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Digital In Arbeit

Perlen“ ohne Fassung

IN EINER PENSION der Wiener Innenstadt blickt der Türsteher fragend auf meine Hände, und dann rasch, kaum merklich, zur Glastüre und hinaus, ob etwa dort ein Kraftwagen halte. Ich merke: dieser Blick gilt dem fehlenden Koffer. Ein Gast ohne Koffer? Am Ende ein Vertreter, der „in Waschmaschinen“ reist? Der „Außenbeamte“ einer Staubsaugerfirma? „Der Chef ist bei Tisch“, sagt der Mann vorsichtig und schaut nochmals zur Glastüre. „Nein, ich will kein Geschäft machen“, sage ich. „Sie haben gestern eine Anzeige in der Zeitung aufgegeben . ..“ Der Mann ist bestimmt mißtrauisch. Denn er unterbricht meinen Satz und wirft ein: „Die Rechnungen werden durch die Postsparkasse überwiesen.“ Endlich habe ich den Mann so weit, daß er mich auch nicht für einen Inkassanten hält. Unvermutet, ja man möchte beinahe sagen plötzlich, ist auch der angeblich beim Mittagstisch sitzende Chef da, als ich sage, es handle sich um die ausgeschriebenen Stellen für eine Köchin und ein Stubenmädchen. Nachdem erst die Vermutung — zum sichtlichen Leidwesen des Chefs — zerstreut worden war, ich käme vom Arbeitsamt oder von einem Vermittler, kommen wir ins Gespräch. Ja, gewiß, gestern habe er eine Anzeige in die Zeitung gegeben — aber es ist nicht die erste, sondern bereits die vierte. „Die betreffende Zeitung ist doch ein weitverbreitetes Blatt“, meine ich. Der Pensionsbesitzer sagt sarkastisch: „Aber das Dienenwollen ist weniger verbreitet! Fragen Sie einmal bei meinem Kollegen in der Josefstadt nach, der für nur drei Stunden eine Bedienerin sucht; fragen Sie in dem Gasthauskeller in der Augustinerstraße nach, ob er schon seinen Schankgehilfen hat; fragen Sie in dem Sanatorium im 16. Bezirk, ob es seine Stockwerkbedienerinnen hat — dieser nichtsahnende Betrieb hat in die Anzeige gesetzt: flink — und das war unvorsichtig, oder sagen wir, unpsychologisch. Also — Sie privat wissenderen, der

Ich muß mein Bedauern ausdrücken und nein

DIE ALTE GELAHMTE FRAU, mit der ich am übernächsten Tag spreche, war mir dem Namen nach durch Freunde bekannt, die von dem traurigen Los dieser Frau mehrfach gesprochen hatten. Wie es mit ihrem Versuch stehe, eine Pflegerin zu bekommen? Ein resigniertes Kopfschütteln sagt genug. Sie habe ein Inserat aufgesetzt und wolle es in einem Abendblatt einschalten. Ich lese den Text — und wahrhaftig, er liest sich anziehend genug. Die überdurchschnittliche Entlohnung ist ebenso angedeutet wie das eigene Zimmer; der regelmäßige Sommeraufenthalt im Salzkammergut in einer Mietvilla fehlt nicht. Versteht sich (für die heutigen Begriffe), daß auch der Radio- und Fernsehapparat im Hause ausdrücklich genannt sind. „Ich will noch dazusetzen: jeden Abend Fernsehen“, sagte die Dame. „Vielleicht wirkt das noch mehr.“

