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Die reine Lehre des Propheten

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Im Iran hat ein geistlicher Führer die islamische Republik ausgerufen. In Libyen, in Pakistan, in Saudi-Arabien wird nach den Regeln des Koran Recht gesprochen. Im Innern Afrikas dringt der Islam in Negerstämme vor, denen in den-vergangenen Jahrzehnten christliche Missionare den Weg vom Heidentum zum Christentum zeigen wollten. Woher nimmt die Lehre des Propheten Mohammed auf einmal die neue Anziehungskraft, nachdem sie scheinbar - zum mindesten nach Ansicht der Europäer - alle ihre Ausstrahlung längst verloren hatte?

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Im Iran hat ein geistlicher Führer die islamische Republik ausgerufen. In Libyen, in Pakistan, in Saudi-Arabien wird nach den Regeln des Koran Recht gesprochen. Im Innern Afrikas dringt der Islam in Negerstämme vor, denen in den-vergangenen Jahrzehnten christliche Missionare den Weg vom Heidentum zum Christentum zeigen wollten. Woher nimmt die Lehre des Propheten Mohammed auf einmal die neue Anziehungskraft, nachdem sie scheinbar - zum mindesten nach Ansicht der Europäer - alle ihre Ausstrahlung längst verloren hatte?

Dr. Ahmad Abdel Rahimsaj ist Afghane. Sein österreichischer Lehrer Fritz Bleiber, der in den fünfziger Jahren in Kabul Rechtswissenschaften unterrichtete, schickte den jungen Absolventen des islamischen Rechts zum Weiterstudium nach Wien. Hier machte er seinen Doktor, arbeitete dann fast zwei Jahrzehnte in einer Exportbank, um sich schließlich ganz der Sorge um seine islamischen Glaubensgenossen in Österreich zu widmen.

Für ihn ist diese islamische Renaissance - er spricht lieber von „Wiedererweckung“ - nichts Erstaunliches, sie ist nur die Rückkehr zu den Grundsätzen des Koran, wie sie zur Zeit der ersten Nachfolger Mohammeds vor 1400 Jahren im Heiligen Buch aufgezeichnet worden waren.

Nur hätten sehr bald, schon seit dem Kalifen Ali, die islamischen Herrscher diese Grundsätze vernachlässigt. Sie hätten ihre Machtinteressen in den Vordergrund geschoben. Sie hätten versäumt, den anderen Religionen die Achtung zu erweisen, die der Koran fordert. Sie hätten versäumt, vor allem den Europäern den wahren Islam vorzustellen.

Denn nicht nur, daß der Koran Christus und Moses neben-Mohammed als Propheten Allahs anerkennt - das ist auch im Westen bekannt -und daher verbietet, Angehörige dieser Religionen bekehren zu wollen. Der Koran stellt auch die Gerechtigkeit dem andern gegenüber, die Mitverantwortung des Volks, die Hilfe für den Mitmenschen sehr hoch in der Wertskala. Die von den Europäern als Formalismen belächelten Gebets-, Reinigungs- und Fastengebote haben ihren tiefen Sinngehalt auch dem Mitmenschen gegenüber - nicht

nur für jene Zeiten, in denen sie eingeführt worden sind.

Abdel Rahimsaj begründet auch die Wiederbelebung oder Neueinführung der islamischen Strafgesetze, die den Europäern so drakonisch erscheinen: Wenn das Gesetz den Dieb mit dem Abschlagen der Hand bedroht, schütze es damit die Menschen, für die der Verlust ihres Eigentums eine Katastrophe bedeuten könnte. Die Abschreckung hat nach islamischer Anschauung ihre feste Funktion - Verhängung und Vollzug der Strafen sind aber immer dem Abwägen des Richters übertragen, der alle Umstände des Einzelfalls mit einzubeziehen hat.

Uber ein Jahrtausend lang waren diese hohen Grundsätze des Koran von der Machtpolitik jener Herrscher überlagert, die sich auf Mohammeds Lehren beriefen. Die Unterstützung von Nationalstaaten durch die europäischen Mächte im Vorderen und Mittleren Orient mußte diesen Prinzipien ebenso zuwiderlaufen wie die Einsetzung von einheimischen Despoten.

Vor 100 Jahren war Dschamal ed-Din al-Afghani der erste, der sich bemühte, die reine Lehre des Koran -wieder lebendig- werden zu lassen“. Er wurde damit der Begründer der panislamischen Idee.

Für Abdel Rahimsaj ist die Entstehung Pakistans nach dem Zweiten Weltkrieg der Beginn einer politischislamischen Erneuerung: Hier wurde ein Staat geschaffen - wohl zunächst von den Engländern als Gegengewicht gegen ein zu starkes Indien gedacht -, für den der Islam die einzige Klammer zwischen divergierenden ethnischen, kulturellen, politischen Kräften darstellte.

Wenn sich nun diese islamische Erneuerungsbewegung immer stärker im Orient, im ganzen Bereich zwischen Marokko und Indonesien, bemerkbar macht, so zeigt dies, meint Abdel Rahimsaj, daß die Flamme der Wahren Lehre in diesen ganzen 1400 Jahren weitergebrannt hat. Wenn die Unterdrückung zu hart wird, lodert sie auf.

In Afrika, wo der Islam in Christliche Missionsgebiete eindringt, will er nicht das Christentum herabsetzen, es gar vernichten. Seine Emissäre wollen Hilfsbereitschaft, Gerechtigkeit, Selbstlosigkeit vorleben. Sie finden Aufnahme bei den Eingeborenen, die die christlichen Missionare zu sehr mit den nachgekommenen Kolonialherren identifizieren.

In Europa weiß man viel zu wenig von diesen Bewegungen. Hier sieht man auch die islamischen Führer wie Ghadafi oder nun Chumeini im Zerrspiegel von Vorurteilen und Fehlinformationen, meint Abdel Rahimsaj. Ob sich jedoch die Verteidiger der reinen Lehre gegenüber jenen durchsetzen werden können, für die - wie-für ihre Vorgänger durch 1400 Jahre-der „Heilige Krieg“ das Sprungbrett zur Macht ist, das wird man abwarten müsse.

Wenn jedoch nun in Österreich die Muslim als Gemeinde anerkannt wurden, wenn man ihnen eine Moschee baut und sie eigene Sendezeiten im ORF erhalten, dann wird das dazu beitragen, das Wissen von einander zu verbessern. Und dann wird man auch besser als bisher das Verbindende über dem Trennenden erkennen können.

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