islam - © Foto: iStock/Rawpixel

Islam: Das fatale 11. Jahrhundert

19451960198020002020

Die Auswirkungen der historischen Entwicklungen in der Theologie, der Scharia und der Politik der arabischen Welt sind bis heute spürbar. So manche Denker fordern Reformen. Einblicke in einen internationalen Diskurs.

19451960198020002020

Die Auswirkungen der historischen Entwicklungen in der Theologie, der Scharia und der Politik der arabischen Welt sind bis heute spürbar. So manche Denker fordern Reformen. Einblicke in einen internationalen Diskurs.

Es ist ein deprimierendes Narrativ: Die theologische Richtung der Asch˛arīya setzte sich gegen die Mu˛taziliten durch, teilweise mit Hilfe staatlicher Gewalt. Die orthodoxen Theologen des sunnitischen Mainstream-Islam übernahmen im 11. Jahrhundert die Glaubenssätze der Asch˛ariten. Sie lehren seitdem einen theologischen Voluntarismus: Gott ist ein Willkürgott, der sich nicht einmal an die natürliche Gerechtigkeit bzw. das Naturrecht halten muss. Einem blinden Glauben und der Mystik des Sufismus wird der Vorzug gegenüber Vernunft, Philosophie und Wissenschaft gegeben. Der Determinismus (alles ist durch Allah vorherbestimmt) triumphiert über die Willensfreiheit. Diese „theologischen Deformationen“ und ein „intellektueller Suizid“ münden in die totalitäre islamistische Ideologie der Gegenwart.

Dieses Narrativ von Robert R. Reilly ist zu oberflächlich, zu schematisch, zu verzerrend und zu polemisch, um wissenschaftlich haltbar zu sein. Aber es enthält einen wahren Kern, und es spricht für Mustafa Akyol, dass er Reilly ernst nimmt und nicht mit einer polemischen Abwehrhaltung reagiert. Ja, vieles sei im sunnitischen Mainstream-Islam unter Einfluss der Asch˛arīya bis in die Gegenwart schiefgelaufen. Ziel sei es, „the closing of the Muslim mind“ durch ein „reopening“ zu überwinden. Denn die derzeitige Situation der islamisch geprägten Welt sei unerträglich: Statt spiritueller Religiosität gebe es eine Gesetzesreligion, die einen seelenlosen Legalismus praktiziere und oft lächerliche Fatwas produziere. Statt Frömmigkeit gebe es zu viel Heuchelei und Frömmelei ohne moralische Gesinnung und persönliches Gewissen. Und die Normen der Scharia seien sowieso in der modernen Welt nicht anwendbar, wenn versucht werde, diese kontextbefreit im Sinne des Literalismus (nur der Buchstabe des Textes zählt) umzusetzen. Gesellschaft, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft stagnieren und verlieren den Anschluss an den Rest der Welt.

„Göttliches Recht“ ohne Gegengewicht

Im Gegensatz zu Reilly weiß Mustafa Akyol, dass diese Phänomene nicht monokausal erklärt werden dürfen. Zahlreiche Faktoren neben dem Einfluss der Asch˛arīya und der Zurückdrängung der Mu˛taziliten waren entscheidend. Timur Kuran thematisiert einen dieser wenig bekannten Faktoren, nämlich die rechtliche Dimension. Im Gegensatz zum christlichen Europa des sogenannten Mittelalters kannte die islamische Welt nämlich keine unpersönlichen Korporationen wie etwa Handelsgesellschaften. In der Scharia ist das Konzept von Gruppen als juristischen Personen unbekannt. Muslime kannten deshalb nur Kooperationen, die immer mit dem Tod eines Mitglieds zu Ende waren. Auch das Prinzip der Primogenitur fand keine Anerkennung im islamischen Recht. Die Rechtsentwicklung wurde schließlich durch die Dominanz der Scharia behindert, die – im Gegensatz zu Europa – als „göttliches Recht“ kein Gegengewicht in Form des römischen Rechts hatte.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau