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Kein Bild von Gott

Auch wenn ein generelles Kunst-und Bilderverbot die islamische Welt nicht prägt, suchen Traditionalisten ein solches durchzusetzen.

Es gibt nichts was ihm gleich kommen würde" (Sure 42, Vers 11). Dieser Koranvers bezieht sich auf Gott und gilt für die muslimischen Theologen als Argument für eine anti-anthropomorphistische Haltung in Bezug auf Gottes Wesen. Denn die Aufstellung einer streng monotheistischen Lehre, in der die Einheit Gottes, sein Wesen und seine Attribute über jeden Verdacht des Polytheismus erhaben sind, war die Hauptzielsetzung der muslimischen Theologen.

Gott ist nicht darstellbar

Es herrscht ein Konsens über die verschiedenen islamischen Schulen und Richtungen hinaus, dass Gott nicht bildlich dargestellt werden darf. Denn Gott in seiner erhabenen Absolutheit ist weder für den menschlichen Intellekt noch für die mangelhafte Vorstellungskraft des Menschen erfassbar. Bei den muslimischen Theologen gelten die Erforschung und die intellektuelle Meditation über die Schöpfung als ein möglicher Weg der Gottesbeweise. Die Propheten einschließlich des Propheten Muhammad gelten im Islam nicht nur als Vermittler der göttlichen Botschaft, sondern auch als Vorbildfiguren für die Gläubigen und verdienen daher vollen Respekt.

Es gibt zwar im Koran keine Grundlage, welche die bildliche Darstellung der Propheten, einschließlich jener des Propheten Muhammad, verbietet, meistens jedoch wird eine solche unterlassen. Selbst dort, wo man ihn darstellen wollte, tat man dies in der Regel ohne das Gesicht zu porträtieren. Die Darstellung des Propheten wird also grundsätzlich abgelehnt, selbst zum Zwecke der positiven Darstellung. Von den muslimischen Juristen wurde die Beleidigung und Schmähung des Propheten aber als schwere Straftat betrachtet. Mehrere Islamische Fetwa (Rechtsgutachten), welche von einigen islamischen theologischen Institutionen erlassen wurden, bestätigen diese islamische juristische Haltung.*

Kein absolutes Bilderverbot

Parallel zu sowie abseits von theologischen und juristischen Diskussionen überliefert uns die Praxis aus der islamischen Tradition und Gegenwart eine Fülle anderer Beispiele, die dieses Bild einerseits relativieren und andererseits eine gewisse unbehagliche, nicht widerspruchsfreie Situation aufweisen. Denn besonders im persischen, indischen und mittelasiatischen Kontext sind eine Fülle von Abbildungen und Miniaturen zu finden, die sowohl den Propheten und seine Gefährten als auch verschiedene Lebenssituationen mit menschlichen sowie Tier-und Naturmotiven darstellen.

Dass im Islam die Bilder generell verboten sind, ist eine weit verbreitete, aber nicht zutreffende Annahme.** Der Islam hat zwar eine generelle Abneigung gegen Personendarstellungen ausgebildet, diese hängt aber damit zusammen, dass die Bilddarstellung als Götzendienst oder zumindest Einfallstor für den Götzendienst betrachtet wird. Es ist trotzdem nicht zu übersehen, dass die ursprüngliche Bilderverbotsidee ihr Ziel nicht verfehlt hat, so dass wir bis heute, im "sakralen" Bereich, keine bildlichen Darstellungen haben, während die Entwicklung von dekorativen Elementen (in Form von Kalligraphie, Arabeske) ihren Entwicklungsprozess nie beendet hat.

Die kalligraphische Darstellung der Namen des Propheten, seiner Familie oder seiner Gefährten schmücken die Moscheen. Ein generelles Kunst-und Bilderverbot prägt die islamische Welt in ihrer verschiedenen kontextuellen Vielfalt nicht. Es ist allerdings eine gewisse Entwicklung festzustellen, die nicht nur auf eine abstrakte theologische Ebene eingeschränkt bleibt, sondern theologisch-politisch und soziokulturell zunehmend an Einfluss gewinnt. Anhänger der Salafiten oder Wahhabiten halten sich an eine streng traditionalistische Auslegung des Islam.

Wahhabitische Hegemonie

Ihre ablehnende Haltung für jede Erneuerung richtet sich nicht nur gegen andere theologisch islamische Antagonisten, sie erheben vielmehr einen hegemonialen Anspruch auf alle Muslime und rufen zu einer Re-Islamisierung der islamischen Gesellschaften in ihrem Sinne auf. Die Tatsache, dass der Wahhabitismus quasi der Staatsglaube in Saudiarabien ist, finanzpotente Anhänger hat und jahrzehntelang Missionsarbeit betrieb, führt, zusammen mit den krisenhaften politischen und sozialen Entwicklungen in den arabischen Ländern sowie auf dem indischen Subkontinent, zu einer zunehmenden Wahhabitisierung und einer bedrohenden Fehlentwicklung in den verschiedenen islamischen Gesellschaften.

Diese Situation erfordert meiner Meinung nach seitens islamischer Intellektueller, Theologen und Gelehrter aber auch seitens der Politik eine sachliche zielorientierte Auseinandersetzung, um aufklärerisch gegen diese Fehlentwicklung aufzutreten. Ihr Einfluss hat sich nicht zuletzt auf Grund von modernen medialen und technischen Möglichkeiten noch weiter verbreitet. Denn die Wahhabiten halten sich an ein generelles Bilderverbot und an ein Verbot jeder Art von Kunstbildhauerei.

