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Schule und Lehrer, die Spielbälle der Politik

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Kann die Schule ihrer Bildungsaufgabe heute überhaupt noch entsprechen?

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Kann die Schule ihrer Bildungsaufgabe heute überhaupt noch entsprechen?

Trotz der Schulversuche durch Jahrzehnte hindurch stehen Schule und Bildung mehr denn je im Mittelpunkt öffentlicher Auseinandersetzungen. Viele fühlen sich berufen, in den Medien Forderungen zu stellen oder Ratschläge zu geben. Doch all diesen Wortmeldungen und Diskussionsbeiträgen ist eines gemeinsam: Ks werden nur aus dem Zusammenhang gerissene Teilaspekte behandelt, ohne danach zu fragen, ob die Schule ihre Bildungsaufgabe dann überhaupt noch erfüllen kann und der Jugend die Grundlagen für das Leben - auch für das Studium an der Universität - mitgibt. Geringe Fachkenntnis und ungenaue Verwendung von Begriffen, wie Bildung oder Lernen, bringen zudem jede Diskussion um ihren fachlichen Erfolg. Dabei wäre es gar nicht so schwer, die Situation zu durchschauen und durch ehrliche Verbesserungen der Schuljugend zu helfen.

Allgemeinbildung ist nicht, wie oft fälschlich angenommen wird, die Anhäufung von Einzelwissen, sondern vielmehr die „Ausbildung" von ordnenden und verstehenden Denk- und Verhaltensstrukturen, in denen Einzelwissen und Erfahrungen leichter aufgenommen, eingeordnet und besser genützt werden können. (Zur Veranschaulichung stark vereinfacht: In einer Halle mit Regalen, die vom Besitzer Ordnungsnamen erhalten haben, wird man einen neuen Gegenstand leichter einreihen und einen gesuchten leichter finden können als in einem ungeordneten Haufen.)

Der Lehrer hat daher die Aufgabe, mit Hilfe seines Fachgebietes diese Strukturen im jungen Menschen auszubilden, wie etwa: Zusammenhänge und Analogien zu erkennen oder Wesentliches vom Unwesentlichen unterscheiden zu lernen und so weiter. Die sich daraus ergebenden Erkenntnisse: „nicht", „ähnlich", „gleich", „wesentlicher als" und so fort bilden zwangsläufig Bang- und Wertordnungen. Diese sind die Grundlagen für Beurteilungen und Entscheidungen. Solcherart getroffene Entscheidungen können dann auch - da wohlbegründet und nicht „aus dem Bauch heraus" - mit gutem Gewissen verantwortet werden.

Zeit zum Nachdenken

Was hier kurz skizziert recht einfach aussieht, läßt sich aber nicht auf schnelle Art erwerben. Etwas erkennen und verstehen lernen, also nicht an der Oberfläche bleiben, benötigt Zeit und ungestörte Ruhe zum Nachdenken. Deshalb hat die Schulaufsicht die Lehrer schon immer dazu aufgefordert: „Mehr Mut zur Lücke" zu haben, womit gemeint ist, daß anhand des Lehrplanes sehr wohl Bildungsarbeit zu verrichten, aber niemals der gesamte Lehrplan bis in die Details - womöglich mit universitärem Anspruch zu erfüllen sei. Der Buf nach Entrümpelung des Lehrplanes kann sich also erübrigen.

Trotzdem ist es vernünftig, junge Menschen behutsam auch an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit heranzuführen, damit sie sich selber kennenlernen. Das ist für sie von unschätzbarem Nutzen: Viele haben aufgrund dieser Erfahrungmit der noch vorhandenen jugendlichen Kraft ihre

Genzen überwinden können und sind besonders erfolgreich geworden. Woher sonst, als aus dem Bewußtsein an sich erfahrener Stärke, sollten Hilfsbereitschaft, Unternehmungslust und Bisikofreude kommen? Jene aber, die ihre Grenzen zur Kenntnis genommen haben, konnten dadurch rechtzeitig bessere Entscheidungen treffen. Der großen Zahl an Studienabbrechern wäre so jedenfalls der Frust des Umweges erspart geblieben.

Aber genau dieser Bildungsvorgang findet seit zwei Jahrzehnten immer weniger statt. Denn das im Jahr 1974 beschlossene Schulunterrichts-gesetz, das die innere Ordnung des Schulwesens regeln soll, definiert den im Namen „Allgemeinbildende Höhere Schule" verwendeten Begriff „Bildung" nicht und verwendet ihn kaum. Sogar die bei jedem Streit um Noten herangezogene gesetzliche Be-gelung der Leistungsbeurteilung, wo es eigentlich um das Ergebnis der Bildungsarbeit gehen müßte, kennt das Wort Bildung nicht, sondern nur den ebenfalls Undefinierten Begriff „Lernstoff". Was auch immer darun ter gemeint sein mag, man kann sich dabei eher eine Menge an Einzelwissen vorstellen als den zuvor beschriebenen Bildungsvorgang. Das hat durch die Jahre hindurch von der Bildung weg zur bloßen Anhäufung von Einzelwissen und damit auch in den Schulstreß geführt: Der Mensch, dem die ordnenden und verstehenden Denkstrukturen fehlen, kann bald die Fülle an Einzelheiten nicht mehr aufnehmen und verarbeiten, ist überfordert und versagt.

