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"Es gibt hier auch eine Bringschuld"

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Die Rechtsanwältin Seyran Ates über ihre liberale Berliner Moschee, den politischen Islam, Verhüllungsverbote und das Phänomen Islamfeindlichkeit.

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Die Rechtsanwältin Seyran Ates über ihre liberale Berliner Moschee, den politischen Islam, Verhüllungsverbote und das Phänomen Islamfeindlichkeit.

Seyran Ate s'Freiheit hat Grenzen: Wo immer die in Istanbul geborene und in Berlin lebende Rechtsanwältin auftritt, ist sie von Bodyguards umringt. Regelmäßig bekommt die 54-Jährige, die gegen den politischen Islam und für die Rechte von Frauen kämpft, Morddrohungen. Seit sie im Juni dieses Jahres mit Gleichgesinnten die liberale "Ibn-Rushd-Goethe-Moschee" gegründet hat, haben die Anfeindungen einen neuen Höhepunkt erreicht. In ihrer Moschee, die in einem Theatersaal der evangelischen St. Johannis-Kirche in Berlin- Moabit untergebracht ist, können Frauen und Männer sowie Muslime aller Glaubensrichtungen gemeinsam beten. Vergangenen Freitag hat Seyran Ates bei der 20. Globart Academy in Krems gesprochen. Im Anschluss gab sie der FURCHE - abgeschirmt von ihren Leibwächtern - ein Interview.

Die Furche: Frau Ate s, Sie haben eine Moschee gegründet, der Sie als Imamim vorstehen. Warum haben Sie sich für diesen Schritt entschieden, den viele Muslime als Provokation empfinden -und der Ihnen auch den Vorwurf eingebracht hat, zu wenig auf eine "Bewegung von unten" zu setzen?

Seyran Ates: Gegen diesen Vorwurf muss ich mich verwahren: Unsere Moschee ist eine Bewegung von unten -eine Bewegung von Menschen, die unglücklich sind über das, was sie tagtäglich in ihren Gemeinden erleben. Und es ist auch nicht neu, was wir machen: Schon 2005 hat Amina Wadud in New York vor einer gemischten Gruppe gebetet, Ähnliches gab es in Istanbul und Kapstadt. Es gibt also schon lange den Wunsch, das zu verändern, von dem die Autoritäten behaupten: "So muss der Islam gelebt werden!" Im Iran würden wohl 90 Prozent der Frauen das Kopftuch ablegen, wenn es nicht die Verpflichtung dazu gäbe. Und in Saudi-Arabien würden nicht mehr so viele Frauen eine Vielehe akzeptieren und mit drei anderen Frauen hinter einem unattraktiven Mann herlaufen, wenn sie über eine eigene Ausbildung und eigenes Geld verfügen würden. Die Furche: Die meiste Aufregung hat der Umstand ausgelöst, dass in Ihrer Moschee Männer und Frauen gemeinsam beten

Ates: Ja, dass sie bei uns neben-oder hintereinander stehen, geht für viele Leute nicht. Sie argumentieren dabei aber durchwegs sexueller Natur: Männer - und auch Frauen - würden beim Gebet ihre sexuellen Gefühle nicht kontrollieren können. Absurd!

Die Furche: Das führt zu einer Grundsatzfrage: Kann es einen liberalen Islam überhaupt geben? Der deutsche Islamkritiker Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide (siehe Kolumne) haben darüber im Buch "Ist der Islam noch zu retten?" gestritten. Wobei Abdel-Samad den Islam für "immun" gegenüber Reformen hält: etwa wegen seines "Geburtsfehlers", dass der Prophet Mohammed auch Feldherr und Richter gewesen sei; oder wegen der "Ehe" zwischen diktatorischen Systemen und religiösen Institutionen

Ates: Also ich denke, dass der Islam sehr wohl reformierbar ist! Auch Judentum und Christentum wurden ja als nicht-reformierbar betrachtet, das kennt man also. Die Menschen haben das Bedürfnis, ihren Glauben zeitgemäß zu leben. Deshalb praktizieren wir in unserer Moschee auch die historischkritische Auslegung und fragen bei einer Sure oder Norm nach dem Sinn und Zweck.

Die Furche: Und die Vermischung von Religion und Politik im Islam?

