnungshaltung gegenüber dem eigentlichen Problem einher. In diesem Fall: Wenn etwas alles ist, dann ist alles andere nichts.

DIE FURCHE: Was ist heute die gefährlichste Form der Sucht?
Alexander:
Definitiv nicht Alkoholismus, auch keine Form der Drogensucht! Es könnte dieser politische Fanatismus sein, weil es weltweit Millionen Menschen gibt, die dafür anfällig sind. Die Trump-Sucht ähnelt der Hitler- und Stalin-Sucht. Im letzten Jahrhundert hat diese Art der Sucht unfassbar viel zerstört. Und sie kann wieder viel zerstören. Auch die Sucht nach fossilen Treibstoffen ist heute brandgefährlich, weil sie den Klimawandel befeuert. Generell ist das Suchtproblem viel größer, als man gemeinhin denkt. Man kann es nur als soziales Phänomen verstehen. Sucht ist keine individuelle Schwäche; kein genetischer Mangel, keine psychologische oder körperliche Fehlfunktion. Man hat diese Ansätze jetzt bereits über gut 100 Jahre verfolgt, aber ohne Erfolg. Ich würde die Theorie in meinem Buch heute also bestätigen – muss aber hinzufügen, dass ich das Problem noch unterschätzt habe!

DIE FURCHE: Studien zeigen, dass die Coronakrise zu einem Anstieg psychischer Probleme geführt hat. Wie sehen Sie die psychosozialen Auswirkungen der Pandemie?
Alexander:
Corona verschärft die Entwurzelung und somit auch das Suchtproblem. Andererseits zwingt die Pandemie zu neuen Arten der sozialen Organisation; sie fordert kreative Lösungen. Gespräche oder Konferenzen über das Internet zu führen, ist doch eine großartige Anpassung. Analog dazu werden uns auch die negativen Begleiterscheinungen des modernen Turbokapitalismus zu einer sozialen Reorganisation zwingen. Wenn wir das Suchtproblem jemals lösen können, dann nur durch gesellschaftliche Transformation. Sicherlich nicht, indem man ein neues Medikament entwickelt oder genetische Manipulationen durchführt! Deshalb gehört die Suchtproblematik nicht in den Bereich der Medizin und Psychologie, sondern vielmehr der Politik, Geschichte und Sozialwissenschaft. Die Lösung ist nicht von der klassischen Suchtforschung und Naturwissenschaft zu erwarten, sondern auf der Basis historischer und anthropologischer Befunde.

Viele Trump-Anhänger gleichen den drogensüchtigen Patienten, die ich als Therapeut behandelt habe.

DIE FURCHE: Ein Merkmal des modernen Kapitalismus ist die gezielte Entwicklung von Produkten mit hohem Suchtpotenzial, da sich diese wie von selbst verkaufen bzw. hohe Profite versprechen.
Alexander:
In 20 Jahren wird nicht irgendeine Drogensucht, sondern die Internet-Sucht das große Problem unter Jugendlichen sein. In China gibt es da schon heute alarmierende Zahlen. Binnen weniger Tage kann man im Internet ein drogenartiges Angebot „zusammenbrauen“. Tatsächlich werden viele Produkte damit beworben, dass sie süchtig machen – schauen Sie sich nur die ganzen Videospiele an! Die Leute kaufen es, weil sie süchtig sein wollen. Das bedeutet natürlich nicht, dass man so sein will wie ein heroinsüchtiger Junkie. Aber es spiegelt die Tatsache, dass es in der Gesellschaft viele Menschen gibt, die eine innere Leere verspüren, also psychosozial unzureichend im Leben verwurzelt sind. Diese Menschen spüren instinktiv, dass Sucht attraktiv ist. Deshalb halten sie stets Ausschau nach Dingen, die süchtig machen.

DIE FURCHE: Ex-Facebook-Präsident Sean Parker hat vor ein paar Jahren eingestanden, dass Facebook bewusst mit Suchtmechanismen konstruiert worden ist. Auch andere Unternehmer im Silicon Valley setzen auf Produkte, die das Dopamin-System im Gehirn manipulieren sollen, um ihre User verstärkt in den Bann zu ziehen.
Alexander:
Diese Firmen denken, dass ein Neurohormon wie Dopamin ein guter Weg ist, um ihre Produkte zu verkaufen. So wird heute Sucht designt – ja, das ist schon ein bisschen beängstigend!

