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Religion

Salafistischer und patriarchaler Ungeist

1945 1960 1980 2000 2020

Die deutsche Publizistin Sineb El Masrar hat sich ihre Wut gegen muslimischen Paternalismus von der Seele geschrieben. Ihr Ärger ist berechtigt, auch wenn sie mitunter übers Ziel hinausschießt und muslimische Stimmen wider den Patriarchalismus ausspart.

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Die deutsche Publizistin Sineb El Masrar hat sich ihre Wut gegen muslimischen Paternalismus von der Seele geschrieben. Ihr Ärger ist berechtigt, auch wenn sie mitunter übers Ziel hinausschießt und muslimische Stimmen wider den Patriarchalismus ausspart.

Jedes Jahr fuhr Sineb El Masrar mit ihren Eltern zum Urlaub und Verwandtenbesuch nach Tanger (Marokko). Die heute 35-Jährige, in Hannover geboren und aufgewachsen, erzählt, wie sie als Heranwachsende mit wachen Augen die Veränderungen in Tanger verfolgte. Immer mehr Händler ließen sich einen Vollbart wachsen. Statt Volksmusik und den beliebten Liedern der Ägypterin Oum Kalthoum und der libanesischen Christin Fayrouz dröhnte im Suk Koranrezitation aus den Lautsprechern der Geschäfte. Eines Morgens im Sommer 2000 holt sie gemeinsam mit ihrer Kusine Milch und Baguette fürs Frühstück. In ihrer Gasse begegnet ihnen eine komplett in schwarze Synthetikstoffe gehüllte Frau. Die Begegnung irritiert sie sehr.

Eine politische Agenda

Aber noch mehr ist sie betreten, als sie erfährt, dass dies eine ihrer Tanten ist - die einzige der zahlreichen Tanten, die sich im Niqab, der Vollverschleierung, auf die Straße begibt. Von ihren Eltern muslimisch und frei erzogen, beschließt Sineb El Masrar, in Sachen Verschleierung im Koran nachzulesen, den ihr die Eltern in einer deutsch-arabischen Ausgabe zum dreizehnten Geburtstag geschenkt hatten. Die Kopftuchfrage ist danach für Sineb El Masrar ein für allemal geklärt: im Koran steht nichts davon. Das Kopftuch ist frommes Brauchtum, genauso wie die verschiedenen Stile der Verhüllung des weiblichen Körpers. Wer allerdings aus Kleiderfragen Grundsatzfragen macht, dem geht es weder um Brauchtum noch um Frömmigkeit. Da geht es immer um eine politische Agenda. Diese politische Agenda will Sineb El Masrar in ihrem Buch "Die Emanzipation im Islam" aufschlüsseln. Zugleich ist es eine Abrechnung mit den Feinden der Emanzipation, wie der Untertitel des Buches lautet.

Es ist kein Buch über den Islam, sondern über Religionspolitik im Islam, genauer, über die patriarchalen Institutionen des Islam und über jene patriarchalen religiös-politischen Strömungen, die Vielfalt und Freiheit im Islam unterdrücken wollen.

Theologisch sind die Feinde der Emanzipation im Islam leicht auszumachen: es sind vor allem die verschiedenen Spielarten des Salafismus. Das Ideal dieser theologischen Richtung ist es, so zu leben wie zu Zeiten Mohammeds, also nach dem Beispiel der ersten Generation der Muslime ("salaf", dt. "Vorfahren"). Elektronische Medien und moderne Technologie sind dafür kein Hindernis, wohl aber Gleichberechtigung und Selbstbestimmung. Salafisten legen Wert auf "Reinheit", also genaue Befolgung der Vorschriften in Koran und Überlieferung (Sunna), die sie als authentisch betrachten. Ähnlich puritanisch ist der Wahhabismus, die offizielle Ideologie der Saudis. Die Muslimbrüder, entstanden in Ägypten, engagieren sich stark in sozialen Bereichen, was ihnen große Achtung bei der Bevölkerung eingetragen hat. Begriffe wie Demokratie und Rechtsstaat interpretieren sie auf der Basis von Koran und Sunna.

Allen diesen Gruppen ist gemeinsam, dass sie die traditionelle, geschichtlich gewachsene Vielfalt des Islam ablehnen. Diese Vielfalt -wozu auch die islamische Mystik gehört - ist für sie eine unerlaubte Interpretation und "Neuerung". Daher ist etwa für die Dschihadisten - ebenfalls eine Spielart des Salafismus -jede Muslima und jeder Muslim, der nicht genauso denkt wie sie, ein Abtrünniger.

Salafisten aller Spielarten geht es um eine Lebensform, die sich ausschließlich an der von ihnen idealisierten Frühzeit des Islam orientiert. Dass gelegentlich die Evolutionstheorie verdammt wird, passt ins Bild eines dogmatischen Fundamentalismus, wie man ihn auch aus christlichen Randgruppen kennt. Mit den islamischen Traditionalisten -und den Traditionalisten in allen patriarchalen Religionen -teilen die Salafisten die Vorstellung, dass Frauen den Männern untergeordnet sein müssen. Das bedeutet, dass Frauen aus vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen sein sollen und ihrer Bewegungsfreiheit beraubt. Dass die Kleiderordnung für Traditionalisten so zentral ist, zeigt: hier geht's um Identität, nicht um Spiritualität, sagt El Masrar.

Mitunter zu pauschale Vorwürfe

Sineb El Masrar zeigt auf, dass salafistische Ideen und patriarchaler Ungeist nicht nur im Untergrund auftreten, sondern auch in jenen islamischen Gruppen und Institutionen, die in der Öffentlichkeit den Islam vertreten. Manche fühlten sich betroffen: die islamische Bewegung Millî Görü¸s verlangte mit einer einstweiligen Verfügung die Schwärzung einer Passage, die Millî Görü¸s mit Verweis auf Presseberichte in die Nähe der Hamas rückte.

Manchmal sind El Masars Vorwürfe aber zu pauschal und nicht ausgewiesen - nicht zuletzt gegen hierzulande bekannte Muslimas. Dass etwa Amina Baghajati, Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, in ihrem Buch "Muslimin sein" keinen explizit feministischen Standpunkt einnimmt, rückt sie nicht in die Nähe der Salafisten. Und wenn die muslimische Aktivistin Dudu Kücückgöl, die sich selbst als islamische Feministin bezeichnet, traditionalistische theologische Standpunkte vertritt, ist sie deswegen nicht mit den "Muslimbrüdern" assoziiert. Im Übrigen zeichnet El Masrar ein klares Bild des sexistischen und autoritären Weltbildes, das in manchen islamischen Gruppen herrscht.

Die frauenfeindlichen Strukturen, die El Masrar in ihrem Buch aufzeigt, sind jedoch kein Spezifikum des Islam. Weil das Benehmen seiner Frau ihm Anlass zu Eifersucht zu geben schien, verprügelte ein Ehemann seine Frau so, dass ihr das rechte Trommelfell platzte. Die Frau war schuldlos, doch sprach das Gericht den Mann mit Hinweis auf das Züchtigungsrecht des Ehemanns frei. So geschehen nicht irgendwo "hinten in der Türkei", sondern in Österreich im Jahr 1913. Das Züchtigungsrecht wird erst 1928 abgeschafft, und die "väterliche Gewalt" des Ehemanns erst 1975. Gleichstellung von Mann und Frau in der Ehe gibt es also noch nicht einmal seit 50 Jahren in Österreich.

Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen ist keine Spezialität bestimmter Religionen oder Ethnien, sondern ein Teil patriarchaler Macht. Die derzeitige Empörung über Männer, die Frauen attackieren und vergewaltigen, richtet sich gegen deren Religion, den Islam, dem man nachsagt, frauenverachtend zu sein. Doch ist die Sache komplexer: Laut einer Statistik aus dem Jahr 2011 wird in Österreich jede dritte Frau Opfer sexueller Gewalt, doch nur einer von zehn Tätern kommt vor Gericht; von diesen wird nicht einmal jeder fünfte verurteilt. Vergewaltigung in der Ehe ist überhaupt erst seit 2004 ein Delikt. Angesichts solcher Statistiken stellt sich die Frage, ob es nicht die Aufregung über die eigene unbewältigte Männergewalt ist, die sich Luft macht, indem sie andere verurteilt.

Zukunftsweisendes bleibt unterbelichtet

Die Überwindung patriarchaler Strukturen gehört unabdingbar zu einer demokratischen Haltung, und die gibt es auch im Islam. Über dem Aufzeigen von Negativ-Beispielen bleiben bei El Masrar die zukunftsweisenden Entwicklungen unterbelichtet. Man erfährt wenig von den neuen Ehegesetzen in Marokko, die auf Basis des Koran die Vielehe aufheben. Es fehlen die Namen der vielen muslimischen Frauen und Männer, die sich für eine nicht-patriarchale Auslegung des Koran einsetzen wie der verstorbene Asghar Ali Engineer oder Amina Wadud, Professorin für Islam an der Virginia Commonwealth University, die als erste Frau 2005 ein Freitagsgebet leitete und eine Kontroverse entfachte; die von Wadud mitbegründeten "Sisters in Islam" in Malaysia; die Schulen für Mourchidas (weibliche Imame) in Marokko; oder der Liberal-Islamische Bund in Deutschland und dessen Imamin, Rabeya Müller, um nur einige wenige zu nennen. Das könnte ein neues Buch werden: über Spiritualität und Demokratie im Islam.

Emanzipation im Islam

Eine Abrechnung mit ihren Feinden

Von Sineb El Masrar

Herder 2016. 318 Seiten, geb. € 25,70