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Kritisches Denken ist nicht gefragt

1945 1960 1980 2000 2020

17 Essays moslemischer Denker, 17 Versuche gegen die Erstarrung: In den arabischen islamischen Ländern gibt es kaum einen Ansatz zur zivilen Gesellschaft.

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17 Essays moslemischer Denker, 17 Versuche gegen die Erstarrung: In den arabischen islamischen Ländern gibt es kaum einen Ansatz zur zivilen Gesellschaft.

Es mag Bischöfe geben, die neidvoll auf die islamische Welt blicken: Der Platz der Frau ist im Heim, ohne Geburtenregelung und Verhütung. Glaubensinhalte werden nicht diskutiert, sondern von Theologen dekretiert. Die einzig gültige gesellschaftliche Organisationsform ruht auf den heiligen Texten.

In "Islam, Demokratie, Moderne - Aktuelle Antworten arabischer Denker" dokumentieren Erdmute Heller und Hassouna Mosbah anhand von 17 Essays verschiedenster Autoren die Versuche der letzten 150 Jahre, arabisch-moslemisches Denken von seiner Erstarrung weg und zu einer vernunftbestimmten Sicht der Welt hinzuführen. Die Themen reichen von der Suche nach einer modernen Identität, der Stellung der Frau, den komplexen Beziehungen zum Westen, bis zur kritischen Wertung der ursprünglichen, also Mohammed unmittelbar von Gott offenbarten Texte.

Wie die Herausgeber feststellen, finden die islamischen Intellektuellen kaum Gehör bei ihren Völkern. Journalisten, Ärzte, Schriftsteller wurden wegen ihrer Ideen und Tätigkeiten hingerichtet oder von islamischen Fundamentalisten ermordet. Zur Ermordung eines bekannten algerischen Kinderarztes erklärten die Fundamentalisten, seine Tätigkeit habe sich Gott entgegengestellt, denn Gott wisse schon, warum er jemanden krank werden oder gesund bleiben lasse. In diesem Sinne stimmt nicht, was die Autoren durchwegs betonen, nämlich, daß die Islamisten keine Vision einer Gesellschaft hätten. Ihre Vision ist die einer zeitlosen Gesellschaft. Was überflüssig ist, stirbt weg. Es gibt also keine Probleme im Zusammenhang mit Arbeit, Ressourcen und Übervölkerung mehr: Die Gläubigen leben, ihrer Frömmigkeit entsprechend, mehr oder weniger gut. Wer es nicht glaubt, muß sterben. Diesem Prinzip fiel auch bereits einer der Autoren des Bandes zum Opfer, und zwar der Ägypter Farag Foda.

Der Großteil der arabischen Intellektuellen hat an westlichen Universitäten kritisches Denken gelernt. Der Saudi-Araber Abdallah al-Qasimi dagegen entwickelte sich vom überzeugten Anhänger der besonders strengen wahabitischen Schule des Islam zum radikalsten laizistischen Denker der arabischen Welt. In Saudi-Arabien konnte er sich nicht halten, doch blieb er bis zu seinem Tod in der arabischen Welt, im Libanon und in Ägypten. Der Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid aber, ebenfalls ein Produkt der heimischen Schulen, mußte angesichts der Todesdrohungen schließlich doch ins Exil.

Der Islam erlebte bekanntlich eine intellektuelle Hochblüte unter den Abassiden vom 9. bis zum 12. Jahrhundert, mit Schwerpunkten in Cordoba und Bagdad. Ob die Kreuzzüge mit der Eroberung Cordobas und die Verwüstung Bagdads und des muslimischen Ostens durch die Mongolen den Verfall herbeiführten, darüber wird immer noch gestritten, auch in der islamischen Welt. Der Aufstieg unter den Osmanen brachte wieder Macht, doch keine geistige Erneuerung. Wie einige der Autoren meinen, baute die arabische Blütezeit auf griechischem, iranischem und indischem Wissen des Altertums auf. Vielleicht hatten die aus den asiatischen Steppen hereingebrochenen Türken für Griechisches kein Verständnis. "Bis zum 18. Jahrhundert lebte die muslimische Welt im Bewußtsein ihrer militärischen Macht und Unverwundbarkeit." Geistig herrschte ein zeitloser, "entrationalisierter, mystischer, volkstümlicher, reicher und daher dichter, authentisch lebensnaher Islam," meint Hischam Djait.