DIE FURCHE: Sie widmen sich auch der Arbeitssucht, ebenso wie der Sucht nach Status, Macht und Reichtum. Wo verläuft hier die Grenze zwischen gesunden Ambitionen und schädlichem Verhalten?
Alexander:
Extreme Formen von „Workaholism“ sind schrecklich gefährlich. Es gibt Leute, die völlig verrückt sind aufgrund ihrer Sucht nach Macht und Erfolg. Andererseits gibt es hier viele mildere Formen, die im Alltag notwendig sind. Das beginnt bereits, wenn man als Studierender eine Prüfung an der Uni bestehen muss. Logisch, dass man dann eine Art von Suchtverhalten an den Tag legt, um gut zu lernen – sonst schafft man es ja nicht. Wenn man Sucht so versteht, führt das zu einem ultimativen Paradox: Sucht in ihren milden Formen ist absolut lebensnotwendig; ganz ohne „Sucht“ würde die Gesellschaft zusammenbrechen. Der englische Begriff „Addiction“ hat seit jeher diese Doppelbedeutung von „gefährlich“ und „notwendig“. Wenn man Shakespeare liest, findet man den Begriff oft in der positiven Variante. Es ist essenziell, in gewisser Weise „süchtig“ zu sein – aber wenn das zu weit geht, kann es in den Abgrund führen. Aus evolutionärer Sicht ist Sucht eine Verhaltensanpassung, ein Bewältigungsmechanismus. Daraus erwächst eine große Frage: Wie verwandelt sich eine sinnvolle Anpassung in ein Verhaltensmuster, das tödlich enden kann? Und wie ist es möglich zu verhindern, dass eine solche Anpassung zerstörerisch wird?

Es geht darum, eine neue geniale Idee für unsere Kultur zu finden, die weitaus weniger auf Entwurzelung basiert als der aktuelle Hyperkapitalismus.

DIE FURCHE: Ihr Kollege Gabor Maté sieht in der Traumatisierung den Schlüssel für eine destruktive Suchtentwicklung – sei es durch tragische Lebensereignisse, Verlust-, Gewalt- oder Missbrauchserfahrungen. Ist das kompatibel mit Ihrer Theorie?
Alexander:
Wenn Gabor und ich bei einem Bier sitzen, haben wir überhaupt kein Problem damit, die beiden Theorien zusammenzubringen. Ich arbeite derzeit etwa mit einem Suchtpatienten, in dessen Kindheit sowohl Trauma als auch Entwurzelung das prägende Thema war. Das ist nur eine Frage der Sichtweise. Es ist stets eine traumatische Erfahrung, wenn sich Menschen entfremdet und entwurzelt fühlen. Diese Erfahrung ebnet den Weg in die Sucht.

DIE FURCHE: Haben Sie einen persönlichen Bezug zu dieser Erfahrung der Entwurzelung, die in Ihrem Werk so zentral ist?
Alexander:
Entwurzelung ist ebenfalls ambivalent; in gewissem Maß kann sie auch befreiend sein. Die amerikanischen Traditionen machten mich so fertig, dass ich weggehen musste. Ich wuchs auf im „Krieg gegen Drogen“, wie er in den USA der 1950er-Jahre propagiert wurde. Damals ging man davon aus, dass bei Drogensüchtigen ein Schalter im Gehirn umgefallen ist; diese Leute galten nicht mehr wirklich als Menschen. Sogar mein Vater sagte mir, dass es nichts ausmacht, wenn sie von der Polizei verprügelt werden. Da er ein netter Typ war, schockierte mich seine Aussage umso mehr. Als ich später in Vancouver mit Heroinsüchtigen zu arbeiten begann, war ich total überrascht. Ich fand heraus, was Sucht für diese Leute bedeutet. Ich realisierte, dass auch sie ein Leben haben, mit Freuden und Leiden. Ich ging zurück auf die Uni und erzählte es meinen Studierenden. Meine akademische Laufbahn begann mit dem Schock, dass diese ganze Geschichte ein hässlicher Mythos war.

