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Schulfach Religion: ein Sorgenkind

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Vielfältig sind die Erwartungen: Eltern hoffen auf Unterstützung ihrer Erziehungsmaßnahmen, das Schulamt auf wenig Abmeldungen, die Kirche auf Hinführung zum Glauben. Zu viel verlangt?

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Vielfältig sind die Erwartungen: Eltern hoffen auf Unterstützung ihrer Erziehungsmaßnahmen, das Schulamt auf wenig Abmeldungen, die Kirche auf Hinführung zum Glauben. Zu viel verlangt?

grundlegendes Umdenken notwendig wäre. Zunächst ein paar Probleme:

• Die Stellung im Fächerkanon: Realistischerweise wird jeder zugeben müssen, daß das Ansehen des Faches Religion - wenn es auch als erstes am Zeugnis stehtim weiten Durchschnitt nicht das größte ist. Viele Kollegen, die nur Religion unterrichten, können das bestätigen. Praktische Fächer und Gegenstände, die ein unmittelbares Ausprobieren und Uberprüfen ermöglichen, rangieren weit voran.

• Die Motivation: Eingezwängt zwischen Schularbeiten und Prüfungen, zwischen Niederlagen und Erfolgen, soll der Schüler nun plötzlich über sein Leben, seine Bedürfnisse und Ziele, nachden- ken. Sicherlich erwarten das die anderen Fächer in ihrem Bereich auch, doch geht es bei uns ja doch um existentielle Fragen.

• Der Inhalt: Wenn man die einzelnen Bücher durchforstet, fin det man eine Reihe von Themen, die auf wenig oder gar kein Interesse seitens der Schüler stoßen. „Wir geben laufend Antworten auf Fragen, die keiner gestellt hat”, wurde einmal treffend formuliert. In dieser überspitzten ^Feststellung zeigt sich das Problem: Wie lange können wir es uns noch leisten, Hefte und Gehirne mit Stoff zu füllen, der letztlich tot und für den Schüler bezugslos bleibt? Die Abmeldezahlen geben ja auch irgendwie eine Antwort.

• Die Trennung Kirche —Religion: Wie in keinem anderen Bereich spüren wir im Religionsunterricht die Diskrepanz zwischen Interesse an Lebensfragen (was ja immer zugleich Interesse an Religion impliziert!) und der Teilnahme am Leben der Kirche. Sobald die Sprache auf die Institution und deren Einrichtungen kommt, erlischt die Begeisterung und das Interesse spürbar.

• Die Ökumene: Es bleibt für junge Menschen unverständlich, warum unter dem Namen „Christen” auf Unterscheidendes mehr Wert gelegt wurde (und fallweise auch noch wird) als auf Gemeinsames. Sie verstehen auch nicht, warum z. B. wenige evangelische Schüler in der Stunde „Religion” die Klasse verlassen müssen und einen eigenen Lehrer verbrauchen, wenn man dann im Klassenbuch im Lehrstoffteil dieselben ethischen Fragen vorfindet.

• Die Erwartungen: In kein anderes Fach werden so viele Erwartungen gesteckt wie in den Religionsunterricht. Eltern erhoffen eine problemlose Erziehung ihrer Kinder, manche Kollegen überlassen dem Religionslehrer die Aufgabe der moralischen Disziplinierung, das Schulamt erwartet möglichst geringe Abmeldezahlen und die Pfarren funktionierende und brav zahlende Mitglieder. Welcher Lehrer kann all dem entsprechen?

Abmeldungen: Eine Last

• Die Abmeldung: BislangistRe- ligion das einzige Fach, zu dem ich mich nicht anmelden muß, sondern abmelden kann. Gerade zu Schulbeginn geistern verschiedene Zahlen durch die Lehrerzimmer, das Erstellen des Stundenplans wird erschwert, einzelne Stunden fallen weg, Klassenräume für die Abgemeldeten werden benötigt und mancher Kollege sieht den Religionslehrer als Versager.

Wird all das von den zuständigen Stellen auch bedacht? Wie viele Inspektoren und welcher Bischof bei seiner Visitation nimmt sich Zeit zum persönlichen Gespräch mit seinen Lehrern, wie oft werden Fragen nach der seelischen Verfassung gestellt?

• Die Konzeption: Unsere Konzeption des Religionsunterrichts ist eine Mischung aus Information und Motivation. Wir müßten uns aber entscheiden (wie z. B. in Deutschland), wobei in der Schule als dem Ort der theoretischen Auseinandersetzung der Information und kritischen Auseinandersetzung mit den verschiedensten Antworten der Vorzug gegeben werden soll. Es ist Illusion anzunehmen, daß zufällig zusammengesetzte Klassen zu Orten der Meditation, des Gebetes und der Einübung von christlichen Lebenshaltungen werden können.

Selbstverständlich gibt es einzelne Stunden, in denen all das gelingt, was Methodiker uns anbieten. Es sollte aber nicht die Konzeption des Unterrichts bestimmen.