Dieser Einfluss ließ sich kürzlich beim Mufti von Ägypten bemerken. In den letzten Wochen hat der Mufti Ali Guma, der als moderat und weltoffen gilt, eine Fetwa*** erlassen, welche die Kunst der Bildhauerei und der Statuetten zu dekorativen Zwecken verbietet.

Abgesehen von der theologischen Umstrittenheit dieser Fetwa - : sie erinnert einerseits an die Zerstörung der historischen Buddha-Monumente in Afghanistan im Jahr 2002 durch die Taliban, andererseits aber auch daran, dass in Ägypten Jahrhunderte lang durch die verschiedenen islamischen Dynastien tausende antiker Statuen erhalten geblieben sind.

Krise der islamischen Welt

Dass die islamische Welt eine Krise durchmacht, die sich vielfach manifestiert und polarisierend wirkt, ist für niemanden mehr ein verborgenes Geheimnis. Vor Selbstkritik und vor offener Erkennung der eigenen strukturellen Probleme sollen sich Muslime nicht scheuen. Vor allem die muslimischen Intellektuellen sind aufgefordert, eine entneurotisierte und differenzierte Auseinandersetzung und offene sachliche Diskussion zu führen.

Dieser Prozess bleibt unentbehrlich. Diese offenen Aufgaben dürfen auf keinen Fall als Deckmantel und als Alibi für rassistische und islamophobe Tendenzen dienen. Als solche sind die in der dänischen Zeitung veröffentlichten Karikaturen aus meiner Sicht zu qualifizieren. Ich würde den Herausgebern bewusst unterstellen, dass es ihnen in diesen geschmacklosen Karikaturen weniger um die Person des Propheten Muhammad geht, als um die Suggestion eines kollektiven negativen Bildes der Muslime. Denn die kollektive Unterstellung, dass Muslime gewaltbereite Fanatiker seien, ist nicht nur als bloße freie Meinung zu verstehen, vielmehr ist dies eine rassistische Aufhetzung.

Keine Feindbilder aufbauen

Muhammad Kalisch, einziger Lehrstuhlinhaber für Islamische Religion an einer deutschsprachigen Universität (Münster), schreibt dazu:

Wer wirklich glaubt, dass alle Muslime, alle Juden oder alle Atheisten Verbrecher seien, der kann in dieser Auffassung nicht mehr von der Meinungsfreiheit geschützt werden, weil er die Grundlage, auf der die Meinungsfreiheit selbst beruht, nicht akzeptiert, nämlich die Würde des Menschen und die Vorstellung, dass Schuld immer individuell und nie kollektiv sein kann, mithin es also unsinnig ist, bestimmten Gruppen pauschal unmoralisches und ungesetzliches Verhalten zu unterstellen. Das Menschenbild, auf dem Meinungsfreiheit und Demokratie beruhen, unterstellt zunächst einmal keinem einzelnen Menschen und keiner Menschengruppe pauschal böse Absichten oder gar böse Taten und betrachtet die Vorstellung, dass Angehörige einer bestimmten Volksgruppe oder Religion grundsätzlich böse seien, als irrational.

Hier liegt meines Erachtens das wirkliche Problem. Es geht nicht mehr nur um Kritik am Islam. Diese ist, wie dargestellt, selbstverständlich legitim. Das Problem liegt darin, dass wir Muslime vielfach nur noch als eine einheitliche Masse gesehen werden, die ausnahmslos und undifferenziert mit negativen Attributen belegt wird. Der Islam und wir Muslime werden zu einem Feindbild aufgebaut mit Mitteln teilweise übelster Hetze. Es wird nicht mehr differenziert. Eine kleine Gruppe gewalttätiger Terroristen wird mit einer ganzen Religionsgemeinschaft identifiziert. Wir sollen uns ständig von Terror und Gewalt distanzieren, was unterstellt, es sei grundsätzlich zu vermuten, wir würden dies gutheißen.*

Die Rekonstruktion alter und neuer Feindbilder wird von vielen Seiten aufgenommen. Dass aber unser Leben dadurch bestimmt werden muss, dagegen haben wir alle aufzutreten.

Der Autor lehrt Islamwissenschaft an der Universität Wien.

*) Muhammad Kalisch: Stellungnahme zum gegenwärtigen Konflikt um die Karikaturen, die den Propheten Muhammad abbilden. ( www.uni-muenster.de/ReligioeseStudien/Stellungnahme. htm), siehe auch die Fetwa Nummer 44469, vom 21.2.2004 in www.islamweb.net; ähnliche islamische Rechtsgutachten mit einem klaren Verbot in Bezug auf die Abbildung des Propheten Muhammad wurden schon zu verschiedenen Zeiten und Anlässen immer wieder erlassen wie z.B. 1968 Al-Azhar (Kairo), 1972 Zentrum für islamische Studien (eine Subinstitution von Al-Azhar) und 1980 das ägyptische Haus für Fetwa ( www.dar-alifta.org)

**) Ibric Almir: Das Bild(erverbot) im Islam ( www.bilderverbot-islam.com)

***) Die Fetwa von Scheich Ali Guma Nummer 68 wurde in der letzten Märzwoche 2006 erlassen und verursachte heftige Reaktionen bei ägyptischen Intellektuellen und Künstlern in einem Land, in dem es mehr als 10 staatliche Fakultäten für die Kunst der Bildhauerei und mehr als 20 Fakultäten für Kunstgeschichte gibt.

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