DIE FURCHE: Sie erläutern, dass spirituelle Praktiken zumindest teilweise dabei helfen können, eine Sucht zu überwinden. Wie lässt sich das erklären?
Alexander:
In meiner therapeutischen Laufbahn habe ich einige eindrucksvolle Fälle miterlebt, meist bei Patienten, die eine christliche Praxis aufgenommen haben. In einer religiösen Welt ist man nicht mehr allein: Man hat eine Bindung in den Bereich der Transzendenz und natürlich zu all den anderen Menschen, die denselben Glauben teilen oder derselben Praxis folgen. Das ist eine Form von Engagement. Sobald man eine Praxis hat, ist das Leben nicht mehr leer. Und dies ist das natürliche Gegenmittel zur Sucht.

Firmen im Silicon Valley denken, dass ein Neurohormon wie Dopamin ein guter Weg ist, um ihre Produkte zu verkaufen. So wird Sucht designt – das ist schon beängstigend!

DIE FURCHE: Sie sehen die Bekämpfung der Sucht auch als soziales und politisches Projekt. Sind Sie optimistisch, dass dies im globalen Maßstab gelingen kann?
Alexander:
Derzeit bin ich am Zweifeln. Die Neuaufstellung des Denkens, die dem vorausgehen müsste, ist so gewaltig! Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, einer einzigen Idee nachzugehen und sie gründlich auszuarbeiten. Aber heute hat kaum jemand Zeit, sich eingehend mit den wirklich großen Probleme wie Sucht, Klimawandel etc. auseinanderzusetzen. Die große Mehrheit ist viel zu eingespannt; sie ist schlicht mit Überleben beschäftigt. Derweil neigt sich die globale Zivilisation dem Kollaps zu. Womöglich warten wir auf einen neuen Propheten. Vielleicht ist es diesmal Greta Thunberg, wer weiß?

Bruce-Neumann - © Foto: privat

Bruce K. Alexander

Der Psychologe und em. Professor an der Simon Fraser Universität in Kanada ist seit 1970 in der Suchtforschung tätig. Er plädiert dafür, das Suchtproblem durch soziale Veränderungen zu bekämpfen.

Der Psychologe und em. Professor an der Simon Fraser Universität in Kanada ist seit 1970 in der Suchtforschung tätig. Er plädiert dafür, das Suchtproblem durch soziale Veränderungen zu bekämpfen.

DIE FURCHE: Wie sollte die von Ihnen erwünschte soziale Veränderung aussehen?
Alexander:
Das geniale Prinzip im Kapitalismus ist die kreative Zerstörung. Schwache Firmen, alte Traditionen werden immer wieder rücksichtslos zerstört und durch Neues ersetzt. Es geht darum, eine neue geniale Idee für unsere Kultur zu finden, die weniger auf Entwurzelung basiert als der aktuelle Hyperkapitalismus. Eine Kultur, die gerade genug Entwurzelung im Sinne der individuellen Entfaltung erlaubt – und somit auch gerade genug „süchtiges“ Verhalten. Eine Kultur, die psychosoziale Integration fördert; in der Balance und Mäßigung an oberster Stelle stehen.

DIE FURCHE: Das Umdenken müsste aber wohl zuerst in der Suchtforschung selbst stattfinden, die sich weiter primär für die Suchtmechanismen im Gehirn interessiert.
Alexander:
Ein Paradigmenwechsel passiert, wenn Dinge an der Peripherie ins Zentrum rücken. So wie damals, als Galilei das Weltbild revolutioniert hat. In unserem Verständnis von Sucht wäre ein Paradigmenwechsel dringend an der Zeit, denn dieses Phänomen bedroht unsere Existenz. So ein Umbruch setzt die Leidenschaft und konzentrierte Arbeit von unzähligen Menschen voraus, oft über Jahrhunderte. Dann aber kann es blitzschnell gehen, in einem Augenblick purer Magie. Darauf hoffe ich!

Navigator

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau