Religion verbannen?

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Immer wieder wird „Ethikunterricht für alle" gefordert – zuletzt von Susanne Wiesinger. Was hieße das für den konfessionellen Religionsunterricht? Warum braucht es ihn? Ein Gastkommentar von Andrea Pinz.

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Immer wieder wird „Ethikunterricht für alle" gefordert – zuletzt von Susanne Wiesinger. Was hieße das für den konfessionellen Religionsunterricht? Warum braucht es ihn? Ein Gastkommentar von Andrea Pinz.

Der konfessionelle Religionsunterricht ist der einzige Unterrichtsgegenstand, der immer wieder grundlegender Infragestellungen ausgesetzt ist. In diversen Debatten muss er seine Berechtigung im Fächerkanon schulischer Bildung stets neu argumentieren. Das ist herausfordernd und mitunter auch irritierend, wenn Wortmeldungen mit wenig Sachkenntnis – aber durchaus interessens- und ideologiegeleitet – an der Realität bestehender Unterrichtspraxis vorbeigehen.

Zielführender ist es, im kontinuierlichen Rechtfertigungsdruck eine Chance zu sehen. Immer wieder neu, im konkreten gesellschaftlichen und politischen Kontext über die Aufgabe und den Auftrag des Religionsunterrichts nachzudenken, zum innersten Kern seines Anliegens vorzudringen und diesen breitenwirksam artikulierfähig zu machen, hat sich immer schon als bereichernd für seine zeitgemäße Weiterentwicklung und aktuelle gesellschaftliche Verortung erwiesen. Was also bringt der Religionsunterricht Kindern und Jugendlichen heute? Immerhin besuchen von 623.000 katholischen Schülerinnen und Schülern mehr als 91 Prozent den Religionsunterricht, 27 Prozent der jungen Menschen ohne Bekenntnis wählen ihn als Freigegenstand. Welche Aufgabe erfüllt er? Welche Vorzüge hat er anderen Fächern gegenüber? Und warum ist es wichtig, dass er im öffentlichen Schulwesen präsent bleibt?

Konkurrenz oder Kooperation?

Die von der letzten Regierung beschlossene und von der gegenwärtigen wieder aufgenommene Einführung des Ethikunterrichts für jene Schülerinnen und Schüler, die keinen Religionsunterricht besuchen, hat (nach zwei Jahrzehnten bewährter Schulversuche) so manche Dispute wieder angeheizt. Seitens der Religionsgemeinschaften und kirchlichen Bildungsverantwortlichen wird die Entwicklung begrüßt. In der öffentlichen Aufmerksamkeit werden die beiden Unterrichtsgegenstände Religion und Ethik allerdings immer wieder in ein Konkurrenzverhältnis gerückt. Viel zu wenig wird gesehen, wie viel ihnen gemeinsam ist.

Beiden, dem Ethik- und dem Religionsunterricht, geht es darum, Kindern und Jugendlichen eine Werteerziehung zukommen zu lassen, die sie befähigt, aus fundierter Kenntnis heraus Handlungsoptionen abzuwägen und ethische Entscheidungen zu treffen, mit deren Hilfe sie Orientierung für gelingendes Leben gewinnen und Gesellschaft mitgestalten können.
Trotz der großen Parallelen zwischen dem erzieherischen Auftrag des Ethik- und des Religionsunterrichtes ist es wesentlich, beide Fächer auch in ihrem jeweiligen Eigenwert zu würdigen.

Der konfessionelle Religionsunterricht ist der einzige Unterrichtsgegenstand, der immer wieder grundlegender Infragestellungen ausgesetzt ist. In diversen Debatten muss er seine Berechtigung im Fächerkanon schulischer Bildung stets neu argumentieren. Das ist herausfordernd und mitunter auch irritierend, wenn Wortmeldungen mit wenig Sachkenntnis – aber durchaus interessens- und ideologiegeleitet – an der Realität bestehender Unterrichtspraxis vorbeigehen.

Zielführender ist es, im kontinuierlichen Rechtfertigungsdruck eine Chance zu sehen. Immer wieder neu, im konkreten gesellschaftlichen und politischen Kontext über die Aufgabe und den Auftrag des Religionsunterrichts nachzudenken, zum innersten Kern seines Anliegens vorzudringen und diesen breitenwirksam artikulierfähig zu machen, hat sich immer schon als bereichernd für seine zeitgemäße Weiterentwicklung und aktuelle gesellschaftliche Verortung erwiesen. Was also bringt der Religionsunterricht Kindern und Jugendlichen heute? Immerhin besuchen von 623.000 katholischen Schülerinnen und Schülern mehr als 91 Prozent den Religionsunterricht, 27 Prozent der jungen Menschen ohne Bekenntnis wählen ihn als Freigegenstand. Welche Aufgabe erfüllt er? Welche Vorzüge hat er anderen Fächern gegenüber? Und warum ist es wichtig, dass er im öffentlichen Schulwesen präsent bleibt?

Konkurrenz oder Kooperation?

