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Ora et labora gilt auch fUr Forscher

1945 1960 1980 2000 2020

Atomforscher und Uni-Professor, später wegen Kritik am Wissenschaftsbetrieb gekündigt: Gespräch mit Max Thürkauf über Aufgaben heutiger Naturwissenschafter.

1945 1960 1980 2000 2020

Atomforscher und Uni-Professor, später wegen Kritik am Wissenschaftsbetrieb gekündigt: Gespräch mit Max Thürkauf über Aufgaben heutiger Naturwissenschafter.

FURCHE: Sie waren Assistent der schweizerischen Studienkommission für Atomenergie, haben an der Entwicklung einer Anlage für schweres Wasser mitgewirkt, Patente dafür tragen Ihren Namen. Paßt das zu Ihrer kritischen Einstellung zur modernen Wissenschaft?

MAX THURKAUF: Als 35jäh-riger wurde ich mit der Einrichtung einer Anlage zur Erzeugung von schwerem Wasser, einer Substanz, die für die Atomenergiegewinnung wichtig ist, in Frankreich beauftragt. Damals war ich davon überzeugt, damit etwas Gutes zu tun.

1959 zündeten die Franzosen in der Sahara eine Plutonium-Bombe. Plutonium wird mit schwerem Wasser erzeugt. Ich habe mir aber nicht die Frage gestellt, ob ich an der Bombe schuld sei. Schließlich kam nicht alles schwere Wasser aus der Produktion, für die ich verantwortlich war.

Als ich jedoch zu Weihnachten heim nach Basel kam, sagten mir meine Kollegen: „Du hast dem De Gaulle ja kräftig zu seiner Bombe verholfen. Wir gratulieren!”

FURCHE: Hat das Ihre Einstellung verändert?

THURKAUF: Von dem Moment an begann ich mir zu überlegen: „Was tust du da eigentlich?** Der Blitz der ersten französischen Atombombe, den ich zwar nicht mit den Augen, aber mit dem Herzen sah, war für mich eine Art Damaskus-Erlebnis.

FURCHE: Waren Sie damals gläubig?

THURKAUF: Nein, mit 20 Jahren, in dem Alter, wo man alles besser weiß, bin ich aus der Kirche ausgetreten. Geistlich gesehen war ich Atheist.

FURCHE: Welche Folgen hatte Ihr ,J)amaskus-Erlebnis”?

THURKAUF: Ich begann Vorlesungen zum Thema: „Was ist Physik, was ist Chemie?” zu halten, nachdem ich 1963 Professor an der Universität Basel geworden war. Dabei ging es um philosophische Fragen der Naturwissenschaft. Auch in Zeitungen habe ich diese Fragen behandelt und Kritik am Wissenschaftsbetrieb geäußert.

FURCHE: Mit welchem Erfolg?

THURKAUF: 1967 geschah es. Die Regierung von Basel, die der Universität vorsteht, hat mich zitiert. Man hat mir gesagt: „So geht das nicht”, und mir nahegelegt, zurückzutreten. Das Recht, Vorlesungen zu halten, konnte ich zwar nicht verlieren (daher lehre ich noch heute), wohl aber sollte ich rheiner bezahlten Anstellungen verlustig gehen.

Auf Anraten meiner Frau bin ich von der Beamtung zurückgetreten. Es war dies — heute weiß ich das - Gnade. Das Gehalt und die Rente wurden gestrichen.

Das brachte mir eine regelrechte Befreiung. Ich wurde damit -wie ich heute weiß — von meinem Dämon befreit: Dem Dämon des Materialismus. Im Evangelium heißt es ja, diese Dämonen könne man nur durch Fasten und Beten austreiben.

Und dann kam eben für uns die Fastenzeit durch Verlust meines Gehalts.

In dieser Zeit vertiefte ich meine philosophischen Arbeiten über die Naturwissenschaften.

FURCHE: Und das führte Sie zum Glauben zurück?

THURKAUF: Es führte dazu, daß immer deutlicher vor mir die Frage nach dem „Wer?” auftauchte. Die Naturwissenschaft fragt ja immer nur nach dem „Wie”, der Philosoph fragt nach dem „Was”.

Die letzte Frage aber ist ja immer „Wer?”.

