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Brief an einen Freund

Foutcheou, 20. Jänner 1904

Lieber Bruder und Freund!

Lassen Sie mich Sie so nennen und Ihnen danken für die unendliche Freude, die mir Ihr Brief gebracht hat. Ich danke Gott, daß er zugelassen hat, daß eine Seele wenigstens, die einzige, begriffen hat, wozu alle meine Bücher geschrieben sind: Ihn besser zu erkennen und mehr zu lieben und beizutragen, daß auch andere ihn besser erkennen und mehr’liebenlernen. Alle Leute, die mir über meine Dramen geschrieben haben, anerkennen nur die stilistischen Qualitäten und die Phantasie und zeigen mir so, daß sie ihre Seele nicht erfaßt haben und nicht ihre Absicht. Bisher habe ich also nur zu Ihnen allein wirklich gesprochen, und meine Lebensarbeit wird nicht nutzlos gewesen sein, wenn ich Sie zur Wahrheit und zur Freude führen kann.

Ja, glauben Sie das fest und mit unerschütterlicher Sicherheit: Wahrheit ist nur in der unendlichen, jubelnden, seligen Freude, von der die edelsten Kunstwerke, Virgil, Dante, Beethoven, Shakespeare uns eine ganz ferne Idee geben. Alles, was uns an dieser Idee festigt, ist wahr, alles, was uns davon abbringt, ist falsch. Es besteht kein Zweifel, daß wir geboren sind für ein Glück ohne Schranken, für unsagbare Wonnen. Und diese Freude gipfelt in der göttlichen Liebe, das heißt in der Gegenwart außer uns und in uns eines anderen Wesens, das Gott heißt, das unendlich rein, unendlich schuldlos ist, das uns kennt und uns liebt mit einer ganz persönlichen Liebe, uns, Paul Claudel oder Gabriel Frizeau. Aus den Schätzen seiner Güte und Weisheit hätte er unendlich schönere und unendlich heiligere Geschöpfe schaffen können, und dennoch ist da ein kleines persönliches Geheimnis zwischen uns, ein kleiner Winkel, der uns allein gehört, ein kleiner Punkt, durch den wir sind, den er in seinen erhabensten Engeln nicht findet und um den er uns liebt mit besonderer Liebe. Und wir sind unsererseits von ihm verschieden, damit wir ihm etwas zu geben hätten, damit wir unser armes menschliches Herz ihm verbinden könnten. Das ist die Wahrheit, und wenn Sie das glauben, dann glauben Sie die ganze katholische Lehre. Wenn Sie alle ihre Dogmen und die einfältigsten Übungen im Lichte der Liebe betrachten, wird Ihnen der Glaube daran leicht und süß erscheinen. Sie werden allen Frieden darin finden und volle Sättigung, das heilige Geheimnis in diesem Leben Ihrer Einung mit dem Tod.

