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Was wäre gewesen, wenn...?

... sich Österreichs Forschungslandschaft nach1945 personell, strukturell und gesellschaftspolitisch geöffnet hätte? Kritische Gedanken zum Jubiläumsjahr.

Was wäre gewesen, wenn...? Die Geschichtswissenschaft lässt diese Frage nur ungern zu. Ist es doch schon schwierig genug, die Erfahrungen der Zeitgenossen zu überprüfen und die Ergebnisse der Erforschung einer Vielzahl von Quellen als einigermaßen gesicherte "Tatsachen" zu präsentieren. Noch schwieriger ist die Deutung der Vergangenheit, ist diese doch immer auch abhängig von den Fragen und Erwartungen der Gegenwart. Die Geschichtsschreibung und die Bilder der Vergangenheit, die sie entwirft, ist daher selbst einem Wandel unterworfen.

Der "Zivilisationsbruch", wie der deutsche Historiker Jürgen Kocka die dunkelste Periode des 20. Jahrhunderts nennt, ist im Gedächtnis der Gegenwart präsent geblieben. Sie hat sogar an Präsenz gewonnen, indem sie Fragen nach einer historisch-längerfristigen Deutung der Geschichte ermöglicht. Eine der Fragen, die bis heute nicht völlig beantwortet ist, bezieht sich auf die bemerkenswerte Anfälligkeit des akademischwissenschaftlichen Milieus für die ns-Ideologie und Praktiken. Wie kommt es, dass eine wissenschaftliche, aber auch eine humanistische Bildung und berufliche Tätigkeit nicht nur als vereinbar mit der ungeheuerlichen Unmenschlichkeit des Regimes galt, sondern geradezu antrat, diese mit wissenschaftlichen Methoden und Zielsetzungen zu fördern?

Tabus an Universitäten

Vor diesem Hintergrund und angesichts der unweigerlich voranschreitenden Historisierung, die die Vergangenheit und die erlebte Erfahrung für die nachfolgenden Generationen in "ein anderes Land" verwandeln, sei es gestattet, die unbeantwortbare, weil der Realität widersprechende Frage dennoch zu stellen. Was wäre gewesen, wenn sich die österreichische universitäre und außeruniversitäre Landschaft nach 1945 in dreifacher Hinsicht geöffnet hätte: personell, durch eine aktive Politik der Rückholung der Vertriebenen, gesellschaftspolitisch, weil mit den Personen zugleich die tabuisierten Themen in das Land und an den Universitäten Einzug gehalten hätten, und strukturell, weil die Chance bestanden hätte, dass Universitäten und andere akademische Einrichtungen auf die Gesellschaft hätten einwirken können.

Verstoßene Intelligenz

Was also wäre gewesen, wenn die aus Österreich vertriebenen WissenschaftlerInnen mehrheitlich zurückgeholt worden wären? Was hätten sie außer der Erfahrung des erlittenen Unrechts und Leids sonst noch mitgebracht? Die usa wurden durch die enormen Anstrengungen während des Krieges zur führenden Wissenschaftsnation. Dies drückte sich nicht nur in den wissenschaftlich-technischen Errungenschaften aus, sondern auch in neuen Modellen der Forschungsorganisation und Forschungsförderung. Vieles von dem, was uns heute erneut an der wissenschaftlich-technischen Potenz der usa fasziniert, nahm seinen Anfang in einer Zeit, in der Strukturen und Einstellungen, Organisationsformen und Arbeitsweisen in die Lehre und Forschung in Österreich hätten eingehen können, wenn, ja wenn ...

Die in den usa vorherrschende Doktoratsausbildung, die eine echte und nicht nur zufällige Betreuung der Doktorierenden vorsieht, wurde für den sozialwissenschaftlichen Bereich Jahre später durch die Initiative von Paul F. Lazarsfeld und Oskar Morgenstern mit Gründung des Instituts für Höhere Studien in Österreich eingeführt - mit der Absicht, auf die Universitäten auszustrahlen. Es ist anzunehmen, dass sich auch andere Vorzüge des amerikanischen Departmentsystems auf österreichische Universitäten hätten übertragen lassen. Dazu gehört der Abbau von Hierarchien und eine größere Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen Disziplinen. Dazu gehört, dass die Jüngeren selbst Entscheidungen über ihre Forschungsarbeit fällen können und nicht in jahrelanger Abhängigkeit eines Vorgesetzten verharren müssen. Dazu gehört der Leitsatz, dass zählt, was gesagt wird, und nicht, wer es sagt. Die von Christian Fleck genau recherchierte und kenntnisreich kommentierte Geschichte der österreichischen Sozialwissenschaften ist voll von erschreckenden Beispielen von Heuchelei, Unfähigkeit und eigenbrötlerischem Verharren im Provinzialismus. Was wäre gewesen, wenn nicht Klein- und Kleinstinstitute gegeneinander angetreten wären, sondern die in der Zwischenkriegszeit in Österreich zum internationalen Vorbild avancierten empirischen Sozialwissenschaften ihre dynamische Fortsetzung gefunden hätte?

Zweifellos wäre die Rückkehr der zur Emigration gezwungenen WissenschaftlerInnen nicht ohne Konflikte innerhalb der Universitäten, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und anderer Forschungseinrichtungen vor sich gegangen. Hätte sie doch von Anfang an das "feine Schweigen", das in Wirklichkeit ein vulgäres und feiges war, durchbrochen. Die junge Generation von ZeithistorikerInnen hätte Jahrzehnte früher mit ihrer Arbeit beginnen und sich der politischen Mythenbildung öffentlich widersetzen können. Später hätte sie wiederholt und öffentlichkeitswirksam auf die Diskrepanz zwischen Worten und Taten hingewiesen. Und es hätten nicht fast sechs Jahrzehnte vergehen müssen, um ein Symposium an der Universität Wien - wie das im Juni 2003 über die Folgen des Nationalsozialismus für das österreichische akademische Leben - abzuhalten.

Anfällige Ideologien

Und was wäre gewesen, wenn sich die Universitäten und andere Forschungseinrichtungen der Aufgabe gestellt hätten, gesellschaftspolitisch als Vorbild zu wirken? Was wäre gewesen, wenn nicht nur die Max Planck Gesellschaft ihre eigene Geschichte aufgearbeitet hätte, sondern auch die Österreichische Akademie der Wissenschaften? Was wäre gewesen, wenn die Mechanismen und Kriterien, nach denen Berufungen innerhalb der Universitäten tatsächlich erfolgten, öffentlich diskutiert worden wären? Wäre von solchen positiven Signalen eine Wirkung auf das Land und seine Konfliktkultur ausgegangen? Wäre es gelungen, am Ideal und der Praxis einer wissenschaftlich-humanistischen Bildung anzuknüpfen, das mit dem Heraufziehen des Faschismus jäh unterbrochen worden war? Wenn ja, dann gäbe es die Fähigkeit, Wissenschaft zu praktizieren und gleichzeitig über das eigene wissenschaftliche Tun nachzudenken. Und wir hätten vielleicht Ansätze zur Beantwortung der Frage nach der spezifischen Anfälligkeit der Wissenschaft gegenüber Ideologien, gerade weil Wissenschaft glaubt, dafür nicht anfällig zu sein.

Raum für Imagination

Heute, sechzig Jahre nach Kriegsende und einer der schrecklichsten Epochen des 20. Jahrhunderts, stehen auch die Wissenschaften vor neuen Aufgaben. Sie sind zum unbestrittenen Motor der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit einer sich globalisierenden Welt geworden und stehen an der Schwelle der Umsetzung bahnbrechender wissenschaftlich-technologischer Entdeckungen. Die Sozial- und Geisteswissenschaften sind gefordert, ihre vom Nationalstaat geprägten Begrifflichkeiten zu erweitern und Deutungen einer komplexen, für viele verwirrenden, neuen sozialen Wirklichkeit zu geben. Was wäre gewesen, wenn - diese Frage muss unbeantwortbar bleiben. Doch wie andere drängende Fragen auch vermag sie den Raum zur Imagination zu öffnen. Sie vermag uns anzuleiten darüber nachzudenken, wie es auch hätte sein können - selbst wenn es so nicht war.

Die Autorin ist Professorin für Wissenschaftsforschung der ETH Zürich (em.), Vorsitzende von EURAB, des European Research Advisory Boards der Europäischen Kommission, und seit 2005 Fellow am Wissenschaftszentrum Wien.

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