Ates: Auch die haben wir in allen Religionen. Die erste Phase des Islam im siebten Jahrhundert war ja mystisch und spirituell, die kämpferische und politische Seite kam erst später dazu. Man kann auch jede Religion als Staatsform deklarieren: Es hat Zeiten gegeben, in denen in Österreich die Kirche die Politik bestimmt hat. Wenn hier eine Reform möglich war, warum sollte das nicht auch im Islam funktionieren?

Die Furche: In Saudi-Arabien gibt es tatsächlich Neuerungen -etwa das Ende des Autofahrverbots für Frauen. Aber die Türkei entwickelt sich in die entgegengesetzte Richtung: Man greift Sie hier heftig an und wirft Ihnen eine Nähe zur Gülen-Bewegung vor

Ates: Herr Erdogan und seine AKP kennen Fethullah Gülen sehr viel besser als wir. Deshalb müssten sie eigentlich wissen, dass Gülen und seine Bewegung das, was wir machen -also das gemeinsame Beten von Frauen und Männern oder Frauen ohne Kopftuch -nicht richtig finden. Bei der Frage der Imamin sind sie etwas konzilianter, aber alles andere ist ihnen zuwider. Mit den Gülen-Leuten selber bin ich aber im Dialog -etwa mit Imam Kadir Sancı, der im interreligiösen Projekt "House of One" in Berlin-Mitte die muslimische Seite besetzt. Und diesen Dialog lasse ich mir auch nicht verbieten.

Die Furche: Ihr zentrales Anliegen sind Frauenrechte im Islam. Als Rechtsanwältin waren Sie häufig mit Zwangsverheiratungen und "Ehrenmorden" befasst. In Wien hat vor Kurzem ein 18-jähriger Afghane seine 14-jährige Schwester umgebracht. Wo liegen die Wurzeln dieser Verbrechen? In der Religion? In der patriarchalen Kultur? In beidem?

Ates: Das ist ein Zusammenspiel, und jeder Versuch, das zu trennen, ist eigentlich eine Kränkung, auch den Opfern gegenüber. Manche wollen durch eine solche Trennung vermutlich erreichen, dass sie nicht als Islamkritiker hingestellt werden. Aber wem tut man damit einen Gefallen? Weder diesem toten Mädchen noch dem 18-jährigen Jungen, der sein Leben -beeinflusst durch Tradition, Religion und Patriarchat -so weiterleben wird. Deshalb braucht es in den Communitys nicht nur eine Stärkung der Mädchen, sondern auch ein Umdenken bei Jungen, Männern und vor allem Eltern.

Die Furche: Die Frage ist, wie dieses Umdenken erreicht werden kann. Was die Vollverschleierung betrifft, hat man sich in Österreich jedenfalls für ein Verbot entschieden: Ab 1. Oktober ist das Tragen von Niqab oder Burka strafbar. Was halten Sie davon?

Ates: Ich finde es ganz richtig und würde mir wünschen, dass ein solches Verbot in ganz Europa durchgesetzt würde, weil wir die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die freiheitliche, demokratische Grundordnung, die dahintersteht, endlich mehr verteidigen sollten -gegen einen politischen Islam, der aus der Türkei, aus Katar oder aus Saudi-Arabien finanziert wird.

Die Furche: Aber wie soll das Verbot exekutiert werden? Die Polizeigewerkschaft hat schon Skepsis angemeldet. Und der in Paris lebende Geschäftsmann Rached Nekkaz hat erklärt, alle Strafen in Österreich zu übernehmen, weil das Recht auf Religionsfreiheit und Selbstbestimmung beschnitten würde.

Ates: Man sieht hier einmal mehr, wie aus dem Ausland ein orthodoxer und fundamentalistisch ausgerichteter Islam finanziert wird. Nekkaz weiß sehr gut, dass diese Frauen von klein auf nicht so selbstbestimmt sind, dass sie das selbst entscheiden könnten. Diejenigen vollverschleierten Frauen, die wir im Fernsehen erleben, sind ja fast immer Konvertitinnen. Tatsache ist, dass wir heute schon kopftuchtragende Kindergarten-und Volksschulkinder haben.

Die Furche: Wie würden Sie damit umgehen?

Ates: Aus meiner Sicht sollte das Tragen von Kopftüchern an allen Schulen und Universitäten verboten sein. Ich finde, dass die Regelung, die wir in der Türkei hatten, sehr gut war -und man kann sehen, wohin es gekippt ist, nachdem es erlaubt wurde. Es wird immer mehr Druck auf Mädchen und Frauen ausgeübt, sich sittlicher zu kleiden.

Die Furche: Aber Druck gibt es auch von der anderen Seite: Nach einer aktuellen Studie der EU-Grundrechteagentur berichten 21 Prozent der in Österreich lebenden Muslime von Diskriminierungen -und 27 Prozent der muslimischen Frauen, die Kopftuch oder Gesichtsschleier tragen, von Angriffen.

Ates: Diese Islamfeindlichkeit müssen wir selbstverständlich genauso bekämpfen. Vieles davon entsteht aus Unwissen -vieles aber auch aus dem Verhalten der Muslime selbst. Wenn die Menschen Angst haben vor dem Islam, weil im Namen dieser Religion auf der ganzen Welt Attentate verübt werden oder vom politischen Islam immer mehr Forderungen kommen, dann müssen sich die Muslime auch an der eigenen Nase nehmen. Ich hätte auch Angst, wenn ich keine Muslimin wäre. Man muss sich das Zusammenspiel dieser Diskriminierung also genau ansehen. Ich halte seit 2014 nach jedem Anschlag mit meiner jüdischen Freundin Lala Süsskind vor dem Brandenburger Tor eine Mahnwache ab und versuche auch zu erklären, warum es zu diesem Anschlag gekommen ist und was wir besser machen können. Dass die Verbände meist nur eine Abwehrhaltung einnehmen und sagen, das hat nichts mit dem Islam zu tun, halte ich für falsch. Es gibt hier auch eine Bringschuld.

DIE FURCHE: Vor Kurzem haben Sie eine Europäische Bürgerinitiative namens "Stop Extremism" gegründet. Welchen Extremismus wollen sie bekämpfen -und vor allem wie?

Ates: Es geht allgemein um extremistisches Denken, das man mit Gewalt durchsetzen will: von Linksextremen auf dem G20-Gipfel über Islamfeindlichkeit bis zu Rechtsextremen, die Flüchtlinge angreifen. Das Ziel ist, diese Gewaltbereitschaft präventiv zu bekämpfen, indem sich die Staaten vernetzen und Datenbanken über Gruppen anlegen, die hier aktiv sind. Zentral ist auch die Auslandsfinanzierung. Allein in Deutschland gibt es über 900 Moscheen, die von der türkischen Religionsbehörde "Diyanet" finanziert werden. Es muss auch mehr Austausch darüber geben, wo die Muslimbrüder aktiv sind.

DIE FURCHE: Wobei etwa die jüngste Studie zur Aktivität der Muslimbrüder in Österreich eine reine Literaturrecherche war

Ates: Es wäre genau die Aufgabe, hier zu konkreteren Zahlen und einem besseren Abbild zu kommen. Aber dass die Muslimbrüder bei uns aktiv sind und einen radikalen Islam vertreten, kann keiner leugnen.

DIE FURCHE: Viele Ihrer Kritikpunkte als liberale Muslimin werden auch von islam-oder ausländerfeindlichen Parteien zugespitzt vorgebracht. Haben Sie manchmal das Gefühl, instrumentalisiert zu werden?

Ates: Also ich sage als Muslimin: Ich will keinen politischen Islam und auch keinen Terror. Doch man muss sich dieser Themen auch annehmen und darf sie nicht den Rechten überlassen, wie es die Linken jahrzehntelang getan haben. Wenn also eine rechte Partei eine meiner Thesen punktuell herausnimmt, sollten die anderen meine Bücher ganz lesen und den Rechten sagen: Schaut doch, wofür Seyran wirklich steht! Sie steht für die europäische Idee - und vor allem will sie hier leben, was Ihr ja nicht wollt! Und dann sollten sie eines klarstellen: Wir sind gegen Extremismus und Islamismus -aber für einen kritischen Islam.

Es hat Zeiten gegeben, in denen in Österreich die Kirche die Politik bestimmt hat. Wenn im Christentum eine Reform möglich war, warum sollte das nicht auch im Islam funktionieren?

Die Islamfeindlichkeit müssen wir natürlich bekämpfen. Vieles entsteht aus Unwissen -vieles aber auch aus dem Verhalten der Muslime selbst.

Also ich sage als Muslimin: Ich will keinen politischen Islam und auch keinen Terror. Doch man muss sich dieser Themen auch annehmen und darf sie nicht den Rechten überlassen.

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