Die von der letzten Regierung beschlossene und von der gegenwärtigen wieder aufgenommene Einführung des Ethikunterrichts für jene Schülerinnen und Schüler, die keinen Religionsunterricht besuchen, hat (nach zwei Jahrzehnten bewährter Schulversuche) so manche Dispute wieder angeheizt. Seitens der Religionsgemeinschaften und kirchlichen Bildungsverantwortlichen wird die Entwicklung begrüßt. In der öffentlichen Aufmerksamkeit werden die beiden Unterrichtsgegenstände Religion und Ethik allerdings immer wieder in ein Konkurrenzverhältnis gerückt. Viel zu wenig wird gesehen, wie viel ihnen gemeinsam ist.

Beiden, dem Ethik- und dem Religionsunterricht, geht es darum, Kindern und Jugendlichen eine Werteerziehung zukommen zu lassen, die sie befähigt, aus fundierter Kenntnis heraus Handlungsoptionen abzuwägen und ethische Entscheidungen zu treffen, mit deren Hilfe sie Orientierung für gelingendes Leben gewinnen und Gesellschaft mitgestalten können.
Trotz der großen Parallelen zwischen dem erzieherischen Auftrag des Ethik- und des Religionsunterrichtes ist es wesentlich, beide Fächer auch in ihrem jeweiligen Eigenwert zu würdigen.

Wo, wenn nicht in der Schule kann der Dialog mit Menschen anderen Glaubens besser erlernt werden?

Der Ethikunterricht kann eine Vielzahl sehr unterschiedlich geprägter Schülerinnen und Schüler erreichen, ein breites Spektrum ethischer Wertesysteme darstellen und zu besonderer Diskursbereitschaft und der argumentativen Schärfung eigener Positionen herausfordern. Der konfessionelle Religionsunterricht thematisiert die großen Lebensfragen von Kindern und Jugendlichen und gibt ihren spirituellen Grunderfahrungen Raum. Er lehrt religiöses Grundwissen und bietet Sinnangebote für die Lebensgestaltung sowie für die Bewältigung eigener Krisen. Dazu vermittelt er ethische Handlungsmaximen aus einer ausgewiesenen religiösen Tradition heraus. Im pluralen Miteinander ist dabei nicht zu unterschätzen, wieviel Motivationskraft gerade jene – in religiösen Überzeugungen fundierte – Handlungsmaxime besitzen und wie wichtig daher auch ihr Beitrag zur ethischen Konsensfindung ist. Darüber hinaus eröffnet der Religionsunterricht als einziger Gegenstand in der Person der Lehrenden Begegnung mit Menschen, die für eine bestimmte Haltung stehen und authentisch von dem, worauf sie ihr Leben gründen, Zeugnis geben, ohne zur Übernahme ihrer Überzeugung zu verpflichten.

Besonders bedeutsam ist, dass der Religionsunterricht Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit bietet, ihren eigenen persönlichen Glauben zu reflektieren und diesen im Kontext pluraler Weltanschauungen zu bedenken. Gerade weil der Religionsunterricht es ermöglicht, sich in einem geschützten Raum mit familiär und kulturell überlieferten, auch stark emotional geprägten Glaubensinhalten vernünftig und kritisch auseinanderzusetzen, leistet er einen wichtigen Beitrag zur Demokratieerziehung und Fundamentalismusvermeidung.

Wiesingers Kurzschluss

Wenn also immer wieder die Forderung laut wird, Religion zum Zweck der Konfliktvermeidung gänzlich aus dem öffentlichen Raum von Schule zu verbannen, ist das ein gehöriger Kurzschluss. Auch Frau Wiesinger bekennt sich in ihrem neuen Buch zu einem „verpflichtenden Ethikunterricht für alle als verbindendes Element“, was zur Marginalisierung und letztlich zur Verdrängung des Religionsunterrichts führen würde, da die Lehrplaninhalte über weite Strecken deckungsgleich sind, in Religion aber die Abmeldung weiter bestehen bleibt. Wo, wenn nicht in der Schule, die einerseits ein Abbild von Gesellschaft, andererseits aber auch ein Einübungsort gesellschaftlicher Praxis unter fachkundiger Begleitung ist, kann aber der wertschätzende und auskunftsfähige Dialog mit Menschen anderen Glaubens besser erlernt werden?

Ohne vorhandene Konflikte an Schulstandorten verschleiern zu wollen, werden bereits seit einigen Jahren von kirchlichen Bildungsverantwortlichen Kooperationsmöglichkeiten zwischen den Religionsunterrichten, zwischen dem Religions- und Ethikunterricht gefördert sowie dialogische Unterrichtsformen weiterentwickelt. Dies ist vorausschauender und dient einem solidarischen Miteinander besser als das Vorantreiben von Polarisierung.

Die gesellschaftliche Diversität wird weiter zunehmen und damit die Herausforderung, ein konsens- und zukunftsfähiges Wertegerüst zu entwickeln. Dass ein säkular und ein religiös begründeter ethischer Diskurs einander in der Öffentlichkeit und daher auch in der Schule bereichern, kann sich dabei als essentiell erweisen.

Die Autorin ist Leiterin des Amtes für Schule und Bildung der Erzdiözese Wien.

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