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Feuilleton

Geschichte als Gerechtigkeitswissenschaft

1945 1960 1980 2000 2020

Die breitenwirksame Vermittlung von Geschichte durch Massenmedien stimuliert auch das Interesse an einer wissenschaftlich fundierten und kritischen Geschichtsbetrachtung, zeigt sich der Mastermind der "Wiener Vorlesungen", Hubert Christian Ehalt, im Gespräch überzeugt.

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Die breitenwirksame Vermittlung von Geschichte durch Massenmedien stimuliert auch das Interesse an einer wissenschaftlich fundierten und kritischen Geschichtsbetrachtung, zeigt sich der Mastermind der "Wiener Vorlesungen", Hubert Christian Ehalt, im Gespräch überzeugt.

Der Sozialhistoriker und Anthropologe Hubert Christian Ehalt lehrt als Professor und Honorarprofessor an der Universität Wien und an der Universität für angewandte Kunst Wien. Seit 1984 ist er Wissenschaftsreferent der Stadt Wien. Im FURCHE-Gespräch reflektiert er über Aufgaben des Umgangs mit Geschichte im digitalen Zeitalter.

DIE FURCHE: In wenigen Wochen jährt sich der 100. Todestag von Kaiser Franz Joseph, dem "ewigen Kaiser". Im Rahmen von Sonderausstellungen, opulenten Publikationen und Symposien wird dieses runden Jubiläums gedacht. Oliver Rathkolb sprach im FURCHE-Interview vom Bedürfnis unserer Gesellschaft nach "scheinbar sicheren Grundlagen, die in der Vergangenheit gesucht werden". Teilen Sie diesen Befund?

Hubert Christian Ehalt: Die aktuelle Gegenwart steht politisch, gesellschaftlich und kulturell in einem Prozess der Veränderung, der so dynamisch ist wie noch nie in der Geschichte. Als Beispiel nenne ich die Lebenswissenschaften und die digitalen Medien. Die Erkenntnisse und die Anwendung der in ihrer wissenschaftlichen Leistung immer gestaltungsmächtigeren Life Sciences sowie die neuen Medien und digitalen Technologien, deren Möglichkeiten unbegrenzt erscheinen, formieren das Leben der Menschen neu.

Der Umgang mit Vergangenheit hat daher die gesellschaftliche Funktion, Ruhepunkte und -zonen zu konstruieren. Die Vergangenheit ist ja zumindest als Handlungszusammenhang abgeschlossen; sie ist nur mehr als Interpretationsfeld offen. Aufgabe eines kritischen Umgangs mit Geschichte sollte es sein, einer verharmlosenden, harmonisierenden und historistischen Perspektive auf Geschichte gegenzusteuern.

Ich sehe Geschichte als "Gerechtigkeitswissenschaft". Umgang mit Geschichte bietet die Möglichkeit, wenigstens in einem Nachzugsverfahren die Menschen und ihre Handlungen fair und gerecht zu beurteilen - Gerechtigkeit jedenfalls im historischen Befund herzustellen. Die Bearbeitung von Geschichte sollte nicht gegenwärtige Interessen an der Legitimierung des Aktuellen bedienen. Historikerinnen und Historiker haben eine Aufgabe, die etwas mit gerichtlicher Tätigkeit zu tun hat - eine Art "nachgezogenes Geschworenengericht". Dem obliegt die Aufgabe - unter den im Vergleich zu einem aktuellen Gerichtsverfahren weniger emotionalen Begleitumständen - vergangene Tatsachen ans Licht zu bringen und damit den historischen Wahrheiten einen größeren Stellenwert zu verschaffen.

DIE FURCHE: Die breitenwirksamste Vermittlung von Geschichte besorgen in der Regel Massenmedien wie Tageszeitungen, vor allem aber Fernsehsendungen oder gar eigene TV-Kanäle. Besteht dabei nicht die Gefahr einer Vereinfachung bzw. einer unzulässigen Zuspitzung historischer Inhalte?

