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24 Stunden gegen die Sonne

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Der langjährige Chefredakteur des „Offenen Wortes“, Dr. Otto Kaspar, hat eine Weltreise gemacht. Kurz lokalisiert: Nördliche Halbkugel, mit einigen Auslassungen. Zum Unterschied von manchen seiner Kollegen, die in letzter Zeit ebenfalls einen Asientrip unternommen haben, konzentrierte er sein Hauptinteresse weniger auf Gespräche mit Politikern, sondern suchte vielmehr aus der Begegnung mit den geistigen und religiösen Kräften den Menschen, insbesondere den asiatischen, 'U erfassen. Darum haben wir Dr. Kaspar vorgeschlagen, in seinem Reisebericht, den wir heute beginnen, mehr den religiösen Hintergrund zu beleuchten, der ja in der Wirklichkeit Asiens — am bestimmendsten wohl in Indien — keineswegs Hintergrundkulisse, sondern Quellgrund des Lebens ist. Wer Asien verstehen will, muß seine Religionen und — nicht zuletzt — seine von der europäischen grundverschiedene Denkart kennenlernen. Dieser Akzent und die raumtechnische Beschränkung machen leider eine gewisse Skizzenhaftigkeit der Berichte unumgänglich. Der so byat schillernde Bereich, etwa des Islams — bis Pakistan hinunter —, ist in ein Kapitel zusammengedrängt. Indien, das allein sprachlich mindestens so differenziert ist wie Europa, und dessen Menschen und Kultur schier unerschöpflichen Stoff für Bücher und Filme liefern, wird nur von der Frage anvisiert: Vermag der Hinduismus die einbrechende moderne Zivilisation zu bewältigen? Und so fort. Uns scheint es aber wichtiger zu sein, einmal diese sonst zu wenig gewertete weltanschauliche Seite der Asienberichte aufzuschlagen. Denn nicht zuletzt wird es von der inneren Kraft der asiatischen Religionen abhängen, inwieweit Asien sich dem Zugriff des Kommunismus entziehen kann. Die „Furche“

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Der langjährige Chefredakteur des „Offenen Wortes“, Dr. Otto Kaspar, hat eine Weltreise gemacht. Kurz lokalisiert: Nördliche Halbkugel, mit einigen Auslassungen. Zum Unterschied von manchen seiner Kollegen, die in letzter Zeit ebenfalls einen Asientrip unternommen haben, konzentrierte er sein Hauptinteresse weniger auf Gespräche mit Politikern, sondern suchte vielmehr aus der Begegnung mit den geistigen und religiösen Kräften den Menschen, insbesondere den asiatischen, 'U erfassen. Darum haben wir Dr. Kaspar vorgeschlagen, in seinem Reisebericht, den wir heute beginnen, mehr den religiösen Hintergrund zu beleuchten, der ja in der Wirklichkeit Asiens — am bestimmendsten wohl in Indien — keineswegs Hintergrundkulisse, sondern Quellgrund des Lebens ist. Wer Asien verstehen will, muß seine Religionen und — nicht zuletzt — seine von der europäischen grundverschiedene Denkart kennenlernen. Dieser Akzent und die raumtechnische Beschränkung machen leider eine gewisse Skizzenhaftigkeit der Berichte unumgänglich. Der so byat schillernde Bereich, etwa des Islams — bis Pakistan hinunter —, ist in ein Kapitel zusammengedrängt. Indien, das allein sprachlich mindestens so differenziert ist wie Europa, und dessen Menschen und Kultur schier unerschöpflichen Stoff für Bücher und Filme liefern, wird nur von der Frage anvisiert: Vermag der Hinduismus die einbrechende moderne Zivilisation zu bewältigen? Und so fort. Uns scheint es aber wichtiger zu sein, einmal diese sonst zu wenig gewertete weltanschauliche Seite der Asienberichte aufzuschlagen. Denn nicht zuletzt wird es von der inneren Kraft der asiatischen Religionen abhängen, inwieweit Asien sich dem Zugriff des Kommunismus entziehen kann. Die „Furche“

I. Der fehlkonstruierte Mensch und der liberale Moslem

Die Reise rund um die Welt war beendet.

Auf dem Postberg daheim lag obenauf der Brief einer tuftfahrtgesellschaft. Ein Entschuldigungsschreiben .. .

Ja, in Bangkok hatte die Maschine, die von Eondon kam, Verspätung. Das war mir damals bis in die Seele zuwider. Ich mußte mir auf dem zwar modernen, aber nicht für schlafhungrige Europäer berechneten Airport eine ganze lange Nacht um, die Ohren schlagen. Und die Arme ständig dazu. Denn man kann sich keine lästigere Gesellschaft vorstellen, als widerliche Moskitoschwärme, die mich in dieser drückenden, feuchtschwülen Nachtluft pausenlos attak-kierten. Jetzt nahm ich die Entschuldigung gelassener hin als damals in Bangkok.

Ich sah jedenfalls, daß der Kundendienst prompt von Bangkok bis Wien reicht. Er reicht überhaupt rund um die Erde. Denn wer heute reist, reist nicht mehr, sondern wird gereist.

Ich bin vielen Touristen begegnet. Das Wort Tourist ist eigentlich falsch. Wer denkt da nicht an Rucksack und Wanderstock. Die modernen Lufttouristen sehen anders aus. Sie wollen sich mit 400 km Stundendurchschnitt die Welt ansehen. Das heißt: das, was sie so nennen, beziehungsweise was ihnen das Reisebüro an Hotelwelt präsentiert. Dafür geht ihre Reise wie am Schnürchen. Nur hängen sie auch an diesem Schnürchen.

Wer per Luft reist, reist h&a\\mt Aiefmgen vom Schlaffauteuil mit Frischluftdüse von oben bis zum normierten Essen aus dem Heizmagazin der Maschine. Alles ist gleich. Der Lärm der Motoren, die Freundlichkeit der Stewardessen, die Typen der Viermotorigen.

Auch die Fluggäste sind gleich. Gleich langweilig und anonym. Würde ich nicht neugierig gewesen sein, ich hätte nicht gewußt, daß einmal' eine HRM, eine königliche Hoheit aus Arabien, im Liegesessel vor mir vergraben war...

Und jetzt steht uns noch der Düsenantrieb bevor. Wir werden immer schneller fliegen. Die Vorbereitungen und die Abfertigungen allerdings werden uns immer länger erscheinen: wir werden eine Stunde fliegen und fünf Stunden „abgewickelt“ werden.

Die Flugzeit wird auf ein Minimum verkürzt. Vielleicht werden wir einmal die Flugdauer sogar in Minuten zählen. Und wir werden dann aus der Maschine steigen, als wäre nichts geschehen. So wie etwa im New-Yorker Rocke-feller-Center, wo ich mich im Parterre in einen der breiten Lifts schieben ließ und nach nicht ganz 27 Sekunden 70 Stock hoch über den Dächern der Millionenstadt weiterspazierte.

Wir „visitieren“ Kontinente in wenigen Tagen. So will es zumindest der Reiseplan. Aber noch immer hat der Mensch nur zwei Augen zum Schauen, zwei Ohren zum Hören. Und sein Herz schlägt im gleichen Takt wie vor hunderttausend Jahren. Der Mensch ist eben der gleiche geblieben. Sein Sinnesapparat hat sich nicht angepaßt, und der Techniker konnte ihn nicht „anpassen“. Darum sieht er in ihm eine „Fehlkonstruktion“.

Aber ein Trost bleibt: auch der raffinierteste Techniker ist im Urtaub oder auf Reisen selbst diese „Fehlkonstruktion“ ...

Gegen eine solche Vergewaltigung sträubt sich aber der Mensch. Er läßt sich nicht total planen. Darum schaltet er einfach ab. Nicht nur einmal habe ich auf dieser Blitzreise „Mattscheibe gehabt“.

In diesen Pausen fragte ich mich:

Wo hinaus will die moderne Technik überhaupt? Sie hat sich doch aus dem Hirn dieser „Fehlkonstruktion“ Mensch entwickelt! Und scheint doch heute des Menschen stärkster Feind zu ■ sein. Dies ist mir nicht erst im Zug nach Hiroshima eingefallen.

Irgendwann abe' muß auch der unmenschlichste Planer und der kaltrechnendste Chef der weißbemäntelten Armee in den Laboratorien und Zeichenbüros erfassen, daß sein Planen erst dann fruchtbar werden kann, wenn er den Menschen in sein Planen einkalkuliert. Mit all. seinen Schwächen, mit all seinen Beschränkungen.

Der Mensch hat — in diesem Sinn Gott sei Dank — noch nie etwas perfekt gemacht. Darum hat er auch noch Zeit, zu sich selbst wieder das rechte Verhältnis zu finden. Er muß sich allerdings dazu vom Cheftechniker den Maßstab liefern lassen; von unserem Schöpfer, der auch der Herr von denen ist, die da unten verrückt planen und da oben blasiert durch die Luft rasen . . .

Es. war gegen Mitternacht.

