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U. A. W. G. mittels Antwortkarte

Selbstverständlich müssen die Köche und Kellner, die ihren Dienst bei den Festakten, feierlichen Eröffnungen, Empfängen und dergleichen Zusammenkünften tun, zu welchen die Herrschaften aus Politik, Wirtschaft, Kultur und so weiter dazugehörig Befundene so gerne .bitten', einigermaßen Bescheid wissen, wie viel gegessen und getrunken werden wird, auch soll niemand während der reichhaltigen Einleitungsworte, Eröffnungsreden und

Festansprachen stehen müssen, und es begrüßen ja auch die zu solch festlichen Anlässen Gebete-nen die für beide Seiten zeitsparende Usance, daß der mehr oder weniger aufwendigen Einladung eine adressierte Antwortkarte beiliegt, auf welcher meist, wie es heißt, das Zutreffende anzukreuzen ist, das eine oder das andere von zwei Kästchen, neben denen in Worten die zwei Möglichkeiten vorgedruckt stehen, zwischen denen man, eine dritte gibt es ja nicht, entscheiden soll innerhalb meist großzügig limitierter Bedenkzeit, und wer würde schließlich nicht, ein unlustiges .kommt Zeit, kommt Rat!' überwindend, ja oder nein sein Kreuz über den einen Abend machen angesichts der bereits frankiert vor ihm liegenden Karte, ob er dies nun als Nötigung zu Beifalls- oder Mißfallenskundgebungen empfindet oder als weitere Rücksicht!

Was aber genauer zu betrachten bleibt, sind die vorgegebenen Antwortformeln — als eine der Bejahung ist den Betroffenen ein ,Ich werde an... teilnehmen' wohl lieber als ein J.ch nehme teil':

,Ich nehme teil' ist selbst im Zeitalter möglichst sparsamer Informationen eine etwas rüde Antwort, zumal sie (— warum nicht gleich bloß ein ,Ja' anhaken? -) eine gleich knappe Frage voraussetzt, abzielend bloß auf die Feststellung einer Endsumme, nur nicht viel G'schichten gemacht, wer deutlich sichtbar die Hand hebt, bekommt ein Stück Brot; tut kund, nicht nur zu den Ausersehenen zu gehören, wählt brav den Freigegenstand Religion.

,Ich nehme teil' sagt, wer sich nicht erst vergewissern muß, woran eigentlich er teilnehmen soll, weil er, eher zur Rede als vor die Wahl gestellt, auf jeden Fall lieber freiwillig sich meldet in Scheinfreiheit, als dann ja doch zustimmend gemacht zu werden; .Ich nehme teil' antwortet, wer sich nicht lange bedenken muß, dem Ruf wessen auch immer zu folgen, als Kriegs- oder Friedens-Teilnehmer was auch immer zu wahren oder wiederherzustellen oder zu verteidigen, ist sich der Ehre wohl bewußt und hat ein Ehrgefühl, macht nicht viel Worte, sondern mit, gelobt etwas, geht eine Verpflichtung ein, nimmt mit herbem Pathos Bedeutsames auf sich, auf ihn ist in Not Verlaß, sein Anstand gebietet ihm, sich auch davon nicht zu drücken, er weiß, was ihm bevorsteht, aber da er nicht wehleidig ist und nicht zimperlich, wird für ihn auch das mit Haltung und Würde zu überstehen sein!

,Ich werde an... teilnehmen' — wie zivil im Vergleich dieser Satz! Da springt man nicht sofort auf und rennt nicht schon los, weder auf einen Funktionär, der einem nützlich sein könnte, noch kaltblütig, während die Reden noch währen, auf ein reiches Büffet zu, in Gottes Namen, und warum nicht,... kann interessant, wird amüsant sein, so oft laden sie mich ein, und nie geh ich hin, das gehört sich wirklich nicht, und sollte mir etwas dazwischenkommen, tut das wohl auch nichts, denn während ,Ich nehme teil' auch die Antwort auf ein ,Wer nimmt teil?' sein könnte (- Frage, , die so selbstbewußt an scheinbar Namenlose nur richtet, wer sich schon oft sein beachtliches Reservoir an verfügbaren Namen vor Augen geführt hat —), dürfte der ,Ich werde... '-Antwort die an ein bestimmtes Subjekt gerichtete und vielleicht sogar zögernde Frage: .Werden Sie.. .? (wenn nicht gar: .Würden Sie...?') zugrunde liegen