Asoziales Verhalten

Das Schulunterrichtsgesetz hat aber auch die früheren Maßnahmen zur Durchsetzung von Ordnung und Disziplin in der Schule außer Kraft gesetzt. Seither sind nur mehr „Erziehungsmittel" anzuwenden, die von der Ermutigung und Anerkennung bis zur Zurechtweisung und Verwarnung (mit welcher Konsequenz?) reichen. Diese Mittel mögen bei wohlerzogenen Schülern ausreichen. In der

Schulwirklichkeit befinden sich aber fast schon in jeder Klasse schlecht oder gar nicht erzogene Schüler, und gelegentlich auch solche mit ausgeprägtem asozialen Verhalten. Für diese reichen die genannten Maßnahmen nicht mehr aus. Sie stören weitgehend ungehindert den Unterricht zum Nachteil der gesamten Klasse. Der durch ständige Störung und Ablenkung nicht zustandegekommene Arbeitserfolg macht unzufrieden und treibt die Schüler entweder in die Lethargie oder in die Aggression. Wertvolle Arbeitskraft der Lehrer - in Schillingen umgerechnet sicher in der Höhe von vielen Millionen - geht dabei verloren, und so mancher Lehrer wurde durch die Sinnlosigkeit solcher Arbeit aufgerieben. Eine grundlegende Änderung dieser Situation ist nicht in Sicht.

Gewerkschaft versagt

Während der Staat seine Diener in der Exekutive oder Verwaltung soweit schützt, daß sie ihre Arbeit sinnvoll und mit Anstand ausführen können, ist der Lehrer durch die miese Gesetzeslage gezwungen, oft bis an den Band des Zumutbaren seinen Dienst zu versehen. Die Zunahme der Be rufskrankheiten und Frühpensionierungen in diesem Zusammenhang ist unübersehbar geworden. Die Gewerkschaft, durch Parteienfilz in ihrer Handlungsfähigkeit beeinträchtigt, hat hier als zuständiger Partner kläglich versagt.

Ob da die zuletzt diskutierten Maßnahmen, wie das Aufsteigen mit zwei Nichtgenügend, die Anwesentheits-pflicht der Lehrer in der letzten Ferienwoche oder die Beurteilung der Lehrer durch Schüler und Eltern, Streß und Aggression - per Gesetz gezüchtet - beseitigen können? Wohl nicht, wie man etwa an letzterem Beispiel nachvollziehen kann: Eine Beurteilung der Lehrer wäre nur dann sinnvoll, wenn tatsächlich bessere an die Stelle der kritisierten I .ehrer treten würden. Aber ein Reservoir guter Kräfte gibt es nicht, denn jene, die erwiesenermaßen gut sind, sind ohnehin im Schuldienst, und neue Kräfte müssen nicht besser sein. Außerdem verfügen in der Regel Eltern f-von Schülern gar nicht zu reden -nicht über die notwendigen fachlichen Voraussetzungen und Informationen für solch eine seriöse Beurteilung mit beruflichen oder finanziellen Konsequenzen für den Lehrer.

Also wozu dienen dann alle diese Diskussionen und Maßnahmen tatsächlich? In allen Fällen bringen sie die Lehrer in eine fragwürdige Situation mit entsprechenden gesellschaftlichen Auswirkungen. Die Gemeinschaft liegt vor allem darin, daß es kaum eine Möglichkeit für den oder die Betroffenen gibt, sich dagegen zu wehren. Da waren schon einmal die Lateiner an der Beihe und dann die musischen Fächer und jetzt ist es der Beligionsunterricht, also noch Gruppen. Man braucht aber gar kein Hellseher zu sein, um zu erkennen, daß bei zunehmender Schulautonomie der einzelne Lehrer Opfer dieser Methode werden wird. Er ist also gut beraten, allen Wünschen, ob sie von einflußreichen Personen, politischen Parteien oder Wirtschaftskreisen kommen, willfährig zu sein, um gröberen persönlichen Schwierigkeiten zu entgehen. Die Schule wird auf diese Weise von außen erpreßbar und abhängig gemacht. Auch die blauäugige Versicherung der Frau Minister, daß man den I.ehrern „nur ein feedback ermöglichen wolle", ändert nichts an diesen Untergriffen. Die in den letzten Monaten erfolgten Enthüllungen politischer Praktiken in Österreich, die gezeigt haben, daß bislang undenkbare Vorgänge in unserem Staat doch möglich sind, erhärten diese Überlegungen.

Zu Beginn der 2. Bepublik haben die Schulverantwortlichen trotz schwieriger politischer Lage alles unternommen, damit sich in Zukunft politische Einflußnahmen, wie sie aus der Zwischenkriegs- und NS-Zeit leidvoll bekannt geworden sind, nicht mehr wiederholen. Das ist, wenn man von der Besetzung der Direktorsposten absieht, durch Jahrzehnte hindurch weitgehend gelungen. Heute wirft man im Zuge der Vergangenheitsbewältigung der Vorkriegs- und Kregsgeneration zwar vor, nicht dem politischen Druck der damaligen Zeit widerstanden zu haben und übersieht geflissentlich, daß sich ähnliches Übel bei uns bereits wiecfer einnistet.

Wo bleibt da die geforderte Zivilcourage? Die Jugend ist schon jetzt zu bedauern.

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