Ehalt: Jedenfalls gibt es in den letzten Jahrzehnten ein wachsendes Interesse an Geschichte. Dieses Interesse speist sich einerseits aus einem ubiquitären und ständig größer werdenden Appetit von Medienkonsumierenden an Geschichten, wie sie Reality Shows und ähnliche Formate bieten. Deren Konzept und Dramaturgie ist ja nicht von Geistes-,Sozial-und Kulturwissenschaften nach gesellschaftlichen Wirklichkeiten gestaltet, sondern entspricht den medialen Gesetzlichkeiten der Erlebnisgesellschaft. Durch Medien erzählte Geschichten müssen einen "Plot" haben, reale Geschichte bleibt stets fragwürdig, oft nicht plausibel und geheimnisvoll.

Andererseits und gleichzeitig interessieren sich immer mehr Menschen für die Ergebnisse, aber auch für Fragen, Möglichkeiten und Methoden der Geschichtswissenschaften im Besonderen und der "Humanities" im Allgemeinen.

Diese Liaison zwischen einem Interesse für Geschichten in Gestalt banaler Erzählungen voll von Klischees und Geschichte als Ergebnis eines kritischen wissenschaftlichen Umgangs mit Geschichte ist für mein Konzept einer Geschichtswissenschaft als Gerechtigkeitswissenschaft nützlich. Noch immer ist Geschichte ein bei Studentinnen und Studenten beliebtes Universitätsfach. Die interessierten Kolleginnen und Kollegen sind keinesfalls vor allem an den antiquarischen und historistischen Aspekten des Faches interessiert. Und auch für die von mir seit fast 30 Jahren programmierten Wiener Vorlesungen zu gesellschaftswissenschaftlichen Themen interessiert sich eine immer größere Gruppe gebildeter, differenzierungsfähiger, kritischer Menschen. Die breitenwirksame Vermittlung von Geschichte durch Massenmedien stimuliert - so lautet meine Antwort auf Ihre Frage - auch das Interesse an einer wissenschaftlich fundierten und kritischen Geschichtsbetrachtung.

DIE FURCHE: Eine Vermittlungsschiene, die in der Mitte zwischen Spezialistentum und Masse liegt, haben Sie mit den "Wiener Vorlesungen" initiiert. Diese fanden bisher über 1500 Mal - nicht nur, aber auch - zu Themen der Geschichte statt. Worin liegt der Erfolg dieses Formats?

Ehalt: Zielsetzung war die Gestaltung einer Bildungsarbeit für eine offenere, freiere, weniger neurotische Lebenswelt. Es ging darum, Lernsituationen zu entwickeln und zu ermöglichen, die eine Einheit zwischen Lehrenden und Lernenden gestalteten - Vermittlungssituationen, in denen auch die Lernenden stets Lehrende und die Lehrenden stets Lernende sind.

Diesen Ansatz von Wissenschaft und Bildung als offene, sich keinem methodischen Fundamentalismus beugende Projekte, habe ich in zahlreichen erwachsenenbildnerischen Projekten (zwischen 1976 und 1986) und in meiner universitären Lehrtätigkeit (seit 1980) realisiert. Mit den Wiener Vorlesungen gab es seit 1987 das umfassendste und in eine große städtische Öffentlichkeit wirkende Bildungsprojekt für diesen demokratischen und aus meiner Sicht emanzipatorischen Bildungsansatz.

