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Ist der Islam im Grundsatz antisemitisch?

Wenn es um das delikate und aktuell auch politisch aufgeladene Thema Antisemitismus und Islam geht, stehen sich im Grunde genommen zwei Positionen gegenüber, die meist auch in Kontrast zum Christentum in den Raum gestellt werden. Lange Zeit üblich war es, den Islam als weniger antisemitisch als das Christentum zu bezeichnen, weil sich muslimische Herrscher in der Geschichte als toleranter gegenüber Juden erwiesen hätten. Dies sei mit der schon im Koran vorfindlichen Reihung der Juden (wie auch der Christen oder der Zoroastrier) unter das "Volk des Buches"(ahl al-kitāb) grundgelegt, was diesen Religionen automatisch eine bessere Stellung in einem religiös begründeten Rangsystem gibt, ohne die absolute Überlegenheit des Islam in Frage zu stellen. Dass diese relativ naive Position nicht so einfach zu halten ist, wie oft gedacht, wurde gerade in den letzten Jahren angesichts des oft unverhohlenen Antisemitismus in der islamischen Welt thematisiert. So hat sich eine Gegenposition entwickelt, die genau das Gegenteil behauptet: Nein, der Islam stehe dem Christentum in Sachen Antisemitismus um nichts nach und würde dieses sogar übertreffen.

Eine eindeutige Argumentation

Das Buch von Michael Ley mit dem griffigen Titel "'Tötet sie, wo ihr sie trefft'. Islamischer Antisemitismus" nimmt in diesem Zusammenhang eine klare Argumentationslinie ein: Der Islam sei von seiner Grundkonzeption her ein antisemitisches Unternehmen und jegliche Stärkung des Islam in Europa würde zwangsläufig zu einem gesteigerten Antisemitismus führen, der letztlich apokalyptische Züge annehmen würde.

Es ist in der Tat nicht schwer, bei diversen Proponenten des Islam gerade im 20. Jh.ausreichend Material für eine solche Argumentation zu finden. Geradezu genüsslich zitiert Ley aus verschiedenen Texten, beispielsweise aus der Tradition der in Ägypten 1928 begründeten Muslimbruderschaft. Sowohl deren Gründer Hassan al-Banna selbst als auch der hochproblematische Ideologe Sayyid Qutb, der weite Strecken der modernen dschihadistischen Bewegungen tief beeinflusst hat, schwelgen geradezu in unverhohlenem Antisemitismus. Nicht fehlen darf zudem der Hinweis auf das Wirken so zweifelhafter Figuren wie des Jerusalemer Mufti Amin Al-Husseini (um 1893-1974), der direkte Allianzen mit Hitler suchte, ganz zu schweigen von aktuellen Verlautbarungen des iranischen Regimes in diesem Zusammenhang. An diesen Texten und Formulierungen ist nichts zu beschönigen.

In der Tat spielen in der islamischen Welt aktuell antisemitische Argumentationsfiguren eine große Rolle, die bis in die Schulbücher hinein nachgewiesen werden können und für viele Muslime zu einem geläufigen Inhalt ihrer Sozialisation wurden. Dabei steht aber völlig außer Frage, dass dieser spezifische und aktuelle Antisemitismus eine ganz genau zu isolierende Ursache hat, die das Geschichts-und Weltverständnis in weiten Teilen der islamischen Welt prägt: Die Entstehung und vor allem die Fortexistenz des Staates Israel, der seit seiner Gründung 1948 trotz aller Widerstände zu einem festen Bestandteil des staatlichen Gefüges im Nahen Osten wurde.

Das Problem ist, dass diese Staatsgründung, deren Wurzeln in der Zeit des britischen Protektorates liegen, ganz eng mit dem Trauma der Kolonialzeit verbunden ist und als Produkt eines spezifisch westlichen Imperialismus gedeutet wird. Damit erfuhr dies alles eine weit über die unmittelbaren tragischen Folgen für die vielen heimatlos gewordenen Palästinenser hinausgehende politische Aufladung.