Ich gehe durch eine breite Straße-der Innen-

Stadt Kairos. Plötzlich bleibe ich stehen. Das Haus zu meiner Linken wird im Erdgeschoß umgebaut. Eine dürftige Planke verdeckt den, Schutt. Vielleicht wird hier ein modernes Geschäft eingerichtet. Jetzt flackert gespenstisch mitten zwischen Ziegeln und Traversen ein Feuer. Und einige Araber im weißen Burnus hocken daneben. Vielleicht sind es die Nachtwächter. Aber es sieht aus wie ein Lagerfeuer, weit draußen in der Wüste, unter den Sternen des nächtlichen Himmels. Wartende, rastende Araber...

Ich schaue auf — zu den Sternen.

Im zweiten Stock is,t einer. Ein roter. Und in Neonschrift flimmert es darunter: „Sowjet Magazines Agency“ ...

In dem Palais einer früheren Prinzessin, gegenüber dem Parlament, sind die Fenster hell erleuchtet. Der Ministerrat tgt noch. An den Toren stehra Soldaten und viel Polizei;

Ein Aegypter, Geschäftspartner eines deutschen Konzerns, zeigt mir das politische Zentrum Kairos. Da steuert ein Polizist gerade auf uns zu und fährt meinen Begleiter scharf an. Fremde sind anscheinend nicht gerne gesehen. Zumal im Regierungsviertel zu nächtlicher Stunde.

Ich verstehe nur, wie mein Begleiter sagt: „Deutscher...“ Da geht ein breites und verklärtes Lächeln über das Gesicht des Polizisten. Mit Pose streckt er mir die Arme entgegen. Und gebrochen kommt es heraus: „Mein Freund!“

Ich bin sprachlos. Mit vielen Verbeugungen und einem Lächeln mache ich mich aus dem Staub. Mir ist die Sache unheimlich: „Warum hat mich der Mann so ins Herz geschlossen?“ frage ich.

„Weil Sie Deutscher sind!“

„Oesterreicher, wollen Sie sagen!“

„Das ist hier'egal.“

„Na, und?“

„Haben Sie vergessen, daß Hitler ein Deutscher war? Und die Deutschen haben doch die Juden liquidiert!“

Daher also die gewaltige Sympathie. Trotz der Wiedergutmachung an Israel. Das wird eher als Schönheitsfehler angerechnet. Der Grund für die Freundschaft der Araber für alles, was deutsch spricht, ist jedenfalls: Hitler, der Lieferant des ideologischen Unterbaues für die Araber. Auch meinem Begleiter konnte ich es nicht plausibel machen, daß Hitler ein Antisemit bis in die Knochen war. Und die Araber sind auch Semiten ...

In diesem deutschfreundlichen Kairo liegt das Zentrum des geistigen Islams: die Ashar-Uni-versität, die Gregoriana des Islams.

Die Schuhe muß ich nicht ausziehen, denn für zwei Piaster Bzfahisch .h&Ofmjfbp jUeberschuhe umgebunden. ““ — --

Durch das hohe Tor trete ich in den mächtigen Innenhof. Auf den Stufen des umlaufenden Säulenganges sitzen überall Studenten. Andere liegen auf dem Hofboden. Sie pauken, sie beten, sie debattieren. Die Fremden, die in Führungen durch Ashar ziehen, sind für sie Luft.

Die Säulenhalle ist mit farbenprächtigen Teppichen belegt. Vereinzelt, wie hingegossen, lehnen an den Tragsäulen der Decke Koranschüler. Leise murmeln sie vor sich hin. Sie lernen den Koran auswendig.

Auch eine Vorlesung ist gerade in Gang. Malerische Gestalten, im Kreis mit unterschlagenen Beinen sitzend, hören dem Ulema, dem Professor, zu, der monoton den Koran exegiert.

Hier, in Ashar, werden die Geistlichen des Islams, die Imame, ausgebildet. Sie kommen von überall her. Scharfkantige Beduinengesichter sehe ich neben breitnasigen Negertypen. Sie lernen mit allem Zubehör, was Allah durch seinen Propheten Mohammed den Gläubigen aufgetragen hat. Fünf Hauptgebote sind es, auf denen der ganze Bau des Islams ruht. Knapp skizziert lauten sie:

1. Kämpfe immer für deinen Glauben.

2. Verrichte dein Ritualgebet und die rituellen Waschungen fünfmal am Tag.

3. Zahle deine Almosensteuer. (Sie wird allerdings auch „für den Weg Gottes“, das heißt für den Heiligen Krieg, verwendet.)

4. Faste im Monat Ramadan von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang und enthalte dich auch des Trinkens, Rauchens und des Geschlechtsverkehrs.