• Die Benotung: Ohne Zweifel können Noten Schüler motivieren und disziplinieren und das Ansehen eines Faches heben. Doch oft erlebt man - vor allem in der Oberstufe —, daß Prüfungen und verschiedene Noten die Motivation und Bereitschaft der Schüler eindämmen oder sogar verhindern. Der Vermerk „Teilgenommen” würde vollauf genügen.

Viele der genannten Probleme- es sind nicht alle, die es gibt - werden zu Widerspruch und anderen Erfahrungsberichten führen. Es ist auch klar, daß nicht immer und überall all das Aufgeführte zutrifft.

Was kann nun Konstruktives angeführt werden? Es gibt sicherlich keine Patentrezepte, dazu sind Schüler- und Lehrersituationen zu verschieden. Doch auch hier einige Gedanken:

Wir müßten in unseren Erwartungen an den Religionsunterricht etwas zurückstecken. Überall dort, wo die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und seinen Anforderungen unter Einbeziehung aller Antwortet gelingt, hat der Unterricht sein Ziel erreicht. Die Schüler müssen spüren, daß der Lehrer mit ihnen nach einer Antwort ringt, selbst Zweifel und Kritik hat und nicht vorformulierte Statements von sich gibt, die schön dosiert die Schüler „bekehren” sollen. Die Toleranz des Akzeptierens darf nicht nur gepredigt werden, sie muß sich auch in jeder Stunde zeigen.

Weiters ist es ein großer Irrtum anzunehmen, Kinder in der Isolation der Schule ohne die Mitarbeit und das Vorbild der Eltern und der Pfarrgemeinden zu aktiven Christen erziehen zu können. Jesus predigte auch zu Erwachsenen und nicht zu pubertierenden Jugendlichen.

Die zuständigen Stellen müßten

Petersdom und Vatikan

Maurizio Fagiolo dell’Arco, Herausgeber des Bandes, dem diese Abbildung entnommen ist, hat aus der Fülle der Motive die folgenden Aspekte besonders herausgestellt: Das historische Werden und Wachsen von Peter skirche und Vatikanstadt wird in Texten, Bildern, Grundrissen es als Hauptaufgabe betrachten, Menschen und Orte der Begegnung bereitzustellen, um eine Identifikationsmöglichkeit für den Schüler zu fördern. Was nützen eine Mutter Teresa und ein P. Kolbe, wenn sie nicht dem Erfah- rungs- und Identifikationsbereich der Schüler entstammen? Persönlichkeiten, die sich bereit erklären, mit den Schülern im Unterricht über ihr Leben und ihre Arbeit zu sprechen, müßten vom Schulamt namhaft gemacht werden, damit nicht jeder einzelne Lehrer unter schwierigen Umständen diese Kontakte erst suchen muß.

Wir müssen den vielzitierten Mut zur Lücke auch in unseren Lehrbüchern haben, indem jene Themen, zu denen der Schüler heute nun mal wenig oder gar keinen Zugang besitzt, hintangestellt werden und anderen, für die Situation des heutigen Menschen relevanteren Themen mehr Raum und Material gewidmet wird: z. B. gibt es eine christliche Politik? Steht die Kirche auf seiten der Armen oder der Reichen? Politische Ethik, politische Tugenden (Gehorsam-Widerstand, Kompromiß), Verhaltensmuster Mann-Frau, wirtschaftspolitische Überlegungen (Profitinteressen, Gastarbeiter usw.)…

Wer behauptet, diese Themen hätten nichts mehr mit Religion zu tun, der verkennt völlig den Stellenwert, den Religion im Leben des Menschen haben muß.

Und schließlich müssen wir alle bekennen, daß niemand die Wahrheit gepachtet hat. Glauben heißt stetig meine Position als Mensch in dieser Welt und meine Antwort darauf zu überprüfen und an anderen Antworten zu messen. Wer seine eigene Denkfaulheit als Glaube deklariert, ganz gleich ob Priester oder Laie, hat eigentlich kritischen jungen Menschen nichts mehr zu sagen.

und Plänen umfassend dargestellt: eine ausführliche Analyse päpstlicher Grabmäler zeigt Querverbindungen zu den Zeitumständen und der Persönlichkeit der Päpste auf; schließlich wird der Leser zu einem Rundgang durch die vatikanischen Museen eingeladen.

PETERSDOM UND VATIKAN. Von Mau- rizio Fagiolo dell’Arco (Hrsg.), Herder, Freiburg 1983, 278 Seiten, 200 Färb- und über 200 Schwarzweißbilder, öS 755,80.

Wie in fast keinem anderen Fach, gibt es im Religionsunterricht Kataloge voll methodischdidaktischer Literatur, Unterrichtsbehelfen und audiovisuellen Medien. Und dennoch existieren eine Menge Probleme, mit denen der einzelne Lehrer sein Leben lang konfrontiert wird und zu deren Lösung die oben genannte Theorie nicht ausreicht, da ein

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