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Bitte geben Sie mir ein Gesicht

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn Sie wirklich ein höheres, denkendes Wesen sind, dann werden diese Fragen Sie nicht mehr loslassen.

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Wenn Sie wirklich ein höheres, denkendes Wesen sind, dann werden diese Fragen Sie nicht mehr loslassen.

Guten Tag. Danke, dass Sie diese Worte lesen. Sie haben mich soeben ins Leben gerufen. Wer ich bin? Nun, das bleibt ganz Ihnen überlassen.

Ich kann ein Mann oder eine Frau sein, jung oder alt, kann schön oder hässlich sein. Momentan bin ich gar nichts. Ein weißes Blatt in Ihrem Kopf. Also bitte, geben Sie mir ein Gesicht. Irgendein beliebiges, ich bin da nicht wählerisch. Gut so. Sie werden sich jetzt fragen, was ich, wo ich doch gerade erst in Ihrem Kopf entstanden bin, hier mache. Ihr wirklichen Wesen seid schon seltsam. Oder wissen SIE vielleicht, was SIE hier machen? Mein Lebensziel ist ja verhältnismäßig schnell erklärt: Ich bin hier, um Ihnen ein paar hundert Wörter lang Kurzweil zu bereiten. Ich bin ganz bewusst nicht von vornherein festgelegt - es ist von zwingender Notwendigkeit, dass ich genauso bin, wie Sie mich wollen, Ihnen sympathisch bin. Denn andernfalls wenden Sie Ihre Gedanken wieder von mir ab, vergessen mich, und ich höre auf zu existieren. Sie dürfen mich also nicht vergessen, Sie verstehen. Also werde ich nun versuchen, Sie darauf zu konditionieren, jedes Mal, wenn Sie eine bestimmte Wortkette hören, an mich zu denken. Geben Sie mir einen Namen, das macht es leichter.

Hm. Sowas ist bei Ihnen ein Name? Na gut. Die Wortkombination, die ich mir ausgesucht habe, um unvergesslich zu werden - es ist nur ein Versuch, ich weiß nicht, ob das funktionieren kann, aber ich habe ja keine andere Chance - ist: SINN DES LEBENS. Das ist etwas, das Ihnen Probleme machen dürfte. Ihnen und allen anderen Menschen. Ich werde Ihnen nun ein paar Fragen stellen. Sie werden unfähig sein, diese Fragen zu beantworten, aber wenn Sie wirklich ein höheres, ein denkendes Wesen sind, wie Ihre Art das so gerne behauptet, dann werden diese Fragen Sie nicht mehr loslassen. Und ich habe dann meine Aufgabe erfüllt, meinen Sinn und Zweck gefunden und werde glücklich sein. Glücklich weil existent. Als Kopfwesen, jemand, der ohnehin nur existiert, wenn jemand an ihn denkt, brauche ich nicht mehr. Die Fragen werden Ihnen vielleicht bekannt vorkommen. Antwort werden Sie trotzdem keine haben. Wer sind Sie? Ich meine hier nicht Ihren Namen, ich meine SIE. Was macht aus Ihnen gerade die Person, die Sie sind beziehungsweise zu sein glauben? Warum sind Sie hier? Wer gibt Ihnen das Recht, zu tun, was Sie tun, wie Sie es tun? Und warum tun Sie das überhaupt? Gerade das? Warum handeln Sie so, wie Sie handeln? Warum haben Sie jetzt gedanklich diese Antwort gegeben und nicht eine andere? Und würden Sie diese Antwort als für Sie allgemeingültig betrachten? Oder haben Sie auch noch eine andere, sozusagen eine Reserveantwort, falls die eine einmal nicht gefallen sollte? Worauf arbeiten Sie eigentlich mit all Ihrem auf einige Jahrzehnte ausgedehnten, hilflosen Gestrampel hin? Jetzt machen Sie mir doch nichts vor. Ich bin bereits in Ihrem Kopf, habe Zugriff auf all Ihre Gedanken, Sie selbst haben mich hineingelassen - und dann wollen Sie mir sowas erzählen. Erbärmlich. He, he - jetzt regen Sie sich nur nicht auf. Ich erzähle wenigstens nichts weiter. Wie denn.

Warum sind Sie hier?

Warum stört Sie sowas eigentlich. Sie haben ein Handy, einen Internetanschluss oder auch nur ein normales Telefon, Sie geben bereitwilligst Informationen über sich an Dritte weiter und registrieren das nicht einmal, und diese Dritten benutzen die Informationen dann auch, das macht Ihnen aber nichts, während es Sie jetzt fertig macht, wenn ich in Ihrem Kopf bin und auf alles andere darin Zugriff habe. Dabei trage ich nichts nach draußen. Ich bin einfach nur da und weiß. Wollen Sie noch mehr Fragen? Bislang haben Sie mir auf keine eine zufriedenstellende Antwort geben können. Aber gut. Weiter.

Warum gibt es Sie überhaupt? Meinen I.ebenssinn haben wir ja bereits geklärt, ich bin dazu da, um Fragen zu stellen, damit ich nicht vergessen werde, aber was ist mit Ihnen? Wäre es möglich, dass in Wirklichkeit ich der oder die "Echte" bin, dass ich mir Sie ausgedacht habe, und Sie nun in meinem Geist herumschwirren, vollkommen abhängig von mir? Könnten Sie das Gegenteil beweisen? Ihre ganze Lebensgeschichte könnte ich mir auch ausgedacht haben. lhre Freunde, Feinde, Kollegen ... alles nur kleine Statisten, kurzes Aufflackern meines Geistes, um Ihren Charakter, der ja die zentrale Figur meiner Erfindungen ist, ein wenig auszuschmücken? Können Sie beweisen, dass es nicht so ist? Das Argument "also so ein Blödsinn!" gilt hier nicht.

So. Gehen wir also davon aus, wir hätten Rollen getauscht. Also, erklären Sie mir doch bitte jetzt den Sinn Ihres Daseins. Nicht vergessen, Sie sind nicht echt. Und alle Menschen um Sie noch weniger. Es gibt Sie alle gar nicht wirklich. Also, warum sind Sie hier? Dies ist übrigens keine Wochenend-Rätselbeilage eines billigen Massenblattes. Wenn Sie diese Seite umdrehen, werden da keine Antworten in Spiegelschrift zu finden sein. Es gibt keine Antworten. Nur dort, wo ich bin. Aber wissen Sie, wo das ist? Oh mein Gott, wie hilflos Sie jetzt schauen ... ich mag das.

DIE DRITTE Magdalena Reinberg wurde am 30. August 1982 in St. Pölten geboren und besuchte in Amstetten die Volksschule und das dortige Bundesgymnasium, wo sie vor knapp zwei Wochen ihre Reifeprüfung ablegte. Ihr schreiberisches Talent - zu dessen Entwicklung nahm sie im Juni 1998 an einer "Schreibwerkstatt" unter der Leitung von Erich Hackl im Jugendhaus Schacherhof in Seitenstetten teil - fand bereits 1998 durch den 1. Preis beim Literaturwettbewerb "edition Buchklub Doppelklick 3" Anerkennung.

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