Meine Jugend war genau so wie die Ihre: eine fromme Kindheit, dann das schmähliche Gymnasium mit den schmählichen Doktrinen jener Zeit, der Philosophie Kants und Renans. Dieser Elende vor allem hat die greulichste Lästerung ausgestoßen, die jemals von Menschenlippen kam: „Mag sein, daß die Wahrheit traurig ist.“ In jener Zeit glaubte ich, daß es in der Welt kein Geheimnis gäbe, daß alles durch die Gesetze der Wissenschaft erklärt werden könne und daß die Maschine des Weltalls sich wie ein Webstuhl zerlegen lasse. Zu der Zeit geschah es, es war zu Weihnachten 1886, daß ich ln Notre-Dame der Vesper beiwohnte und beim Magnifikat die Offenbarung empfing, daß ein Gott die Arme nach mir breitete. Vier Jahre lang hatte ich die Kraft zu widerstehen und wie übereinandergelagert in mir zu tragen die Vorstellung von einem Gott, den ich liebte und an den ich jenseits, aller Worte glaubte aus allen Kräften meines ganzen Herzens und meines ganzen Seins und gleichzeitig die Idee von der völligen Sinnlosigkeit dieser Dogmen und Legenden, die sich mit Gewalt dem elenden, hochmütigen, verdorbenen kleinen Dummkopf aufdrängten, der ich damals war. Am Ende dieser vier Jahre war der Konflikt zwar nicht zu Ende, wohl aber meine Kraft, ihn durchzustehen. So sprang ich denn ins Wasser: ich beichtete und kommunizierte, und in diesem Augenblick schwanden alle Zweifel, und ich habe nicht aufgehört, bis zum letzten Jota alles zu glauben, was die heilige katholische Kirche, die einzige und unfehlbare Verwalterin der Wahrheit, lehrt. Ich habe sündigen können, aber ich habe nie aufgehört, an die Liebe zu glauben, die mein Gott zu mir hat, und an den unvergänglichen Schatz, den er in die Hände seines Priesters gelegt hat. Damals sah ich keinerlei Beziehung zwischen der äußeren Welt, wie die Lehrer und die Bücher meiner Jugend sie mir gezeigt hatten, und diesem ungeheuren inneren Licht, das mich so seltsam erleuchtet hatte. Alle meine Dramen sind nur das Ringen, der Kampf einer verzweifelten Seele gegen die lastenden Finsternisse, unter denen man sie ersticken will, die beharrlichen Versuche einer Seele, die nicht glauben kann, daß sie um sich, in dieser sichtbaren Welt, die sie umgibt, nicht die Ordnung, den Frieden und die Freude finden soll, da sie doch in sich das starke und sichere Bewußtsein davon trägt.. Das ist jenes Werk, das in eine neue Phase tritt mit den philosophischen Arbeiten, an denen ich eben schaffe, deren erste, „Connais- sance du Temps“, ich Ihnen heute sende.

Es ist völlig befriedigend für die Vernunft, an ein vollkommenes, unveränderliches Wesen zu glauben, das wesenhaft verschieden von allen Geschöpfen ist und dessen geheimnisvoller Name Heiliger diese unaussprechliche, väterliche Verschiedenheit ausdrückt, durch die wir sind. Es ist richtig zu denken, daß dieses Wesen, da es die Welt geschaffen hat, Anteil nimmt an dem Werk seiner Hände, daß es sich daran erfreut hat, wie die Künstler sagen, daß es sein Wohlgefallen daran gehabt hat. Wenn wir sein Werk sind, seine Frucht, das Ergebnis seiner ewigen Pläne, wie könnte er sich von uns abwenden? „Kann eine Mutter ihr Kind vergessen? Und selbst wenn sie es vergäße,, ich schwöre, daß ich dich nicht vergessen werde“, spricht der Herr (Isaias). Wenn wir also elend und von Schmerzen gepeinigt sind, so kann das nicht an Gott liegen, sondern es kommt von einer Übertretung, einem Abfall von Urbeginn her. Diese Sünde hat der Menschensohn, der hervorgegangen ist aus dem heiligen Schoß der seligen Jungfrau, wieder gut- gemacht, indem er für uns am Kreuz gestorben ist. Da er uns die Pforte aufgetan und den Weg gezeigt hat, den wir gehen sollen, hat er uns die Mittel geben müssen, ihn zu sehen, und die Kraft, ihn zu gehen. Und deshalb hat er erstens nicht die Kirche geschaffen, denn die ist so alt wie der erste Mensch, aber er hat sie bestätigt in ihrem unvergänglichen Lehramt, er hat ihr die Macht gegeben, seine bleibende Gestalt auf Erden zu sein, an seiner Stelle zu sprechen und Gesetze zu geben, zu binden und zu lösen, zu schließen und zu öffnen, ohne Zweifel und ohne Irrtum. Und zweitens hat er die Sakramente eingesetzt, die das Mittel unserer Einigung mit ihm sind, daß wir ihn nicht nur hören wie die Apostel, sondern ihn essen und trinken.