Wir fingen wieder an, in die Kirche zu gehen, aber zunächst nur als Außenstehende. Die Entscheidung, zurückzukehren, verdankten wir dann zwei sehr unterschiedlichen Männern: einem Dorfpfarrer in der Schweiz und dem heutigen Papst. Der Mut und die Hingabe dieses Mannes haben mich bewegt. 1981 bin ich in die Kirche zurückgekehrt.

FURCHE: Was haben Sie nach Ihrer Entlassung beruflich getan?

THURKAUF: Zuerst war ich fünf Jahre lang Fluglehrer. Ich hatte nämlich eine Ausbildung als Berufspilot. Bis 1975 war ich dann Gymnasiallehrer für Chemie und Physik. Warum ich das heute nicht mehr bin? Ich konnte einfach keine Noten mehr geben. Und eines Tages unter der Brause beschloß ich: „Ich mach's nicht mehr” - und ging ins Bett zurück.

Seit dem Sommer 1975 leben wir jetzt von der Publizistik, von Vorträgen, Büchern und Vorstellungen, die meine Frau gibt (sie ist Schauspielerin). Wir werden nicht reich dabei, aber „es wird uns alles andere dazugegeben”.

FURCHE: Wechseln wir nun zu Fragen der Wissenschaft, von der sich so viele heute die Lösung anstehender Probleme erwarten. Welche Herausforderungen sehen Sie für die Wissenschaft?

THURKAUF: Es geht um eine Umkehr, eine Gesinnungsänderung der Wissenschaft. Das ist etwas anderes als die Forderung der deutschen Grünen, die die heutige Maschinerie einfach abstellen wollen. Wir brauchen die Wissenschaft. Brächte man heute alle Wissenschafter um, gäbe es eine riesige Katastrophe.

Katastrophale Ereignisse wird es aber auch geben, wenn die Wissenschafter so weitermachen wie bisher. Dann aber wird man sie ebenso verfolgen wie die Priester in der Französischen Revolution und ihnen die Schuld an der ganzen Misere zuschieben, etwa wenn bei uns hier ein „Tschernobyl” passiert.

FURCHE: Und was bedeutet Gesinnungsänderung ?

THURKAUF: Sie muß Schritt um Schritt erfolgen. Und die Richtung? Vorwärts. Und vorwärts heißt immer „Christus-wärts”!

FURCHE: Heißt das Grenzen für wissenschaftliches Tun?

THURKAUF: Ich sehe solche Grenzen schon, nur lassen sie sich Wissenschaftlich nicht beweisen, weil moralisch-ethische Fragen ja nicht wissenschaftlich sind. Um aber auf Ihre Frage zu antworten, möchte ich den Biochemiker Erwin Chargaff zitieren. Er sagte ungefähr folgendes: „Die moderne Naturwissenschaft hat zwei Grenzen überschritten. Beide Male wurde ein Kern mißhandelt, der Atom- und der Zellkern.”

Es ist mein Glaube, daß wenigstens bei der Gentechnik eine zehnjährige Denkpause notwendig wäre.

FURCHE: Wird nicht durch Manipulation am Lebendigen eine grundsätzlich unvorhersehbare, nicht einholbare Dynamik ausgelöst?

THURKAUF: Daher auch die Forderung: Aufhören! Chargaff weist immer wieder auf die Gefahren hin, die mit Manipulationen am Coli-Bakterium verbunden sind. Dieses wirkt entscheidend an der menschlichen Verdauung mit. Pannen bei der Züchtung und Handhabung manipulierter Formen können Milliarden von Toten produzieren.

Viele Molekularbiologen sagen, sie hätten das alles in der Hand. Solche Gedanken seien Horrorvisionen. Sie müssen sich heute aber die Frage gefallen lassen: Woher kommt Aids? Und die Antwort ist: Man weiß es nicht.

Man weiß eben sehr vieles nicht. Und daher wäre das Einschalten einer Denkpause so wichtig. Das heißt nicht, die Probleme stehen zu lassen. Aber bedenken sollte man, was man tut und nicht bloß überlegen, wie man etwas tut.

FURCHE: Hören die Wissenschafter auf Ihre Mahnungen oder betrachtet man Sie als schrulligen Aussteiger?

THURKAUF: Ich bin nicht ausgestiegen. Ich bin ein ganz unbequemer Mitreisender.

FURCHE: Wie reagieren aber die Kollegen?

THURKAUF: Einige haben mir geholfen. Die meisten haben sich distanziert. Und wiederum einige haben direkt gegen mich gewirkt, was ich verstehen kann. Sie behaupten, mein Ruf nach einer Denkpause wäre ein Aufruf zum Opfern des Geistes.

