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Der Islam und die Proteste im Iran

FOKUS
Iran II - © Getty Images / NurPhoto / Morteza Nikoubazl - Regierungstreue Demonstranten gegen die Proteste im Iran

Muslime: Kinder ihrer Zeit

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„Der Koran spricht nicht selbst, sondern es sind die Menschen, die ihn zum Sprechen bringen.“ Analog dieses Ausspruchs des vierten Kalifen Ali ist der Islam weder das Problem noch die Lösung! Es liegt an den Muslimen, ihn in die eine oder andere Richtung auszulegen und zu etablieren.

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„Der Koran spricht nicht selbst, sondern es sind die Menschen, die ihn zum Sprechen bringen.“ Analog dieses Ausspruchs des vierten Kalifen Ali ist der Islam weder das Problem noch die Lösung! Es liegt an den Muslimen, ihn in die eine oder andere Richtung auszulegen und zu etablieren.

Pauschalaussagen wie „Gewalt basiert auf dem Islam“, oder „der Islam lehnt Gewalt kategorisch ab“ implizieren, dass es den Islam als abgeschlossene Religion gibt. Der Islam ist allerdings kein Subjekt, das für sich selbst spricht, sondern es sind die Muslime, die ihr Verstehen darlegen. Sie sind es, die den Koran und die prophetische Tradition „Sunna“ interpretieren. Und die Muslime sind nur Kinder ihrer Zeit.

Schon ein erster grober Blick in die islamische Ideengeschichte zeigt, welche Entwicklungen hier bereits kurz nach dem Ableben des Propheten Mohammeds stattgefunden haben. Die bekannten islamischen Konfessionen Sunniten, Schiiten, Ibaditen, Ahmadeyya usw., aber auch die sunnitischen Rechtsschulen der Hanafiten, Malikiten, Schafiiten und Hanbaliten zum Beispiel oder die theologischen Schulen der Asch’ariten, Maturiditen, Mu’taziliten usw. sowie die verschiedenen Positionen und Auslegungen innerhalb der islamischen Lehre waren zur Zeit der Verkündigung durch den Propheten Mohammed im siebten Jahrhundert noch nicht vorhanden. Sie haben sich erst viele Jahre nach seinem Tod gebildet, etabliert und sind nicht vom Himmel gefallen. Der Islam ist somit die Summe all dieser Prozesse und Entwicklungen, an denen der Mensch wesentlich beteiligt war.

Auch heute wird der Islam mit vielen Argumenten und Gegenargumenten konfrontiert, auf die er, wenn er zeitgemäß bleiben will, eingehen muss, auch wenn dies bedeuten sollte, manche seiner Positionen zu revidieren und neu zu überdenken. Deshalb braucht der Islam eine ständige Reform und in jedem Kontext eine entsprechende ständige kritische Reflexion. Wenn wir Muslime dies verweigern, nehmen wir dem Islam seine Dynamik und machen aus ihm eine Ansammlung von Aussagen, die zum Teil für vergangene Jahrhunderte, aber nicht für heute geeignet sind. Das, was wir heute unter Islam verstehen, ist ein gewachsenes Produkt historischer Versuche vieler Gelehrter, den Islam auszulegen und zu interpretieren. Diese Bemühungen sind prinzipiell ergebnisoffen. Daher kann man nicht von dem Islam bzw. von der Scharia sprechen.

Interpretation ist nicht absolute Wahrheit

Nehmen wir als Beispiel die Frage nach der Rolle der Frau im Islam, dann stellen wir sofort fest, dass diese von den gesellschaftlichen Strukturen innerhalb der jeweiligen Gesellschaft geprägt sind. In patriarchalen Gesellschaften wird der Islam eben patriarchal gelesen. In demokratischen Gesellschaften wird er demokratisch gelesen. Daher können wir auf keinen Fall Pauschalaussagen darüber tätigen, wie der Islam sich zur Rolle der Frau verhält. Der vierte Kalif, Imam Ali, sagte: „Der Koran spricht nicht selbst, sondern es sind die Menschen, die ihn zum Sprechen bringen.“

Der Fehler, den viele Muslime wie Nichtmuslime machen, besteht darin, dass sie ihre Interpretationen des Islams als die absolute Wahrheit deklarieren, allein wenn sie Sätze verwenden wie „der Islam sagt …“, „der Islam meint …“ suggerieren sie, dass ihre Interpretation nicht irgendeine Aussage darstellt, sondern mit der absoluten Wahrheit über den Islam gleichzusetzen ist. In einem Land wie Saudi-Arabien war noch vor kurzem das Autofahren für Frauen mit dem Argument verboten, dies widerspreche der Scharia. Ja, aber welcher Scharia? Zur Zeit des Propheten Mohammeds gab es keine Autos. Wer verbietet hier also? Gott? Der Prophet Mohammed? Oder sind es nicht vielmehr die Gelehrten selbst, die dies tun, die meinen, dass sie gerade für Gott sprechen? Es sind dieselben Gelehrten in Saudi-Arabien, die heute die Position vertreten, dass Frauen im Islam nun doch Auto fahren dürfen. Sie haben ihre Meinung nicht primär aus theologischen Gründen geändert, sondern weil die Politik sich dafür entschieden hat, den Frauen in Saudi-Arabien mehr Rechte zuzusprechen, um das Land zu modernisieren und für Touristen attraktiver zu machen. Die Gelehrten suchen nachträglich nach anderen Interpretationen des Islams, die mit der neuen politischen Entscheidung in Harmonie stehen.

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