Stimmung Wetter Atmosphäre - © Foto: iStock / Meindert van der Haven

Madalina Diaconu: "Spürsinn für das Atmosphärische"

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Der Kampf gegen den Klimawandel benötigt eine wichtige Zutat: Ästhetik. Madalina Diaconu über die „dicke Luft“ in Kriegs- und Krisenzeiten – und die Hoffnung durch Kunst und Natur.

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Der Kampf gegen den Klimawandel benötigt eine wichtige Zutat: Ästhetik. Madalina Diaconu über die „dicke Luft“ in Kriegs- und Krisenzeiten – und die Hoffnung durch Kunst und Natur.

Hitze, Dürren, Wasserknappheit und Überflutungen: Das sind die großen Klima-Risiken, denen sich Europa in den kommenden Jahrzehnten stellen muss. Das prognostiziert der sechste Weltklimabericht (Teil 2), der Ende Februar veröffentlicht wurde. In Australien haben Überschwemmungen erst kürzlich ganze Landstriche zerstört. Dennoch tun die Regierungen noch lange nicht genug, um die „schlimmsten Gefahren für Leib und Leben“ abzuwenden, heißt es im Weltklimabericht. Aber gibt es eine Verbindung zwischen den wissenschaftlichen Prognosen und unserem Sinn für das, was gleichsam „in der Luft“ liegt?

Wird eine Atmosphäre leiblich vor Ort gespürt, dann können Witterungen und Wetterphänomene aussagekräftige Stimmungen erzeugen, betont Madalina Diaconu. Die Privatdozentin für Philosophie an der Universität Wien geht davon aus, dass auch die Ästhetik wesentlich zum Klimaschutz beitragen kann. Beim heurigen Symposium Dürnstein (siehe Kasten rechts) spricht sie über den „Druck der Atmosphäre“. Die FURCHE bat Diaconu im Vorfeld der Veranstaltung zum Interview.

DIE FURCHE: Klimaforschung basiert auf langjährigen Messungen und mathematischen Modellen jenseits der persönlichen Erfahrung: Ein heißer Tag ist noch lange kein Beleg für die globale Klimaerwärmung. Dennoch plädieren Sie für den Einbezug der Ästhetik in die Klimaforschung. Ästhetische Erfahrung sind hier konkrete Sinneswahrnehmungen, etwa die Empfindung von heiß und kalt, feucht und trocken, etc. Wie kann dieser Drahtseilakt gelingen?

Madalina Diaconu: Das zeigen Projekte aus dem Bereich der Bürgerwissenschaft (Anm.: „Citizen Science“). Ein Beispiel ist das „Trusted-Spotter“-Netzwerk, das sich dem Wettermelden in Echtzeit verschrieben hat. Dadurch wird auch die Klimaforschung unterstützt. An der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien werden Laien ausgebildet, um Phänomene wie Wolken oder Hagel per Foto und Video zu dokumentieren. Ihre „Naturliebe“ und die Freude am Beobachten werden in den Dienst der Wissenschaft gestellt, um feinjustierte Wetterprognosen zu erhalten. Das ist gerade im alpinen Raum wichtig. Dort braucht es engmaschige Beobachtung, da die Wettersituation von Tal zu Tal sehr unterschiedlich sein kann. Wir haben zu diesem Projekt eine empirische Studie gemacht und gesehen, dass Gefühle und ästhetische Motivation eine wichtige Rolle für das Engagement der Beteiligten spielen. Wenn persönliche Leidenschaften sorgfältig und sogar unter der Betreuung von Fachleuten gepflegt werden, entwickeln sie sich zu verlässlichen ästhetischen Kompetenzen mit Gemeinnutzen.

DIE FURCHE: Dennoch stößt man wohl noch auf Verwunderung, wenn man mit Ästhetik gegen die Klimakrise kämpfen will...
Diaconu: Dieser Kampf ist so wichtig, dass man ihn nicht nur den Naturwissenschaften überlassen darf. Ich bin optimistisch, dass auch die Humanwissenschaften einen Beitrag leisten können. Das alte Konkurrenzverhältnis zwischen Ästhetik und Naturwissenschaften muss sich in ein Bündnis verwandeln. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, und persönliche Erlebnisse sagen viel mehr als zehntausend Worte und Diagramme. Unsere Erfahrungen bezeugen, dass die Erkenntnisse der Klimaforschung kein Luftschloss sind, und geben uns zu spüren, dass die Atmosphäre zu unseren Füßen beginnt. Wir müssen diese ästhetische Kompetenz ausbauen – oder sie zumindest vor einer weiteren Verkümmerung durch technologische Prothesen bewahren. Denn Wetter-Apps oder Klimaanlagen beeinträchtigen diese natürliche Fähigkeit.

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