Das Gegenteil ist der Fall. Ich verlange mehr Geist. Ich meine, daß jene Kollegen, die mich ablehnen, weniger das Opfern des Geistes als vielmehr ein finanzielles Opfer zu befürchten haben.

Das ist das Problem vieler Wissenschafter. Sie leben ja gut von ihrem derzeitigen Tun. Ich weiß das, weil ich auch einmal gut damit verdient habe.

FURCHE: Was müßte also ge-

THURKAUF: Statt wertfrei müßte die Wissenschaft wertvoll werden. Wertfrei heißt ja eigent-r lieh gottlos. Das heißt nicht, daß alle Wissenschafter gottlos sind. Aber ihr Tun scheint ohne Grenzen zu sein.

Wir müssen eine Wissenschaft aufbauen, die göttlich ist, die von Gott erfüllt ist, eine Wissenschaft des „ora et labora”. Bete so, daß es Arbeit ist, und arbeite so, daß es Gebet ist. Ich sehe keinen anderen Weg.

FURCHE: Kann man sagen, die heutige Wissenschaft sei wertfrei?

THURKAUF: Die Wertfreiheit gibt es nicht. Die Wertfreiheit ist selbst ein Wert. Es ist eine Wertung, die alle Werte entwertet. Bedenken Sie: 'Mehr als 50 Prozent der Forschungsmittel kommen von der Rüstung. Würde man genau rechnen, käme man auf viel mehr. Und das muß sich auf die Forschung auswirken.

Dann kommen aber die betroffenen Wissenschafter und sagen: Wo bleiben denn die Regeln für richtiges und gefährliches Forschen?

Darauf antworte ich — aber das ist wieder mein Glaube: Wenn wir bei der Forschung um Erleuchtung beten, dann führt uns der Heilige Geist. Wenn wir aber nicht beten — wie es die moderne Naturwissenschaft seit 400 Jahren praktiziert —, dann ist es der Teufel, der inspiriert.

Ich darf mir das als Naturwissenschafter leisten, das so auszudrücken. Als moderner Theologe, der Karriere machen will, würde ich ihn lieber nicht nennen.

In den Abschiedsreden steht es klipp und klar im Evangelium: „Ohne mich könnt ihr nichts tun!” Kann es gut gehen, wenn eine so gefährliche Sache wie die Wissenschaft das ignoriert? Das Resultat sehen wir ja heute. Wer es jetzt noch nicht sieht, dem kann man es nicht beweisen.

FURCHE: Noch einmal die Frage: Nimmt man Sie mit solchen Aussagen ernst?

THURKAUF: Wenn ich das meinen Kollegen sage, dann lachen die — mit wenigen Ausnahmen. Sie sagen: Wie sieht denn Deine christliche Technik und Wissenschaft aus?

Meine Antwort darauf ist: Hätte man Galilei oder Kepler gefragt, wie ihre Wissenschaft in 400 Jahren aussehen würde, sie hätten keine Ahnung gehabt. Mir geht es auch so. Aber eines weiß ich. Das, was wir entwickeln würden, wird lebensfreundlich sein: eine Technik der Kreisläufe.

Heute können Maschinen gebaut werden, die ruhig den Gesetzen des Lebens widersprechen. Hauptsache ist, daß sie funktionieren. Die Maschinen der kommenden, der christlichen Kultur werden mit den Gesetzen des Lebens übereinstimmen und daher das Leben nicht bedrohen.

FURCHE: Braucht es also eine demütige Wissenschaft?

THURKAUF: Ich habe vom Mut zur Demut gesprochen. Es gilt, das ernst zu nehmen, was der Physiker Arthur Eddington einmal so beschrieben hat: Die moderne Wissenschaft fischt im geheimnisvollen Meer der Natur mit einem Netz von einem Zoll Maschenweite. Und sie schließt daraus, es gebe keine Fische, die kleiner als ein Zoll sind. Aber es genügt nicht, die Maschen immer feiner zu machen, also die Fernrohre immer länger. Es gibt Geheimnisse, die man mit Netzen nicht heben kann: Was Wasser ist, was die Lebenskräfte sind. Dieses Geheimnis von Leib und Seele wird zukünftige Wissenschaft berücksichtigen müssen.

Mit dem Professor für physikalische Chemie an der Universität Basel sprach Christof Gaspari.

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