DIE ANNONCENEXPEDITION ist in der Lage, die Ansuchen um vorwiegend weibliche — zuweilen aber auch männliche — Kräfte zur persönlichen Dienstleistung bündelweise vorzulegen. „Ich könnte Prämien verdienen, die meine Spesen zumindest zu 30 Prozent decken würden“, sagt der Mann. Das Telephon schrillt. Mein Gegenüber nimmt einen Block und stenographiert. Nach dem Auflegen des Hörers spießt der Mann den Zettel auf einen Stahldorn neben dem Telephonapparat. „Das war der Kommentar zu dem, was ich gerade gesagt habe. Da hat mir ein Kunde Provision für den Vermittler zugestanden, falls ich einen brauchte. Provision, das heißt da in diesem Fall die Bezahlung und einen Sonderaufschlag. Was wollen Sie! Diese Stellen, von denen Sie vorhin gesprochen haben, lehne ich von vornherein ab zu bedienen, denn es ist völlig aussichtslos. Ja, da gibt es noch Fälle, in denen das Ausland nachfragt — da geht es schon eher. Aus Südfrankreich habe ich Angebote bekommen — versteht sich, mit von den dortigen amtlichen Stellen geprüften Nachweisen einschließlich der Arbeitsbewilligung und Reisegeld — in einem Fall sogar schon mit dem Geld für die Bahnkarte erster Klasse von dort nach Wien und von Wien wieder zurück beim ersten zugestandenen Urlaub! Na, was sagen Sie?“ Was soll man sagen? Wortlos staunen — mehr bleibt nicht übrig. „Wollen Sie noch die Anfragen durchlesen?“ fragt der Mann, als eben wieder das Telephon läutet, und reicht einen Kartei dessen Buchstäben aus der Mitte bets stammen, zu mir herüber. Die Lektüre ist anfänglich interessant, wird langsam etwas eintönig. Nur jene Anfragen fallen auf — leider — in denen Leistungen geboten werden, die das Übliche übersteigen. So etwa die Anfrage aus Westdeutschland, in der man der Wirtschafterin versichert, es gäbe außer ihr noch zwei andere Angestellte und zusätzlich eine dritte Kraft „für die schweren Arbeiten“, und als Clou folgt die Zusage, daß die Sommeraufenthalte dieser Familie „vorwiegend in Österreich“ genommen werden. Ein Gastwirt aus dem Rheinland nimmt auch eine „noch nicht voll ausgelernte Kraft“, für deren fachliche Weiterschulung „jede Haftung und volle Bezahlung“ garantiert wird. Bei der Lohnzahl gibt es mir einen kleinen Ruck: 500 DM — also rund 3000 Schilling. Ich hebe die Karteikarte aus und zeigte sie dem Mann, der wieder einen Zettel auf den Dorn spießt Er ist keineswegs verblüfft. „Ich habe schon einen Fall mit 650 DM gehabt, rund 5000 Schilling.“ Ich gebe die Karteikarte zurück ins Alphabet. „Das entspricht dem Gehalt eines Hauptschullehrers, von der Bezahlung einer wissenschaftlichen Hilfskraft auf unseren Hochschulen ganz zu schweigen.“ Der Mann klopft auf den Karteikasten. „Sie müssen auch den Lebensstandard draußen berücksichtigen, die Miete zum Beispiel. Und trotzdem finden sie anscheinend immer weniger Leute. Wenn ich wieder auf die Welt komme, führe ich keine Annoncenexpedition mehr.“

DER VERKÄUFER IN DEM AUTOSALON

setzt sein gewinnendstes Lächeln auf. „Vergessen Sie nicht, bitte, unser Service!“ Das letzte Wort klingt zwar weder richtig französisch noch englisch, aber es ist mit Nachdruck ausgesprochen, indessen der Mann in der geöffneten Tür des hellblauen Innenlenkers lehnt. „Unser Service ist weltumspannend. Wir widmen dem Service die gleiche Aufmerksamkeit wie der stets stabilen Güte unserer Wagen. Wir geben für diesen Service beträchtliche Summen aus.“ Dieser Dienst, so hören wir, erstreckt sich über alle größeren Städte, auch solche im Ausland. „Leider fehlt es an Kräften, um diesen Service so auszubauen, wie es unserer Firma wünschenswert erscheint. Wir möchten von Ihnen, als dem Käufer eines solchen Wagens“ (was für ein Optimist der Mann ist!) „immer wissen, wie Sie mit unseren Diensten in den Lagern für Bestandteile, mit der Hilfe in den Reparaturwerkstätten zufrieden sind.“ Fast genau das gleiche sagt die Gesellschaft, welche die Tankstellen beliefert. „Wir haben eine neue Public-relations-Abteilung eingerichtet und suchen übrigens sprachgewandte junge Leute für den kommenden Journaldienst bei den Tankstellen.“

' BETREUUNG,. .WARTUNG .-und noch viele Worte sind im wesentlichen überall, nur in verschiedenen Formen, zu finden. „Passage“ heißt es etwa in dem einen, „Transfer“ in dem anderen Prospekt der Reisebüros, Schiffahrtsgesellschaften und Fluglinien. Mancher Reisende kennt die „Zugpagen“ in besonders berühmten, mit Namen bedachten Zügen ausländischer Bahnen, von Photos her kennen viele die Hostessen, die in ihren verschiedenen Uniformen anscheinend immer gut ausgeschlafen und blendend gelaunt „Service“ machen. Der Fahrgast kann sich immer und überall umsorgt fühlen, ob im Abteil des TEE, ob im Düsenclipper. Die umsorgenden Geister sind richtige Persönlichkeiten und wichtige Zahnräder geworden („Ich bitte die Herren Zugpagen ins Abteil des Reiseleiters“, hörte ich einmal im Ausland). Diener? Herren! Daß es normierte Leistungen sind, daß der Dienst nur scheinbar persönlich, in Wahrheit aber höchst unpersönlich ist, merkt der Reisende im Zug, im Lufthafen, im Hotel, im Autobus, bei den Führungen kaum. Er fühlt sich persönlich angesprochen. Das Zeitalter der Feuda-lität ist vorbei, da der Herr mit seinem Diener oder seinen Dienern reiste; heute ist „Service“ und alles inbegriffen (wenn auch nicht überall). Kein Mensch denkt heute bei diesem Worte Service an die lateinische Bedeutung von „servi-tium“, also an persönliche Untergebenheit oder gar an Sklaverei. Untergebene müßte man eigentlich belohnen — aber in diesem Punkte sind manche Luftfahrtgesellschaften bereit, die hochherzigen Neigungen der Passagiere auf den Nullpunkt einzustellen — etwa mit dem Werbesatz: „Für Steward und Stewardess ist Ihre Zufriedenheit der Lohn. Bitte, niemals ein Trinkgeld anzubieten!“

EIN TREUER DIENER SEINES HERRN - so zitiert der Psychologe und Soziologe und bläst den Zigarettenrauch vor sich hin — kann heutzutage keiner eigentlich mehr sein. Wer will heutzutage Diener sein, wer Dienerin? Alle sind Herren — Sie haben mir von den „Herren Zugpagen“ erzählt, alle sind „gnädige Frauen“, und die Art, beobachten Sie nur, wie man die Dienste anbietet, zeigt deutlich, daß man Herr, daß man Dame ist. Gewiß, ich habe mich zusammen mit Berufsberatern, nicht einmal bloß, bemüht, den Sinn des Dienens, etwa den Dienst für die Familie, für die kinderreiche, berufstätige Frau, für die Kranken, für die Körperbehinderten

als etwas darzustellen, das gemeinschaftsbildend ist, in dem sich an Stelle eines alten feudalen Stils eine soziale Strukturwandlung deutlich macht; als etwas, nicht zuletzt, das über die Welt des Diesseits hinausweist in ein Reich ewiger Ideen. Aber versuchen Sie, das heute mundgerecht zu .machen. Vor ein paar, Monaten ist eine Frau zu mir gekommen, die allen fernstes behauptete, schon die Bezeichnung „Bedienerin“ nehme sich entwürdigend aus, und „Reinigungsfrau“ sei nicht besser. Sie sei eine „Haushalthilfe“. Im Ausland nennt man das Dienstmädchen „Haustochter“. v

NIE GAB ES SO VIELE BERUFE der Dienstleistung wie in unserem Jahrhundert. Vor hundertfünfzig Jahren mußten noch 80 Menschen in Europa auf den Feldern arbeiten, damit hundert zu essen hatten. Manche erwarten am Ende unseres Jahrhunderts nur noch zehn Menschen auf dem Acker, zehn in den Fabriken, der Rest heißt „Dienstleistungsberufe“. Damit hätte sich der Prozentsatz des Jahres 1800 umgekehrt. Die Frage bleibt freilich, wie man die Dienstleistenden findet. Nicht nur von den USA geht die Anekdote von dem Herrn Generaldirektor um, der sich abends die Schürze umbinden und in der Küche stehen mußte, weil weder für Geld noch für zusätzliche Leistungen jemand zu finden war. Viel näher, auch bei uns, zeichnen sich die Fluchtlinien ab: es gab heuer schon Fremdenverkehrsbetriebe, die auf bloße Beherbergung übergehen mußten, weil sie kein Küchenpersonal bekommen konnten. Aus Deutschland ist die belächelte Nachricht von dem Hotel gekommen, das einen Anschlag im Flur angebracht hat: „Die P. T. Gäste werden gebeten, sich die Betten selber zu machen und die Zimmer rein zu halten, da wir kein Bedienungspersonal auftreiben konnten. Die in den Pensionskosten eingerechneten Beträge werden abgezogen.“

ES IST NICHT ZUM LÄCHELN. Das wissen die österreichischen Familienhelferinnenschulen, die Krankenpflegeschulen, das weiß man bei der Caritas, wie überhaupt kirchliche Stellen dieser Frage viel Aufmerksamkeit schenken, das weiß man überall, wo Mädchen erzogen werden. Die Zunahme der Frauenarbeit, die soviel Debatten ausgelöst hat, resultiert aus den Anforderungen der Dienstleistungsbranchen. Fast hunderttausend Frauen mehr fanden allein in den Jahren zwischen 1951 und 1958 Eingang in die Dienstleistungszweige — und noch immer sind es viel zuwenig. Man hat einmal von einer industriellen Revolution gesprochen. Es grollt schon der Donner einer anderen. Ob man ihr gewachsen sein wird, nicht nur mit Annoncen und Versprechungen: das formt das Gesicht des nächsten Jahrhunderts mit.

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