Allerdings geht Ley in seiner Argumentation um vieles weiter. Für ihn ist nämlich der Antisemitismus gleichsam in der DNA des Islam grundgelegt. Das hat nun viel damit zu tun, dass er für den Islam eine Sonderrolle unter den Religionen behauptet, die er in Anlehnung an Erich Voegelins Konzept der "politischen Religion" herausarbeitet. Der Islam ist nämlich eine "messianische Ideologie", was darauf hinausläuft, dass er intrinsisch auf die Verwirklichung einer globalen Utopie abzielt. Jeder Muslim ist also ein unter den Vorgaben dieser Ideologie agierender Automat, der gleichsam willenlos an der Umsetzung dieses Generalprogramms arbeitet. Dieses ist vor allem deshalb ganz eng mit der Vernichtung des Judentums verbunden, weil die große Nähe des frühen Islam zum Judentum als Provokation empfunden wurde. Mohammed hätte nach Ley ja weitgehend Elemente des Judentums "plagiiert", um seine eigene Version einer Religion zusammenzubasteln. Ergo gilt es, dieses auszumerzen.

Aufgrund der besonderen Stellung des Islam als "messianische Ideologie" ergibt sich nach Ley übrigens auch ein bedeutender Unterschied zum Christentum, dem er durchgehend ein positiveres Verhältnis zum Judentum zuschreibt. Schon allein angesichts der Geschichte des christlichen Antisemitismus ist eine solche Kontrastierung gehöriger Unsinn. Zum Teil ergeben sich dabei groteske Argumentationen, etwa im Zusammenhang mit der Geschichte des Judentums im heutigen Spanien. Dieses erlebte nämlich nach der Ankunft des Islam auf der iberischen Halbinsel im 8. Jh. eine großartige Blütezeit. Diese "Goldene Zeit" des sephardischen Judentums löste die zuvor spürbare Verengung der Lebensverhältnisse nach der Katholisierung der Westgoten im 7. Jh. ab. Für Ley hat das einen simplen Grund: Die Frühphase der Zeit von al-Andalus war gar nicht islamisch, denn deren Herrscher, die "Omayaden"(wie Ley sie nennt), waren "syrisch-aramäische Christen" (!). Erst im 11. Jh. kamen mit dem Almoraviden und den Almohaden dann "richtige" Muslime, die das Judentum dann folgerichtig unterdrückten.

Mit dieser Form von Geschichtsklitterung, die sich -allerdings hochverzerrt - auf spezifische Zweige einer aktuellen Neuschreibung der Frühgeschichte des Islam beziehen kann, findet Ley eine Art Bestätigung für seinen Befund. Recht geben muss man ihm allerdings im Befund, dass die Juden in al-Andalus unter islamischer Herrschaft nicht nur positive Zeiten erlebt haben. Im 11. Jh. kam es sogar zu Progromen, beispielsweise 1011 in Córdoba oder 1066 in Granada. Ley geht hier aber sogar soweit, diese als den eigentlichen Beginn des europäischen Antisemitismus zu isolieren: An dessen Wurzel würden also Muslime liegen.

Keine einheitliche "ideologische" Sicht

Neben diesen expliziten Fehlern ist die grundsätzliche Problematik des Zugangs von Ley vor allem in einem völlig verqueren Umgang mit der religiösen Tradition des Islam überhaupt zu sehen. Religionen sind keine messerscharf durchargumentierten und ihr Programm abspulenden Ideologien, sondern präsentieren sich bei näherer Beschäftigung vielmehr als breiter Strom von vielfältigen Argumentationsfiguren, deren einzelne Elemente unterschiedlich stark Betonung erfahren können. Im Zusammenhang mit dem Judentum gibt es das Potenzial eines positiven als auch eines negativen Zugangs. Die Geschichte lehrt, dass diese Momente in unterschiedlichen Epochen und unter spezifischen politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Konstellationen unterschiedlich starke Betonung erfahren. Von einer einheitlichen "ideologischen" Sicht kann deshalb keine Rede sein und im Vergleich zum Christentum hatte der Islam auf jeden Fall einen besseren Zugang zu dieser ihm zudem auf vielen Ebenen sehr verwandten Religion.

Das Buch ist somit sowohl von einem historischen als auch von einem religionstheoretischen Blickwinkel eine Themenverfehlung. Es fügt sich nur hervorragend in die aktuelle Fokussierung auf den Islam als mögliche Quelle allen Übels in Kontrast zum imaginierten "christlichen Abendland". Und verstellt damit vor allem jegliche Ansätze einer fruchtbringenden Diskussion, die angesichts der nicht zu leugnenden Probleme zweifellos notwendig wäre.

Der Autor ist Doz. f. Religionswissenschaft an der Kath.-Theol. Fakultät der Uni Graz

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