Wir vergessen meist die Zeitlosigkeit der muslimischen Welt. Hunger, Krankheit, manchmal Kriege hielten die Bevölkerungszahlen niedrig. Es gab 800 Jahre lang weder geistige noch technische Entdeckungen mit tiefgreifenden Folgen. Kriege an den Rändern störten nicht die Ruhe dieser Welt. Neben dem täglichen Überlebenskampf hatte das Hauptanliegen der Menschen die Anbetung Gottes zu sein.

Die Begegnung mit dem Westen im 19. Jahrhundert "kam daher einem Schock gleich", mit den Siegen Napoleons "entdeckte die muslimische Welt ihre Schwäche". Es dauerte immerhin noch das ganze 19. Jahrhundert, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, daß man es nicht mit einem Angriff des Christentums zu tun hatte, sondern mit imperialen Interessen. In einer ersten Periode konzentrierten sich daher die Erneuerungsbemühungen auf die Übernahme technischer Methoden. Als nächstes wurden Ideen übernommen, vorerst der europäische Nationalismus durch die Türken. Ähnlich den muslimisch bekehrten Ländern Südostasiens gebrauchten sie den Islam mit einer gewissen Freizügigkeit. Ihre Sprache ist nicht die des Koran, was der Ulema vom Minarett deklamiert, versteht auch heute kaum jemand.

In den arabischen Ländern setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg die "Ära des triumphierenden Nationalismus" durch. Im Unterschied zur Türkei und Indonesien gelang es aber den arabischen Nationalisten selten, Staaten auch nur mit einem Ansatz zur "zivilen Gesellschaft" aufzubauen. Die islamischen Grundsätze waren zu tief in die Mentalität der arabischen Völker verflochten. "Für die wahren Gläubigen übersteigt der Islam nationale Grenzen und den Nationalstaat," betont Hischam Scharabi.

Gibt es Hoffnung für die arabisch-islamische Welt? Die großen revolutionären Umwälzungen der fünfziger und sechziger Jahre, Nasserismus in Ägypten, die Baathbewegung in Syrien und Irak, die algerische Revolution, sie erweckten den Eindruck eines Aufbruchs und führten doch nur zur "Geburt dieses zweifelhaften Monsters, das der moderne arabische Staat darstellte", meint Djait. Der Algerier Mohammed Arkoun beklagt mit Recht "so viel Unterdrückung und Morde, so viel Willkür und Arroganz," und dabei soviele ehrgeizige ökonomische Entwicklungspläne, "um zur Rückkehr eines Religiösen zu gelangen, das seit Jahrhunderten ungedacht geblieben" sei.

Doch nicht jede arabische Diktatur ist hausgemacht, halfen doch die Zauberlehrlinge der CIA im Juli 1979 Saddam Hussein, die Macht in Bagdad gegen das Versprechen zu erputschen, die Kommunisten auszumerzen und das Khomeini-Regime mit einem Krieg zu zerstören.

Nasr Hamid Abu Zaid meint zur Lage der Araber, daß die Rückschläge nicht nur zum "islamischen Erwachen" und damit zum Fundamentalismus geführt hätten, sondern auch zu einer neuen Diskussion über die Frauenfrage. Sie sei Teil des Aufklärungsdiskurses, der sich weitgehend am Beispiel des Westens inspiriere. Er erwähnt Ibn Khaldun (1332 - 1406), der es für menschlich hielt, wenn der Besiegte den Sieger nachahme, dabei aber mit dem Fortschrittlichen auch Laster übernehme. Vertreter des Fortschritts mit den Vertretern der Religion zusammenzubringen, gehöre "zu den wichtigsten Zielen des Aufklärungsdiskurses". Und wie Sklaverei und Polygamie nicht mehr als Teil des Islam betrachtet werden, so müsse auch die Frau so korrekt behandelt werden, wie es der Koran fordere. Der Palästinenser Hischam Scharabi geht noch viel weiter und bringt die Stellung der Frau auf eine Ebene mit der Frage der Macht in den arabischen Gesellschaften, seien sie konservativ oder "modernisiert". Diese Macht sei patriarchalisch begründet, zwischen ihr und "der Unterdrückung der Frau besteht ein enges Verhältnis".

In Palästina findet sich zur Zeit denn auch der Hoffnungspol für Arabien, eine Zivilgesellschaft zu entwickeln. Sollte der Friedensprozeß abgewürgt werden, ist anzunehmen, daß die hoffnungslosen Palästinenser wieder der fundamentalistischen Hamas zulaufen.

ISLAM, DEMOKRATIE, MODERNE - Aktuelle Antworten arabischer Denker Herausgeber: Erdmute Heller und Hassouna Mesabahi C.H. Beck Verlag, München 1998 267 Seiten, Brosch., öS 277,-

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