(und sollte man sich das eine oder andere Mal wirklich über die Einladung freuen, hindert einen ja nichts, ein .sehr gern' oder sogar .mit Freuden' einzufügen)

Ahnliches gilt für die bis vor kurzem üblichen Formeln der Verneinung .Ich nehme nicht teil', .Ich werde an... nicht teilnehmen' —

sollte einem sein Desinteresse so kategorisch zu bestätigen unangenehm sein (aus Höflichkeit, versteht sich, nicht etwa aus Ängstlichkeit, sich durch seine Absenz etwas zu verderben); sollte man bei aller Sympathie für die Veranstalter und trotz Interesse an dem, was ein Wissenschaftler oder ein Künstler zu sagen hätte,

Wichtigeres vorhaben, so bleibt einem immer noch, ein ,mit Bedauern' einzufügen, ein ,bin leider verhindert' anzuhängen, das ,Ich werde nicht teilnehmen' durch ein .können' oder auch .was mir leid tut' zu ergänzen.

Neuerdings aber ist immer häufiger .Ich kann leider nicht teilnehmen'

zu lesen, und das darf man doch, gelinde gesagt, als eine Unterstellung zurückweisen, aufreizend nach der nun erst als nackt und brutal empfundenen vorangehen- den Zeile ,Ich nehme teil', daß es nun plötzlich gefühlvoll wird zu eines Lasten, geistesverwandt das eingeschmuggelte J.eider' dem Geist, der aus geringfügig ergänzungsbedürftigen Vordrucken wie .Innigste Anteilnahme anläßlich des schweren Verlustes, den Sie an... erlitten haben' spricht, stets von neuem kitzelt dies .leider' deine Zornlust, gleich wieder hegen zweierlei Mutmaßungen über das Motiv für dies .leider' im Streit, schwere Wahl, welches das frechere wäre —

meinen die, welche Macht zu haben meinen, sie müßten einem eine farblose Notlüge basteln, weil man, der unentschuldigten Fehlstunden der Pflichtschulzeit eingedenk, ohne verlegene Zuhilfenahme solch einer ihr Mitgefühl erbittenden Rückzugsbrücke sich nicht anzunehmen getraute, oder sind sie, tagaus-tagein von Kreaturen umgeben, tatsächlich zu so eitler Dummheit angeschwollen, daß es ihre Vorstellungskraft übersteigt, man könnte nicht nur deshalb nicht kommen, weil man an diesem Abend nicht kommen kann, sondern überdies auch nicht kommen wolle?!

nichts einzuwenden ist, in keinem Fall, gegen ein ,Ich kann nicht teilnehmen', ,Ich werde nicht teilnehmen können' — dies hat oder hätte ja auch die Bedeutung: das kann ich nicht, das ist mir ganz unmöglich; es ist mir nicht gegeben, das Funktionärsantlitz von .. auch noch in natura einen Abend lang zu sehen; ich bringe es nicht über mich, der Schaumschlägerei/der primitiven Propaganda/den Selbstreflexionen von... beizuwohnen; ich bin nicht in der Lage, Herrn... Wörter wie .Integrität' oder .Geist' ganz ungeniert gebrauchen zu hören; ich kann es mir nicht zumuten, mit... auch nur ein paar Worte zu reden, die Höflichkeit dazu aufgebracht zu haben, müßte mir noch lange leid tun; ich kann es mir nicht leisten, nachher vor Angewidertheit schlaflos zu hegen...

Ich kann leider nicht teilnehmen' hätte ich anzukreuzen, bin somit vor die schwere Wahl gestellt, ob ich nicht doch noch eher an etwas teilnehme, wohin mich ansonsten, nicht um die Burg und nicht ums Verrecken, keine hundert Rösser brächten, als daß ich mir, heilfroh, unabhängig zu sein und nicht bloß glücklicherweise verhindert, ein Bedauern andichten und vorschreiben lasse, wieso sollte ich (- Gott dankend, daß uns das Leidwesen von Pflichtaufmärschen erspart bleibt und man nicht mit Hilfe ärztlicher Atteste etwas vorzuschützen braucht, wenn einem das Schauspiel von Gemeinheit etwa und/oder Selbstgefälligkeit zu viel zumutet -) es mir leid tun lassen, gottlob mit den jungen Musikern, die dergleichen Festivitäten professionell erleiden müssen, nicht mitleiden zu müssen, wollen Sie bitte, sehr geehrte Herren Minister/Bürgermeister/ Generaldirektoren/Parteivorsitzende/Kulturräte ..., ankreuzen, was zu versäumen ein Schaden wäre (mehrere Ankreuzungen möglich):

