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Weitere Studien sind unbedingt nötig

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Die Studie über Wiener islamische Kindergärten des islamischen Religionspädagogen Ednan Aslan von der Uni Wien hat Staub aufgewirbelt - nicht zuletzt deren Befund, viele Betreiber seien salafistisch.

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Die Studie über Wiener islamische Kindergärten des islamischen Religionspädagogen Ednan Aslan von der Uni Wien hat Staub aufgewirbelt - nicht zuletzt deren Befund, viele Betreiber seien salafistisch.

Die Tübinger katholischen und evangelischen Religionspädagogen Biesinger und Schweitzer haben eine Empfehlung im Kontext der "interreligiösen Erziehung in Kitas": nämlich die Freundschaftssprache Deutsch zu benutzen, aber die (interreligiöse Erziehung schon in den Kitas zuzulassen, im Kontext des gegenseitigen Kennenlernens. Religion kann auch eine Ressource für den sozialen Zusammenhalt sein. Gleichzeitig wird derzeit politische Radikalisierung in der Gesellschaft diskutiert. Egal ob rechts- oder linksextreme Tendenzen oder religiös begründeter politischer Extremismus, auf unterschiedliche Art und Weise zeigen sich die Auswirkungen durch medial kolportierte Vorfälle oder Geschehnisse in der persönlichen Umgebung. Einerseits bedrängte Flüchtlinge, die Angst haben, aus dem Bus zu steigen, weil Menschen mit Fremdenangst Parolen skandieren und Gewalt androhen, kriminelle Individuen, welche Frauen angreifen, der schwarze Block, der Sach-und Personenschaden anrichtet und Foreign Fighters, die bei Daesh /IS und anderen Milizen kämpfen. Welche Strukturen können die Entwicklung von Persönlichkeiten fördern, welche bereit sind, andere Menschen zu hassen? Welche Strukturen fördern eine Entfremdung von der Gesellschaft? Grundsätzlich stellten der Ethnologe Schiffauer und der Religionssoziologe Ceylan fest, dass es in sogenannten Migrationsgesellschaften teilweise eine defensive Religiosität gibt. Diese fördert eine Distanz zur sogenannten Aufnahmegesellschaft, aus Angst, die eigene Identität zu verlieren und den Wunsch, in die Herkunftsgesellschaft zurückzukehren. Die zweite Generation aber versucht sich zwischen der Aufnahme-und Herkunftsgesellschaft zu verorten. Sehr oft, so Beck-Gernsheim, ist Religion ein stabilisierender Anker der Identität, eben auch für die zweite oder dritte Generation, aber auch bei Menschen mit fremdenfeindlichen Reflexen, die das "christliche Abendland" schützen wollen, obwohl sie sich vor der Kamera als gleichgültig gegenüber der Religion deklarieren.

In Österreich wird bei Schulen der anerkannten Religionsgemeinschaften der Lehrkörper durch die öffentliche Hand finanziert. In diesem Fall ist es die IGGiÖ, welche tatsächlich konfessionellen islamischen Einrichtungen ihre Zustimmung zum Betreiben geben muss, nicht so bei Kindergärten.

Bei Kindergärten stehen zurzeit jene, die entweder auch einen religiös-islamischen Bildungsauftrag haben oder von selbstdeklarierten muslimischen Vereinen betrieben werden oder am Ende nicht einmal das, im Mittelpunkt des Interesses. Daher fordern unterschiedliche politische Verantwortliche von der IGGiÖ sowie der Universität Wien, Daten und Informationen bereitzustellen.

Es wäre ratsam, diese Daten im Vergleich mit anderen Kindergärten und -gruppen abzugleichen. Als Vorbild könnte die Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge dienen. Dort hat man die soziale und strukturelle Integration anhand der Daten von Menschen aus verschiedenen Herkunftsregionen, Muslimen und Nichtmuslimen verglichen. Das half zu differenzieren, Erkenntnisse über Herausforderungen im Zusammenleben nicht allein auf Religionen oder religiöse Bekenntnisse zu reduzieren. Erkannt wurde dabei auch, dass Menschen, - egal ob Muslime, Christen, ohne oder mit andererem Religionsbekenntnis - aus einer Herkunftsregion ähnliche Daten in Bezug auf Integration lieferten und die Unterschiede zwischen Muslimen verschiedener Herkunftsregionen sehr groß waren.

In Deutschland: 0,1 Prozent Salafisten

Die sogenannte "Kindergartenstudie" der Universität Wien, im Auftrag des BMEIA, ist vorerst offensichtlich eine Vorstudie, die sich dem Thema annähert, und es braucht dringend Vergleichsdaten zu anderen Kindergärten. Interessant wäre es auch zu erfahren, warum Eltern auf alternative, privat geführte Kindergärten ausweichen, seien es jüdische, katholische, muslimische oder nicht religiöse. Was fehlt den Erziehungsberechtigten an Angeboten bei öffentlichen Kindergärten?

Ähnlich ist das bei Privatschulen, die alternative pädagogische Konzepte anbieten, welche den Wünschen der Kinder oder Erziehungsberechtigten entgegenkommen. Einige der Betreiber kommen wiederum aus den bekannten muslimischen Selbstorganisationen, welche derzeit wiederum in der IG-GiÖ vertreten und somit bekannt sind.

Zur Frage, welche der FURCHE-Redaktion ein Anliegen war, welche Rolle salafitische Strömungen spielen, kann der Verfasser nur sagen, dass ihm derzeit keine Kindergärten bekannt sind, die von Organisationen betrieben werden, welche aus diesem Spektrum kommen. Sicher ist, dass Eltern aus so geprägten Familien ihre Kinder in städtische Kindergärten aber auch in Privatkindergärten schicken. Zahlen über die Verbreitung über die missionarisch pietistische Strömung der Salafiyya liegen aus Deutschland vor. Der Verfassungsschutz geht von 4000 Anhängern aus, wobei rund fünf Millionen Muslime in Deutschland leben. Dieses Verhältnis lässt sich auf Österreich umlegen.

Diese Salafi-Strömung zeichnet sich vorwiegend dadurch aus, dass sie in Opposition zum Rechtsschultraditionalismus steht und auch die dazugehörigen theologischen Schulen ablehnen. Muslimische Kindergartenpädagoginnen haben teilweise berichtet, wie sie mit einigen Eltern in einen Disput geraten sind, weil sie deren Ansprüche und Vorstellungen in Bezug auf die vermittelten Inhalte im Kindergarten zurückgewiesen haben. Eine muslimische Kindergartenpädagogin eines privaten Kindergartens berichtete beispielsweise vom Wunsch eines Elternteils, sie solle einen Rock statt einer Hose tragen, was sie zurückgewiesen habe.

Abschließend bleibt zu hoffen, dass andere wissenschaftliche Institutionen auch Daten in anderen privaten, aber auch öffentlichen Kindergärten erheben, um so Vergleiche möglich zu machen und mögliche Defizite korrigieren zu können.

Der Autor lehrt an der Pädag. Hochschule der Diözese Linz u. engagiert sich im Verein DERAD-EUISA für Extremismusprävention

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