Diese Wissenschafts- und Bildungsarbeit von 1971 bis 2016 hat für mich einige Fundamente, die ihre Bedeutung, ihre Tragfähigkeit und Wirksamkeit nicht verändert haben: Geschichtswissenschaft und Geschichtsarbeit sind keinesfalls "autistisches Forschungsbemühen"; sie sind ein kommunikativer Prozess, bei dem Historikerinnen und Historiker Anstöße dazu geben, das soziale Geschehen zu verstehen und (gesellschafts-)kritisch zu interpretieren. Die erste Frage, die in einer Bildungsveranstaltung, in der es um gesellschaftliche Fragen geht, zu stellen ist, lautet daher: "In welcher Welt leben wir?" Es gilt, den Zusammenhang zwischen Strukturen und Institutionen, Normen und Werten, Lebenswelten und Diskursen im Großen und im Kleinen, in seinen Widersprüchlichkeiten zu erklären. Das kritische (nicht affirmative) Verständnis von politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Tatsachen und Fragen stattet die Menschen, die sich der Bildungsaufgabe stellen, mit Souveränität aus: Wer versteht, warum und wie die Welt so ist, wie sie ist, kann sie auch verändern.

DIE FURCHE: Was sind die Grundfundamente Ihres Geschichtsbewusstseins als Historiker?

Ehalt: Geschichte ist ein Geschehen, das Handlungen, Tätigkeiten und die Reflexionsarbeit aller Menschen umfasst. Alle, die - auch wenn ihre gesellschaftliche Anwesenheit und Aktivität nur sehr kurz bemessen ist -agieren und interagieren, sind mit ihrem Tun, ihrem Bewusstsein, ihren Perspektiven, ihren Erzählungen darüber Teil der Geschichte. Die Reflexionstätigkeit der Menschen über das Vergangene formiert ein kollektives Gedächtnis, das zwischen dem Alltag der Individuen und einer halböffentlichen und öffentlichen Sphäre oszilliert. Die wissenschaftliche Reflexionsarbeit setzt sich mit dem Gesamtkomplex von psychisch-rationalen Tätigkeiten im Umgang mit dem Vergangenen -Vergessen, Verdrängen, Verschweigen, Beschönigen, zur Sprache bringen, Thematisieren, Konfrontieren - auseinander. Man ersieht daraus, dass die Grenze zwischen Handeln und Erinnern keine klar und deutlich gezogene Demarkationslinie ist, dass es sich vielmehr um ein Kontinuum handelt.

In der Geschichtsmächtigkeit, das heißt in der Wirksamkeit von Personen, Institutionen, Ideen und sozialen Konstellationen, gibt es große Unterschiede. Aufgabe der Geschichtswissenschaft ist es, diese Unterschiede der Wirksamkeit darzustellen und zu erklären. Keinesfalls jedoch sollte "das vorhandene Material" durch die selektive Sicht, dass Geschichte die Performance von "Männern und Mächten" ist, geprägt werden.

In der Geschichte, im Bereich dessen, was geschieht, ebenso wie in der Darstellung des Geschehens geht es um Fakten (die Ausmessung historischer Vorgänge) und um Diskurse (wie werden Entwicklungen und Ereignisse wahrgenommen, begrifflich gefasst, erzählt und erinnert). Die Geschichtswissenschaft muss sich dieser, dem menschlichen Handeln und Denken entsprechenden Janusköpfigkeit des individuellen und gesellschaftlichen Agierens - Taten setzen, darüber nachdenken und urteilen - bewusst sein. Die Würdigung des Taten setzenden Individuums, das Faktizitäten schafft, sichert seinen Status als gestaltungsmächtiger, auch zu fundamentalen Veränderungen fähiger Akteur. Wenn man Geschichte nur unter der Perspektive von Diskursen und Erzählungen sieht, geht ein zentraler Aspekt des Humanen - der Mensch, der handelt, gestaltet und verändert -verloren.

Nächste Wiener Vorlesung: Wiener Wissen in Kunst, Kultur und Alltag Gemeinsames? Besonderes?

Eva Blimlinger und Daniela Strigl im Gespräch mit Hubert Christian Ehalt

7. Nov. 2016,19 Uhr, Wiener Rathaus, wien.gv.at

Das Gespräch führten Thomas Köhler und Christian Mertens