Ihre Lego-Sprache, die mit wenigen grobgestanzten Elementen auskommt; die phonetische Tortur, welche durch Sie die Sprache erleidet; die Aufmachung und der Schmuck Ihrer Gattinnen; der Ausdruck Ihres Antlitzes, während ein Streichquartett Ihre Ausführungen umrahmt?, warum nicht zum Zeitvertreib bei einem Glas Bier auf Worte bleibender, weil den Anlaß nicht wert befindender Entrüstung ein wenig hin- und herschaukeln,

Ich möchte lieber nicht teilnehmen.

Ich könnte durchaus, aber ich mag nicht, tut mir leid.

Gott behüte, daß ich an etwas teilnehme?von dem Sie überzeugt sind, es könnte einem drum leid sein, was mir für Sie leid tut. Undsoweiter, undsoweiter.

,Ich kann leider nicht teilnehmen' —

auch wenn, zur Ehre der meist auf Kosten der nichteingeladenen Steuerzahler als Gastgeber, Retter, Förderer und Gönner sich Produzierenden sei es gesagt, dies J.eider' ja doch wohl ihrer richtigen Selbsteinschätzung zu entschlüpfen pflegt als Ausdruck einfühlsamer Identifikation mit jenen wenigen ihresgleichen, welche im Krankenbett ein großartiges Büffet zu versäumen beklagen, sollte man vielleicht doch zu verstehen geben, daß ein Bedauern in Gestalt dieser Höflichkeitsfloskel hervorzubringen Sache der Eingeladenen bleiben muß, zum Beispiel durch einen auf das .leider' abgeschossenen Ausrufungssatz wie .woher wissen Sie das?', .woher wollen Sie das wissen?', .nicht daß ich wüßte!', ,das glauben Sie doch selber nicht!', ,wer behauptet das von mir — nennen Sie Namen!', ,soll ich Sie wegen Verleumdung klagen?', ,das werde ich nicht auf mir sitzen lassen!', .bitte was?'...

So streiche ich endlich das leidige Jeider' aus, um es durch ein handschrif tliches zu ersetzen, und damit nur ja nicht eine aufmerksame Sekretärin zu entdecken vermeint, mich hätte die zornige Streichung als unbedacht mir Herausgerutschtes gleich wieder gereut, schreibe ich hinter einen auf mein .leider' verweisenden Pfeil .das muß bitte mir überlassen bleiben!',

überzeugt, daß viele da- oder dorthin Geladene durch ähnliches Tun dies J.eider' zum Verschwinden bringen beziehungsweise es, sich ihm als einer Anmaßung durch Absagen versagend, auf ihre Seite zurückgewinnen, mögen sie sich verschiedener Methoden bedienen oder die meine wenigstens variieren, vor allem zu dem Zweck, daß, solange dies Jeider' nicht dahin ist, gedankenlose Auszählung oder automatische Auswertung der Stimmen als zu falschen Resultaten Führendes nicht möglich ist, warum nicht etwa die Zeile ,Ich kann leider nicht teilnehmen' ankreuzen, das .nicht' durchstreichen (und eventuell einen Abend lang unbeherrscht leidend den Wahrheitsbeweis erbringen)!

und warum nicht, wenn einem das eine oder andere Mal allein schon die auf der Einladung aufscheinenden Namen der Festredner den Magen heben, die Zeile ,Ich kann leider nicht teilnehmen' unangetastet lassen, dafür die Zeile ,Ich nehme teil' nach Einfügung eines .nicht' ankreuzen, wenn vielleicht auch nur eine Sekretärin für einen Augenblick stützt, daß nun plötzlich nur mehr die Umfrage beantwortet wird, warum neuerdings niemand mehr kommt — ob die Geladenen mehrheitlich aus Uberzeugung oder nur aus triftigen Gründen mit den Nichtteilnehmenden identisch geworden sind!

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