5. Bist du volljährig, dann mußt du einmal im Leben nach Mekka pilgern.

In Ashar wird aber nicht nur der Koran auswendig gelernt. Hier prallen auch die Ulemas aufeinander. Denn der Islam hat kein einheitliches Lehrgebäude. Er kennt auch keine Zentralinstanz für dogmatische Fragen. Darum kommt es auf den „consensus“ der Schriftgelehrten an. Die Ulemas müssen unter sich einig werden. Das wird aber von Jahr zu Jahr chwieriger. Denn Mohammed hatte, als er seine entwicklungsarme Offenbarung in Mekka und Medina verkündete, nicht das 20. Jahrhundert einkalkuliert. Darum knistert es heute im Gebälk des Islams. Von Indien bis Marokko. Nicht nur die geistig oft überragenden Wernas in Ashar ringen um die existenznotwendige Anpassung des Islams an die moderne technische Lebensform, es sind auch sonst überall „Reformer“ am Werk.

Die einen — die religiösen — versuchen es mit einem „Ur-Islam“. Der alte König und Wüstenfuchs Ibn Saud machte dieses Experiment im Herzen Arabiens. Radikal zu Mohammed zurück! lautete seine und der Wahabiten Parole. Die Oeldollars kamen ihm allerdings in die Quere. Darum bremste er, aber auch sein Sohn, der jetzige Herrscher, den „Fortschritt“ in seinem Land. Nicht ohne dabei den aufgeklärten Oppositionsmachern Arabiens Oel in ihr nationales Feuer zu gießen.

Die anderen „Reformer“ aber wollen den angesichts der Cadillacs (für Falkenjagd) und strategischen Bomberverbände verstörten Islam vom nationalen Schwanz her frisch aufzäumen. Sie scheinen größeren Erfolg zu haben.

Von ihnen aber ist eines sicher: Hindert sie einmal in den politischen Engpässen ihres Machtkonzepts der Islam, so werfen sie ihn einfach ab. Wahrscheinlich werden sie das nicht

äußerlich und offensichtlich tun. Denn sie wissen, daß Glaube und Politik im Islam siamesische Zwillinge sind. Schon Mohammed war geistiger und politischer Führer seines Volkes zugleich. Im Zeitalter der Arbeitsteilung aber werden sie schon die Kompetenzen richtig zu ordnen verstehen: vorneweg die Ulemas und Imame als die optischen Garanten für die Rechtgläubigkeit — und hinterdrein, mit den Zügeln in der Hand, die modernen Politiker: waschechte Liberale und vielfach schon praktische Atheisten. Trotz ihrer demonstrativen Lebensweise nach Mohammeds Minimalismus.

Schon einmal hat der Islam aus Horden von Wüstenbeduinen schlagkräftige Heere und die Geißel Europas geformt. Das war zwar weniger der religiöse Islam nach Mohammeds (überaus widerspruchsvoller) Lehre. Denn von Mohammed stammen auch Sprüche, wie: „Der beste Islam ist, daß du die Hungrigen speisest, Frieden verbreitest unter Bekannten und Unbekannten.“ Die aggressive Dynamik ging vielmehr vom politischen Islam aus, der sich an das Bild der zwei Weltteile hielt: Des „Teiles des Islams“ und des anderen „Teiles des Krieges“. Dieser Islam, der einst bis vor die Tore Wiens vorstieß, ist heute wieder im Kommen.

Was ist dann mit dem religiösen Islam, wenn man ihn auch nie vom politischen ganz zu trennen vermag?

Auch er ist auf dem Vormarsch. Mit Wut und Wucht missioniert er vor allem in Afrika. Die Missionäre Mohammeds stoßen hier auf die Missionäre Christi. In den religiösen und geistigen Zentren des Islams aber nimmt die Ratlosigkeit zu. Was wird aus dem Islam, wenn auch nur ein Pfeiler der fünf Hauptgebote einstürzt? Wenn die Technik mit ihrer modernen Hygiene dem Moslem die täglich fünfmalige Waschung sinnlos erscheinen läßt? Wenn das Fastengebot (für Nahrung und Getränk) im wandernden Mondmonat Ramadan (er kann auch in den Juli oder August fallen) einen Moslem unfähig macht, bei 50 Grad im Schatten etwa einen Betonmischer zu bedienen?

Mit der Ratlosigkeit aber nimmt der Zynismus zu ...

Es war an einem Abend in einer arabischen Stadt. Ein Moslem, für mich — nach einer scharfen religiösen Debatte — das Vorbild islamischer Recht- und Strenggläubigkeit, erzählte während des Essens, er reise oft ins Ausland. Geschäftlich. Und einmal sei er dort „stockbesoffen“ (er verwendete dieses deutsche Wort) gewesen.

„Sie, als Moslem, dem Mohammed den Alkoholgenuß verboten hat?“ warf ich ein.

Er lächelte verschmitzt: „Im Ausland bin ich katholisch ...“

In der nächsten Nummer: IM TIEFSTEN INDIEN

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