Ali das ist vollkommen logisch und in der Ordnung der Wahrheit, das heißt der größten Freude. Das ist alles, was wir wissen müssen, und deshalb wissen wir nicht mehr davon. Gewiß, diese großen, wunderbaren Wahrheiten sind von Geheimnissen umgeben; aber es sind nicht schreckhafte und Todesgeheimnisse, es sind Lebensgeheimnisse wie jene, die Wir in unserem schlichten täglichen Leben mit uns tragen. Gott ist mit der menschlichen. Natur so eins wie der Gedanke mit dem Leib. Die Dunkelheiten sind einem gläubigen Herzen ebenso lieb wie die Lichter selber. Wer wünschte denn eine Wahrheit, die auf den ersten Anhieb faßbar ist, jeder Neugier preisgegeben? Die Dunkelheiten, die unseren Glauben umgeben, sind wie die eucharistischen Gestalten; sie ermöglichen es der Wahrheit, unverletzt durch den banalen und öffentlichen Teil unser selbst zu gelangen, der angeräumt ist mit künstlichen Ideen und teuflischem Krimskrams, den wir fix und fertig von dem Krämer beziehen, den’hvir Wissenschaft und unsere Vernunft nennen. Sie wird nicht mit der Zunge verkostet, sondern verdaut, tiefer als unser tiefstes Herz.

Ich werde immer sehr glücklich sein, Ihnen schreiben und mich mit Ihnen unterhalten zu können, und Sie können mir keine größere Freude machen, als wenn Sie mir alle Ihre Zweifel und Ungewißheiten anvertrauen. Ich bin selber durch diese Phase gegangen, die Sie eben erleben, und ich habe das Fehlen eines Freundes, der mich wirklich hätte verstehen können, grausam empfunden. Aber glauben Sie mir, zögern Sie nicht länger „Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht schon gefunden hättest“, hat Pascal gesagt. Es handelt sich bei einer Bekehrung nicht um Worte noch um Einwände, die mehr oder weniger findig zu lösen wären; denn für einen, mit dem Sie fertig geworden sind, stehen zehn andere auf. Sondern man muß mit fröhlichem und heldenhaftem Herzen einen großen Entschluß fassen. Man muß Gott sagen: „Mein Gott, nun ist es Zeit. Ich werde jetzt etwas ganz Absurdes tun. Auf der einen Seite sind die Gelehrten, die Künstler, die Staatsmänner, die mir alle vollkommen überzeugt versichern, daß Du nicht existierst, auf der anderen Seite sind die alten Betbrüder und Kerzelweiblein, der Kitsch der Devotionalienhandlungen, die lähmende Albernheit der Predigten. Du kannst Dir etwas einbilden auf die vollkommen verrüdcte und absurde Religion, die Du erfunden hast. Dennoch gefällt sie mir, wie sie ist, und Du, mein Gott, gefällst mir, wie Du bist und wo immer Du seist, Und ich komme zu Dir, wo immer Du seist, denn Du allein hast Worte des Lebens. Und nicht einmal deshalb, sondern weil Du eben Du bist, weil Du mein Herr und mein Gott bist.“ „Rabboni, Abba, Vater! Nolite timere ego sum.!1 Beichten Sie! Es ist eine Gnade, die den Bekehrten niemals fehlt, daß sie sofort den Beichtvater finden, der ihnen zusagt; das habe ich selber erfahren wie Huys- mans und viele andere. Kommunizieren Sie so oft wie möglich. Nehmen Sie und essen Sie! Trinken Sie das Leben an seiner Quelle, und all ihre Zweifel werden Ihnen recht leer und jämmerlich Vorkommen. Demütigen Sie sich; pflegen Sie die schlichtesten Andachten, den Kreuzweg, vor allem den Rosenkranz, der eine wundervolle Erfindung ist. Sättigen Sie sich jeden Tag an dem erhabenen Drama der Messe. Zwingen Sie sich endlich mit Gewalt, was zweifellos das peinlichste ist für Menschen wie Sie und mich, zu Werken der Barmherzigkeit. Da liegt das Geheimnis eines überreichen inneren Lebens.

Leben Sie wohl, mein lieber Freund. Schreiben Sie mir in Ihrem nächsten Brief, daß Sie etwas getan haben, um diesen geheimnisvollen Schatz unermeßlicher Freude zu erobern und zu besitzen, den wir in uns tragen. Glauben Sie dem verzweifelten Schrei, der aus unserem tiefsten Innersten zum Absoluten aufbricht. Wir sind für das Glück geschaffen. Der Mensch hat nur eine Pflicht auf der Welt: es zu besitzen, Und dieses Glück finden wir nur in der Verbindung mit seiner Quelle.

Aut „ßtudes“, Nr. 1111195g. Übersetzt von Dr. Fl. Piffl.

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